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Jüdisches Museum Westfalen

Kleine Stationen, Fotos und Audiosequenzen erklären den Passageritus des Judentums Bar Mizwa beziehungsweise Bat Mizwa bei Mädchen, und die Hochzeit. Ein …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Aufgabe und Angebot des Museums
  2. 2. Entstehung, Gebäude und Trägerschaft
  3. 3. Jüdisches Leben, Religion und Feste
  4. 4. Verfolgung, Migration und Erinnern
  5. 5. Bildung, Wechselausstellungen und Lehrhaus

Aufgabe und Angebot des Museums

Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten vermittelt Religion und Kultur der Juden in Deutschland sowie besonders die Geschichte des Judentums in Westfalen. Es ist zugleich Ausstellungs-, Lern- und Veranstaltungsort. Zum Angebot gehören Führungen, Vorträge, Lesungen, Konzerte, Workshops und Fortbildungen, eine Präsenzbibliothek und eine Buchhandlung.

Die 2018 grundlegend erneuerte Dauerausstellung heißt „L’Chaim! Auf das Leben! Jüdisch in Westfalen“. Sie verbindet jüdische Traditionen und Gegenwart mit der westfälischen Regionalgeschichte seit der Frühen Neuzeit. 2013/2014 wurde das Museum in der Roten Liste Kultur des Deutschen Kulturrates zeitweise als gefährdet eingestuft.

Entstehung, Gebäude und Trägerschaft

Ausgangspunkt war die seit 1982 bestehende Dorstener Bürgerinitiative und Forschungsgruppe „Regionalgeschichte/Dorsten unterm Hakenkreuz“. Bei ihren Forschungen zur jüdischen Gemeinde Dorsten stellte sie sowohl Wissenslücken als auch Vorurteile gegenüber dem Judentum fest. Zugleich erhielt sie von Zeitzeugen, Angehörigen und Freunden vertriebener Juden zahlreiche Überreste jüdischer Geschichte. Daraus entstand die Idee, diese öffentlich zu dokumentieren und besonders Nichtjuden jüdische Kultur und regionale Geschichte zu vermitteln.

1987 gründete die Initiative den Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V. und begann als „Sammlung Judaica Dorsten“, historisches Material zu sammeln. Mit Schenkungen, Leihgaben, Patenschaften, Darlehen und öffentlichen Zuschüssen konnten Judaica, Kultusgegenstände und Dokumente erworben werden. Das Museum eröffnete am 28. Juni 1992. Der Zusatz „Westfalen“ sollte seine Stellung als damals einziges jüdisches Museum Westfalens hervorheben. Ein Anbau von 2001 vergrößerte die Ausstellungsfläche um etwa 280 m²; 2004 wurde die Dauerausstellung um regionale jüdische Geschichte ergänzt.

Das Museum liegt am Südwall an der Julius-Ambrunn-Straße im Südosten der Dorstener Innenstadt. Es verbindet ein Wohnhaus der Gründerzeit um 1900, das dem Jugendstil zugerechnet wird, mit einem modernen, 2000 angefügten Neubau nach Entwurf von Detlef Wiegand. Der Altbau zeigt unter anderem Davidsterne in den Giebelfenstern; die unregelmäßige Klinkerfassade des Neubaus soll an Backsteinexpressionismus erinnern und wird auch mit Bedrückungen und Zerwürfnissen jüdischer Geschichte assoziiert. Hinter dem Gebäude liegt ein Skulpturengarten mit Holocaust-Gedenkstein. Die Installation „Wegweisend“ von Marcus Kiel erinnert seit 2008 mit Straßenschildern an untergegangene westfälische Gemeinden.

Träger ist der gemeinnützige Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V., Dorsten, mit 415 Mitgliedern und 24 korporativen Mitgliedern. Die Stiftung „Jüdisches Museum Westfalen“ unterstützt die Arbeit seit 1999 finanziell. Seit dem 1. Juli 2020 leitet Kathrin Pieren das Museum hauptamtlich; ehrenamtliche und freie Kräfte tragen die Arbeit weiterhin wesentlich mit.

Jüdisches Leben, Religion und Feste

Ein Bereich der Dauerausstellung zeichnet 700 Jahre lokaler jüdischer Geschichte anhand von 16 Lebensläufen aus Westfalen nach. Fotos, Briefe, Urkunden, Bücher und persönliche Gegenstände zeigen unterschiedliche Erfahrungen: etwa Handel und Familienleben in der Frühen Neuzeit, unsichere Rechtsverhältnisse, Bildung und Unternehmertum, Verfolgung, Flucht, Überleben und die jüdische Gegenwart nach postsowjetischer Einwanderung. Beispiele sind die Händlerin Freuchen Gans (1560–1630) aus Hamm, der Bildungsreformer Alexander Haindorf (1784–1862), die Überlebende und SPD-Bundestagsabgeordnete Jeanette Wolff (1888–1976) sowie Alexandra Khariakova von der liberalen jüdischen Gemeinde „HaKochaw“ in Unna.

Der Bereich zu Religion und Tradition erklärt Synagoge, Tora und Talmud. Eine Torarolle aus Leder von etwa 1830 sowie Toraschmuck wie Wimpel, Mäntel, Rimonim, Tass, Parochet und Jad gehören zu den zentralen Objekten. Ein Modell der 1938 zerstörten Landsynagoge in Vreden und eine virtuelle Rekonstruktion der Dortmunder Synagoge verdeutlichen die Synagoge als Zentrum des Gemeindelebens. Der Talmud wird als Forum für Auslegung und Diskussion „über Raum und Zeit hinweg“ vorgestellt.

Die Feste sind nach dem jüdischen Jahreskreis geordnet. Ein Schofar, ein Blasinstrument aus Widderhorn, steht für Rosch ha-Schana und Jom Kippur. Chanukka ist das achttägige Lichter- oder Tempelweihfest; an jedem Tag wird eine weitere Kerze angezündet, zur Erinnerung an ein Licht, das acht Tage trotz Öl für nur einen Tag geleuchtet haben soll. Zu Pessach gehören unter anderem eine Sederplatte, ein Sederteller von 1680, Mazzenteller und Eliasbecher. Der Schabbat wird als wöchentlicher Feiertag mit Gegenständen für häusliche Zeremonien gezeigt. Der jüdische Kalender ist ein Lunisolarerkalender mit 12 Monaten und einem Schaltmonat; er beginnt im Jahr 3761 v. d. Z.

Weitere Themen sind Brit Mila, das Beschneidungsritual acht Tage nach der Geburt, Bar Mizwa beziehungsweise Bat Mizwa, Hochzeit und Bestattung. Kashrut bezeichnet die jüdischen Speiseregeln; ein zentrales Beispiel ist das Verbot, Milch und Fleisch gemeinsam zu verzehren. Hebräisch und Jiddisch werden mit Zeitungen, einer Hebräischfibel und Musikbeispielen vermittelt. Jüdische Ethik und Wohltätigkeit behandelt das Kapitel „Die Welt besser machen“, unter anderem mit Maimonides, dem Jüdischen Frauenbund um Bertha Pappenheim und dem Mitzvah Day.

Verfolgung, Migration und Erinnern

Der Ausstellungsteil „Zeitenbruch“ behandelt Judenfeindlichkeit sowie Verfolgung und Vernichtung westfälischer Juden im Nationalsozialismus. Antijüdische Gesetzgebung seit 1933, die Novemberpogrome 1938, Deportationen aus Westfalen und „Letzte Briefe“ ordnen die Ereignisse ein und zeigen individuelle Familienschicksale.

Daneben werden jüdische Reaktionen auf Diskriminierung und Verfolgung dargestellt. Die „Anti-Anti Blätter zur Abwehr“ aus den 1920er Jahren, herausgegeben vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dienten als Argumentationshilfe gegen Antisemitismus. Ein wichtiges Objekt ist der 1989 entdeckte „Bottroper Bücherfund“: Ein Weidenkorb mit etwa 150 jüdischen Büchern und Zeitungen hatte 47 Jahre auf einem Dachboden gelegen. Die Bücher behandeln Liturgie, Tanach-Auslegung, Zionismus sowie Sprache und Schule; viele gehörten der 1942 in das Rigaer Ghetto deportierten Familie Julius Dortort.

Die Abteilung „Migration – Flucht – Hoffnung“ behandelt jüdische Migration aus und nach Westfalen um 1900, Fluchten in den 1930er Jahren, Alija als Wanderung nach Eretz Israel, Kindertransporte zur Rettung jüdischer Kinder und Einwanderung aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den letzten 30 Jahren. Eine kindgerechte Ausstellungsspur erklärt ausgewählte Objekte und Mitmach-Stationen; das Logo zeichnete Cornelia Funke.

Bildung, Wechselausstellungen und Lehrhaus

Das Museum bietet Gruppenführungen für Erwachsene, Jugendliche und Schulklassen sowie seit 2005 etwa monatlich kostenlose offene Führungen. Grundschulkinder lernen mit Geschichten, Musik, Spielen und anfassbaren Gegenständen wie Kippa und Tefillin. Für die Sekundarstufen I und II gibt es individuell angepasste Studientage, in denen Schülerinnen und Schüler Themen des Judentums selbstständig erarbeiten und Filme diskutieren. Ferienwerkstätten richten sich an Kinder von 8 bis 12 Jahren.

Als Lehr- und Lernort entwickelt das Museum mit der Volkshochschule Dorsten und weiteren Partnern halbjährlich Programme mit Vorträgen, Filmen, Lesungen, Exkursionen, Studienreisen und Fortbildungen für Lehrkräfte und andere Multiplikatoren. Zwei Wanderausstellungen können ausgeliehen werden: „Die Synagoge – Schnittpunkt jüdischen Lebens“ und „Angekommen?! Lebenswege jüdischer Einwanderer“.

Die Präsenzbibliothek umfasst mehr als 5.000 Bücher, Zeitschriften und Zeitungen zu Judentum, darunter Werke zu Religion, Kultur, Geschichte, Verfolgung, Zionismus, Israel und Literatur; ein Schwerpunkt ist die jüdische Regionalgeschichte. Im Obergeschoss des Altbaus finden unregelmäßig Wechselausstellungen statt, die Themen jüdischen Lebens, Kunst, Verfolgung, Erinnerung und Gegenwart aufgreifen. Die Vereins- und Museumszeitschrift Schalom erscheint zweimal jährlich; zusätzlich informiert ein monatlicher E-Mail-Newsletter über Veranstaltungen und Medien.

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