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Investitionsstau
Ein Investitionsstau liegt vor, wenn anstehende fällige Investitionen durch den Investor unterlassen werden. Inhaltsverzeichnis. 1 Allgemeines; 2 Ursachen …
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Begriff und Bedeutung
Ein Investitionsstau liegt vor, wenn anstehende und fällige Investitionen vom Investor unterlassen werden. Als Investoren kommen Privathaushalte, Unternehmen und der Staat einschließlich seiner Staatsunternehmen infrage. Betroffen sein können Erweiterungsinvestitionen, Ersatzinvestitionen und Rationalisierungsinvestitionen. Bei Unternehmen zählen außerdem immaterielle Investitionen wie Forschung und Entwicklung dazu.
Investitionen sind für das Wirtschafts- und Unternehmenswachstum besonders wichtig, weil sich Wachstum in neuen Anlagen, Kapazitäten und Entwicklungen konkretisiert. Sie stehen außerdem im Zusammenhang mit der Abschreibungspolitik. Ein Investitionsstau kann daher auf Schwächen beim nachhaltigen Wachstum hinweisen.
Der Begriff ist eine Metapher aus dem Verkehr. In der Praxis ist oft schwer festzustellen, wann eine Investition zwingend vorgenommen werden muss und nicht mehr aufgeschoben werden kann. Am klarsten zeigt sich dies bei Ersatzinvestitionen: Ist eine Maschine abgenutzt oder funktionsuntüchtig, muss sie zur Vermeidung von Betriebsstörungen oder Fehlmengen ersetzt werden. Unterbleibt dies, liegt ein Investitionsstau vor.
Bei Erweiterungsinvestitionen ist ein Stau schwerer festzustellen. Werden sie nicht durchgeführt, kann die Nachfrage möglicherweise nicht mehr vollständig bedient werden; es entstehen Fehlmengen. Ausbleibende Rationalisierungsinvestitionen zeigen sich etwa durch höhere Wartungs- oder Personalkosten oder steigende Ausfallraten. Ein Modernisierungsstau bedeutet, dass mögliche Modernisierungen ausbleiben; ein Sanierungsstau bezeichnet das Unterlassen notwendiger Sanierungen.
Nach der klassischen Bilanztheorie müssen grundsätzlich Investitionen in Höhe der Abschreibungen vorgenommen werden, wenn die Substanz erhalten bleiben soll. Liegen die Investitionen darunter, spricht man von Desinvestition. Zur Aufrechterhaltung der Produktionsfähigkeit müssen mindestens die erforderlichen Ersatzinvestitionen getätigt werden. Sind Desinvestitionen nicht beabsichtigt, müssen notwendige Investitionen später nachgeholt werden.
Ursachen des Investitionsstaus
Ein Investitionsstau kann auf fehlende Investitionsentscheidungen, ein ungünstiges Investitionsklima oder eine fehlende beziehungsweise unzureichende Finanzierung zurückgehen. Die Finanzierung ist häufig ein Engpass, wenn Eigenkapital oder Fremdkapital nicht oder nicht in ausreichendem Umfang verfügbar ist und die Investitionsausgaben nicht deckt. Das daraus entstehende Finanzrisiko hemmt die Investitionstätigkeit.
Investitionsentscheidungen werden auch deshalb nicht getroffen, weil der Entscheidungsträger nicht erkennt, dass eine Entscheidung ansteht, oder weil noch entscheidungsrelevante Informationen gesammelt werden. Das Investitionsklima umfasst die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, darunter Absatzplanung und Absatzrisiko, Konjunkturlage, Kreditklemme, Lagerrisiko, Steuerpolitik und Zinsniveau.
Zusätzlich können gesetzliche Rahmenbedingungen Investitionen verzögern oder verhindern. Das gilt insbesondere, wenn Gesetze oder Verwaltungsvorschriften eine staatliche Erlaubnis verlangen, etwa eine Baugenehmigung.
Folgen für Unternehmen und Privatwirtschaft
Die Investitionsneigung von Unternehmen hängt stark von der Konjunktur ab. Bei einer beginnenden Rezession werden geplante Investitionen häufig zurückgestellt oder ganz unterlassen. Bei einem absehbaren Aufschwung oder einer Expansion werden Investitionen dagegen teilweise vorgezogen. Eine höhere Investitionsneigung wirkt expansiv auf das Volkseinkommen.
Besonders bedeutsam ist ein Investitionsstau bei Forschung und Entwicklung. Wenn technischer Fortschritt nur von der Konkurrenz genutzt wird, sinkt die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Mögliche Folgen sind ein geringeres Absatzvolumen, sinkende Marktanteile und eine Behinderung des Ziels der Gewinnmaximierung. Langfristig können Produktinnovationen fehlen.
Bei der Unternehmensbewertung spielen die Einzahlungsüberschüsse eine zentrale Rolle. Im Substanzwertverfahren führt ein Investitionsstau über die niedrigeren Buchwerte der Anlagen automatisch zu einem niedrigeren Unternehmenswert. Beim Ertragswertverfahren muss dagegen geprüft werden, ob der Gewinn durch den Verzicht auf notwendige Investitionen zu hoch ausgewiesen wird. Ein deutlich von 1 abweichendes Marktwert-Buchwert-Verhältnis kann ein Hinweis auf einen Investitionsstau sein.
Staatliche Investitionen und Deutschland
Im Rahmen der Wirtschaftspolitik sollte der Staat antizyklisch investieren. Investive Staatsausgaben, zum Beispiel für Infrastruktur, Straßenbau und sozialen Wohnungsbau, sollten bevorzugt in einer Rezession vorgenommen werden. Hohe Staatsverschuldung begrenzt jedoch die Finanzierungsmöglichkeiten. Im Rahmen einer Austeritätspolitik können Staatsinvestitionen zurückgehen, insbesondere wenn negative Primärsalden unerwünscht sind. Eine mögliche Folge ist eine marode oder baufällige Infrastruktur.
Für Deutschland wird spätestens seit Beginn der 2000er Jahre ein großflächiger Investitionsstau im öffentlichen Sektor festgestellt. Die Bruttoinvestitionen von Bund, Ländern und Gemeinden lagen seit 2001 auf einem niedrigen Niveau von gut zwei Prozent. Der Anteil der investiven Ausgaben am deutschen Bruttoinlandsprodukt sank von 2,5 % im Jahr 1996 auf 2,12 % im Jahr 2016. Die OECD-Mitgliedstaaten wendeten im Durchschnitt mehr als 3 % für Investitionen auf. Deutschlandweit wurde der Investitionsstau auf 1,4 Billionen Euro geschätzt.
Auf kommunaler Ebene betrug der Investitionsstau 2018 158,8 Mrd. Euro. 2019 sank er auf 138,4 Mrd. Euro; davon entfielen 42,8 Mrd. Euro auf Schulen, 36,1 Mrd. Euro auf Straßen und 14 Mrd. Euro auf Verwaltungsgebäude. Nach dem KfW-Kommunalpanel stellte der Deutsche Städte- und Gemeindebund einen kommunalen Investitionsrückstand von 149 Mrd. Euro für 2021 und 186 Mrd. Euro für 2024 fest. Für 2024 wurden 54,8 Mrd. Euro bei Schulen, 48,3 Mrd. Euro bei Straßen, 18,8 Mrd. Euro bei Verwaltungsgebäuden und 12,7 Mrd. Euro im Bereich Kinderbetreuung, insbesondere Kindertagesstätten, ausgewiesen.
Bei der Deutschen Bahn wurde der Investitionsstau 2019 mit 57 Mrd. Euro angegeben: 50 Mrd. Euro entfielen auf das Netz und 7 Mrd. Euro auf Bahnhöfe. Für 2023 wurde ein Gesamt-Investitionsrückstand von mehr als 80 Mrd. Euro genannt.
Beispiele in Deutschland sind der Fehmarnbelttunnel und die Rheinbrücke Leverkusen. Das dänische Parlament genehmigte den Tunnelbau am 28. April 2015, während die deutsche Baugenehmigung erst am 3. November 2020 erteilt wurde. Dies wird als Investitionsstau bei einer Erweiterungsinvestition eingeordnet. Bei der Rheinbrücke Leverkusen führten seit November 2012 bekannte Schäden und fehlende Haushaltsmittel dazu, dass ein Neubau erforderlich wurde.
Gesamtwirtschaftliche und zentral gesteuerte Investitionen
In einer Marktwirtschaft kann aus bilanztheoretischer Sicht ein gesamtwirtschaftlicher Investitionsstau entstehen, wenn administrierte Höchstpreise unter den Marktpreisen liegen. Dann ist die Produktion bestimmter Güter oder Dienstleistungen nicht mehr lohnend, sodass weniger in die dafür benötigten Anlagen investiert wird. Vorhandene Kapazitäten werden weiter genutzt, verfallen aber mangels Ersatzinvestitionen.
Ein Beispiel sind Wohnungsmärkte, auf denen Mietpreise künstlich niedrig festgelegt wurden. Dadurch gingen Wohnungsbauinvestitionen zurück, obwohl dies politisch nicht beabsichtigt war. Nach Peter Bofinger können „konjunkturgerechte Wachstumsprogramme“ zur Überwindung von Investitionsstaus beitragen. Auch der dauerhaft starke Exportüberschuss der deutschen Wirtschaft kann als Investitionsstau im Inland interpretiert werden.
In Zentralplanwirtschaften werden neben den Preisen auch das Investitionsvolumen und die Verwendung der wirtschaftlichen Produktion zentral gesteuert. In sozialistischen Staaten kann ein hoher Investitionsstau entstehen, wenn ein relativ hohes Konsumniveau durch eine Verringerung der Investitionen ermöglicht wird. In der DDR stieg der Anteil der Konsumtion am Nationaleinkommen von 71,0 % im Jahr 1970 auf 78,5 % im Jahr 1987. Gleichzeitig sank der Anteil der Nettoinvestitionen am im Inland verwendeten Nationaleinkommen von 24,6 % auf 18,8 %. Dies verschlechterte den Zustand der Infrastruktur und führte zu einem Zurückbleiben gegenüber dem internationalen Niveau.
Künstlich niedrige Mieten führten in der DDR nicht automatisch zu geringeren Wohnungsbauinvestitionen, weil das Investitionsvolumen zentral festgelegt wurde. Die staatliche Investitionskraft war jedoch insgesamt begrenzt, weshalb etwa die Sanierung von Altbauten häufig zurückgestellt wurde. Investitionsstaus können daher unterschiedliche und komplexe Ursachen haben.
Investitions- und Forschungsquoten
Die Investitionsquote ist ein Indiz für die Investitionsfreudigkeit der Wirtschaftssubjekte. Dazu werden die Bruttoanlageinvestitionen dem Bruttoinlandsprodukt oder dem Volkseinkommen gegenübergestellt. Eine langfristig niedrigere Investitionsquote kann dazu führen, dass Staaten oder Unternehmen den Anschluss an die internationale Entwicklung verlieren.
Bei den staatlichen beziehungsweise gesamtwirtschaftlichen Investitionsquoten lag 2016 Irland mit 35,7 % vorn, gefolgt von der Türkei mit 29,3 %, Norwegen mit 25,3 % und Tschechien mit 24,9 %. Deutschland erreichte 20,9 % und lag damit knapp über dem EU-28-Median von 19,9 %. Die Nettoinvestitionsquote der Unternehmen sank von 9,2 % im Jahr 1992 kontinuierlich auf 2,6 % im Jahr 2017.
Die Gesamtinvestitionsquote kann in eine Staatsinvestitionsquote und eine Unternehmensinvestitionsquote unterteilt werden. Nach Destatis sank in Deutschland die Investitionsquote des Staates von 3,1 % im Jahr 1991 auf 2,6 % im Jahr 2023. Die Investitionsquote der nichtstaatlichen Sektoren fiel im selben Vergleich von 21,8 % auf 19,3 %. Insgesamt ging die Quote von 24,9 % auf 21,9 % zurück.
Für Forschung und Entwicklung wird die Forschungsquote verwendet, also das Verhältnis der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen zum Bruttoinlandsprodukt. 2016 führte Südkorea mit 4,23 %, vor Japan mit 3,29 %, Schweden mit 3,25 %, Österreich mit 3,09 %, Deutschland mit 2,94 %, Dänemark mit 2,87 % und den USA mit 2,79 %. Für Deutschland weist das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2022 eine Forschungsquote von 3,07 % aus; 2012 waren es 2,82 %. Für die vergangenen zehn Jahre wird eine ungefähr konstante Quote festgestellt. Österreich erreichte rund 3,2 % im Jahr 2023 und circa 3,34 % im Jahr 2024.