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Inventur (Günter Eich)
Inventur ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers Günter Eich. Es entstand, ausgehend von Eichs Erfahrungen in einem Kriegsgefangenenlager, zwischen 1945 und …
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Gegenstand und Bedeutung
„Inventur“ ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers Günter Eich. Es entstand vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Kriegsgefangener zwischen 1945 und 1946, wurde 1947 erstmals veröffentlicht und 1948 in Eichs Gedichtsammlung „Abgelegene Gehöfte“ aufgenommen. Das Gedicht beschreibt die unmittelbare Nachkriegszeit aus der Perspektive eines Menschen, der nur wenige persönliche Gegenstände besitzt.
Das lyrische Ich zählt seine Habe mit einfachen, sachlichen Worten auf. Eine Mütze, ein Mantel, Rasierzeug, eine Konservenbüchse, ein Brotbeutel und weitere Gebrauchsgegenstände erhalten dadurch eine besondere, geradezu kostbare Bedeutung. Sein wertvollster Besitz ist eine Bleistiftmine, mit der es die nachts erdachten Verse aufschreibt. Die Inventur ist deshalb nicht nur eine Aufzählung von Gegenständen, sondern auch eine Bestandsaufnahme dessen, was dem Menschen nach Krieg, Gefangenschaft und sozialer Zerstörung geblieben ist.
Der realistische Inhalt und die lakonische, karge Sprache machten „Inventur“ zu einem besonders bekannten Gedicht der Kahlschlags- beziehungsweise Trümmerliteratur. Es gilt als eines der wichtigsten deutschen Nachkriegsgedichte und wird häufig mit der sogenannten „Stunde Null“ verbunden.
Inhalt und Gegenstände
Das Gedicht beginnt mit einer demonstrativen Aufzählung: „Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen.“ Das lyrische Ich zeigt seine wenigen Besitztümer gleichsam vor und bezeichnet sie durch das Possessivpronomen „mein“ als Teil seiner persönlichen Identität.
Zu den weiteren Gegenständen gehört eine Konservenbüchse. Sie dient zugleich als Teller und als Becher. Mit einem „kostbaren“ Nagel hat das lyrische Ich seinen Namen in die Büchse geritzt. Der Gegenstand ist damit nicht nur nützlich, sondern auch persönlich markiert.
Im Brotbeutel liegen Socken und „einiges, was ich / niemand verrate“. Der Beutel erfüllt außerdem die Funktion eines Kopfkissens. In der ursprünglich veröffentlichten Fassung lautete Vers 17 „so dient er als Kissen“; bereits in „Abgelegene Gehöfte“ wurde daraus „so dient es als Kissen“. Dadurch wird der Bezug auf den Brotbeutel durch den unbestimmteren Hinweis auf den geheim gehaltenen Inhalt ersetzt.
Die stärkste persönliche Wertung erhält die Bleistiftmine. Das lyrische Ich erklärt, sie am meisten zu lieben: „Tags schreibt sie mir Verse, / die nachts ich erdacht.“ Das Schreiben verbindet die Nacht, in der die Verse entstehen, mit dem Tag, an dem sie niedergeschrieben werden. Am Ende folgen weitere Gegenstände wie Notizbuch und Zeltbahn sowie die Feststellungen: „dies ist mein Handtuch, / dies ist mein Zwirn.“
Aufbau und Sprache
„Inventur“ besteht aus sieben Strophen mit jeweils vier Versen, insgesamt also 28 Versen. Das Gedicht besitzt kein festes Versmaß und keinen Reim. Die häufigen Enjambements, also Zeilensprünge, lassen die Verse offen ineinander übergehen. Die Sätze sind parataktisch gereiht; Parataxe bezeichnet die Aneinanderreihung gleichgeordneter Satzteile oder Sätze.
Die Sprache ist lakonisch und konzentriert. Sie verwendet kaum rhetorische Stilmittel und keine Metaphern. Im Mittelpunkt stehen Substantive, die nur selten durch Adjektive näher bestimmt werden. Die Verben benennen meist die praktische Funktion der Gegenstände. Aus dieser sprachlichen Kargheit fällt der Superlativ „am meisten“ in Vers 22 besonders auf, weil er erstmals eine deutliche Gefühlsäußerung enthält.
Das lyrische Ich bleibt hinsichtlich seines Alters und seiner Herkunft unbestimmt. Seine Lebenssituation wird nur mittelbar durch die aufgezählten Gegenstände sichtbar. Das Demonstrativpronomen „dies“, teilweise als Anapher wiederholt, und das Adverb „hier“ machen aus der bloßen Liste ein Vorzeigen der Habe.
Hans Helmut Hiebel betont, dass das Gedicht trotz fehlender regelmäßiger Metrik nicht prosaisch wirke. Die kurzen Zeilen erzeugten einen Rhythmus; jeder Vers bestehe aus zwei Hebungen, die in einem Trochäus, Jambus oder Daktylus angeordnet sein könnten. Syntaktische Parallelen sorgten für einen einheitlichen Klang und gleichförmige Satzbildungen für einen „grammatischen Reim“. Hiebel verglich die Satzmelodien mit denen Ernest Hemingways.
Jürgen Zenke beschreibt eine Dreiteilung: Die erste Strophe führt das Thema der Inventur ein, die fünf Binnenstrophen gestalten es aus, und die Schlussstrophe greift Thema und Form der ersten Strophe als Reprise wieder auf. Die vierte Strophe bildet den Kulminationspunkt. Dort geht es nicht um offen gezeigte Dinge, sondern um Verborgenes. Bis zu dieser Mitte verschleift sich die Zeilenstruktur durch Enjambements, während sich die Struktur danach wieder festigt. Auch Vokalfarbe und Klang verändern sich. In der zweiten und dritten Strophe erkennt Zenke e-Häufungen bei der blechernen Dose und i-Häufungen beim Eingravieren des Namens. Das Gedicht steigere sich bis zur Mitte in einem sprachrhythmischen Crescendo und klinge anschließend in einem Decrescendo ab. Von den 28 Versen beginnen genau 14 auftaktlos mit einer Hebung; sieben davon stehen in den beiden Eckstrophen, die übrigen sieben in den Binnenstrophen, wo besonders das Schreiben gestaltet wird.
Zentrale Deutungen
Jürgen Zenke fasst den Inhalt in dem Satz zusammen: „Ein Kriegsgefangener benennt seine kostbaren Habseligkeiten.“ Die alltäglichen Dinge erhalten eine existenzielle Bedeutung. Nach Hans-Ulrich Treichel bilden sie nicht nur die Lebenswirklichkeit des Gefangenen, sondern auch eine Gegenwelt zu den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Das Individuum zieht sich von den überwältigenden Fragen nach Schuld und Unschuld, Tätern und Opfern sowie der eigenen Verstrickung in die Geschichte auf das unmittelbar Verfügbare zurück.
Hans Helmut Hiebel deutet den geringen Besitz als Folge des Zerfalls der nationalsozialistischen Gesellschaft und der Zerstörung sozialer Bindungen. Der Einzelne ist vereinzelt und auf sich selbst zurückgeworfen. Auffällig ist das Fehlen von Erinnerungsstücken, Fotos und anderen Zeichen sozialer Beziehungen. Die Gegenstände werden vor allem nach ihrem funktionalen Nutzen bestimmt und ermöglichen eine gewisse Autarkie. Weil sie als kostbar erscheinen, werden sie mit dem eigenen Namen gegen Diebstahl und die „begehrlichen Augen“ anderer geschützt. Lebensmittel werden nur indirekt sichtbar: Der Brotbeutel enthält keine Nahrung, sondern Socken.
Die Bleistiftmine macht aus dem allgemein gehaltenen Heimkehrer ein individuelles Ich. Durch die Liebe zu ihr und durch das Schreiben gewinnt der Mensch eine eigene charakteristische Stimme. Die „Verse“ thematisieren zugleich den Vorgang, durch den das Gedicht selbst entsteht. Ina Hartwig versteht dies als Versuch, unter minimalen Bedingungen das Eigene zu bewahren. In der materiellen und moralischen Niederlage stellt das Ich fest, dass es noch existiert, denkt, schreibt und das Schreiben liebt. Sie spricht von der „Rückeroberung einer unverlorenen Subjektivität“.
Gerhard Kaiser hebt hervor, dass im Gedicht ein „Du“ fehlt. Das Ich grenzt sich gegen ein feindliches Außen ab; neben der ersten Person erscheint als einziges weiteres Pronomen „niemand“. Auch die Natur wird nur einmal genannt, in dem ungastlichen Wort „Erde“, gegen die eine Pappunterlage schützen soll. Zugleich zeigt und verbirgt sich das Ich: Der Inhalt des Brotbeutels bleibt geheim. Kaiser deutet die Namensmarkierung, die schützende Pappe und die selbstständig schreibende Bleistiftmine als Bilder der Dichtung und der Sprache. Das letzte Wort „Zwirn“ kann dabei für das schreibende Zusammennähen der Wirklichkeit stehen: Aus dem Chaos wird eine Ordnung, auf deren Grundlage eine zukünftige Welt vorstellbar wird.
Rolf Selbmann zufolge schreibt sich das Ich den Gegenständen am Ende ein. Zunächst bestimmen die Dinge das Ich; durch den schöpferischen Vorgang des Schreibens werden sie anschließend zu Produkten des Ichs. Der Titel verweist auf die kaufmännische Bestandsaufnahme und damit nicht auf einen völlig leeren Anfang, sondern auf die Sichtung dessen, was noch vorhanden ist. Aus offen gezeigten und verborgenen Dingen entsteht ein neuer Selbstentwurf.
Entstehung und Wirkung
Günter Eich war von April bis Sommer 1945 als Soldat der deutschen Wehrmacht im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Goldene Meile bei Sinzig und Remagen interniert. Dort liegt der Ursprung mehrerer Gedichte über Kriegsgefangenschaft und Lageraufenthalt. Der genaue Entstehungszeitpunkt von „Inventur“ ist unbekannt. Während die Forschung zunächst von einer direkten Entstehung im Lager ausging, datierte Axel Vieregg die „Lyrik der Kriegsgefangenschaft“ bei der Herausgabe der „Gesammelten Werke“ 1991 vorsichtiger auf „1945/46“.
Die erste Veröffentlichung erfolgte 1947 in Hans Werner Richters Anthologie „Deine Söhne, Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener“. 1948 erschien das Gedicht in Eichs „Abgelegenen Gehöften“. Mehrere Untersuchungen weisen auf eine formale und inhaltliche Ähnlichkeit mit Richard Weiners Gedicht „Jean Baptiste Chardin“ hin, dessen deutsche Übertragung von 1916 ebenfalls mit einer Aufzählung von Besitz beginnt. Umstritten bleibt, ob Eich dieses frühere Gedicht kannte; Eich selbst bestritt dies. Die Ähnlichkeit wird jedoch nicht als Beeinträchtigung von Eichs Leistung bewertet, da „Inventur“ eine besondere existenzielle Selbstbehauptung gestaltet.
In der Rezeption gilt das Gedicht als eines der bedeutendsten, teilweise als das bedeutendste Werk der unmittelbaren Nachkriegsliteratur. Es wurde als Gedicht der „Stunde Null“ und als „poetologisches Gedicht“ bezeichnet, also als ein Gedicht, das zugleich über die Bedingungen und Möglichkeiten von Dichtung nachdenkt. Es gilt als klassisches Beispiel der Kahlschlags- oder Trümmerliteratur, wurde vielfach in Schulbüchern gedruckt und im Unterricht behandelt. 1962 stellte Hans Werner Richter die Verse an den Anfang des Almanachs zum 15-jährigen Bestehen der Gruppe 47. Obwohl sich Eichs Lyrik ab 1950 zu einer vielschichtigeren modernen Naturlyrik entwickelte, blieb „Inventur“ sein bekanntestes Gedicht. Es wurde später unter anderem von Kurt Drawert und Michael Bauer adaptiert; 1989 entstand in Philadelphia außerdem ein modernes Tanzstück nach dem Gedicht.