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Philosophie der Renaissance und des Humanismus

Renaissance bedeutet Wiedergeburt. Die Periode wird so bezeichnet, weil die Texte der antiken griechischen und römischen Philosophen neu rezipiert wurden und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Epoche und Grundgedanken
  2. 2. Humanismus und neues Menschenbild
  3. 3. Erkenntnis, Ethik und Politik
  4. 4. Empirie und mathematische Naturforschung
  5. 5. Reformation und Säkularisierung

Epoche und Grundgedanken

Die Philosophie der Renaissance und des Humanismus umfasst ungefähr die Zeit vor 1400 bis nach 1600. Sie bildet den Übergang von der mittelalterlichen, unter dem Vorrang der Theologie stehenden Philosophie zur Philosophie der Neuzeit. Antike griechische und römische Texte wurden neu erschlossen, während sich das Denken allmählich von der mittelalterlichen Scholastik löste. Die studia humanitatis, also die humanistisch ausgerichteten Bildungsstudien, blieben zwar spekulativ und textbezogen, öffneten sich aber zunehmend naturwissenschaftlichen Fragen und Methoden.

Die Veränderungen standen im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Städte und Handelshäuser, dem wachsenden Gewicht des Bürgertums, den Entdeckungsreisen und technischen Neuerungen. Gewichtsräderuhren entstanden etwa um 1300, Federzuguhren etwa um 1400 und der Buchdruck etwa um 1450. Zugleich wurde die Kirche durch das päpstliche Exil in Avignon (1309–1377), das große Schisma (1378–1417) und die Konzile von Konstanz und Basel geschwächt. Universitäten ersetzten zunehmend Kloster- und Domschulen und verbreiteten mit den Artes liberales, den freien Künsten, allgemeines philosophisches Wissen.

Wichtige Voraussetzungen entstanden bereits im 13. Jahrhundert. Scotus (1266–1308) trennte Glauben und Vernunft schärfer und bereitete damit die via moderna des Nominalismus Ockhams (1285–1349) vor. Roger Bacon (1214–1294) verlangte eine Trennung von Wissenschaft und Theologie sowie Forschung durch Experimente und Mathematik. Petrus Peregrinus beschrieb als Erster die Polarität des Kompasses, Dietrich von Freiberg (ca. 1245–1318) untersuchte den Regenbogen, und Marsilius von Padua (1275–1343) forderte im Defensor Pacis eine republikanische Ordnung bis in die Kirche hinein.

Humanismus und neues Menschenbild

Der Renaissance-Humanismus war eine vor allem literarische Bildungsbewegung. Petrarca (1304–1374) kritisierte Scholastik und Aristotelismus. Coluccio Salutati (1331–1406) trat als Florentiner Kanzler für Humanismus und bürgerliche Freiheit ein und richtete einen Lehrstuhl für Griechisch ein. Sein Schüler Leonardo Bruni (1369–1444) übersetzte Platon, Aristoteles und weitere griechische Philosophen. In der Kunst verband sich die Orientierung an der Antike mit genauer Naturbeobachtung und zunehmend naturalistischen Darstellungen. Leonardo da Vinci (1452–1519) verkörperte dieses Ideal durch Leistungen unter anderem in Kunst, Technik, Architektur und Anatomie.

Im Florenz der Medici förderte Georgios Gemistos Plethon (1355–1452) die Abkehr vom scholastischen Aristotelismus und die Beschäftigung mit Platon. Marsilio Ficino (1433–1499) übersetzte Platon und verband platonische und neuplatonische Gedanken mit dem Christentum. Für ihn zeigte deren Ähnlichkeit, dass es ewige Glaubenswahrheiten gebe. Die Seele strebe zum Geistigen und Göttlichen empor; Wille und Liebe seien die entscheidenden Triebkräfte. Bessarion (1403–1472) wollte platonische und aristotelische Gedanken mit dem christlichen Glauben verbinden.

Pico della Mirandola (1463–1494) begründete die Würde des Menschen besonders mit dessen Bildung. Gott habe die Welt geschaffen, greife aber nicht in sie ein; deshalb müsse der Mensch die Natur selbst erschließen. Pico wollte Griechentum, Christentum und Judentum einigen. Seine in Rom zur Diskussion gestellten 900 Thesen wurden vom Papst verboten.

Nikolaus von Kues, Cusanus (1401–1464), erklärte, die Mathematisierung der Erfahrungsgegenstände entstehe durch menschliche Deutung. Der Mensch verwandle die Dinge mit seinem Geist in begriffliches Sein und sei insofern das Maß aller Dinge. Als Mikrokosmos, als „kleine Welt“, vereinige er geistige und sinnliche Natur. Cusanus dachte das Universum räumlich und zeitlich als unendlich. In Gott als Einheit des Unendlichen fallen Gegensätze wie endlich und unendlich zusammen; dafür steht der Ausdruck coincidentia oppositorum.

Erkenntnis, Ethik und Politik

Nördlich der Alpen verband der Humanismus Bildung, Religion und Kritik. Rudolf Agricola (1443–1483) verlangte, Argumente müssten nicht nur wahr, sondern auch vernünftig nachvollziehbar sein. Johannes Reuchlin (1455–1522) verteidigte jüdische Bücher gegen ein Verbot. Juan Luis Vives (1492–1540) forderte eine Erziehung, die sich an modernen Naturerkenntnissen orientiert. Erasmus von Rotterdam (1466–1536) trat für religiöse Toleranz, gegen Nationalismus und Krieg sowie für eine Bildung auf antiken und christlichen Grundlagen ein. Michel de Montaigne (1533–1592) vertrat in seinen Essays eine skeptische Haltung gegenüber Vernunft, Wissen, Dogmen, Wissenschaftsaberglauben und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen.

Die politische Philosophie untersuchte Herrschaft zunehmend unabhängig von überlieferten religiösen Begründungen. Niccolò Machiavelli (1469–1527) sah den Menschen vor allem durch Bedürfnisse und Wünsche bestimmt. Politische Herrschaft sollte nach seiner Hauptthese nicht moralisch, sondern nach ihrem Nutzen beurteilt werden. Als Ziele einer Republik nannte er Freiheit der Bürger, Größe und Gemeinwohl. Thomas Morus (1478–1535) entwarf dagegen in Utopia einen säkularen Staat ohne Privateigentum, in dem Bildung und Arbeit verpflichtende Gemeinschaftsaufgaben sind.

John Fortescue (1394–1476) leitete die königliche Autorität aus öffentlicher Zustimmung statt aus dem Gottesgnadentum ab. Jean Bodin (1530–1596) führte den Begriff der Souveränität in die Staatslehre ein: Nur der Souverän – Volk, Stand oder König – dürfe Gesetze erlassen. George Buchanan (1506–1582) vertrat die Volkssouveränität einschließlich eines Widerstandsrechts gegen einen Herrscher, der den Interessen der Gemeinschaft widerspricht. Johannes Althusius (1557–1638) begründete den Staat mit einem föderalistischen Gesellschaftsvertrag und betrachtete das Volk politisch und religiös als autonom. Francisco Suárez (1548–1617) betonte individuelle Freiheit, Naturrecht und Staatsvertrag. Hugo Grotius (1583–1645), der als Begründer des Völkerrechts gilt, formulierte in De jure belli ac pacis Regeln für internationale Beziehungen in Krieg und Frieden und entwickelte eine Naturrechtslehre.

Empirie und mathematische Naturforschung

Francis Bacon (1561–1626) gilt als Wegbereiter des Empirismus, also einer Erkenntnisweise, die sich auf Erfahrung und Beobachtung stützt. Ihm wird der Satz „Wissen ist Macht“ zugeschrieben. Wissenschaft sollte nach Bacon der Beherrschung der Natur im Interesse des Fortschritts dienen; beherrschen könne der Mensch die Natur aber nur, wenn er sie kenne. Bacon setzte deshalb auf sorgfältige Naturbeobachtung, wiederholbare Experimente und allgemein verbindliche Methoden.

Bei induktiven Schlüssen, also Verallgemeinerungen aus einzelnen Beobachtungen, müsse man besonders nach negativen Instanzen suchen: Fällen, die einer bisher gültigen Regel widersprechen. Schon ein Gegenbeispiel könne eine angeblich bewiesene Folgerung widerlegen; damit formulierte Bacon das Falsifikationsprinzip. Außerdem verstand er Wissen als kumulativ, also als etwas, das sich fortlaufend erweitert. Er widersprach damit der scholastischen Auffassung, alles Wissbare sei bereits in der Bibel oder bei Aristoteles enthalten. Intuition und Analogieschlüsse betrachtete er als wissenschaftlich unzuverlässig.

Giordano Bruno (1548–1600) lehrte unter dem Einfluss von Cusanus die Unendlichkeit des Universums. Gott sei zugleich das Größte und Kleinste sowie Möglichkeit und Wirklichkeit und stehe nicht außerhalb, sondern innerhalb der Welt. Die göttliche Natur befinde sich in ewigem Wandel; Gott sei für die menschliche Vernunft nur mittelbar in der Natur erkennbar. Diese pantheistischen, also Gott und Natur eng verbindenden Gedanken führten nach siebenjähriger Haft durch die Inquisition zu seiner Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen.

Nicolaus Copernicus (1473–1543) trug durch Beobachtungen entscheidend zur Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes bei. Galileo Galilei (1564–1642) schuf mit Fallexperimenten und Bewegungsgesetzen Grundlagen der Mechanik. Er verteidigte Copernicus, musste jedoch unter dem Druck der Inquisition widerrufen. Für Galilei war die Natur in mathematischer Sprache geschrieben. Johannes Kepler (1571–1630) bestätigte Copernicus durch Berechnungen und förderte ebenfalls die mathematische Naturforschung. Mit diesen Forschern emanzipierten sich Philosophie und Naturwissenschaft am Ende der Renaissance endgültig von der Theologie.

Reformation und Säkularisierung

Die Reformation war keine eigenständige philosophische Bewegung, gehörte aber wie der Humanismus zur Erneuerung des Denkens und stärkte die Rolle des Einzelnen. Unter dem Leitgedanken „Zurück zur Schrift“ trat der individuelle Glaube an die Stelle päpstlicher Gebote als entscheidender Maßstab. Vorläufer waren Wycliff (1330–1384), der Sakramente und kirchliche Hierarchie infrage stellte, und Jan Hus (1369–1415), der wegen ähnlicher Auffassungen als Ketzer verbrannt wurde. Zum endgültigen Bruch mit der römischen Kirche kam es durch Martin Luther (1483–1546), Ulrich Zwingli (1484–1531) und Johannes Calvin (1509–1564).

Die Reformatoren lehnten unter anderem Wallfahrten, Kasteiungen, Ablassbriefe und Ämterkauf ab. Entscheidend sei das Wort, durch das der Mensch zu Gott finde; daraus entstand das Motiv für die einflussreiche Bibelübersetzung Luthers. Luther stand, wenn überhaupt, in der Tradition Augustinus’ und verwarf die an Aristoteles orientierte scholastische Philosophie als Stütze päpstlicher Herrschaft.

Obwohl Luther Philosophie und moderner Naturwissenschaft fernstand, beschleunigte die Reformation die geistige Erneuerung und den Machtverlust der Kirche. Schulen und Universitäten wurden zunehmend säkularisiert, also aus unmittelbarer kirchlicher Bindung gelöst. Die Bauernkriege von 1525 stärkten durch den Sieg der Fürsten deren Stellung. Auch Katholische Reform und Gegenreformation konnten diese Entwicklung nicht mehr aufhalten. Die Individualisierung des Glaubens bereitete in der frühen Neuzeit die weitere Säkularisierung der Philosophie und die Entstehung deistischer Gedanken vor.

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