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Textilindustrie

In Mitteleuropa existieren fast keine Betriebe mehr, in denen sämtliche Produktionsstufen vom Rohstoff bis zum Endprodukt betrieben werden. Die Betriebe der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Aufbau
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Entwicklung in Deutschland
  4. 4. Bedeutung und Standorte
  5. 5. Rohstoffe und Fertigungsstufen
  6. 6. Technische Anwendungen und Zukunft

Begriff und Aufbau

Die Textilindustrie ist einer der ältesten und nach Beschäftigtenzahl und Umsatz einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des produzierenden Gewerbes. Sie umfasst alle Betriebe, die Fasern zu Garnen und Zwirnen verarbeiten und daraus Gewebe, Gestricke, Gewirke sowie andere textile Flächengebilde wie Tuche, Filze, Nähgewirke und Vliesstoffe herstellen. Auch die gesamte Textilveredlung gehört dazu.

Wichtige Teilbereiche sind die Spinnstoffaufbereitung, etwa Wäscherei und Kämmerei, die Spinnerei, Weberei, Wirkerei, Strickerei und Textilveredlung. Die Bekleidungsindustrie baut auf der Textilindustrie auf und verarbeitet unter anderem fertige Gestricke und Gewirke zu Kleidung. Beide Bereiche unterscheiden sich durch ihre Herstellungstechnologien. In Mitteleuropa gibt es kaum noch Betriebe, die alle Produktionsstufen vom Rohstoff bis zum Endprodukt selbst ausführen. Die Branche ist stark arbeitsteilig und internationalisiert.

Nach den Rohstoffen werden unter anderem Leinen-, Baumwoll-, Woll-, Seiden-, Chemiefaser-, Synthesefaser- und Bastfaserindustrie unterschieden. Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist außerdem Zulieferer für die Pharma-, Fahrzeug- und Bauindustrie sowie für den Medizin- und Schutzkleidungsbereich. Umgekehrt bezieht sie Leistungen beispielsweise aus dem Maschinenbau und der chemischen Industrie.

Historische Entwicklung

Die Textilindustrie war schon im Mittelalter eine stark arbeitsteilige und arbeitsintensive Produktion. In der Seidenindustrie von Lucca im 13. Jahrhundert gab es beispielsweise Spezialisten für das Abwickeln von Seidenraupenkokons, das Verspinnen der Fäden, das Färben und das Weben.

Auch die Wollverarbeitung bestand aus mehreren aufeinanderfolgenden Tätigkeiten: Schäfer hielten Schafe, Scherer entfernten die Wolle, Karder kämmten und reinigten die Rohwolle, Spinner stellten Fäden her und Weber fertigten daraus Tuch. Wollstoffe wurden häufig gewalkt, also durch Bearbeitung verdichtet. Färber färbten entweder die Wollfäden oder, kostengünstiger, die fertigen Gewebe. Im Mittelalter wurden viele Textilien im Haushalt oder in kleinen Handwerksbetrieben hergestellt, teilweise für den Eigenbedarf und teilweise im Auftrag eines Verlegers.

Entwicklung in Deutschland

Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit war die Textilherstellung in Deutschland besonders im ländlichen Raum verbreitet. Die deutschen Mittelgebirge boten günstige Bedingungen für den Flachsanbau und verfügten über Wiesen für die Schafhaltung. Dadurch entwickelten sich Leinen- und Wollverarbeitung. Durch Hollandgänger, die mit Leinen handelten, entstand vor allem im Münsterland sowie im nord- und westdeutschen Raum eine Textilindustrie.

Textilregionen gab es in zahlreichen Mittelgebirgen, darunter auf der Schwäbischen Alb, im Erzgebirge, Vogtland, Bergischen Land, Schwarzwald und Bayerischen Wald. Teile der Industrie entstanden als Ersatz für den rückläufigen oder aufgegebenen Bergbau. Beispiele sind die Spitzen-Klöppelei und Posamentenindustrie im Erzgebirge sowie die Trikotagenindustrie der Schwäbischen Alb. Nach der Aufnahme von Hugenotten und Waldensern wurden verbesserte Maschinen gebaut und eingesetzt.

Im 18. Jahrhundert stieg die Nachfrage durch das Bevölkerungswachstum. Das Verlagssystem verbreitete sich: Ein Verleger kaufte das Rohmaterial, ließ es gegen Lohn verspinnen und verweben und vertrieb anschließend das fertige Produkt. Die Arbeit wurde häufig von Familien aus den ländlichen Unterschichten geleistet.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die mechanisierte britische Textilindustrie zur wichtigsten Konkurrenz. Die Mechanisierung von Spinnen und Weben sowie die Verdrängung von Leinen und Wolle durch Baumwolle schwächten viele deutsche Mittelgebirgsregionen. Dies führte zu Verarmung und wirtschaftlicher Not und trug unter anderem zum Weberaufstand von 1844 bei, dessen Zentrum im schlesischen Eulengebirge lag. Gleichzeitig wuchsen die baumwoll- und seidenverarbeitende Industrie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, Westsachsen und das Vogtland. Die Oberlausitz wurde ein Zentrum der Damastweberei, Niederschlesien eines der Leinenverarbeitung.

Aus der Textilindustrie entwickelten sich Zulieferindustrien für Dampfmaschinen und Textilmaschinen. Sachsen, besonders Chemnitz, wurde dadurch zu einem Zentrum des Textilmaschinenbaus und später des Maschinenbaus in Mitteleuropa. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden neue Bekleidungsbetriebe im Ruhrgebiet; Ostberlin wurde zum Zentrum der Bekleidungsindustrie der DDR, während Chemnitz, ab 1953 Karl-Marx-Stadt, Zentrum der Textilindustrie blieb.

Seit Beginn der 1960er Jahre schrumpfte die Branche wegen der zunehmenden Konkurrenz aus Fernost. In der Bundesrepublik gingen von 1955 bis 1980 mehr als 400.000 Arbeitsplätze in der Textil- und Bekleidungsindustrie verloren. Eine zusätzliche Belastung war die Koreakrise: Der Preis für Baumwolle stieg durch Panikkäufe stark an und fiel anschließend wieder, sodass viele Firmen auf teuer eingekauften Vorräten sitzen blieben. Weitere Gründe waren steigende Reallöhne und billigere Importe nach mehreren Aufwertungen der D-Mark. Seit 1980 gingen in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie rund 450.000 Arbeitsplätze verloren; 2002 waren noch 110.000 Beschäftigte tätig. In der mittel- und ostdeutschen Textilindustrie sank die Beschäftigtenzahl von 219.000 auf 23.000 im Jahr 1992.

Bedeutung und Standorte

In Europa hat die Textilindustrie heute nur noch eine untergeordnete Bedeutung. Viele Stoffe stammen aus der Volksrepublik China, Indien, Bangladesch, Südkorea und Taiwan. Dort werden sie auch gefärbt und genäht, wodurch die Branche großen Einfluss auf kommende Modefarben und -formen besitzt. Wachstum verzeichnet dagegen vor allem die Herstellung technischer Textilien in Deutschland.

Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ist ein traditionsreicher, überwiegend mittelständischer Zweig. In rund 1300 nahezu ausschließlich mittelständischen Betrieben erzeugen rund 130.000 Beschäftigte einen Umsatz von rund 28 Mrd. Euro. Die Exportquote beträgt etwa 40 % in der Textilindustrie und 44 % in der Bekleidungsindustrie (2008). Damit ist sie nach dem Ernährungsgewerbe die zweitgrößte Konsumgüterbranche Deutschlands. Mehr als die Hälfte der Unternehmen beschäftigt weniger als 100 Mitarbeiter; weniger als 10 Unternehmen haben mehr als 1000 Beschäftigte. Etwa ein Drittel der Branche entfällt auf Bekleidung und zwei Drittel auf Textilien.

Traditionelle Standorte liegen unter anderem in Aachen, Albstadt, Augsburg, Bielefeld, Chemnitz, Krefeld, Mönchengladbach, Wuppertal, Plauen, im Vogtland, in Oberfranken, im Ruhrgebiet, in der Oberlausitz und am Hochrhein. Deutschland verfügt über 17 Institute und Forschungseinrichtungen im Textilbereich. Zu ihnen gehört das Sächsische Textilforschungsinstitut als An-Institut der TU Chemnitz. Eine wichtige Ausbildungsstätte ist der Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach mit etwa 1.800 Studenten.

In Österreich liegen wichtige Textilstandorte im Vorarlberg, im Waldviertel und im Mühlviertel. Das Waldviertel war besonders für die Banderzeugung bekannt und wurde deshalb auch Bandlkramerlandl genannt. Vorarlberg war historisch ein wichtiger Zulieferer der St. Galler Textilindustrie. In der Schweiz konzentrierte sich die Textilindustrie vor allem auf die Ostschweiz und das Zürcher Oberland. St. Gallen ist für exklusive Spitzen bekannt; Winterthur ist unter anderem durch die Entwicklung von Textilmaschinen bei der Rieter AG geprägt. Die Ostschweiz war bis zum 17. Jahrhundert vor allem für Leinwand, später für Baumwollprodukte und während der Hochblüte im 19. Jahrhundert besonders für Stickerei bekannt.

Rohstoffe und Fertigungsstufen

Textile Rohstoffe können natürlichen Ursprungs sein, etwa Jute, Sisalfaser, Baumwolle, Schafwolle, Seide und Flachsfaser. Künstlich hergestellt werden beispielsweise Polyester, Polyacryl und Glasfasern.

Die wichtigsten Fertigungsstufen sind:

  • Garne entstehen durch Spinnen und Zwirnen.
  • Textile Flächen werden durch Weben, Wirken, Stricken, Filzen, Tufting, Flechten, Knüpfen oder Klöppeln hergestellt.
  • Durch Sticken, Textildruck, Färben und Beflockung werden textile Flächen gestaltet.
  • Bei der Textilveredlung werden Eigenschaften und Aussehen verändert. Dazu gehören Beuchen, Bleichen, Ausrüstung, Textilbeschichtung, Walken, Gaufrieren, Laugieren, Krumpfen und Merzerisation.
  • In der Konfektion werden Endprodukte wie Bekleidung, Heimtextilien und technische Textilien hergestellt.

Technische Anwendungen und Zukunft

Technische Textilien sind ein besonders zukunftsträchtiger Bereich der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie werden unter anderem im Flugzeugbau, Boots- und Schiffbau sowie in der Bauindustrie eingesetzt. Beispiele sind Kohlenfaserverbundtechnik, Polyesterverbundstoff, dauerhafte textile Dächer und textilarmierter Beton. Geotextilien können im Bauwesen Erosion verhindern. Textile Überdachungen sind leichter als Beton oder Glas, zugleich flexibel, lichtdurchlässig und in der Lage, vor UV-Belastungen zu schützen. Entwickelt werden auch selbstabdunkelnde Textilien und Textilien mit integrierten Solarzellen.

In Autos, Bahnen, Flugzeugen und Schiffen erfüllen Textilien Aufgaben für Komfort, Sicherheit, Akustik und Kraftstoffeinsparung. Der Textilanteil in einem Auto beträgt zurzeit rund 20 Kilogramm und sollte 2015 rund 30 Kilogramm betragen. Faserverstärkte Kunststoffe können Metalle ersetzen, weil sie vergleichbare Steifigkeiten bei deutlich geringerem Gewicht besitzen. Der Airbus A 380 bestand bereits zu einem Viertel aus faserverstärktem Kunststoff; Prognosen gingen von einem Anteil von 80 Prozent aus.

Im Sicherheitsbereich entstehen Schutztextilien gegen UV-Strahlung und Chemikalien sowie Warnkleidung. Schutzkleidung soll künftig mithilfe integrierter Mikrosystemtechnik ihre isolierende Wirkung gegen Kälte oder Wärme erfassen, Wärme- oder Kühlsysteme steuern und Vitalparameter des Trägers messen. Funktionstextilien können sich an Umgebungstemperatur, Umfeldfarbe und körperliche Leistungsfähigkeit anpassen. Sensoren in Heimtextilien sollen beispielsweise das Raumklima regeln, in Notfällen den Weg weisen oder Zugangskontrollen übernehmen.

Medizinische Anwendungen sind textilintegrierte Überwachungssysteme, Kleidung mit Biofeedback, Orthesen mit Sensorik und Aktorik sowie Sturzprotektoren mit Notruffunktion. Solche „Smart Clothes“ sollen physiologische Parameter langfristig erfassen und Diagnose sowie Nachsorge außerhalb von Kliniken ermöglichen. Bereits als textile Strukturen oder textile Implantate genannt werden Gefäßprothesen, Herniennetze, Meniskusimplantate und künstliche Hornhaut. Weitere Entwicklungen betreffen Zellträger, Formgeber für die Regeneration von Organen, keimdichte Barrieretextilien und Textilien für chronische Wunden.

Auch die Kommunikation soll stärker in Kleidung integriert werden. Kleidungsstücke sollen Funktionen mobiler elektronischer Geräte wie Telefonieren, Musikhören oder Positionsbestimmung übernehmen und trotzdem wie normale Kleidung gewaschen und gereinigt werden können.

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