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Informelle Wirtschaft
Als informelle Wirtschaft (auch informeller Sektor oder Schattenwirtschaft) wird jener Teil einer Volkswirtschaft bezeichnet, dessen wirtschaftliche …
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Grundidee und Abgrenzung
Informelle Wirtschaft, auch informeller Sektor oder Schattenwirtschaft genannt, bezeichnet den Teil einer Volkswirtschaft, dessen wirtschaftliche Tätigkeiten nicht in der offiziellen Statistik erfasst sind. In Entwicklungsländern gehören dazu zum Beispiel Herstellung und Verkauf von Produkten auf lokalen Märkten sowie einfache Dienstleistungen. In industrialisierten Ländern wird der informelle Sektor oft als legaler Teil der Schattenwirtschaft von illegaler Schattenwirtschaft wie Schwarzarbeit und Schwarzmarkt abgegrenzt.
Für die Volkswirtschaft ist wichtig, dass die Wertschöpfung dieses Bereichs nicht direkt in das Bruttoinlandsprodukt eingeht. Sie kann das BIP aber indirekt erhöhen, wenn aus informellen Tätigkeiten Umsatzsteigerungen im formellen Sektor entstehen.
Der Artikel weist darauf hin, dass informelle Wirtschaft und Schattenwirtschaft sich thematisch überschneiden und dass einige Angaben nicht ausreichend belegt sind.
Regeln, Legalität und Entstehung
Aus institutionsökonomischer Sicht besteht Wirtschaft aus Regeln. Formelle Regeln sind kodifiziert, also schriftlich festgelegt, öffentlich einsehbar und einklagbar. Informelle Regeln sind nicht kodifiziert; dazu zählen etwa mündliche Vereinbarungen, Tabus oder Riten. Der informelle Sektor ist damit ein wirtschaftlicher Bereich, der nicht durch allgemein gültiges Recht reguliert wird oder teilweise dagegen verstößt.
Informell Tätige zahlen in der Regel keine direkten Steuern oder Abgaben wie Einkommensteuer. Sie können aber indirekte Steuern zahlen, zum Beispiel Umsatzsteuer. Die Entstehung informeller Wirtschaft kann durch staatliches Handeln oder Unterlassen begünstigt werden, etwa durch Duldung oder Förderung von Monopolen, hohe Marktzugangsbarrieren, zu hohe Steuern, mangelnde Rechtssicherheit oder ausufernde Bürokratie.
Nicht jede informelle Tätigkeit ist illegal. Legale wirtschaftliche Tätigkeiten können dort informell geregelt sein, wo das formelle Recht keine Regel vorsieht oder eine allgemeine Regel nicht sinnvoll wäre. Arbeitsverhältnisse enthalten häufig formelle und informelle Bestandteile, etwa gesetzlichen Mindesturlaub und zusätzlich freiwillig gewährte Urlaubstage. Wenn formelle Regeln sinnvoll durch informelle ergänzt werden, spricht der Artikel von institutionellem Gleichgewicht. Illegale Handlungen wie Drogen- oder Waffenhandel verstoßen gegen formelles Recht und sind daher immer informell; die informelle Wirtschaft wird im Artikel jedoch durch legale Handlungen gekennzeichnet.
Arbeitsformen und typische Merkmale
Der informelle Sektor ist schwer genau zu erfassen. Beschäftigte machen bei Umfragen oder Forschungen oft falsche Angaben, um Konsequenzen oder Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Außerdem gibt es Überschneidungen zwischen formeller und informeller Wirtschaft.
Informelle Beschäftigungen sind sehr unterschiedlich. Genannt werden einfache Dienstleistungen wie Schuhputzer, Eisverkäufer oder Scheibenputzer an Ampeln, urbane Überlebenskünstler, Hausangestellte, Heimarbeiter und Mikrounternehmer mit weniger als fünf Mitarbeitern. Viele Beschäftigte gehören zur Unterschicht, aber auch Angehörige der Mittelschicht arbeiten informell, neuerdings etwa in Teilen der IT- oder Medienbranche.
Typische Merkmale informeller Arbeitsverhältnisse sind: kaum Trennung von Arbeit und Kapital, verbreitete Selbständigkeit und Arbeit auf eigene Rechnung; keine eigene Rechtspersönlichkeit des Unternehmens, weil Eigentümer private Haushalte oder Privatpersonen sind; meist mündliche und sehr kurzfristige Arbeitsverträge; weitgehender Entzug staatlicher Kontrolle; kaum Anwendung von Arbeitsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz oder Mindestlöhnen; kaum Sozialversicherung wie Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- oder Unfallversicherung; niedrige Organisationsebene und kleine Produktionseinheiten; häufige Beschäftigung von Familienmitgliedern.
Nicht jede informelle Arbeit ist illegale Arbeit. Auch verwandtschaftliche Haushaltshilfen oder Ehrenämter können praktisch zum informellen Sektor gezählt werden. Solche Tätigkeiten lassen sich aber oft nicht gut beziffern und folgen anderen gesellschaftlichen Regeln. Der Artikel stellt deshalb infrage, ob sie immer rein ökonomisch bewertet werden sollten.
Folgen für Menschen und Volkswirtschaft
Für viele Betroffene verschärft informelle Arbeit soziale Unsicherheit. Ein großer Teil der informell Tätigen gehört zur Unterschicht. Unsichere Einkommen, fehlende soziale Versicherungssysteme und niedrige Löhne können prekäre Lebenslagen verfestigen. Schlechte Wohnsituationen sowie unerschwingliche Gesundheits- und Bildungssysteme betreffen dabei nicht nur die Arbeitenden selbst, sondern auch die nächste Generation.
Ökonomisch besonders wichtig ist die Unsicherheit, weil informelle Tätigkeiten nicht durch formelles Recht abgesichert sind. Das kann dazu führen, dass Menschen weniger investieren, besonders in ihr eigenes Humankapital, also Bildung, Fähigkeiten und Gesundheit.
Informelle Unternehmen und Subsistenzunternehmer arbeiten meist in kleinen Produktionseinheiten, konzentrieren sich auf Dienstleistungen, sogenannte Non-Tradables, und auf den Binnenmarkt. Es kommt kaum zur Akkumulation von Sachkapital, Humankapital und Technologien. Deshalb wird der informelle Sektor oft als Niedrigproduktivitätssektor bezeichnet. Für die gesamte Volkswirtschaft kann das langfristiges Produktivitätswachstum, Wohlstand und Konsummöglichkeiten schwächen. Da informell Tätige meist keine Beiträge zur Sozialversicherung und keine direkten Steuern zahlen, sinken zudem die Einnahmemöglichkeiten des Staates.
Der Artikel nennt aber auch positive Seiten. Informelle Wirtschaft kann eine Grundversorgung sichern, einen minimalen sozialen Ausgleich schaffen und Menschen eine Art Subsistenzwirtschaft und Eigenständigkeit ermöglichen. In Krisenzeiten kann sie Funktionen der formellen Wirtschaft teilweise übernehmen; als Beispiel nennt der Artikel den Zusammenbruch der Sowjetunion und der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft Ende 1991, ohne dass dies zu größerem Massenelend führte. Informalität kann außerdem formelle Regeln infrage stellen, institutionellen Wandel anstoßen, Menschen mit geringem Einkommen besser versorgen und kreative Alternativlösungen hervorbringen, etwa informelle Bankensysteme, in denen privat Geld verliehen wird.
Politische Bedeutung und Verbreitung
Die Loslösung vom staatlichen Einfluss betrifft nicht nur Steuern und Sozialversicherung, sondern auch politische Vermittlungsorganisationen. Parteien und Gewerkschaften spielen im informellen Sektor kaum eine Rolle. Dadurch können Betroffene oft nicht den politischen Einfluss entwickeln, der nötig wäre, um Verbesserungen durch den Staat zu erreichen.
Gleichzeitig können in der Informalität Kräfte entstehen, die den Staat selbst herausfordern. Der Artikel nennt einerseits die Gefahr von Parallelgesellschaften, andererseits gesellschaftlichen Druck zu politischer Veränderung. Beispiele sind Forderungen nach Legalisierung bestimmter Güter, etwa Drogen, oder nach Bürokratieabbau. Für Lateinamerika beschreibt der Artikel einen Zusammenhang zwischen massenhafter Informalität seit Anfang der 1980er Jahre, dem Niedergang vermittelnder Akteure und Neopopulismus. Genannt werden Alberto Fujimori, Hugo Chávez und Evo Morales, die ihre Verwurzelung im Volk und direkten Kontakt zu den Massen betonen. Im Sinne Max Webers können sie als charismatische Herrscher interpretiert werden; anders als klassische Populisten wie Juan Perón stützten sie sich stärker auf Anhänger im informellen Sektor.
Besonders Entwicklungsländer sind durch große informelle Sektoren geprägt. In Lateinamerika und Nordafrika beschäftigt er etwa die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung. In einigen Ländern Asiens und fast im gesamten Sub-Sahara-Afrika sind mehr als zwei Drittel bis zu 90 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor tätig. Auch in OECD-Ländern beträgt der Grad der Informalität bis zu 15 Prozent. Der Artikel betont dabei erneut, dass Informalität nicht nur negative Wirkungen hat: Sie ernährt Menschen und kann bürokratische Hürden umgehen. Illegale Informalität ist wegen solcher Umgehungen oft mit Korruption verbunden, die für sich genommen ebenfalls als informelle Tätigkeit eingestuft werden kann.
Entwicklungsländer und kulturelles Beispiel
In Entwicklungsländern sind viele Betriebe des informellen Sektors Familienunternehmen. Wegen schlechter beruflicher Ausbildung und Geldmangels wird meist einfache Technik verwendet. Genannte Tätigkeiten sind Müllsammler, Müllsortierer und Müllverwerter, Standhändler, Lastenträger und Dorfschmiede. Frauen arbeiten als Hausangestellte, oft unter der Hand vermittelt, oder verkaufen frisches Obst, Gemüse und Blüten auf regionalen Märkten für Opfergaben. Das verdiente Geld trägt zum Familieneinkommen bei. Tätigkeiten ehemaliger Landfrauen erscheinen oft nicht in offiziellen Statistiken, weil sie als Haushaltsarbeit angesehen werden. Die Löhne sind sehr gering, die Arbeit ist arbeitsintensiv, und schlechte Arbeitsbedingungen werden akzeptiert, weil Alternativen fehlen und das Einkommen zum Überleben nötig ist. Der Artikel erwähnt eine wiederkehrende Diskussion darüber, wie berufliche Bildung Menschen im informellen Sektor unterstützen könnte.
Als kulturelles Beispiel nennt der Artikel das Triptychon La familia informal (Die informelle Familie, 1992) von Herman Braun-Vega, Teil der ständigen Sammlung des Ralli-Museums in Marbella. Es behandelt informelle Wirtschaft im Zusammenhang mit Synkretismus, Mestizaje und sozialer Integration. Der Künstler definierte informelle Wirtschaft als „ein Wirtschaftssystem, das mit dem Überleben verbunden ist, autonom gegenüber dem Staat ist und sich der Besteuerung entzieht“. Das Werk wurde im Schuljahr 1994–1995 in einem Bildungsprogramm des französischen Ministeriums für Bildung, Kultur und Frankophonie in dreizehn Schulen als Material über Subsistenzwirtschaft und kulturellen Austausch verwendet.