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Deindustrialisierung

Deindustrialisierung bezeichnet Prozesse sozialen oder wirtschaftlichen Wandels, die verursacht werden durch eine Schrumpfung der industriellen Sektoren, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Ursachen und Folgen
  3. 3. Geschichtliche Entwicklung und betroffene Regionen
  4. 4. Wandel einzelner Industrien
  5. 5. Deutschland seit 2020
  6. 6. Globale Wirtschafts- und Sicherheitspolitik

Begriff und Bedeutung

Deindustrialisierung bezeichnet sozialen oder wirtschaftlichen Wandel, bei dem industrielle Sektoren eines Landes oder einer Region schrumpfen. Betroffen sein können etwa Schwerindustrie, verarbeitende Industrie und Fertigung. Häufig meint der Begriff den relativen Bedeutungsverlust der industriellen Produktion gegenüber Bereichen wie öffentlichem Sektor, Einzelhandel, Bildung, Gesundheit und anderen Dienstleistungen. Das Gegenstück ist die Industrialisierung.

Der Begriff wird auch als negativ gefärbtes politisches Schlagwort verwendet. Der Rückgang einzelner Branchen kann zugleich mit neuen Industrien, etwa der Produktion von Autobatterien oder Halbleiterchips, oder mit dem Übergang zu einer wissens- und forschungsbasierten Dienstleistungswirtschaft verbunden sein. Wenn alte Strukturen abgebaut und neue aufgebaut werden, spricht man eher von Strukturwandel oder Transformation.

Ursachen und Folgen

Altindustrien können durch strukturelle Verschiebungen zwischen Industrie und Dienstleistungen an Bedeutung verlieren. Mögliche Folgen sind Produktionsverlagerungen, Werksschließungen, steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Wertschöpfung im Zweiten Sektor, also dem Bereich der Industrie. In Städten kann dies mit Stadtverfall verbunden sein. Manche frühere Industrieanlagen bleiben als Industriedenkmäler erhalten, zum Beispiel die Völklinger Hütte.

Unternehmensstrategien tragen ebenfalls dazu bei: Bei der Konzentration auf Kernkompetenzen, beim Outsourcing oder beim Downsizing werden Großunternehmen in kleinere dezentrale Einheiten umorganisiert. Dienstleistungen, die früher im Unternehmen selbst erbracht wurden, übernehmen dann externe Dienstleistungsfirmen. Informations- und Kommunikationstechnik erleichtert diese Veränderungen. Weitere Gründe können eine Nachfrage nach produktbezogener Beratung und Wartung, kürzere Time-to-Market-Zeiten sowie eine stärkere Bereitschaft zur Kooperation sein.

Geschichtliche Entwicklung und betroffene Regionen

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah der Morgenthau-Plan des US-Finanzministers Henry Morgenthau vor, Deutschland zu deindustrialisieren und wieder in einen Agrarstaat umzuwandeln. Deutschland entwickelte sich stattdessen zu einer zentralen Industrienation Europas und wurde unter der Bezeichnung „Made in Germany“ weltweit bekannt.

Im Zuge der Globalisierung der Arbeitsmärkte wird Produktion zunehmend in Niedriglohnländer verlagert. Besonders betroffen sind frühere Industriehochburgen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Großstädte. Diese versuchen, Industrie durch Standort- und Wirtschaftsförderung zu sichern und ihre Wirtschaft stärker auf Dienstleistungen wie Gesundheitswesen, Tourismus, Finanzwesen oder Vergnügungsstätten auszurichten. Beispiele sind Detroit, das 2013 Insolvenz anmeldete, und Duisburg im Ruhrgebiet.

Wandel einzelner Industrien

Die Entwicklung von Industriezweigen zeigt, dass Deindustrialisierung unterschiedlich verlaufen kann. Bethlehem Steel, 1899 gegründet und im 20. Jahrhundert größter Stahlproduzent der USA, stellte ab den 1980er Jahren Teile des Betriebs ein, meldete 2001 Insolvenz an und wurde 2003 vollständig aufgelöst. In Deutschland und Großbritannien stehen Stahlunternehmen wie Thyssenkrupp und Liberty Steel erneut unter Druck durch hohe Energiekosten, Zölle und Überangebot; staatliche Finanzierung soll teilweise ihr Überleben sichern.

Die Kohleindustrie, ein Treiber der Industrialisierung, befindet sich in westlichen Ländern seit Jahrzehnten im Niedergang. Im englischen Black Country wurde sie vollständig beendet. Großbritannien schaltete am 30. September 2024 mit der Ratcliffe on Soar power station sein letztes Kohlekraftwerk ab; damit endete nach mehr als 142 Jahren die Kohlenutzung. Die USA verzeichnen ebenfalls einen Rückgang des Kohlebergbaus.

In der Atomindustrie ging in Deutschland 1961 das Kernkraftwerk Kahl ans Netz; der Kernenergieanteil stieg bis in die 1980er Jahre auf etwas mehr als 30 %. Schnelle Reaktoren wie in Dounreay und Kalkar wurden wegen komplexer Technik und verfügbarer Brennstoffe nicht erfolgreich kommerzialisiert. KWU beschäftigte zeitweise bis zu 14.000 Menschen, ihr Nukleargeschäft wurde an Framatome GmbH veräußert. Deutsche Brennelementefabriken in Wolfgang-Hanau stellten alle Aktivitäten ein. Mit Energiewende und Atomausstieg wurden die letzten deutschen Kernreaktoren vom Netz genommen. Andere Staaten planen dagegen einen Ausbau: Die USA wollen ihren Atomstromanteil von etwa 100 auf 400 GWe vervierfachen; die EU-Atomallianz plant bis 2050 Kapazitäten von 150 GW.

Die Halbleiterfertigung ist vielfach ins europäische oder US-amerikanische Ausland ausgelagert, besonders im Bereich Electronics Manufacturing Services. Das führte im Fabless-Geschäftsmodell jedoch auch zu hochqualifizierten Dienstleistungen. Mit dem CHIPS and Science Act und dem Europäischen Chips-Gesetz sollen Investitionen in die Produktion gefördert werden. In der Solarindustrie führte der Kapazitätsaufbau von 2000 bis 2010 ab 2010 zu einer globalen Krise. In Deutschland halbierte sich die Beschäftigtenzahl von über 100.000 auf die Hälfte; die weltweite Produktion wird seither von China angeführt.

Deutschland seit 2020

Seit Anfang der 2020er Jahre wird kontrovers diskutiert, ob Deutschland in eine Deindustrialisierung gerät. Als mögliche Ursachen gelten der Abfluss ausländischer Investitionen wegen Standortnachteilen, Unternehmenssteuern, hohe Energiepreise, hohe Löhne, Fachkräftemangel und Bürokratie. Rudolf Hickel sieht dagegen einen politisch voranzutreibenden Umbau zu einer klimaneutralen Industrie. Olaf Scholz sprach von schlechter Stimmung, aber nicht von Deindustrialisierung. Mögliche Folgen, etwa große Entlassungen oder weitere Verlagerungen von Wertschöpfungsketten ins Ausland, seien nicht genau abschätzbar.

Am 29. Januar 2025 machte der Wirtschaftswarntag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit rund 100 Verbänden und Hunderten Unternehmen auf fehlendes Wachstum und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit aufmerksam. Im Juli 2025 kündigten über 60 Unternehmen unter dem Slogan „Made for Germany“ Investitionen von rund 600 Milliarden Euro bis 2028 an. Die Studie „Deindustrialisierung: Realität oder Schreckgespenst?“ der Stiftung Marktwirtschaft aus dem Jahr 2025 bezeichnet Deindustrialisierung als „schleichende Realität“ und empfiehlt unter anderem niedrigere Unternehmenssteuern und Arbeitskosten, geringere staatliche Anteile am Strompreis, Technologieoffenheit sowie einfachere Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Globale Wirtschafts- und Sicherheitspolitik

Staaten reagieren mit Industriepolitik auf die Gefahr von Deindustrialisierung. Die „America First“-Doktrin der Trump-Administration verfolgt das Ziel, Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe zu erhalten oder neu zu schaffen. China betreibt seit Jahrzehnten eine Politik der Industrialisierung; sie begann mit dem ersten Fünfjahresplan 1953 und wird unter anderem mit „Made in China 2025“ verbunden.

Der seit dem Überfall Russlands 2022 andauernde russisch-ukrainische Krieg beeinflusst neben der Sicherheitspolitik auch wirtschaftliche Aussichten, etwa durch Energiekrise, Inflation und Massenentlassungen. Zudem gewinnen große Wirtschaftsorganisationen wie die 2001 gegründete Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit für Weltwirtschaft und Weltordnung an Bedeutung.

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