Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kölner Patriziat

Als Kölner Patriziat bezeichnete man die Oberschicht von wohlhabenden und einflussreichen Bürgern in Köln, den Patriziern, die sich in der seit 1180 …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Entstehung und Grundlage der Macht
  2. 2. Gesellschaft, Wirtschaft und Abgrenzung
  3. 3. Politische Ordnung und Einfluss
  4. 4. Konflikte und Ende der städtischen Vorherrschaft
  5. 5. Familien und innerpatrizische Gegensätze

Begriff, Entstehung und Grundlage der Macht

Als Kölner Patriziat bezeichnet man die wohlhabende und einflussreiche bürgerliche Oberschicht des mittelalterlichen Köln. Sie formierte sich in der Richerzeche, die seit 1180 nachweisbar ist und 1169 nach Streitigkeiten über die Amtsgewalt von Erzbischof Philipp von Heinsberg als „Rycherzeggede“ eingesetzt worden sein soll. Das Patriziat war eine frühe Form der Oligarchie, also der Herrschaft einer kleinen, mächtigen Gruppe.

Die Patrizier waren vor allem reiche Fernhandelskaufleute, daneben gehörten wohlhabende Handwerksunternehmer zu ihnen. Ihre Stellung beruhte nicht auf ererbtem Landbesitz, sondern hauptsächlich auf Handelsgewinnen. Kölns Lage am Rhein und seine seit der Antike bestehenden Verkehrsverbindungen begünstigten den Handel; der Rhein blieb der wichtigste Handelsweg nördlich der Alpen. Viele Großkaufleute waren in europaweit tätigen Handelsgesellschaften wie der Hanse aktiv.

Die Richerzeche ordnete den Zunftzwang an, übte die Polizeigewalt über den Markt aus und kontrollierte Gewerbe und innerstädtischen Handel. Vor allem wählte sie die Kölner Bürgermeister. Für die städtische Gerichtsbarkeit war dagegen das Schöffenkollegium zuständig. Ein sichtbares Zeichen des patrizischen Selbstbewusstseins ist das zwischen 1220 und 1225 von Blithildis Overstolz errichtete Overstolzenhaus. Sie war eine Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Godescalsus (Gottschalk) Ovirstoth, der seit 1197 bezeugt ist. Von ihm und seinen acht verheirateten Kindern soll praktisch das gesamte Kölner Patriziat abstammen.

Gesellschaft, Wirtschaft und Abgrenzung

In ihrer Lebensweise orientierten sich die Patrizierfamilien am Adel der Umgebung. Sie traten als Mäzene auf, stifteten Altäre und Kapellen, kämpften in Kriegen zu Pferd und veranstalteten Turniere auf dem Alter Markt. Sie verstanden sich als Ritter und dienten teilweise den Königen von England und Frankreich oder Fürsten benachbarter Territorien. Ein Stadtgesetz von 1345 sollte verhindern, dass städtische Grundstücke zunächst einem Fürsten übertragen und anschließend von diesem als Lehen an eine Patrizierfamilie zurückgegeben wurden.

Ihre wirtschaftliche Grundlage bildeten Handel und Finanzgeschäfte sowie Vermietung, Verpachtung und Beleihung von Grundbesitz. Hinzu kamen Verkaufsstände, Back-, Brau- und Schlachthäuser, Schmieden und Mühlen. Im 14. Jahrhundert war besonders der Zwischenhandel mit Wein wichtig. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zogen sich die meisten Patrizierfamilien aus dem Fernhandel zurück. Dadurch entstand eine Diskrepanz: Ihre ursprüngliche wirtschaftliche Rolle nahm ab, während ihre politische Vorherrschaft zunächst bestehen blieb.

Die patrizische Stellung beruhte auf drei Merkmalen:

  • politische Machtausübung innerhalb der städtischen Autonomie,
  • Konzentration wirtschaftlicher Mittel aus Warenhandel und Grundbesitz,
  • ein gegenüber der übrigen Stadtbevölkerung höherer sozialer Status.

Der Kreis war geburtsständisch abgeschlossen. Neu aufgenommen werden konnte man grundsätzlich nur durch Einheirat und Versippung; diesen Heiratsverband nennt man Konnubium. Versippung konnte auch durch Adoption oder Verschwägerung entstehen, gewöhnlich heirateten die Patrizierfamilien jedoch untereinander. So hielten sie einfache Bürger von den führenden Machtpositionen fern.

Politische Ordnung und Einfluss

Die Patrizier übten ihre Macht vor allem durch die Richerzeche, das Schöffenkollegium und den Stadtrat aus. „Richerzeche“ bedeutete ungefähr „Vereinigung der Reichen“, wobei „reich“ hier zugleich „mächtig“ meinte. In lateinischen Urkunden wurde sie als „fraternitas“, also als Bruderschaft, bezeichnet. Sie bildete die Grundlage der städtischen Verwaltung und verlieh spätestens seit 1182 den Zunftzwang.

Jedes Jahr wählten die Mitglieder der Richerzeche am 9. August zwei Bürgermeister aus den eigenen Reihen. Nach Ablauf ihres Amtsjahres kehrten diese in die Richerzeche zurück. Die Schöffen waren zugleich Richter sowie Angehörige der Regierungs- und Verwaltungsbehörde. Mindestens die Hälfte der Richerzeche saß außerdem im Schöffenkollegium. Dadurch kam es sowohl zu einer Ämterhäufung als auch zu einer Vermischung von Exekutive und Judikative, also von Verwaltung und Rechtsprechung.

Die Kaufleute investierten ihre Handelsgewinne in Häuser, Grundstücke und gewinnbringende Rechte, beispielsweise in Zölle des Erzbischofs. 1318 wurde der Rat in einen „engen Rat“ und einen „weiten Rat“ geteilt. Der besonders mächtige enge Rat bestand aus 15 Mitgliedern der 15 herrschenden Patrizierfamilien, die als „Geschlechter“ bezeichnet wurden. Der weite Rat hatte 82 Mitglieder. Sie stammten nicht aus den Familien des engen Rates, wurden aber von diesem ausgewählt.

Konflikte und Ende der städtischen Vorherrschaft

Die Machtkonzentration führte zu wiederholten Konflikten mit Bürgern, Gewerken, Erzbischöfen und dem Stadtrat. Nachdem Erzbischof Konrad von Hochstaden am 17. April 1259 Schöffen abgesetzt hatte, begannen Kämpfe um die Herrschaft in der Stadt. Im April 1260 kam es zu einem tätlichen Streit zwischen Patriziern und Gewerken. Der Erzbischof verlangte von den Geschlechtern eine Geldstrafe oder das Verlassen Kölns; am 1. Mai 1260 wurden schließlich 24 Patrizier gefangen genommen. Auch sein Nachfolger Engelbert II. von Falkenburg ließ sie nicht frei. Einige konnten entkommen und brachten bei einem Kampf am 8. Juni 1262 den Bayenturm und den Kunibertsturm in ihre Gewalt. Der weitere Widerstand führte 1268 zur Vertreibung des Erzbischofs. Sein Rückkehrversuch scheiterte am 14. Oktober 1268 in der Schlacht an der Ulrepforte.

Während des Kölner Weberaufstands kämpften die Weber gegen die siegreichen Patrizier. Nach dem 20. Mai 1369 wurde die Richerzeche aufgelöst. Die patrizische Herrschaft überstand jedoch noch den Schöffenkrieg nach dem 4. April 1375. Erst am 13. Juni 1396 stürzten die Zünfte die Geschlechter. Der Kölner Verbundbrief vom 14. September 1396 ersetzte die Herrschaft der Familienclans durch insgesamt 22 Gaffeln, also politische Zusammenschlüsse der Bürger. Die Patrizier mussten sich in eine der fünf für sie vorgesehenen Gaffeln einschreiben.

Einfluss behielten sie zunächst im Schöffenkollegium. Eine Urkunde des Erzbischofs Dietrich von Moers vom 25. Januar 1448 öffnete dieses jedoch allen Bevölkerungsschichten und beseitigte damit die geburtsständische Exklusivität. Einzelne Familien konnten ihre Macht danach nur noch außerhalb der städtischen Gremien ausüben. Seit dem frühen 16. Jahrhundert wirkten Patrizier über die Reichsstadt hinaus: Sie erwarben Reichs- oder Ministerialherrschaften, besonders im Kurfürstentum Köln, und übernahmen dort bis zur Säkularisation wiederholt führende Ämter im Dienst des Erzbischofs.

Familien und innerpatrizische Gegensätze

Zu den um 1270 führenden Familien gehörten Overstolz, Jude, Hardevust, Scherfgin, Quattermart, Raitz von Frentz, Kleingedank, von Lyskirchen und von der Aducht. Sie rechtfertigten ihre Herrschaft unter anderem mit der Trajanssage, die 1341 erstmals im Eidbuch der Stadt festgehalten und später durch Chroniken verbreitet wurde. Ihre Ämterhäufung und ihre Beziehungen zum Klerus waren umfangreich. Die Namensschreibungen sind in den Quellen uneinheitlich; gleiche Vornamen von Vätern und Söhnen erschweren zudem die historische Einordnung. Das im Artikel herangezogene genealogische Werk Anton Fahnes von 1848 gilt als bedeutsam, aber nicht immer zuverlässig.

Die vermutlich grundlegende Familie war Overstolz, die großen Reichtum sammelte und sich durch Heiraten mit anderen führenden Geschlechtern verband. Mit ihr verwandt waren die Lyskirchen. Weitere Familien des engen Rates waren unter anderem Aducht, Gir, Grin, Hardevust, Hirtz, Hirzelin, vom Horn, Jude, Kleingedank, Quattermart, Raitz von Frentz, Scherfgin und Spiegel. Daniel Jude war Finanzier, Schöffe, seit 1277 Ritter und ab 1281 Bürgermeister. Johann Hirzelin lieh der Stadt am 9. Februar 1371 insgesamt 3000 Mark. Die seit 948 erwähnte Familie Raitz von Frentz stellte mehrere Ritter, Schöffen und Bürgermeister; Angehörige kämpften 1288 in der Schlacht bei Worringen.

Zum weiteren politischen Umfeld gehörten Familien wie Benesis, Beyweg, Birkelin, Birreboyme, Hackeney, Hardenrath, Rinck, Sudermann und Weise. Die Weisen waren zeitweise die mächtigste Kölner Familiendynastie und besetzten um 1231 ungefähr ein Viertel der Schöffenämter. Ihr dauernder Konflikt mit den Overstolzen endete 1268 mit ihrer Niederlage in der Schlacht an der Ulrepforte, durch die sie ihre Macht endgültig verloren. Neben den Familien beider Ratsgruppen nennt der Artikel zahlreiche weitere einflussreiche Geschlechter, darunter Brauweiler, Gail, Groote, Jabach, Merle, Mylius, Schall, Siegen, Wallraf, Wasservasse und Wittgenstein.

Weiterlesen

Bürger Geschichte. Bearbeiten. Im europäischen Mittelalter waren Bürger im Sinne der Ständeordnung Bewohner einer befestigten (sie bergenden, schützenden) Stadt mit … Patrizier Dieser Begriff wurde seit Anfang des 16. Jahrhunderts auch für die sozial relativ abgeschlossene Oberschicht in vielen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen … Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Völkerwanderung Die Völkerwanderungszeit fällt in die Spätantike und bildet für die Geschichte des nördlichen Mittelmeerraums sowie West- und Mitteleuropas ein Bindeglied … Neuzeit Unter kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten außerdem als Wendemarken anzusehen sind Renaissance, Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit … Hanse Eine Entwicklung von der „Kaufmannshanse“ zu einer „Städtehanse“ lässt sich spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts mit erstmaligen nahezu „gesamthansischen … Ritter Ab dem Spätmittelalter bezog sich der Begriff als Titel vornehmlich auf eine besondere Würde, die einzelne Adelige, aber auch Nichtadelige erwerben konnten. Macht Weil Menschen Wünsche, Bedürfnisse, Probleme, Engpässe und Sehnsüchte haben, besitze derjenige potentiell Macht, der sie befriedigen kann. Macht werde … Exekutive Sie umfasst die Regierung (Gubernative) und die öffentliche Verwaltung (Administrative), denen in erster Linie die Ausführung der Gesetze anvertraut ist. Auch … Judikative Judikative ... Legislative (Parlament als gesetzgebende Gewalt), Exekutive (Regierung und Verwaltung als vollziehende Gewalt) und rechtsprechende Gewalt. Vasall Ein Vasall schwört den Lehnseid vor dem thronenden Pfalzgrafen Friedrich I. von der Pfalz. Der Vasall war ein Diener seines Herrn, in dessen Abhängigkeit er …