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Ulrich Beck
Ulrich Beck (* 15. Mai 1944 in Stolp; † 1. Januar 2015 in München) war ein deutscher Soziologe. Ulrich Beck (2012). Weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt …
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Person und Bedeutung
Ulrich Beck (15. Mai 1944 in Stolp; 1. Januar 2015 in München) war ein deutscher Soziologe. Bekannt wurde er weit über sein Fach hinaus durch das 1986 erschienene und in 35 Sprachen übersetzte Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“. Darin untersuchte er, wie technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung neue, oft grenzüberschreitende Gefahren erzeugt und zugleich traditionelle Lebensformen, Erwerbsarbeit und individuelle Lebensläufe verändert.
Becks zentrale Forschungsfrage lautete, wie gesellschaftliches und politisches Denken angesichts globaler Veränderungen wie Umweltzerstörung, globaler Erwärmung, Finanzkrisen sowie der Krise von Demokratie und Nationalstaat neu ausgerichtet werden kann. Dabei entwickelte er unter anderem die Begriffe Risikogesellschaft, reflexive Modernisierung, Individualisierung, Subpolitik, methodologischer Nationalismus und Kosmopolitisierung.
Beck studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politische Wissenschaft an der Universität München, wurde dort 1972 promoviert und habilitierte sich sieben Jahre später in Soziologie. Er war Professor in Münster, Bamberg, an der Ludwig-Maximilians-Universität München, an der London School of Economics and Political Science und an der Fondation Maison des Sciences de l’Homme in Paris. Von 1999 bis 2009 leitete er den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Sonderforschungsbereich 536 „Reflexive Modernisierung“. Forschung und politische Stellungnahmen waren bei ihm eng miteinander verbunden.
Risikogesellschaft und reflexive Modernisierung
Eine Risikogesellschaft ist nach Beck eine moderne Gesellschaft, deren technische und wirtschaftliche Entscheidungen Gefahren hervorbringen, die räumliche, zeitliche und soziale Grenzen überschreiten. Anders als frühere Katastrophen, die Naturgewalten, Göttern oder Dämonen zugeschrieben wurden, entstehen moderne ökologische, chemische oder gentechnische Gefahren durch menschliche Entscheidungen. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 veranschaulichte für Beck, dass solche Gefahren häufig unsichtbar, vom wissenschaftlichen Wissen abhängig und übernational sind. Sie verbreiten sich etwa über Luft, Wasser und Nahrung und stellen herkömmliche Vorstellungen von nationalstaatlicher Kontrolle, Fortschritt und gesellschaftlicher Ordnung infrage.
Beck unterscheidet genau zwischen Risiko und Katastrophe: Ein Risiko ist die gegenwärtige Antizipation einer möglichen zukünftigen Katastrophe. Weil eine Katastrophe vorweggenommen wird, können Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Versicherungen und vorbeugende Maßnahmen eingesetzt werden. Globale Risiken besitzen vier Merkmale: Entgrenzung, Unkontrollierbarkeit, Nicht-Kompensierbarkeit und ein mehr oder weniger eingestandenes Nichtwissen. Da verschiedene Kulturen Gefahren unterschiedlich beurteilen, entstehen Konflikte zwischen „Risikokulturen“.
Die Theorie der reflexiven Modernisierung beschreibt, wie die industrielle Moderne durch ihre eigenen, ungeplanten Nebenfolgen ihre Grundlagen verändert. Technischer Fortschritt, der ökologische Folgen ausblendet und auf umfassende Kontrolle vertraut, erzeugt Selbstgefährdungen. Die Risikogesellschaft ist deshalb keine frei gewählte politische Möglichkeit, sondern entsteht aus Modernisierungsprozessen selbst. „Reflexiv“ bedeutet hier nicht bloß bewusstes Nachdenken, sondern die Selbstkonfrontation der Moderne mit ihren eigenen Folgen: Nationalstaat, Familie, Demokratie und Erwerbsarbeit werden durch radikalisierte Modernisierung von innen verändert.
Alte und neue Formen bestehen dabei gleichzeitig: Neben der Kernfamilie treten vielfältige Familienformen, neben das fordistische Unternehmen Netzwerkorganisationen und neben das „Normalarbeitsverhältnis“ flexible Arbeitsformen. Dadurch lässt sich der Wandel weder als einfacher Bruch noch als vollständig neue Epoche beschreiben.
Individualisierung und Subpolitik
Individualisierung bedeutet bei Beck weder Individualismus noch Egoismus, Emanzipation, Autonomie oder bloße persönliche Selbstverwirklichung. Gemeint ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem sich industriegesellschaftliche Lebensformen wie Klasse, Schicht, feste Geschlechterrollen, Normalfamilie und lebenslanger Beruf auflösen oder an Verbindlichkeit verlieren. Ursachen sind unter anderem individuelle Grundrechte, veränderte Ausbildungswege und die wachsende räumliche und berufliche Mobilität.
Menschen müssen ihren Lebenslauf dadurch zunehmend selbst herstellen und verantworten. Aus der „Normalbiographie“ wird eine „Wahlbiographie“, „Bastelbiographie“ oder „Bruchbiographie“. Diese Freiheit ist zugleich ein Zwang, weil Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen getroffen werden müssen und die Abhängigkeit von Institutionen fortbesteht oder sogar wächst. Beck trennt daher den institutionellen Wandel auf der gesellschaftlichen Makroebene klar von persönlichen Einstellungen auf der Mikroebene: Individualisierung kann, muss aber nicht zu individualistischen Einstellungen führen. Der Prozess betrifft nicht nur klassische Industrieländer, sondern zeitversetzt und in anderen Formen beispielsweise auch China, Japan und Südkorea.
Subpolitik bezeichnet politische Mitwirkung und gesellschaftliche Gestaltung außerhalb der üblichen Institutionen von Parteien und Parlamenten. Bürgerinitiativen, Protestbewegungen und transnationale Boykotte können Themen setzen und punktuell Einfluss auf Entscheidungen nehmen. Auch Wissenschaft, Wirtschaft, Beruf und Alltag werden dadurch zu Orten politischer Auseinandersetzung.
Weil Wissenschaft nicht nur Lösungen, sondern durch ihre praktische Anwendung auch Probleme hervorbringen kann, forderte Beck institutionell abgesicherte Gegenexpertise: Medizin soll durch Medizin, Atomphysik durch Atomphysik oder Humangenetik durch Humangenetik kritisch überprüft werden. Diese organisierte Selbstkritik soll Risiken früh sichtbar und öffentlich beurteilbar machen. Für die Demokratie ist entscheidend, ob Bürger allein von Experten und Gegenexperten abhängig bleiben oder eigene Urteilskompetenz zurückgewinnen.
Kosmopolitisierung und Europa
Beck kritisierte den methodologischen Nationalismus: Sozialwissenschaften behandeln den Nationalstaat oft selbstverständlich als natürliche Einheit von Gesellschaft und Politik. Begriffe wie Demokratie, Klasse, Familie, Kultur und Herrschaft beruhen dadurch auf nationalstaatlichen Annahmen. In einer Epoche globaler Risiken und transnationaler Abhängigkeiten kann diese Perspektive jedoch den Wandel innerhalb nationaler Gesellschaften verdecken.
Als Alternative entwarf Beck seit 2000 eine kosmopolitische Soziologie. Kosmopolitisierung bezeichnet den tatsächlichen Wandel von national geprägten Gesellschaften zu Gesellschaften, die sich von innen globalisieren, etwa durch Internet und soziale Netzwerke, Migration, Arbeitsplatzexport sowie Probleme, die national nicht lösbar sind. Sie geschieht häufig unbeabsichtigt und unbemerkt im Alltag, in Familien, Schulen, Berufen, Organisationen und Staaten. Dabei erodieren klare Grenzen zwischen Märkten, Staaten, Kulturen und Lebenswelten.
Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung sind zu unterscheiden: Kosmopolitismus bezeichnet Normen und politische Ziele; Kosmopolitisierung bezeichnet Fakten und Prozesse. Sie ist deshalb kein Aufruf zu einer „Welt ohne Grenzen“. Globale Großrisiken schaffen vielmehr eine grenzüberschreitende Zwangsgemeinschaft, weil das Überleben aller von gemeinsamem Handeln abhängt. Becks sozialwissenschaftlicher Kosmopolitismus verbindet drei Komponenten: eine empirische Forschungsperspektive, die Untersuchung gesellschaftlicher Realität und eine normative Theorie.
In „Das kosmopolitische Europa“ von 2004 vertraten Beck und Edgar Grande die Auffassung, dass nationale, transnationale und supranationale Ebenen einander nicht ausschließen, sondern sich ergänzen können. Das Kosmopolitische soll das Nationale zugleich verändern und bewahren. Europa verstanden sie als selbstkritisches Experiment, das Widersprüche und Unterschiede politisch bearbeiten muss, ohne ihre vollständige Auflösung zu erwarten. Sie forderten eine solidarische europäische Zivilgesellschaft, eine positive Haltung zur Andersheit anderer sowie europaweite, von einer qualifizierten Zahl von Bürgern initiierte Referenden mit bindender Wirkung.
2012 verfasste Beck mit Daniel Cohn-Bendit das Manifest „Wir sind Europa!“. Es schlug angesichts von Jugendarbeitslosigkeit und wachsender sozialer Ungleichheit ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Altersgruppen vor, um Europa durch die praktische Zusammenarbeit seiner Bürger „von unten“ neu zu gründen.
Politische Folgerungen
Beck hielt Vollbeschäftigung wegen Automatisierung und Flexibilisierung der Erwerbsarbeit für nicht mehr erreichbar. Nationale Lösungen und „neoliberale Medizin“ erschienen ihm unzureichend. Er befürwortete deshalb ein bedingungsloses Grundeinkommen, das mehr Bürgerarbeit ermöglichen sollte. Einheitliche wirtschaftliche und soziale Standards müssten mindestens auf europäischer, möglichst auf mehreren transnationalen Ebenen gelten. Transnationale Staaten sollten ein Gegengewicht zu transnationalen Konzernen bilden und beispielsweise eine Finanztransaktionssteuer durchsetzen können.
Bereits 1996/1997 hatte Beck ein Konzept von Bürgerarbeit und Gemeinwohlunternehmertum vorgestellt. Arbeitslose und Erwerbstätige sollten gemeinwohlbezogene Tätigkeiten ausüben können. Kritiker warfen diesem Modell Bürokratisierung, die Kommerzialisierung ehrenamtlicher Arbeit und eine mögliche staatliche Kontrolle Erwerbsloser vor. Zudem wurde ein Widerspruch zwischen Becks zeitweiliger Nähe zum Modell des „aktivierenden Sozialstaats“ und seiner späteren Unterstützung eines Grundeinkommens gesehen.
Für friedliche Lösungen transnationaler Konflikte hielt Beck den Ausbau des internationalen Rechts und entsprechender Gerichte für notwendig. Dafür verwendete er den Begriff Rechtspazifismus. Als Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung warnte er 2011 nach Fukushima außerdem, dass die Bindung der Politik an Kernenergie beim Eintritt einer zuvor für unvorstellbar gehaltenen Katastrophe das Vertrauen der Bürger in demokratische Institutionen beschädigen könne.
Debatten und Kritik
Becks Begriffe fanden international und über die Soziologie hinaus große Beachtung. Zugleich lösten seine Thesen anhaltende Debatten über Risikogesellschaft, Individualisierung und Kosmopolitismus aus. Seine „Risikogesellschaft“ wurde von der International Sociological Association als eines der 20 bedeutendsten soziologischen Werke des Jahrhunderts ausgezeichnet.
Besonders umstritten war die Aussage „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“, mit der Beck die grenzüberschreitende Wirkung moderner Risiken hervorhob. Kritiker betonen dagegen, dass Gefahren sozial ungleich verteilt seien und Armut, Verwundbarkeit und Risikoakkumulation häufig zusammenfielen. Beck bestritt wachsende Ungleichheit nicht, hielt aber den klassischen Klassenbegriff für zu einfach, um radikal ungleiche Lebensverhältnisse innerhalb und zwischen Staaten zu erfassen.
An der Individualisierungsthese wurde kritisiert, sie verwechsle gesellschaftlichen Wandel mit Individualismus oder beschreibe eine „Individualisierung ohne Individuen“. Beck hielt dagegen an der Unterscheidung zwischen institutionellen Veränderungen und persönlichen Einstellungen fest. Offen bleibe, wie einzelne Menschen mit den neuen Anforderungen umgehen.
Bei der Kosmopolitisierung lautet ein Einwand, frühere Soziologen hätten globale Zusammenhänge bereits untersucht. Andere Kritiker halten den Begriff für zu weit, wenn er auch Renationalisierung und Reethnifizierung umfasst, oder vermissen konkrete Akteure, die Kosmopolitisierung vorantreiben. Auch Becks Behauptung, der Prozess sei unumkehrbar, gilt angesichts des Wiedererstarkens von Nation und Nationalismus als unzureichend begründet.
Die Theorie reflexiver Modernisierung wurde kritisiert, weil jede Moderne bereits reflexiv sei und Becks Trennung zwischen Erster und Zweiter Moderne beliebig wirken könne. Beck verstand darunter jedoch genauer die „Modernisierung der Moderne“, bei der deren eigene Basisinstitutionen zum Problem und Gegenstand politischer Alternativen werden. Weitere Einwände betreffen eine unzureichende Berücksichtigung von Geschlechterungleichheit, die Benachteiligung wirtschaftlich abhängiger Länder und das nicht vollständig geklärte Verhältnis seiner „Neuen Kritischen Theorie“ zur Frankfurter Schule. Trotz dieser Kritik gilt sein Werk als besonders anschlussfähig, weil es komplexe gesellschaftliche Veränderungen mit einprägsamen Begriffen öffentlich diskutierbar machte.