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Islamkritik

Sie stellt eine Religionskritik dar und wird an Grundlagen, an kulturellen Traditionen und sozialen Normen des Islams geübt. Islamkritik als sachlich geübte …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Abgrenzung
  2. 2. Kritik aus christlicher und anderer religiöser Sicht
  3. 3. Innerislamische und liberale Kritik
  4. 4. Atheistische, säkulare und exmuslimische Kritik
  5. 5. Kritik des politischen Islam
  6. 6. Reaktionen und Kontroversen

Gegenstand und Abgrenzung

Islamkritik ist eine sachlich-politische, ethische, philosophische, wissenschaftliche oder theologische Kritik an Grundlagen, kulturellen Traditionen und sozialen Normen des Islams. Sie existiert seit der Gründungszeit des Islams im 7. Jahrhundert und ist eine Form der Religionskritik. Kritisiert werden unter anderem islamische Reaktionen auf Widerspruch, der Umgang mit Häresie- oder Häresieverdacht sowie die Behandlung von Apostasie, also des Abfalls vom Glauben, im islamischen Recht.

Weitere Themen sind Menschenrechte in islamischen Ländern der Moderne, die Stellung der Frau im islamischen Gesetz und in der Rechtspraxis sowie die Rolle des Islams bei der Integration muslimischer Migranten in westliche Gesellschaften. Islamkritik wird begrifflich von Islamfeindlichkeit oder Muslimenfeindlichkeit unterschieden, im öffentlichen Diskurs jedoch häufig mit ihnen vermischt.

Islamophobie bezeichnet der Wortbedeutung nach eine ausgeprägte Angst vor dem Islam. Islamfeindlichkeit meint dagegen eine fundamentale und pauschale Ablehnung des Islams als gefährlich, unmoralisch oder verwerflich. Muslimenfeindlichkeit richtet sich gegen Einzelne oder Gruppen primär aufgrund ihres muslimischen Glaubens. In der Debatte kommt es sowohl vor, dass sachliche Kritiker als Islamfeinde bezeichnet werden, als auch, dass tatsächliche Muslimenfeinde ihre Aussagen als Islamkritik darstellen.

Kritik aus christlicher und anderer religiöser Sicht

Frühe christliche Kritiken entstanden wenige Jahrzehnte nach dem Auftreten Mohammeds. Viele christliche Autoren betrachteten den Islam als christliche Häresie, also als Irrlehre. Zu den einflussreichsten frühen Kritikern gehörte Johannes von Damaskus († 749). In seinem Werk Die Quelle der Weisheit stellte er den Glauben der Ismaeliten als Vorläufer des Antichristen dar. Er behauptete, Mohammed sei durch einen häretischen Mönch namens Bahira beeinflusst worden.

Im Mittelalter verbreitete sich in gelehrten Kreisen die Vorstellung, Mohammed habe christliche oder jüdische Lehren übernommen und sie als neue Religion ausgegeben. Sein in der islamischen Tradition als Zeichen göttlicher Offenbarung verstandener Analphabetismus wurde im Westen umgekehrt gedeutet: Mohammed sei deshalb besonders leicht zu täuschen gewesen. Teilweise wurde sogar behauptet, er sei ursprünglich christlicher Priester oder Kardinal gewesen und habe aus Ehrgeiz eine neue Sekte gegründet. In volkstümlichen Darstellungen erschien Mohammed außerdem als Teil eines polytheistischen Pantheons.

Kaiser Manuel II. Palaiologos lehnte in seinem Dialog mit einem persischen Gelehrten Gewalt für Glaubenszwecke als unvernünftig ab. Papst Benedikt XVI. zitierte am 12. September 2006 bei einer Vorlesung an der Universität Regensburg eine kritische Aussage aus diesem Dialog über die Verbreitung des Glaubens durch das Schwert. Darauf folgten weltweite Proteste, teilweise auch militante. Der Heilige Stuhl erklärte, Benedikt XVI. habe sich das Zitat nicht zu eigen machen, sondern den Zusammenhang von Glaube und Vernunft thematisieren wollen und Ehrfurcht vor dem Koran empfunden.

Die christliche Apologetik kritisiert außerdem islamische Glaubensvorstellungen, etwa die Sündenlehre und die Stellung Jesu als Prophet, sowie islamische Polemiken gegen das Christentum. Andere religiöse Kritiker, darunter Maimonides, lobten den strikten Monotheismus des Islams, beanstandeten aber seine Ethik, Politik und die Rolle Mohammeds. In der anonymen Schrift De tribus impostoribus werden die Stifter von Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen als Betrüger bezeichnet.

Innerislamische und liberale Kritik

Bis zum Ende des Abbasidenkalifats (ca. 750–1258) kritisierten islamische Gelehrte und Schulen die Orthodoxie und die dogmatische Koranauslegung. Diese Kritik stand häufig im Zusammenhang mit der griechischen Philosophie und dem Versuch, religiöse Aussagen rational zu prüfen oder zu begründen.

Ibn al-Muqaffaʿ (729–756) vertrat die Auffassung, das Gesetz müsse dem religiösen Bereich entzogen und politisch kontrolliert werden. Die Muʿtazila in Bagdad lehrte bis etwa zum Ende des 9. Jahrhunderts die „Erschaffenheit des Koran“. Dadurch konnten Koran und andere religiöse Quellen kritisch betrachtet werden; an die Stelle bloßer Nachahmung sollte logisches Denken treten. Al-Warraq kritisierte Widersprüche und Ungereimtheiten im Koran. Besonders die schiitische Theologie räumte der menschlichen Vernunft, dem „ʿaql“, eine wichtige Rolle bei Glauben, Koranauslegung und Rechtsfindung ein.

Im Ägypten des 19. Jahrhunderts wandte sich die Nahda-Bewegung gegen die religiöse Legitimation des Kalifats und forderte eine Trennung von Religion und Politik. ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq formulierte diese Forderung in den 1920er Jahren besonders radikal.

Liberale muslimische Denker knüpfen an diese Tradition an. Yaşar Nuri Öztürk unterschied zwischen einem kulturell geprägten „Islam der Traditionen“ und einem „wahren Islam“, der sich am Koran orientiere. Er befürwortete vernunftgeleitete Kritik und wandte sich unter anderem gegen Geschlechtertrennung, die Todesstrafe für vom Glauben abgefallene Muslime und fundamentalistische Religiosität.

Bassam Tibi prägte 1992 den Begriff „Euro-Islam“. Er fordert, islamische Prinzipien mit europäischer Kultur und Aufklärung zu vereinbaren, und verlangt eine endgültige Abkehr von Scharia und Dschihad. Er stellt einen „Scharia-Islam“ einem „Euro-Islam“ gegenüber und warnt davor, dass radikale Muslime die demokratische Ordnung zur Abschaffung eben dieser Ordnung nutzen könnten. Boualem Sansal hält den Islam dagegen für „nicht reformierbar“ und sieht in der Islamisierung eine Gefahr für westliche Gesellschaften. Abdelwahab Meddeb kritisierte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den Islam in seinem Buch La maladie de l’Islam (2002) und unterstützte Benedikt XVI. nach der Regensburger Rede.

Abdel-Hakim Ourghi forderte 2017, nicht den Islam insgesamt, sondern die Art seiner gegenwärtigen Ausübung zu problematisieren. Er verlangt Selbstkritik, eine historische Einordnung des Korans, die Möglichkeit der Kritik an Mohammed und die Gleichstellung von Nichtmuslimen. Ein mit westlichen Werten und dem Grundgesetz vereinbarer liberaler Islam müsse an die Stelle eines konservativen, nicht reformierten Islams treten.

Atheistische, säkulare und exmuslimische Kritik

Antitheistische Kritik richtet sich nicht nur gegen einzelne islamische Lehren, sondern gegen Religion oder Offenbarung insgesamt. Christopher Hitchens bezweifelte die Einheitlichkeit und Zuverlässigkeit der Überlieferungsgeschichte des Korans und der Hadithe, also der mündlich überlieferten Aussagen und Handlungen Mohammeds. Er sah den Islam als uneinheitliche Übernahme früherer religiöser Traditionen und hielt seinen Anspruch auf Unterwerfung und Respekt für nicht ausreichend begründet. Michel Onfray bezeichnete den Islam als „strukturell archaisch“ und sprach nach der Islamischen Revolution im Iran von einem „muslimischen Faschismus“. Sam Harris stellte islamische Lehren auf eine Stufe mit fiktiven Vorstellungen und erklärte: „Wir sind im Krieg mit dem Islam.“

Im Iran veröffentlichten Ahmad Kasravi und Ali Daschti bereits vor der Islamischen Revolution kritische Texte, vor allem gegen die schiitische Ausprägung des Islams. Der ägyptische Islamkritiker Faradsch Fauda wurde 1992 von einem Angehörigen der Gruppe al-Dschamāʿa al-islāmiyya ermordet.

Hamed Abdel-Samad bezeichnete 2013 den Islamismus als „islamischen Faschismus“. Nach seiner Auffassung sei Islamismus keine missbräuchliche, sondern eine konsequente politische Umsetzung des Islams. Er kritisiert die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen im Koran, sieht darin eine mögliche Herabsetzung und Legitimierung von Gewalt gegen Nichtgläubige und bezeichnet Mohammed als „Massenmörder“. Zugleich betont er, dass die meisten Muslime friedlich seien. Wegen seiner Kritik wurde er wiederholt mit dem Tod bedroht. Außerdem wirft er Politikern vor, aus Angst oder wirtschaftlichen und politischen Interessen eine Appeasement-Politik gegenüber dem Islam zu betreiben.

Das „Manifest der 12“ wurde am 1. März 2006 als Reaktion auf die Kontroverse um Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Die überwiegend aus dem islamischen Kulturkreis stammenden Unterzeichner, darunter Salman Rushdie, Chahla Chafiq und Mehdi Mozaffari, bezeichneten den politischen Islam als „neue weltweite totalitäre Bedrohung“ und forderten Widerstand gegen religiösen Totalitarismus sowie Freiheit, Gleichheit und Laizismus.

Auf der Konferenz islamkritischer Muslime in St. Petersburg (Florida) am 4. und 5. März 2007 wurde die „St. Petersburg Declaration“ verabschiedet. Sie fordert unter anderem die Trennung von Staat und Religion, universelle Menschenrechte, die Abschaffung der Scharia und islamischer Tötungsstrafen sowie körperlicher Verstümmelungspraktiken und die völlige Gleichberechtigung der Frau.

Kritik des politischen Islam

Neben der allgemeinen Religionskritik entwickelte sich eine teilweise eigenständige, teilweise damit verbundene Kritik des Politischen Islam. Im Mittelpunkt stehen insbesondere extremistische Formen des Islams und politische Bestrebungen, religiöse Normen zur Grundlage staatlicher Ordnung zu machen.

Die begrifflichen Anfänge reichen in die 1960er Jahre zurück; in den 1990er Jahren wurde um geeignete Begriffe gerungen. Seit Mitte der 2010er Jahre wird diese Kritik im deutschsprachigen Raum stärker öffentlich diskutiert, sowohl von liberalen Muslimen als auch aus der politischen Mitte. Ihr Ziel ist unter anderem, Integrationshemmnisse in postmigrantischen Gesellschaften zu überwinden und liberalen islamischen Kräften mehr Raum zu geben.

Dabei wird häufig zwischen Islam und Islamismus unterschieden. Eine fehlende Unterscheidung kann dazu führen, Muslime pauschal mit Extremismus und Terrorismus zu verbinden und sie kollektiv zu einem Feindbild zu machen. Umgekehrt wird kritisiert, dass Kritik an politischen oder religiösen Grundlagen des Islams zu schnell als Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zurückgewiesen wird.

Reaktionen und Kontroversen

Liberale Muslime erkennen an, dass terroristische Gewalt teilweise durch Positionen innerhalb islamischer Theologie legitimiert werde. Ahmad Mansour fordert deshalb eine offene Auseinandersetzung mit tradierten und veralteten Inhalten, die Radikalisierung begünstigen könnten. Aiman Mazyek weist dagegen einen grundsätzlichen Misstrauensdiskurs zurück. Der Islam sei nicht Integrationshindernis, sondern könne Teil der Lösung sein. Mustafa Akyol stellte sich nach der Regensburger Rede auf die Seite Benedikts XVI. und kritisierte, in der islamischen Welt werde zu wenig über Dschihad und Gewaltbereitschaft gesprochen. Lamya Kaddor warf manchen Islamkritikern vor, persönliche Erfahrungen und Traumata unzulässig auf den Islam insgesamt zu übertragen.

Nichtmuslimische Kritiker wie Thomas Bauer betonen, dass die heutigen Erscheinungsformen des Islams bereits durch die Begegnung mit Europa „verwestlicht“ seien. Der klassische Islam sei, so Bauer, durch hohe Ambiguitätstoleranz und das Zusammenleben verschiedener religiöser Gruppen geprägt gewesen. Die moderne, auch islamische Fixierung auf eine einzige Wahrheit habe sich dagegen am westlichen Modell der Ambiguitätsintoleranz entwickelt. Beispielsweise sei die heutige Homosexuellenfeindlichkeit in islamischen Gesellschaften eher „viktorianisch“ als ursprünglich islamisch.

Von linker, liberaler und wissenschaftlicher Seite wird kritisiert, dass Rechtsextreme, Rechtskonservative und die Neue Rechte Islamkritik propagandistisch vereinnahmen könnten. Sachliche Kritik werde dann mit rassistischer Propaganda vermischt und gegen Muslime allgemein gerichtet. Arzu Toker und Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime distanzierten sich deshalb von rechten Islamkritikern und bekannten sich zu humanistischen Werten. Auch die Gleichsetzung des Islams mit Islamismus sowie die Einordnung vorislamischer Bräuche wie weiblicher Genitalverstümmelung oder sogenannter Ehrenmorde als genuin islamische Phänomene werden kritisiert.

Patrick Bahners warnt davor, Kritik an Islamkritik als Zensurversuch darzustellen. Er kritisiert schablonenhafte Darstellungen, die friedliches Verhalten von Muslimen als Beweis für Täuschung durch Taqīya umdeuten. Vorwürfe einer „schleichenden Islamisierung“ werden von anderen mit Verschwörungstheorien und rechtsextremen Konzepten der „Überfremdung“ verglichen. Chaim Noll hält Islamkritik dagegen für notwendig, um geistige Freiheit in Europa zu bewahren.

Aus diskurstheoretischer Sicht betont Jürgen Link, dass der Islam historisch pluralisiert wurde und sich unter modernen Bedingungen ebenso wie andere Religionen entdogmatisieren könne. Er sieht ein Haupthindernis in militärischen Interventionen westlicher Mächte, die Dschihadisten einen Vorwand für Gewalt lieferten. Diese Erklärung wird zugleich kritisiert, weil sie bereits vor westlichen Interventionen vorhandene religiöse Konflikte unterschätze und die Vorstellung eines ständig angegriffenen Islams verstärken könne.

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