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Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein

Sie will das Krishna-Bewusstsein in den christlich dominierten Ländern verbreiten und gehört zur Brahma-Madhva-Gaudiya-Sampradaya, auch als Gaudiya-Vaishnava- …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entstehung
  2. 2. Glaube und religiöse Praxis
  3. 3. Regeln und Gemeinschaftsleben
  4. 4. Organisation und Einrichtungen
  5. 5. Kontroversen und Kritik

Gegenstand und Entstehung

Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON; englisch: International Society for Krishna-Consciousness), im Westen meist Hare-Krishna-Bewegung genannt, ist eine 1966 von Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupada gegründete religiöse Organisation. Sie gehört zur Brahma-Madhva-Gaudiya-Sampradaya, auch Gaudiya-Vaishnava-Glaubensschule genannt. Ihr Ziel ist es, das Krishna-Bewusstsein besonders in christlich geprägten Ländern zu verbreiten. Der Hauptsitz liegt in Mayapur im indischen Bundesstaat Westbengalen. Die ISKCON wird teilweise als Neue Religiöse Bewegung eingeordnet.

Ihre geistigen Wurzeln liegen in der von Chaitanya um 1500 in Bengalen erneuerten Verehrung Krishnas als höchsten Gott. Chaitanya wandte sich gegen die Begrenzung religiöser Frömmigkeit auf bestimmte Kasten oder Religionsgruppen und bezog Menschen unterschiedlicher Herkunft ein. Kennzeichnend war das ekstatische gemeinsame Singen des Hare-Krishna-Mantras, des sogenannten Sankirtan:

„Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare.“

Hare ist der Vokativ von „Harā“ und bezeichnet Gottes Energie beziehungsweise Radha, Krishnas Gefährtin. Rama bedeutet wörtlich „Freude“ und bezeichnet den siebenten Avatar Vishnus. Krishna ist eine hinduistische Gottheit; sein Name bedeutet unter anderem „der Allanziehende“. Nach dem Brhan-naradiya Purana gibt es im Kali-Yuga, dem vierten Weltzeitalter des Streites und der Heuchelei, keinen besseren Weg zur Erlösung als das Singen dieses Mantras. Chaitanya wird von seinen Anhängern als gemeinsamer Avatar Radhas und Krishnas verehrt.

Im 19. Jahrhundert reagierten einige hinduistische Strömungen auf das missionarische und Exklusivität beanspruchende Christentum der britischen Kolonialherren. Die Bhagavad Gita sollte als „Bibel des Hinduismus“ etabliert und eine weltweit missionierende Krishna-Religion geschaffen werden. Bhaktivinoda Thakura verglich Chaitanya mit Jesus Christus und bezeichnete ihn als „Heiland des Ostens“. Sein Sohn Bhaktisiddhanta Saraswati gründete den Orden Gaudiya Math mit dem Ziel, die Krishna-Religion weltweit zu verbreiten.

A. C. Bhaktivedanta Prabhupada reiste 1965 in die Vereinigten Staaten und gründete 1966 in New York die ISKCON. In Kalifornien stieß seine Botschaft besonders bei Aussteigern, Esoterikern und Hippies auf Interesse. Von den USA aus verbreitete sich die Organisation als Großstadt-Religion weltweit. 1969 entstand in Hamburg der erste deutsche Hare-Krishna-Tempel. Nach Prabhupadas Tod 1977 wurde die Bewegung zunächst von elf, später von weiteren Nachfolgern geleitet.

Glaube und religiöse Praxis

Im Mittelpunkt steht die Vorstellung, dass das individuelle Selbst, der Atman, in einer Beziehung liebender Hingabe zu Vishnu beziehungsweise Krishna steht. Diese Beziehung wird Bhakti-Yoga genannt. In der Gaudiya-Vaishnava-Lehre kann sie sich in fünf Formen, den rasas, ausdrücken: als neutrale Haltung, Dienertum, Freundschaft, elterliche Fürsorge und eheliche Liebe.

Der Atman soll seine noch nicht offenbarte ursprüngliche Beziehung zu Krishna, die svarupa, wiederfinden. Dazu folgt der Gläubige dem Weg eines reinen Krishna-Geweihten und dient ihm ergeben. Bei entsprechender Qualifikation offenbart Krishna der Seele ihre ursprüngliche Stellung. Prabhupada übersetzte das Sanskritwort bhakti in seiner Bhagavad-gītā, wie sie ist ausdrücklich als „hingebungsvoller Dienst“ und nicht als „Liebe“, um spekulative Deutungen zu vermeiden.

Zu den neun Vorgängen reinen hingebungsvollen Dienens gehören das Hören und Chanten der heiligen Namen, Formen, Eigenschaften und Spiele Vishnus, die Erinnerung daran, Verehrung mit sechzehn Arten von Zubehör, Gebete, der Dienst als Diener, die Betrachtung des Herrn als besten Freund und die völlige Hingabe mit Körper, Geist und Worten. Nach Prabhupadas Erläuterung kann bereits die Haltung, sich immer als ewiger Diener Krishnas zu verstehen, zum vollen Erfolg führen.

Zentrale Glaubensaussagen sind:

  • Es gibt einen persönlichen Gott mit unendlich vielen Namen und Erweiterungen. Sein vertrautester Name ist Krishna.
  • Lebewesen sind winzige Bestandteile Gottes. Ihre Bestimmung besteht darin, ihre Liebe und individuelle Beziehung zu Gott wiederzuerwecken.
  • Gläubige suchen die Begegnung mit Krishna durch Meditation über den Klang seiner Namen.
  • Die Wirkung dieser Meditation soll durch Reinheitsgebote unterstützt werden.

Die wichtigste Gottesdienstform ist das gemeinsame Singen von Sanskrit-Mantras, vor allem des Mahamantras. Vorgeschrieben sind täglich 16 Runden mit je 108 Wiederholungen, insgesamt 1728 Wiederholungen. Gezählt wird mit einer Mala, einer Gebetskette mit 108 Perlen, die gewöhnlich in einem Säckchen aufbewahrt wird.

Der Sankirtan folgt meist dem Prinzip von Ruf und Antwort: Ein Vorsänger singt eine Phrase, die der Chor wiederholt. Typische Instrumente sind Harmonium, Karatala, kleine Zimbeln, und Mridangam, eine längliche zweifellige Trommel. Der Gesang dauert durchschnittlich 1½ bis 2 Stunden. Häufig wird ein mit Lichtern, Blumen, Räucherstäbchen und anderen Gegenständen geschmückter Altar verwendet. Auf ihm stehen Bilder oder Altargestalten, sogenannte Murtis, die Formen Krishnas wie Jagannatha oder Shaligram Shila, gegebenenfalls Radha, Avatare wie Rama oder Narasimha, Chaitanya und seine Gefährten sowie Prabhupada und die Linie der Gurus darstellen. Diese Darstellungen gelten als transzendental und damit als lebendig.

Während des Sankirtan wird vegetarisches Essen dargebracht. Das von Gott angenommene und dadurch geheiligte Essen heißt Prasadam. Nach dem Gottesdienst werden häufig Texte Prabhupadas vorgelesen, etwa Kommentare zur Bhagavad Gita oder zum Bhagavatam, erklärt und diskutiert. Danach können weitere Gesänge oder eine Puja folgen, bevor die Opferspeisen verteilt werden. Auch die Verteilung von Büchern und Zeitschriften gilt als wichtige und wirksame Form der Mission.

Regeln und Gemeinschaftsleben

Die ISKCON unterscheidet grundsätzlich zwischen Ordensmitgliedern und Gemeindemitgliedern. Ordensmitglieder verpflichten sich bei einer Einweihung zu einem spirituellen Mindeststandard. Gemeindemitglieder richten ihren Lebensstil nach ihren Möglichkeiten und persönlichen Neigungen an Empfehlungen der Tradition aus und unterstützen die Organisation nach Kräften.

Ordensleben kann in klosterähnlichen Tempelgemeinschaften oder in der eigenen Wohnung mit der Familie stattfinden. Verheiratete Ordensmitglieder heißen Grihasthas. In Tempeln leben auch Brahmacharis. Mönche, die nach einem strengen Prüfungsverfahren und einer weiteren Einweihung lebenslange Ehelosigkeit geloben, werden Sannyasis genannt. Bei der Einweihung erhalten Mitglieder Ordensnamen; Anwärter heißen vor ihrem Vornamen Bhakta beziehungsweise Bhaktin. Bhakta bedeutet „hingegebener Diener“.

Die wesentlichen Regeln für Ordensmitglieder sind:

  • täglich 16 Runden beziehungsweise 1728 Wiederholungen des Hare-Krishna-Mantras, möglichst in den Morgenstunden;
  • Beschränkung auf gespendete vegetarische Nahrung;
  • Verzicht auf Rauschmittel, darunter Alkohol, Nikotin, Koffein, anregender Tee und Schokolade;
  • Verzicht auf Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe und ausschließlich zur Zeugung von Kindern, die Krishna-bewusst erzogen werden sollen;
  • Verzicht auf Kapitalspekulation und Glücksspiel.

Die Ernährung soll sich möglichst an den Lehren des Ayurveda orientieren. Ordensmitglieder sollen ihre Zeit dem Ordensdienst widmen und Tätigkeiten vermeiden, die als hinderlich für den Yoga-Prozess gelten. In den zentralen Glaubensaussagen werden außerdem Fleisch-, Fisch- und Eierkonsum sowie Kaffee und Tee abgelehnt. Im Artikel wird zugleich erwähnt, dass Krishna selbst Betel gekaut haben soll.

Etwa 90 % der Mitglieder sind Gemeindemitglieder, die die Tradition individuell leben. Bis in die 1980er Jahre war die ISKCON gegenüber Frauen, Kindern und Familie eher konservativ: Frauen wurde eine häusliche Rolle zugeschrieben, Ehen wurden arrangiert, und Zuneigung galt teilweise als Ausdruck der Anhaftung an die materielle Welt. Nach dem Aufbegehren ehemaliger Gurukula-Schüler begannen seit den 1990er Jahren Reformen; viele davon wurden inzwischen umgesetzt.

Zu den religiösen Zeiten gehören Ekadashi-Fastentage am elften Tag nach Vollmond und nach Neumond. Wichtige Feste sind Gaura Purnima, der Geburtstag Chaitanyas im März, Janmashtami, Krishnas Geburtstag Ende August oder Anfang September, sowie der Geburtstag Prabhupadas am 1. September 1896. In der Öffentlichkeit ist die ISKCON besonders durch Kirtan-Tanzparaden wie die Ratha Yatra bekannt.

Organisation und Einrichtungen

Die Governing Body Commission (GBC) wurde noch zu Prabhupadas Lebzeiten als mehrköpfiges Gremium eingesetzt. Sie bestimmt durch Mehrheitsbeschlüsse die internationale Ausrichtung und Strategien der ISKCON, arbeitet mit Gurus und regionalen Vertretern zusammen, behandelt auf Grundlage der Veden theologische Streitfragen und ist die oberste Instanz der Verwaltung. Nach mehreren Veränderungen entwickelte sich eine weitläufige, zunehmend dezentral organisierte Verwaltungsstruktur.

Tempelgemeinschaften und Gemeindemitglieder veranstalten Feste wie das weltweit zu unterschiedlichen Zeitpunkten gefeierte Ratha Yatra. Bei Harinams singen Ordens- und Gemeindemitglieder in Fußgängerzonen oder ziehen an belebten Orten vorbei, begleitet von Instrumenten und teilweise Lautsprechern. Die Mitgliederfluktuation ist relativ hoch. In Deutschland gab es im 21. Jahrhundert vermutlich nicht mehr Anhänger als in den 1960er und 1970er Jahren. Viele Mitglieder sind heute berufstätig und treten durch missionarische Aktivitäten oder indische Kleidung weniger auffällig in Erscheinung.

Die ISKCON betreibt weltweit ökologische Landwirtschaftsprojekte. In Deutschland besteht seit 1982 im bayerischen Jandelsbrunn eine solche Gemeinschaft mit dem einzigen Narasimha-Tempel Europas. Ein Schwerpunkt ist der Schutz der Kuh: Mutterkuh und Kalb sollen nicht getrennt werden; Kühe und Bullen sollen auch bei Krankheit oder hohem Alter nicht getötet werden. In Großbritannien sorgte im Dezember 2007 der Tod der Kuh Gangotri für Aufmerksamkeit, nachdem die Tierschutzorganisation RSPCA ihr ohne vorherige Information der Farmbetreiber eine tödliche Injektion verabreicht hatte.

Die Organisation arbeitet mit Schulen und Hochschulen zusammen. Vertreter sind unter anderem am Oxford Centre for Hindu Studies und an der Chinese University of Hong Kong tätig. Die University of Wales, Lampeter bietet gemeinsam mit der ISKCON den Studiengang Vaishnava Theology an; die Ausbildung findet am Bhaktivedanta College in den Ardennen in Belgien statt. Die ISKCON betreibt außerdem teilweise staatlich unterstützte Grund- und weiterführende Schulen. Im September 2008 wurde in London die erste staatlich finanzierte Hindu-Schule Großbritanniens unter Führung der ISKCON eröffnet.

Das von Anhängern mit akademischen Abschlüssen gegründete Bhaktivedanta Institute in San Francisco und Mumbai vertritt die vedische Schöpfungslehre auf Grundlage von Intelligent Design. Es veranstaltete internationale Symposien zur Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft und führte 1997 mit dem Birla Institute of Technology and Science, Pilani, den ersten und bis dahin einzigen vollwertigen Masterstudiengang für Bewusstseinsstudien ein.

In Indien beteiligt sich die ISKCON an wohltätigen Projekten, darunter kostenlose Prasadam-Ausgabe in Gefängnissen und Schulen, medizinische Hilfe für Opfer von Naturkatastrophen und kostenlose Kleidung für bedürftige Kinder. Durch ihre weltweite Verbreitung ist sie außerdem eine wichtige Anlaufstelle für hinduistische Auslands-Inder. In Europa gibt es unter anderem Zentren in Zürich, München, Hamburg, Basel, Wien, Großbritannien, Italien und Schweden. In Berlin betreibt die Organisation den Jagannatha-Tempel im Ortsteil Weißensee.

Kontroversen und Kritik

Kritiker behaupteten vor allem in den 1970er Jahren, das lang andauernde monotone Wiederholen des Mantras könne bewusstseinsverändernd wirken. Ähnlich wie bei der Vorbereitung einer Hypnose werde der „wache Teil“ des Bewusstseins eingeschläfert und ein psychedelischer Zustand erzeugt. Meditation könne außerdem missbraucht werden, um Informationen direkt ins Unterbewusstsein zu vermitteln und Bewusstseinskontrolle auszuüben. Viele Religionswissenschaftler und andere Gelehrte bezweifelten jedoch die Vorwürfe der Gehirnwäsche und verteidigten die ISKCON als Vertreterin einer alten religiösen Tradition. Nach einem Artikel des Stern vom September 2006 deuteten neuere Untersuchungen und klinische Tests auf eine stressmildernde und verbessernde Wirkung längerer Mantra-Meditation auf einzelne Gehirnfunktionen hin.

Nach dem schnellen Wachstum durch Jugendliche aus der Aussteiger- und Hippie-Szene wurde die Bewegung in den 1980er Jahren von Sektenbeauftragten als Jugendsekte kritisiert. Vorwürfe waren die gesellschaftliche Isolation in Tempeln, der propagierte Kontaktabbruch zu Ungläubigen und eine angebliche Gehirnwäsche durch ständige Beschäftigung. Die ISKCON gibt an, seit Mitte der 1980er Jahre eine selbstkritische Aufarbeitung ihrer Geschichte eingeleitet zu haben. In den 1990er Jahren befasste sie sich insbesondere mit dem internen Schulwesen, der Stellung der Gurus gegenüber Prabhupada und der Haltung gegenüber der Öffentlichkeit. Sie versteht sich inzwischen als etablierte hinduistische Gemeinschaft und bemüht sich um interreligiösen Dialog. Kritische Beobachter werfen ihr dennoch unter anderem vor, organisierte Kriminalität zur Verbesserung ihrer Finanzen einzusetzen.

In Deutschland wurde die Organisation in den 1970er Jahren wegen aggressiver Bettelei und nicht genehmigter Sammlungen kritisiert. Der Stern berichtete 1977 von hohen täglichen Einnahmen einzelner Mönche und monatlichen Einnahmen der Organisation von bis zu einer Million Mark. Bei einer Durchsuchung von Schloss Rettershof im Taunus am 15. Dezember 1974 wurden über 700.000 Mark sichergestellt und 72 Mönche abgeführt. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sollen durch Sammlungen ohne behördliche Erlaubnis 2,4 Millionen Mark illegal eingenommen worden sein; 14 Beteiligte standen in Frankfurt vor Gericht.

Besonders schwer wiegen Berichte über Kindesmisshandlungen und Kindesmissbrauch in Internaten der Bewegung in Indien und den USA während der 1970er und 1980er Jahre. Kinder lebten teilweise bereits ab dem Alter von vier Jahren in den Internaten und wurden nur selten von ihren Eltern besucht; die Auflösung der Eltern-Kind-Bindung sei beabsichtigt gewesen. 1997 gründete die ISKCON in Alachua, Florida, ein Child Protection Office, das Missbrauchsfälle aufarbeiten, weiteren Missbrauch verhindern und mit Behörden zusammenarbeiten soll.

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