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Houston Stewart Chamberlain

Mit der Theorie des Sozialdarwinismus ließen sich ... Die Geschichte der Juden in Deutschland vom Mittelalter bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundpositionen
  2. 2. Herkunft und frühe Prägungen
  3. 3. Studium, Wagner-Kreis und Schriftstellerlaufbahn
  4. 4. Das Hauptwerk und seine Wirkung
  5. 5. Bayreuth, Krieg und Nähe zum Nationalsozialismus
  6. 6. Tod, Nachwirkung und ausgewählte Schriften

Bedeutung und Grundpositionen

Houston Stewart Chamberlain (9. September 1855 in Portsmouth; 9. Januar 1927 in Bayreuth) war ein englisch-deutscher Schriftsteller, der auf Französisch und Deutsch schrieb. Er verfasste populärwissenschaftliche Werke über Richard Wagner, Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe, wurde aber vor allem durch seine pangermanische und antisemitische Weltanschauung bekannt. Sein Hauptwerk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts von 1899 wurde ein einflussreiches Standardwerk des rassistischen und ideologischen Antisemitismus in Deutschland.

Für das Verständnis Chamberlains ist wichtig, dass er Kultur, Geschichte und Politik stark durch angebliche „Rassen“ erklärte. Er bezeichnete die germanische Rasse auch als „arisch“ und schrieb ihr eine Führungsrolle in der Welt zu. Dem deutschen Volk schrieb er eine gemeinsame, durch „Blut“ bestimmte „Rassenseele“ zu, die angeblich Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Treue und Fleiß hervorbringe. Jüdinnen und Juden beziehungsweise „Semiten“ stellte er als staatlich unfähig und der „arischen“ Rasse unterlegen dar, obwohl er einzelnen Juden auch „Adel im vollsten Sinne des Wortes“ zugestand. Diese Vorstellungen machten ihn später zu einem wichtigen intellektuellen Wegbereiter des nationalsozialistischen Rassismus.

Herkunft und frühe Prägungen

Chamberlain wurde im Stadtteil Southsea in Portsmouth geboren und stammte aus einer wohlhabenden Adelsfamilie. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Zu seinem Vater, dem Konteradmiral William Charles Chamberlain, blieb das Verhältnis distanziert. Chamberlain und seine Brüder verbrachten etwa zehn Jahre in Versailles bei der Großmutter und einer Tante, wodurch er stärker französisch als englisch geprägt wurde. Sein älterer Bruder Basil Hall Chamberlain wurde später Japanologe und Professor an der Kaiserlichen Universität Tokio.

1866 kehrte Chamberlain nach Großbritannien zurück. In der Schule fühlte er sich fremd und wurde von Mitschülern angefeindet. Dieses frühe Gefühl, im eigenen Land nicht dazuzugehören, begünstigte nach Darstellung des Artikels später seine Hinwendung zum Deutschtum. Wegen gesundheitlicher Probleme ging er 1869 nach Frankreich zurück und reiste mit seiner Tante neun Jahre lang durch Europa.

Ein wichtiger Einfluss war der deutsche Theologiestudent Otto Kuntze, später Pastor der deutschen evangelischen Gemeinde in San Remo. Kuntze half Chamberlain beim Ordnen seiner Studien, förderte sein Interesse an Shakespeare und Naturstudien und unterrichtete ihn in Deutsch. Dadurch beschäftigte Chamberlain sich stärker mit deutscher Literatur; Goethe, Schiller und Kant gehörten zu seinen Lieblingsautoren. 1878 heiratete er nach dem Tod seines Vaters Anna Horst. Danach reiste das Paar durch Europa und ließ sich 1879 in Genf nieder, wo Chamberlain Naturwissenschaften studierte.

Studium, Wagner-Kreis und Schriftstellerlaufbahn

In Genf legte Chamberlain 1881 das Baccalaureus-Examen ab und begann eine Doktorarbeit über den Wurzeldruck bei Pflanzen. Experimente und Schwierigkeiten verzögerten die Arbeit. 1884 erlitt er einen schweren Nervenzusammenbruch, der seine naturwissenschaftlichen Forschungen jahrelang unterbrach. Danach zog er mit seiner Frau nach Dresden. Dort beschäftigte er sich intensiv mit Kultur, Musik, Theater sowie mit Kant und Platon.

In Dresden engagierte Chamberlain sich im lokalen Wagner-Club. 1888 veröffentlichte er seinen ersten deutschsprachigen Artikel. Dadurch wurde der innere Kreis um Cosima Wagner, der Witwe Richard Wagners, auf ihn aufmerksam. Mit Cosima Wagner verband ihn eine lebenslange Freundschaft, die durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentiert ist.

Nach seiner Genesung wollte Chamberlain seine naturwissenschaftliche Arbeit abschließen. Sie erschien 1897 unter dem Titel Recherches sur la sève ascendante, wurde aber nicht mehr als Doktorarbeit eingereicht. Ohne akademischen Titel widmete er sich nun ganz der Schriftstellerei. In Wien blieb er eng mit dem Bayreuther Wagner-Kreis verbunden. 1895 erschien seine Biographie Richard Wagner, die weniger Wagners Lebensdaten darstellte als dessen politische, philosophische und musikalische Beweggründe.

Das Hauptwerk und seine Wirkung

Im Februar 1896 begann Chamberlain mit der Arbeit an Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Das etwa 1200 Seiten lange Werk schloss er in nur 19 Monaten ab; 1899 erschien es. Das Buch wurde ein großer Erfolg und löste viele Kontroversen aus. Es verband Bildungssprache, Kulturbegeisterung und rassistische Deutungen und wirkte besonders auf antisemitische, deutschnationale und alldeutsche Kreise.

Die Grundlagen wurden zu einem Standardwerk des theoretischen Rassenantisemitismus. Sie beeinflussten Alfred Rosenberg und später Adolf Hitler. Auch Kaiser Wilhelm II. war von Chamberlain angetan; der Artikel nennt außerdem D. H. Lawrence, Winston Churchill und Albert Schweitzer als Leser oder Interessierte. Die Historikerin Wanda Kampmann erklärte den Erfolg unter anderem mit der Müdigkeit gegenüber detailreicher Forschung, mit der Verklärung von Kunst, Kultur und Religion als schöpferische Leistung des germanischen Geistes, mit der Rassentheorie und mit der Überzeugungskraft von Vereinfachung.

Nach dem Erfolg veröffentlichte Chamberlain weitere Schriften, darunter Aufsätze zu Wagner und Bayreuth, Bühnenstücke, Monographien und 1905 eine Einführung in Immanuel Kant. Auch privat veränderte sich sein Leben: Seine Ehe mit Anna wurde geschieden, und 1908 heiratete er Eva Freiin von Bülow, die Tochter Richard und Cosima Wagners.

Bayreuth, Krieg und Nähe zum Nationalsozialismus

Ab 1909 lebte Chamberlain in Bayreuth. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb er unter anderem Goethe (1912) sowie Aufsätze zu Kant, Goethe und Wagner. Mit der zunehmenden Spannung zwischen England und Deutschland änderte sich sein politisches Auftreten. Während des Krieges veröffentlichte er zahlreiche Texte über Kriegsursachen und Kriegsfolgen. Im August 1916 wurde er deutscher Staatsbürger. In Großbritannien galt er dadurch als Abtrünniger, und sein internationales Ansehen nahm stark ab. 1917 trat er der Deutschen Vaterlandspartei bei.

Die Niederlage Deutschlands 1918 überraschte Chamberlain. Er erklärte sie im Sinne der damals verbreiteten Dolchstoßlegende durch eine angebliche jüdische Verschwörung. 1919 erschien seine autobiographische Sammlung Lebenswege meines Denkens. Gesundheitlich verschlechterte sich sein Zustand stark. Bereits 1901 war eine degenerative Krankheit festgestellt worden; später traten Lähmungen an Gliedmaßen, Speiseröhre, Atmung und Verdauungsapparat auf. Die genaue Krankheit ist unbekannt; vermutet wurden Syphilis, Parkinson-Krankheit oder Amyotrophe Lateralsklerose.

1923 empfing Chamberlain Adolf Hitler in Bayreuth. In einem Brief vom 7. Oktober 1923 lobte er Hitler ausdrücklich und sah in ihm eine Hoffnung für Deutschland. Die Forschung bewertet seine Einschätzung unterschiedlich: Udo Bermbach betont, Chamberlain habe Hitlers Fanatismus, Gewaltbereitschaft und totalitäres Politikverständnis dramatisch verkannt; Sven Fritz sieht ihn körperlich, aber nicht geistig eingeschränkt und deutet den Kontakt als Versuch, sich der neuen völkischen Führungsfigur als Denker anzubieten. Am 9. November 1923 veröffentlichte Chamberlain im Völkischen Beobachter den Artikel Gott will es – Betrachtung über den gegenwärtigen Zustand Deutschlands, der als Unterstützung des Hitler-Putsches gelesen werden kann. Zum 26. Januar 1926 trat er der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 29.206.

Tod, Nachwirkung und ausgewählte Schriften

Chamberlain starb am 9. Januar 1927 im Alter von 71 Jahren. Am 12. Januar fand auf dem Coburger Stadtfriedhof eine Trauerfeier mit anschließender Einäscherung statt; anwesend waren unter anderem Adolf Hitler, Wilhelm von Preußen und Ernst von Hohenlohe-Langenburg. Sein gemeinsames Grab mit seiner Frau Eva geborene von Bülow befindet sich auf dem Stadtfriedhof in Bayreuth.

Der Artikel fasst Chamberlain als einen der wichtigsten intellektuellen Wegbereiter des nationalsozialistischen Rassismus zusammen. David Clay Large wird mit der Einschätzung wiedergegeben, die Nationalsozialisten hätten Chamberlains Ideen nicht weiter verbessern müssen; es habe gereicht, sie zu Ende zu führen und in die Wirklichkeit umzusetzen. Chamberlain war von 1922 bis zur posthumen Aberkennung 2013 Ehrenbürger der Stadt Bayreuth. Er hinterließ der Stadt eine große Erbschaft; sein Wohnhaus dient heute als Jean-Paul-Museum. Straßenbenennungen nach ihm wurden 1947 und 1989 rückgängig gemacht.

Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen gehören Das Drama Richard Wagners (1892), Richard Wagner (1895), Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (1899), Arische Weltanschauung (1905), Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk (1905), Goethe (1912), Kriegsaufsätze (1915), Lebenswege meines Denkens (1919) und Rasse und Persönlichkeit (1925).

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