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Jüdischer Feminismus

Der jüdische Feminismus ist eine Bewegung mit dem Ziel, Frauen in ihrem religiösen, rechtlichen und gesellschaftlichen Status den Männern gleichzustellen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Ziele und Entstehung
  2. 2. Theologie, Gottesbild und Gebetssprache
  3. 3. Feminismus in der Orthodoxie
  4. 4. Ultraorthodoxe Positionen und Wandel in Israel
  5. 5. Religiöse Ämter und Gleichstellung

Ziele und Entstehung

Der jüdische Feminismus ist eine Bewegung, die Frauen im religiösen, rechtlichen und gesellschaftlichen Leben den Männern gleichstellen will. Feministische Bestrebungen gibt es in allen wichtigen Strömungen des Judentums, von der Orthodoxie bis zum Reformjudentum. Ihre Auffassungen, Ziele und Erfolge unterscheiden sich jedoch erheblich.

Die moderne Bewegung entstand in den frühen 1970er Jahren in den USA im Umfeld der zweiten Frauenbewegung. Eine wichtige Vorläuferin war Regina Jonas, die 1935 in Deutschland als weltweit erste Rabbinerin ordiniert und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. 1972 erhielt mit Sally Priesand erstmals wieder eine Frau die Ordination zur Rabbinerin; sie gehörte dem Reformjudentum an.

Auf der ersten US-amerikanischen Nationalkonferenz jüdischer Frauen 1973 in New York wurden zentrale Ideen der Bewegung diskutiert. Die anschließende Sonderausgabe The Jewish Women. An Anthology regte jüdische Frauengruppen in den USA, Europa und Israel dazu an, die Rolle der Frau im Judentum zu hinterfragen. 1974 entstand die internationale Jewish Feminist Organization.

Zu den Hauptkritikpunkten der Feministinnen gehörten der Ausschluss von Frauen aus dem Minjan, also dem für bestimmte Gebete erforderlichen Quorum, sowie ihre Benachteiligung vor religiösen Gerichten: Frauen durften dort beispielsweise nicht als Zeuginnen auftreten oder selbst einen Scheidungsantrag stellen. Judith Plaskow betont, dass jüdischer Feminismus nicht nur Religion betrifft. „Jüdischkeit“ umfasst auch kulturelle und gesellschaftliche Identität, weshalb die Veränderung religiöser Rollen nur ein Teil seiner umfassenderen Ziele ist.

Theologie, Gottesbild und Gebetssprache

Die jüdisch-feministische Theologie untersucht, wie sich zentrale Begriffe wie Tora, Israel und Gott verändern, wenn Frauen sie mitdefinieren. Ein wichtiges Anliegen ist, die weibliche Seite Gottes in Gebetbüchern und Gottesdiensten sichtbar zu machen. Rita Gross veröffentlichte 1976 mit „Weibliches Sprechen von Gott in einem jüdischen Kontext“ einen frühen theoretischen Beitrag zu diesem Thema.

Ebenfalls 1976 veröffentlichten Naomi Janowitz und Margaret Wenig das Siddur Nashim, das erste Sabbatgebetbuch, das Gott mit weiblichen Pronomen und Bildern beschreibt. Margaret Wenigs Predigt Gott ist eine Frau und sie wird immer älter von 1990 wurde vielfach neu aufgelegt und von Rabbinern in verschiedenen Ländern verwendet. Paula Reimers erklärt, die „Gott/Sie-Sprache“ solle die Weiblichkeit Gottes hervorheben; als besondere weibliche Metapher der Schöpfung nennt sie die Geburt.

Ahuva Zache hält sowohl männliche als auch weibliche Gottesbilder für möglich, betont aber, dass jede menschliche Beschreibung Gottes metaphorisch ist und Gott jenseits des Geschlechts steht. Diese Auffassung ist auch in liberalen Strömungen umstritten. Orthodoxe und viele konservative Juden lehnen weibliche Pronomen für Gott als Einfluss moderner feministischer Ideologie ab.

Liberale Gebetbücher verwenden zunehmend geschlechtsneutrale Sprache. Im reformjüdischen Mishkan T'filah von 2007 wurde das Personalpronomen „er“ für Gott beseitigt. Neben Abraham, Isaak und Jakob werden Sarah, Rebecca, Rachel und Leah genannt. Das 2015 veröffentlichte Gebetbuch für die Hohen Feiertage bezeichnet Gott im Awinu Malkenu sowohl als „liebenden Vater“ als auch als „barmherzige Mutter“. Es spricht außerdem von „glücklichen Paaren unter dem Hochzeitsbaldachin“ und bietet beim Aufruf zur Tora neben „Sohn von“ und „Tochter von“ die neutrale Formulierung „aus dem Hause von“ an.

Einflussreiche Grundlagen lieferten Trude Weiss-Rosmarins Kritik an der rechtlichen Ungleichbehandlung jüdischer Frauen und Rachel Adlers Gegenüberstellung traditioneller Männer- und Frauenrollen. Judith Plaskows Standing Again at Sinai von 1991 bündelte die jüdisch-feministische Theologie. Rachel Adler entwickelte 1998 in Engendering Judaism eine inklusive Theologie und Ethik, indem sie Halacha, das jüdische Religionsrecht, und Aggada, rabbinische Erzähltradition, neu deutete. Melissa Raphael untersuchte 2003 in The Female Face of God in Auschwitz anhand der Berichte überlebender Frauen die Gottesfrage im Holocaust und deutete schwesterliche Fürsorge unter unmenschlichen Bedingungen als Bild göttlicher Anwesenheit.

Feminismus in der Orthodoxie

Der orthodoxe jüdische Feminismus versucht, die Stellung von Frauen innerhalb der Halacha zu verändern. Er arbeitet dazu mit Rabbinern und religiösen Einrichtungen zusammen. Wichtige Themen sind die Aguna, also eine Frau, die keine religiös gültige Scheidung erhalten kann, die religiöse Bildung von Frauen, weibliche Führungsaufgaben, die Beteiligung an Ritualen und eine frauenfreundlichere Gestaltung der Synagoge.

Dabei bleiben zentrale orthodoxe Regeln bestehen: Männer und Frauen sitzen getrennt, und Frauen zählen nicht zum Minjan. Seit den 1970er Jahren gibt es jedoch ausschließlich weibliche Gebetsgruppen. Einrichtungen wie das 1979 gegründete Drisha Institute, das Pardes Institute of Jewish Studies und das Matan Women’s Institute ermöglichen Frauen ein Studium des Talmud und anderer rabbinischer Schriften auf einem Niveau, das einer Jeschiwa oder einem Kollel für Männer entspricht.

Blu Greenberg gründete 1997 die Jewish Orthodox Feminist Alliance (JOFA). Sie setzt sich unter anderem für Frauenbildung, Bat Mitzwa, Frauengebet sowie religiöse und gemeindliche Führungsrollen ein. Im selben Jahr wurde Gail Billig Präsidentin einer großen orthodoxen Synagoge in den USA.

Seit 2002 entstanden partnerschaftliche Minyanim wie Shira Hadasha in Jerusalem und Darkhei Noam in New York. Sie ermöglichen Frauen die nach Auffassung ihrer Mitglieder größtmögliche Beteiligung innerhalb der Halacha. Die Räume bleiben getrennt, Frauen zählen nicht zum Quorum und übernehmen keine Teile des Gottesdienstes, die dieses Quorum verlangen. Dennoch ist umstritten, ob dieses Modell mit der Orthodoxie vereinbar ist. Laut Artikel gibt es weltweit mehr als 35 solcher Minyanim.

2009 wurde Sara Hurwitz als erste orthodoxe Rabbinerin offiziell ordiniert und zunächst „Rabba“ genannt. Avi Weiss gründete mit Yeshivat Maharat eine Ausbildungsstätte für orthodoxe Rabbinerinnen. „Maharat“ steht für „Morah hilkhatit rabbanit toranit“, also rabbinische halachische Tora-Lehrerin. Nach Widerstand gegen die Bezeichnung „Rabba“ verwendete Weiss diesen neuen Titel. 2013 schlossen Ruth Balinksy-Friedman, Rachel Kohl Finegold und Abby Brown Scheier ihre Ausbildung ab. 2015 wurde Yaffa Epstein als „Rabba“ und Lila Kagedan als erste Absolventin mit dem Titel „Rabbi“ ordiniert.

Ultraorthodoxe Positionen und Wandel in Israel

Führende Vertreter des ultraorthodoxen Judentums betrachten Feminismus gewöhnlich als reformistisch, nichtjüdisch oder als Bedrohung der Tradition. Ihrer Auffassung nach beruhen auch nicht ausdrücklich kodifizierte religiöse und gesellschaftliche Regeln auf Halacha oder Haschkafa, also religiösen Weltanschauungsgrundsätzen. Feministische Veränderungen gelten deshalb als Veränderung der Tora.

Diese Position verbindet sich mit einem essentialistischen Verständnis: Unterschiede zwischen Männern und Frauen gelten als von Gott gewollt. Als Vorbild dient die in König Salomons Gedicht „Eine Frau von Wert“ beschriebene Frau, die Haushalt und Familie versorgt. Mädchen werden vor allem auf ein Leben als Ehefrauen und Mütter großer, streng religiöser Familien vorbereitet. Ihre Ausbildung erfolgt meist in Beis-Yaakov-Schulen. Dort fehlen das Tora-Studium und bestimmte Inhalte der Jeschiwa-Ausbildung für Männer. In weltlichen Fächern wie Mathematik kann die Bildung der Mädchen jedoch besser sein, weil Jungen mehr Zeit religiösen Fächern widmen und viele Frauen später arbeiten, um das Tora-Studium ihrer Ehemänner mitzufinanzieren.

Ultraorthodoxe Einrichtungen bilden weder Rabbinerinnen aus noch schulen sie Frauen im Talmud. 2015 lehnte die Agudath Israel of America die Ordination von Frauen ab und bezeichnete unter anderem Yeshivat Maharat und Open Orthodoxy als abweichende Bewegungen.

Gleichzeitig entwickelte sich in Israel eine inner-ultraorthodoxe feministische Bewegung. Bei den Wahlen 2013 forderte eine von Esti Shushan geführte Gruppe Plätze für Frauen auf ultraorthodoxen Parteilisten. Bei den Kommunalwahlen kandidierten drei ultraorthodoxe Frauen; Shira Gergi wurde in Safed gewählt und damit die erste ultraorthodoxe Stadträtin sowie seit 1993 die erste Frau im dortigen Stadtrat.

Adina Bar-Shalom gründete das Haredi College von Jerusalem und setzte sich für Bildung und Erwerbsarbeit von Frauen ein. 2013 gründete sie in Elad eine reine Frauenpartei. Esty Reider-Indorsky, die zuvor unter dem männlichen Namen „Ari Solomon“ veröffentlicht hatte, beschrieb 2014 ebenfalls eine wachsende Bewegung. Sie betonte, dass ultraorthodoxe Frauen ihren Wandel selbst und innerhalb ihrer Gemeinschaft gestalten wollten.

Religiöse Ämter und Gleichstellung

Seit der Entstehung des Reformjudentums im frühen 19. Jahrhundert übernahmen Frauen schrittweise mehr religiöse Aufgaben. 1845 erklärten Rabbiner auf der Frankfurter Synode, Frauen dürften zum Minjan zählen; in der Praxis geschah dies bereits seit 1811. Fanny Neuda schrieb 1854 mit Stunden der Andacht das erste von einer Frau für Frauen verfasste jüdische Gebetbuch. Julie Eichberg wirkte von 1884 bis 1893 in San Francisco als erste US-amerikanische Kantorin, allerdings ohne Ordination. Ray Frank hielt am 14. September 1890 als erste Frau eine Predigt von einer Kanzel.

Am 18. März 1922 veranstaltete Mordechai M. Kaplan für seine Tochter Judith die erste öffentliche Bat-Mitzwa-Feier für Mädchen in den USA. Im selben Jahr erklärte die Central Conference of American Rabbis mit 56 zu 11 Stimmen, einer Frau dürfe die Ordination nicht verweigert werden. Der Hochschulvorstand ließ Frauen dennoch weiterhin nicht ordinieren. Martha Neumark hatte siebeneinhalb Jahre Rabbinerschulen besucht, erhielt aber nur eine Verwaltungsstelle. 1939 absolvierte Helen Levinthal als erste US-Amerikanerin die vollständige Rabbinerausbildung, bekam jedoch statt der Ordination nur einen Masterabschluss in Hebräischer Literatur und ein Zertifikat.

1935 erhielt Regina Jonas als weltweit erste Frau die Semicha, also die formelle Ordination zur Rabbinerin. In konservativen Gemeinden wurden Frauen ab 1955 zu Segensgesängen bei der Toralesung zugelassen. 1973 erlaubte eine Takkana, eine religionsrechtliche Regelung, Frauen die Bildung eines Minjans. Ebenfalls 1973 beschloss der konservative Gemeindeverband in den USA, Frauen bei Gottesdienstriten, Leitungsaufgaben, Lehre und Verantwortung für die Gemeinde den Männern gleichzustellen. 1974 wurde diese Gleichstellung auf alle Bereiche des Rituals einschließlich der Leitung des Gebets ausgedehnt.

Seit den 1970er Jahren wurden in immer mehr jüdischen Richtungen Rabbinerinnen ordiniert: 1972 im Reformjudentum, 1974 im Rekonstruktionismus, 1975 erstmals in England, 1985 im konservativen Judentum und 2009 in der Orthodoxie. Elisa Klapheck wurde 2009 und Alina Treiger 2010 als erste liberale Rabbinerinnen nach der Shoa in Deutschland ordiniert. Treiger war zugleich erst die zweite Rabbinerin, die überhaupt in Deutschland ausgebildet worden war. Besonders in großen Gemeinden bestehen laut Artikel weiterhin Widerstände gegen die Anstellung von Rabbinerinnen.

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