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Motette

Der Begriff beschreibt im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche musikalische Formen: Unterschiedlicher Text in den verschiedenen Stimmen und ein …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Merkmale und Form
  2. 2. Entstehung im Mittelalter
  3. 3. Wandel in Renaissance und Barock
  4. 4. Motette vom 19. bis zum 21. Jahrhundert
  5. 5. Motette als musikalische Andacht

Begriff, Merkmale und Form

Die Motette ist ein Gattungsbegriff der mehrstimmigen Vokalmusik, der seit dem 13. Jahrhundert verwendet wird. Im Lauf der Jahrhunderte bezeichnete er unterschiedliche musikalische Formen. Die frühe Motette bis zum 15. Jahrhundert ist durch verschiedene Texte in den einzelnen Stimmen und einen wiederkehrenden Rhythmus in der Unterstimme gekennzeichnet. Dieses Verfahren heißt Isorhythmie. Die spätere Motette ist typischerweise geistliche Musik; neben Singstimmen können auch Instrumente eingesetzt werden. Das weltliche Gegenstück zur Motette ist das Madrigal.

Im 13. und 14. Jahrhundert gab es neben meist lateinischen geistlichen Texten auch weltliche, häufig französische Texte. Geistliche und weltliche Inhalte konnten sogar im selben Stück vorkommen. Später verengte sich die Gattung überwiegend auf geistliche Texte. In sogenannten Staatsmotetten konnten jedoch weiterhin weltliche Ereignisse thematisiert werden. Vom 17. bis zum 20. Jahrhundert wurden neben lateinischen auch volkssprachliche Texte vertont, darunter übersetzte Bibeltexte und Texte geistlicher Lieder.

Die ersten Motetten im 13. Jahrhundert waren kurz. Isorhythmische Motetten des 14. und 15. Jahrhunderts lassen sich durch die Wiederholung eines Rhythmus in der Unterstimme in Abschnitte gliedern; manche Werke sind zusätzlich durch Taktwechsel in mehrere Teile geteilt. Ab etwa 1500 wurde die Imitation zu einem wichtigen Stilelement. Für jeden Textabschnitt entstand ein eigenes musikalisches Motiv, das nacheinander durch die verschiedenen Stimmen geführt wurde. Seit der Barockzeit konnte eine Motette auch aus mehreren Sätzen bestehen.

Die Stimmenzahl nahm vom Mittelalter bis zur Renaissance ähnlich wie in anderen Gattungen zu. Im 13. Jahrhundert waren zweistimmige Motetten häufig. Im 16. Jahrhundert wurde die Fünf- bis Sechsstimmigkeit zur Norm; ab 1550 konnten mehrchörige Werke acht bis zwölf Stimmen haben. Thomas Tallis’ Spem in alium für 40 Stimmen ist dagegen eine Ausnahme.

Entstehung im Mittelalter

Die frühesten Motetten entwickelten sich im 13. Jahrhundert, besonders an der Schule von Notre-Dame in Paris, aus der Praxis der Organa. Eine bekannte, aber umstrittene Theorie Wilhelm Meyers besagt, dass die Motette aus den Clausulae entstand. Clausulae waren strophische Einschübe in längeren Organum-Sequenzen. Sie wurden gewöhnlich a cappella, also ohne Instrumentalbegleitung, über dem Cantus firmus gesungen. Der Cantus firmus ist eine vorgegebene, meist gleichbleibende Melodie.

Über dem Cantus firmus bewegten sich die Diskantstimmen in einem schnelleren, eigenen Rhythmus. Dieser orientierte sich am Text der jeweiligen Stimme und bildete meist ein kurzes rhythmisches Zwischenspiel, das motetus genannt wurde. Weitere Bezeichnungen waren mutetus, motellus, motecta, modulus, modulamen und modulatio. Die Discantus vulgaris positio hob um 1200 ausdrücklich hervor, dass der motetus nicht Note gegen Note zum Tenor gesetzt wird, sondern sich von ihm durch Notenwerte und Pausen unterscheidet. Damit wird in der Darstellung dieser Entwicklung das Ende des Konduktenstils und der Beginn von Polyphonie und Kontrapunkt in der abendländischen Musikgeschichte verbunden. Weitere Entstehungstheorien stammen von Wolf Frobenius und Christopher Page.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich die mittelalterliche Motette im engeren Sinn. Mehrere Texte, teilweise sogar in verschiedenen Sprachen, wurden gleichzeitig über einem lateinischen Cantus firmus gesungen. Dieser stammte meist aus einem Gregorianischen Choral, selten aus einem weltlichen Volkslied, und wurde wahrscheinlich häufig instrumental ausgeführt, damit die Texte der übrigen Stimmen verständlicher blieben. Auch weltliche Kompositionen konnten im Mittelalter als Motetten bezeichnet werden.

Im 14. Jahrhundert wurde die Isorhythmie in die Motette eingeführt. Philippe de Vitry und besonders Guillaume de Machaut verwendeten diese Technik. Guillaume Du Fay gehörte um 1435 zu den letzten Komponisten, die sie noch einsetzten.

Wandel in Renaissance und Barock

In der Renaissance blieb die Bezeichnung Motette erhalten, doch der Charakter der Gattung veränderte sich grundlegend. Der Cantus firmus wurde gedehnt, sein Rhythmus war kaum noch erkennbar und beeinflusste die Diskantstimmen nur noch wenig. Befindet sich der Cantus firmus in der Tenorlage, spricht man von einer Tenormotette. Die Renaissance-Motette wurde zu einem kurzen kontrapunktischen Chorstück, das meist keinem bestimmten Feiertag zugeordnet war und deshalb jederzeit aufgeführt werden konnte. Als Texte dienten häufig Antiphonen.

Die Unterschiede zwischen geistlichen Motetten und weltlichen Madrigalen waren nun teilweise kaum erkennbar. Palestrinas Motetten verwendeten beispielsweise das freizügige Hohelied Salomos, während seine Madrigale Marientexte von Petrarca vertonten. Als vereinfachte Unterscheidung galt: Wenn der Text lateinisch ist, handelt es sich um eine Motette; bei einer Landessprache um ein Madrigal. Es gab auch weltliche Motetten, häufig mit Fürstenlob als Thema. Die höfische Liebe, die im Mittelalter eine Rolle gespielt hatte, war dabei nicht mehr das typische Thema. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelten Giovanni Gabrieli und andere Komponisten in Venedig den polychoralen Stil, auch venezianische Motette genannt. Dabei wirkten zwei oder mehrere Kapellen wechselweise zusammen.

In der Barockzeit beschränkten sich die Texte der Motetten auf geistliche Inhalte. Um 1600 wurde mit dem Aufkommen des Generalbasses die Bezeichnung auch auf begleitete Gesangsmusik ausgedehnt. Sogar Werke für eine einzige instrumental begleitete Stimme, Voce sola oder petit motet genannt, konnten als Motetten gelten; dennoch blieb der A-cappella-Stil die Regel. Johann Gottfried Walther definierte 1732 das Motetto als „eigentlich eine mit Fugen und Imitationibus stark ausgeschmückte, und über einen Biblischen Spruch bloß zum Singen ohne Instrumente (den Generalbaß ausgenommen) verfertigte musicalische Composition; doch können die Singstimmen auch mit allerhand Instrumenten besetzt und verstärkt werden.“

In Frankreich hießen Motetten mit voller Orchesterbegleitung Grands motets. Sie enthielten Solistenpartien und dienten oft der Verherrlichung des Königshofes. Bedeutende Vertreter waren Jean-Baptiste Lully, Marc-Antoine Charpentier und Michel-Richard Delalande. Auch deutsche Barockkomponisten schrieben Motetten. Heinrich Schütz veröffentlichte lateinische und deutsche Motetten; als Höhepunkt seines Motettenschaffens gilt die 1648 zum Ende des Dreißigjährigen Krieges entstandene Geistliche Chormusik. Von Johann Sebastian Bach sind vier bedeutende doppelchörige Motetten, eine vierstimmige Motette, die fünfstimmige Choralmotette Jesu, meine Freude und weitere vierstimmige motettische Sätze für Chor und Basso continuo erhalten.

Motette vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert hatte die Motette typischerweise einen geistlichen Text, meist einen Bibeltext oder Gesangbuchverse, seltener geistliche lyrische Prosa. Häufig wurden Texte mit starken inhaltlichen Kontrasten gewählt, die sich für eine textgebundene Vertonung eigneten. Der Charakter war die ernste geistliche Betrachtung. Die Motette wurde nun als historische Gattung verstanden und orientierte sich an älteren Vorbildern, zu Beginn des Jahrhunderts vor allem an den Motetten Johann Sebastian Bachs. Diese wurden ab etwa 1802 in Berlin und Leipzig wieder regelmäßig aufgeführt; in zweiter Linie dienten Motetten von Heinrich Schütz und anderen als Vorbilder. Motetten vor 1600 wurden erst nach 1860 wieder stärker als Vorbilder anerkannt.

Die Besetzung war meist ein A-cappella-Chor. Selten wechselten Chor und Solisten, etwa bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Musik folgte dem Text, war meist kontrapunktisch gestaltet, und die Stimmen waren gleichberechtigt. Die A-cappella-Tradition der Renaissance wurde damit fortgeführt.

Im 20. Jahrhundert blieb die Motette überwiegend eine geistliche A-cappella-Form mit stark historischem Charakter. Die Bezugnahme auf ältere Meister und Werkformen war stärker als in anderen Genres. Der besondere Reiz moderner Motetten lag häufig im Kontrast zwischen alter Form und moderner Tonsprache. Obwohl Rudolf Stephan vom Niedergang der Motette im 20. Jahrhundert sprach, entstanden weiterhin wichtige Werke, darunter Motettenzyklen von Hugo Distler, Ernst Krenek und Francis Poulenc sowie Motetten von Johann Nepomuk David, Zoltán Kodály, Ernst Pepping und Siegfried Reda. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden besonders für Laienchöre und Kantoreien wieder verstärkt Motetten geschrieben. Die zeitgenössische Musik der 1950er-Jahre klammerte die Gattung jedoch nahezu aus. Auch die instrumentale Fassung blieb möglich, etwa Arnold Rosners Isorhythmic motet op. 65 aus dem Jahr 1976.

Im 21. Jahrhundert greifen unter anderem Adelheid Geck, Karl Jenkins, Arvo Pärt, Sven-David Sandström, Enjott Schneider und Ludger Stühlmeyer die Motette mit liturgisch geprägten Texten auf. Schneider und Stühlmeyer verwenden sowohl die isorhythmische A-cappella-Vertonung als auch instrumental begleitete und imitatorische Formen. Jenkins und Pärt beziehen sich auf die A-cappella-Form, während Sandström seine Kompositionen in Beziehung zu den Motetten Bachs setzt. Weitere genannte Komponisten sind Lothar Graap, Christopher Tambling und Klaus Wallrath. Zu den über die Jahrhunderte genannten bedeutenden Motettenkomponisten gehören außerdem Philippe de Vitry, Guillaume de Machaut, Guillaume Du Fay, Johannes Ockeghem, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Orlando di Lasso, Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy, Anton Bruckner und Johannes Brahms.

Motette als musikalische Andacht

Der Begriff Motette bezeichnet nicht nur eine musikalische Gattung, sondern an verschiedenen Orten auch eine regelmäßige musikalische Andacht.

In der Thomaskirche Leipzig finden wöchentlich zwei solche Andachten statt, freitags und samstags. Sie werden als „Motette“ bezeichnet und vom Thomanerchor oder von Gastmusikern gestaltet. Die Freitagsmotette hat die Form einer Vesper. Samstags wird in der Regel eine Bachkantate aufgeführt.

Im Bremer Dom gibt es seit 1934 jeden Donnerstag eine „Motette“ als Chor- oder Orgelkonzert, teilweise in größerer Besetzung. In der Stiftskirche Tübingen begründete Walter Kiefner 1945 nach Leipziger Vorbild eine wöchentliche Samstagsabend-Andacht. Der Windsbacher Knabenchor singt seit 1956 jährlich sechs- bis achtmal „Motetten“ in einem Gottesdienst in der Nürnberger Lorenzkirche. In Saalfeld in Thüringen finden in der Regel mittwochs um 20 Uhr die „Saalfelder Abendmotetten“ statt; diese regelmäßige Einrichtung besteht seit ungefähr 200 Jahren.

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