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Joachim Kahl
Joachim Kahl (* 12. Mai 1941 in Köln) ist ein deutscher Philosoph und Humanist mit den Arbeitsschwerpunkten Religionskritik, Ethik und Ästhetik, die er im …
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Person und Bedeutung
Joachim Kahl (* 12. Mai 1941 in Köln) ist ein deutscher Philosoph und Humanist. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind Religionskritik, Ethik und Ästhetik. Er versucht, diese Bereiche im Konzept des weltlichen Humanismus miteinander zu verbinden. Seine philosophische Entwicklung führte ihn vom evangelischen Christentum über Atheismus und Marxismus schließlich zu einem weltlichen Humanismus, den er als zeitgemäße philosophische Orientierung versteht.
Ausbildung und weltanschauliche Entwicklung
1967 wurde Kahl an der Philipps-Universität Marburg mit der theologischen Arbeit „Philosophie und Christologie im Denken Friedrich Gogartens“ zum Dr. theol. promoviert. Kurz danach trat er aus der evangelischen Kirche aus. Seine kritische Beschäftigung mit dem christlichen Glauben hatte ihn zunächst zur Ablehnung des Christentums und anschließend von Religion allgemein geführt. Seine atheistische Position begründete er 1968 in „Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“.
Danach studierte er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Philosophie, Soziologie und Politik. Dort setzte er sich besonders mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule auseinander und wurde Marxist. Nach der Berufung des marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz nach Marburg kehrte Kahl dorthin zurück. 1975 promovierte er mit einer Untersuchung zur Weltanschauungskritik Ernst Topitschs zum Dr. phil.
Die politischen Umbrüche von 1989 und weitere Einflüsse führten später zu seiner Abkehr vom Marxismus. Diese Entwicklung reflektierte er in dem Buch „Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit“.
Lehre und gesellschaftliches Engagement
Von 1974 bis 1984 war Kahl Lehrbeauftragter im Fachbereich Philosophie und Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg. Dort veranstaltete er regelmäßig Seminare zur Geschichte der Philosophie.
Gleichzeitig war er Sprecher des Marburger und des Hessischen Komitees gegen Berufsverbote. In den 1970er und 1980er Jahren engagierte er sich gegen den Radikalenerlass. Dieses Engagement verstand er als Zivilcourage und als notwendigen Beitrag zur Stärkung der Demokratie.
Von 1982 bis 1990 arbeitete Kahl als Bildungsreferent beim damaligen Bund für Geistesfreiheit Nürnberg, dem heutigen HVD Bayern. Dabei entstanden Kontakte unter anderem zur Thomas-Dehler-Stiftung und zur Gesellschaft für kritische Philosophie. Kahl lebt in Marburg, ist seit 1968 mit der Sonderschullehrerin Anna Margarete Kahl verheiratet und hat zwei Kinder. Er gehört dem Humanistischen Verband Deutschlands an.
Klassischer Atheismus und Religionskritik
Kahl vertritt einen klassischen Atheismus, der in der europäischen Aufklärung verwurzelt ist. Er grenzt ihn deutlich vom sogenannten neuen Atheismus ab, für den im Artikel Richard Dawkins als Beispiel genannt wird. Kahl wirft Dawkins eine triumphalistische Selbstüberschätzung und mangelnde Kenntnis der Religionsgeschichte, Religionsphilosophie und Religionskritik vor. Den dafür verwendeten Begriff „Cäsarenwahn“ hatte der Historiker Ludwig Quidde 1894 geprägt.
Nach Kahls Auffassung besteht die Gefahr, dass Atheismus durch pauschale und herablassende Angriffe auf Religion zum Antitheismus wird. Antitheismus meint hier eine Haltung, die Religion lediglich von oben herab aburteilt. Kahl fordert stattdessen, Religion gedanklich zu durchdringen, ihre geschichtliche Entwicklung und gesellschaftliche Funktion zu erklären und mit ihren Anhängern einen kritischen, auch polemischen Dialog zu führen. Als Vorbild nennt er die differenzierte Religionskritik der deutschen Aufklärung.
Kahl kritisierte neben Dawkins auch Karlheinz Deschner und Michael Schmidt-Salomon. Die von führenden Vertretern der Giordano-Bruno-Stiftung initiierte Buskampagne von 2009 beurteilte er dagegen später als „pfiffige“ und unterstützenswerte Form der Öffentlichkeitsarbeit.
Wichtige Schriften
Kahls Veröffentlichungen spiegeln seine Entwicklung und seine Arbeitsschwerpunkte wider. Zu den zentralen Werken gehören seine theologische Dissertation „Philosophie und Christologie im Denken Friedrich Gogartens“ (1967) und „Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“ (1968). Das zweite Buch erschien in mehreren Auflagen, wurde ins Englische, Japanische, Italienische und Niederländische übersetzt und 1993 sowie 2014 überarbeitet und erweitert neu aufgelegt.
Seine philosophische Dissertation von 1975 erschien 1976 als Buch unter dem Titel „Positivismus als Konservatismus“. Weitere Texte behandeln seine persönliche Begründung des Atheismus, die Geschichte und Gegenwart der Freidenker sowie die Theodizee, also die Frage, wie die Existenz von Leid und Übel mit einem gerechten und mächtigen Gott vereinbar sein soll. 2006 veröffentlichte Kahl „Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit“. 2010 gab er in „Aktuelle Atheismus-Debatten. Ein strukturierender Überblick“ eine Ordnung zeitgenössischer Diskussionen über den Atheismus.