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Judenzählung

Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus Band 8: Am Vorabend des Holocaust. Athenäum, Frankfurt 1988, ISBN 3-610-00418-5. Militärgeschichtliches …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Anlass der Erhebung
  2. 2. Vorgeschichte und Durchführung
  3. 3. Reaktionen und Folgen im Krieg
  4. 4. Zahlenstreit nach dem Krieg
  5. 5. Historische Bedeutung und langfristige Folgen

Kern und Anlass der Erhebung

Die „Judenzählung“ – amtlich „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“ – war eine staatlich angeordnete Erhebung im deutschen Heer zum Stichtag 1. November 1916. Sie sollte feststellen, wie viele jüdische Wehrpflichtige insgesamt, an der Front, in der Etappe, in Heimat- und Verwaltungsstellen, als unabkömmlich oder zurückgestellt sowie als gefallen dienten.

Der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn ordnete die Erhebung am 11. Oktober 1916 an. Anlass waren antisemitische Behauptungen, jüdische Soldaten seien „Drückeberger“ und entzögen sich dem Fronteinsatz überdurchschnittlich häufig. Diese Vorwürfe wurden besonders von antisemitischen Verbänden, Parteien, Teilen des Offizierskorps und Medien verbreitet. Die Ergebnisse wurden bis zum Kriegsende geheim gehalten. Dadurch verstärkte sich der Verdacht, die Zahlen seien für Juden besonders ungünstig ausgefallen. Für viele jüdische Deutsche bedeutete die Erhebung eine staatliche Stigmatisierung und einen schweren Rückschlag für die bis dahin angestrebte rechtliche und gesellschaftliche Integration.

Vorgeschichte und Durchführung

Bei Kriegsbeginn 1914 hofften viele jüdische Deutsche, ihren Patriotismus und ihre Zugehörigkeit zu Deutschland durch den Militärdienst beweisen zu können. Jüdische Verbände wie der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens riefen geschlossen zum Kriegsdienst auf. Etwa 100.000 deutsche Juden wurden eingezogen; mehr als 10.000 meldeten sich freiwillig zum Fronteinsatz. In der preußischen Armee konnten jüdische Soldaten erstmals auch in den Offiziersrang befördert werden. Zugleich standen sie unter besonderem Loyalitätsdruck, weil ihre Teilnahme als „Bewährungsprobe“ betrachtet wurde.

Der Antisemitismus trat in den ersten Kriegswochen zunächst scheinbar zurück, nahm aber bald wieder zu. Schon Ende August 1914 verlangte der Reichshammerbund Ermittlungen über die Teilnahme von Juden am Kriegsdienst. Im Dezember 1914 bezeichnete der Alldeutsche Verband die Ausgrenzung und Vertreibung deutscher Juden als „deutsches Kriegsziel“. Mit der Verschlechterung der Versorgungslage und dem Übergang zum Stellungskrieg wurden jüdische Geschäftsleute, Bankiers und Beschäftigte in Kriegsgesellschaften beschuldigt, sich zu bereichern und dem Frontdienst zu entgehen. Dass jüdische Unternehmer wie Walther Rathenau, Albert Ballin, Max Warburg und Carl Melchior wichtige Aufgaben in der Kriegswirtschaft übernahmen, wurde antisemitisch als angebliche „jüdische Verfilzung“ gedeutet.

Im Frühjahr 1915 bildeten mehrere jüdische Verbände einen „Ausschuss für Kriegsstatistik“. Unter dem Vorsitz von Heinrich Silbergleit und der wissenschaftlichen Leitung von Jacob Segall sammelte er durch Gemeinde- und Hausbesuche Angaben zu jüdischen Soldaten, ihren Berufen, ihrem Alter, ihrer Herkunft und ihren Einberufungen.

Im Kriegswinter 1915/16 verschärften sich die Vorwürfe. Anonyme Eingaben an das Kriegsministerium behaupteten, jüdische Soldaten nutzten Geld und Beziehungen, um in Schreibstuben, Etappenkommandos oder Büroposten eingesetzt zu werden. Am 9. Juni 1916 wurden auf einer militärischen Tagung Forderungen nach einer Statistik erhoben. Am 17. Juni stellte der deutschvölkische Reichstagsabgeordnete Ferdinand Werner Fragen nach jüdischen Soldaten an der Front, in der Etappe und in Verwaltungsstellen. Am 16. Juli meldete das Generalkommando Stettin ähnliche Beschwerden. Nach dem Aufstieg Paul von Hindenburgs und Erich Ludendorffs in die Oberste Heeresleitung am 29. August 1916 änderte sich die militärpolitische Richtung weiter.

Der Erlass vom 11. Oktober 1916 enthielt zwei Fragebögen. Der erste sollte den Anteil jüdischer Wehrpflichtiger erfassen, der zweite Zurückstellungen, Ausmusterungen und Verlegungen in die Etappe. Die Truppenteile sollten die Bögen an ihre Generalkommandos und diese bis zum 1. Dezember 1916 an das Kriegsministerium senden. Eine genaue Anleitung fehlte; Namen wurden nicht verlangt, und die konkrete Durchführung blieb den Kommandostellen überlassen. Mehrere Formulierungen des Erlasses stammten wörtlich aus antisemitischen Schriften des Reichshammerbundes. Als eigentlicher Verfasser gilt deshalb Ernst von Wrisberg; Ludendorff unterzeichnete mit, erwähnte die Zählung später aber nicht. Wegen verspäteter Rückmeldungen wurde die Erhebung erst im Februar 1917 ohne öffentliche Erklärung beendet. Eine vergleichbare, ausdrücklich gegen eine Minderheit gerichtete Erhebung gab es in keinem anderen kriegsbeteiligten Land.

Reaktionen und Folgen im Krieg

Nach ersten Protesten bestritt Wrisberg am 3. November 1916 im Reichstag antisemitische Motive. Er erklärte, die Erhebung solle nur statistisches Material sammeln und die Vorwürfe überprüfen. Nachdem die Proteste zunahmen, erließ Hohenborn am 11. November eine Ergänzung: Die antisemitische Begründung wurde zurückgewiesen, und Kommandostellen durften Juden nicht aus ihren bisherigen Stellungen entfernen.

Im Reichstag forderten unter anderem Matthias Erzberger, die Nationalliberalen und die Konservative Partei eine umfassende Personalübersicht der Kriegsgesellschaften, zunächst auch nach Konfession. Die SPD und die Fortschrittliche Volkspartei setzten durch, dass das Kriterium der Konfession in diesem Antrag entfiel. In der Debatte vom 2. und 3. November 1916 lehnten nur SPD und FVP den Erlass eindeutig ab. Kritiker wie Philipp Scheidemann und Wolfgang Heine sahen darin einen Bruch des Burgfriedens, der alle Deutschen unabhängig von Religion und politischer Überzeugung verbinden sollte. Ludwig Haas, jüdischer Sprecher der FVP und Frontoffizier mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse, fasste die Wirkung mit den Worten zusammen: „Nun sind wir gezeichnet.“

Die jüdischen Verbände betrachteten die Zählung als Ausnahmebehandlung und als Abkehr von Assimilations- und Emanzipationsbemühungen. Oskar Cassel protestierte am 7. November 1916 gegen „Ausnahmebestimmungen für Juden“. Max Warburg bat den neuen Kriegsminister Hermann von Stein um eine öffentliche Anerkennung jüdischer Tapferkeit; Stein lehnte dies ab. Der Oberrat der Israeliten Badens bezeichnete die Erhebung als „durch nichts gerechtfertigte Ehrenbeleidigung“.

Im Heer verstärkte der Erlass antijüdische Ressentiments. Jüdische Soldaten wurden häufiger degradiert und seltener zu Offizieren befördert, als es ihrem Anteil und ihren Leistungen entsprochen hätte. Auch die Autorität jüdischer Militärärzte und Verwaltungsbeamter wurde geschwächt. Die Geheimhaltung der Ergebnisse nährte Gerüchte, die Zahlen seien „verheerend“. Weitere Maßnahmen gegen jüdische Soldaten folgten: Ende November 1916 sollte ein Magdeburger Regiment alle kriegstauglichen jüdischen Soldaten sofort an die Front schicken; im August 1917 ließ das Generalkommando Stettin freigestellte jüdische Wehrpflichtige erneut mustern. Andere Befehle zwangen jüdische Soldaten aus dem Schreibdienst in den „praktischen Dienst“. Solche Anordnungen widersprachen dem Folgeerlass vom 11. November, wurden aber nicht wirksam unterbunden. Die Armeeführung erkannte jüdische Kriegsleistungen offiziell nie an.

Zahlenstreit nach dem Krieg

Nach dem Krieg wurden die geheim gehaltenen Ergebnisse zum Gegenstand eines politischen und wissenschaftlichen Streits. Alfred Roth veröffentlichte Anfang 1919 unter dem Pseudonym „Otto Armin“ das Buch „Die Juden im Heere“. Er behauptete, jüdische Frontkämpfer seien unterrepräsentiert und der Vorwurf der „Drückebergerei“ sei berechtigt. Reichswehrminister Otto Geßler bestätigte Roths Zahlen am 26. Juli 1920. Roths Angaben wurden anschließend von antisemitischen Verbänden für Propaganda genutzt.

Jacob Segall veröffentlichte 1922 die während des Krieges vom „Ausschuss für Kriegsstatistik“ erhobenen Daten. Sie ergaben ein deutlich anderes Bild. Nach einer genauen Untersuchung von 1922 waren 17,3 Prozent der deutschen Juden zum Kriegsdienst eingezogen worden, ebenso wie 17,3 Prozent der Nichtjuden, obwohl aus Alters- und Berufsgründen nur 15,6 Prozent der Juden wehrpflichtig gewesen waren. 77 Prozent der jüdischen Soldaten hatten an Fronteinsätzen teilgenommen; ihr Anteil an den Frontsoldaten war damit proportional fast ebenso hoch wie bei den Nichtjuden.

Wrisberg veröffentlichte 1921 absolute Zahlen des Kriegsministeriums, die mit Roths Angaben übereinstimmten. Franz Oppenheimer kritisierte 1922 in „Die Judenstatistik des Preußischen Kriegsministeriums“ die Erhebungsmethode und die Auswertung. Die Erfassung durch Auszüge aus Listen habe viele Fehlerquellen enthalten: ungenaue Angaben von Truppenteilen und Behörden, eine suggestive Fragestellung, das Verschweigen der Konfession aus Angst vor Schikanen und mögliche Versetzungen jüdischer Soldaten am Stichtag. Oppenheimer forderte ein aufwendiges Einzelmeldeverfahren für alle Soldaten und wiederholte Gesamtzählungen.

Er wies außerdem darauf hin, dass Wrisberg von etwa 615.000 deutschen Juden ausgegangen sei, obwohl 1914 etwa 550.000 in Deutschland lebten; die Volkszählung von 1910 habe 60.000 bis 70.000 Nichtdeutsche mitgezählt. Wrisberg habe die Zahl der jüdischen Frontsoldaten um etwa 20.000 zu niedrig angesetzt und den Anteil der in der Etappe gemeldeten Juden mit 11 Prozent verzehnfacht, weil er ihn nicht mit der Gesamtzahl abgeglichen habe. Ohne Vergleichswerte für Nichtjuden bei Ausgemusterten, Zurückgestellten und Beurlaubten seien die Zahlen nicht aussagekräftig.

Segall und Oppenheimer kamen zu folgenden Ergebnissen: etwa 100.000 Juden nahmen am Krieg teil, 78.000 kämpften an der Front und 12.000 fielen. Mehr als 10.000 meldeten sich freiwillig, 19.000 wurden befördert und 30.000 erhielten Tapferkeitsauszeichnungen. Von 23.000 beförderten jüdischen Soldaten wurden 11.060 Sanitätsoffiziere und höhere Militärbeamte, aber nur 2.000 militärische Offiziere. Die unterschiedlichen Zahlen und Methoden blieben umstritten; die Angaben von Roth und Wrisberg standen denen Segalls und Oppenheimers gegenüber.

Historische Bedeutung und langfristige Folgen

Die wissenschaftliche Widerlegung der antisemitischen Vorwürfe beseitigte den Antisemitismus nicht. Der Stahlhelm verweigerte jüdischen Frontkämpfern die Mitgliedschaft. Diese gründeten 1919 den „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“, der bis 1935 bestand und mit der Zeitschrift „Der Schild“ über jüdische Kriegsleistungen aufklärte. 1921 verlor Dietrich Eckart einen Prozess, nachdem er behauptet und bestritten hatte, jüdische Familien mit Söhnen an der Front nennen zu können. Auch nachweislich ausgezeichnete jüdische Veteranen wurden weiterhin ausgegrenzt.

1924 wurde die „Drückebergerei“ erneut in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss behandelt. Der jüdische SPD-Abgeordnete Julius Moses zitierte Segalls Zahlen. Die Generäle Hermann von Kuhl, Otto von Stülpnagel und Bernhard Schwertfeger berichteten von positiven Erfahrungen mit jüdischen Soldaten, obwohl sie an der Dolchstoßlegende festhielten. Vor allem DNVP und NSDAP verbreiteten dennoch die antisemitische Version der Zählung. Erich Ludendorff und Adolf Hitler verbanden sie mit der Behauptung einer jüdischen Vorherrschaft über Kriegswirtschaft, Presse und Politik.

Historiker bewerten die Judenzählung überwiegend als politisch folgenreiches Zugeständnis an den Antisemitismus. Werner Jochmann betonte die unzureichenden Fragebögen und die fehlende Bereitschaft vieler Offiziere zu einer objektiven Durchführung. Heinrich August Winkler sah in ihr die erste staatliche Anerkennung und Legitimierung des Antisemitismus seit der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert. Volker Ullrich, Peter Pulzer und Hans Mommsen hoben hervor, dass die Zählung die jüdischen Deutschen entfremdete, die Entliberalisierung des Kaiserreichs sichtbar machte und zur späteren Dolchstoßlegende sowie zur Verbindung von Judentum und Kommunismus beitrug. Wolfram Wette sah darin eine neue Stufe des Antisemitismus im Offizierskorps, deren langfristige Bedeutung für die Entwicklung bis zum Nationalsozialismus jedoch noch unzureichend erforscht sei.

Hans-Ulrich Wehler nannte vier miteinander verbundene Gründe: den Druck der neuen Obersten Heeresleitung, alle Kräfte für Krieg und Rüstungsindustrie zu mobilisieren; den Einfluss antisemitischer Beamter wie Wrisberg und Max Bauer; den Versuch, mögliche Forderungen jüdischer Verbände nach Beförderungen aufgrund erwiesener Leistungen abzuwehren; sowie das Zusammenwirken der antisemitischen und annexionistischen Rechten, die den Burgfrieden spätestens im Sommer 1916 faktisch aufgekündigt hatten. Die Judenzählung war damit nicht nur eine fehlerhafte Statistik, sondern ein staatlicher Vorgang, der Vorurteile bestätigte, jüdische Soldaten demütigte und antisemitische Deutungen der Kriegsniederlage begünstigte.

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