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Holocaust in den Niederlanden
Mai 1940 zur jüdischen Religionsgemeinschaft gehörten. In dieselbe Einteilung fielen Menschen mit zwei jüdischen Großeltern, die am oder nach dem 2. Mai …
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Kern und Ausgangslage
Der Holocaust in den Niederlanden war die systematische Verfolgung, Deportation und Ermordung der niederländischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland während der Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Die Nationalsozialisten bezeichneten den geplanten Mord an den europäischen Juden als „Endlösung der Judenfrage“. Von schätzungsweise 140.000 Menschen, die sie als „Volljuden“ einordneten, starben etwa 101.800 durch Mord, Krankheiten und Erschöpfung. Die meisten wurden in Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert und dort in Gaskammern ermordet.
Vor dem Krieg flohen wegen der zunehmenden Verfolgung in Deutschland schätzungsweise 35.000 bis 50.000 jüdische Menschen in die Niederlande. Viele betrachteten das Land nur als Durchgangsstation und reisten über niederländische Häfen weiter. Die Aufnahme war jedoch stark begrenzt. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 wurden Flüchtlinge aus Angst vor Überfremdung, wirtschaftlichen Belastungen und einer Verschlechterung der Beziehungen zum Deutschen Reich an der Grenze abgewiesen. Bis November 1938 erhielten nur 800 Juden aus humanitären Gründen eine Einreisegenehmigung.
Nach den Novemberpogromen schloss die Regierung unter Ministerpräsident Hendrikus Colijn am 15. Dezember 1938 erneut die Grenze. Colijn begründete dies auch mit dem in den Niederlanden vorhandenen Antisemitismus. Auf der Konferenz von Évian 1938 erklärten die niederländischen Vertreter, ihr Land könne vor allem als Transitland dienen, wenn die Weiterreise gesichert sei. Das Parlament zwang die Regierung später, die Einwanderungsquote von zunächst 2.000 auf 7.000 und schließlich auf bis zu 10.000 Personen zu erhöhen; diese Zahl wurde letztlich deutlich überschritten.
Entrechtung und Verfolgung 1940 bis 1943
Unmittelbar nach der niederländischen Kapitulation am 14. Mai 1940 begannen die Besatzer mit antijüdischen Maßnahmen. Am 11. Oktober mussten Beamte ihre „arische Herkunft“ nachweisen. Nach einer Verordnung vom 22. Oktober galt als „Volljude“ (niederländisch voljood), wer drei oder vier jüdische Großeltern hatte. Als „Juden“ galten außerdem Personen mit zwei jüdischen Großeltern, die am oder nach dem 9. Mai 1940 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten oder am oder nach dem 2. Mai 1940 mit einem Juden verheiratet waren. Jüdische Beamte durften nicht mehr ernannt oder befördert werden und verloren im November ihren Dienst. Der Hochschullehrer Rudolph Cleveringa protestierte am 26. November 1940 an der Universität Leiden; daraufhin kam es zu einem Studentenstreik, die Universität wurde geschlossen und Cleveringa etwa acht Monate inhaftiert.
Am 10. Januar 1941 wurden alle niederländischen Juden zur Registrierung aufgefordert. Für die Aufnahme in die „Judenkartei“ genügte bereits ein einzelner jüdischer Vorfahr; pro Person musste ein Gulden bezahlt werden. Insgesamt wurden 160.552 Juden registriert, darunter 140.552 „Volljuden“, 14.549 „Halbjuden“ und 5.719 „Vierteljuden“. Im selben Jahr wurden Juden aus Berufen und öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen: Sie durften unter anderem nicht mehr als Künstler, an nichtjüdischen Schulen, für nichtjüdische Patienten oder für nichtjüdische Mandanten arbeiten. Theater, Kinos, Schwimmbäder, Parks und andere Orte wurden für sie gesperrt. Ab August mussten zunächst wohlhabende Juden Geld, Wertpapiere und Wertgegenstände bei der Bank Lippmann, Rosenthal & Co. deponieren. Ab 1942 galt dies für alle Juden; der Wert des eingezogenen Vermögens wird auf 325 bis 455 Millionen Gulden geschätzt.
Ab dem 22. Februar 1941 fanden Razzien statt. Bei der ersten Razzia in Amsterdam wurden 425 jüdische Männer verhaftet und nach Buchenwald und Mauthausen deportiert. Als Reaktion entstand der Februarstreik nichtjüdischer Niederländer, der bis zum Abend des 26. Februar von den Deutschen niedergeschlagen wurde; neun Menschen starben und 24 wurden schwer verletzt. Der Jüdische Rat von Amsterdam sollte die jüdische Bevölkerung im Sinne der Besatzer kontrollieren und Anweisungen weitergeben. Später musste er auch jüdische Räte für andere Landesteile benennen. Seine Aufrufe zur Registrierung und zur Meldung für den angeblichen „Arbeitseinsatz im Osten“ erleichterten den Besatzern die Deportationen.
1942 verschärfte sich die Kennzeichnung und Isolierung. Seit dem 23. Januar war ein „Persoonsbewijs“ mit Foto, Unterschrift und Fingerabdruck vorgeschrieben; bei Juden stand ein großes „J“ in der oberen rechten Ecke. Ab dem 3. Mai mussten Voll- und Halbjuden den Judenstern (Jodenster) tragen. Hinzu kamen Zwangsumzüge, die Beschlagnahmung jüdischer Wohnungen und ihres Hausrats durch die „M-Aktion“, eine Sperrstunde von 20:00 bis 06:00 Uhr, ein Straßenbahnverbot, ein Verbot öffentlicher Sitzbänke, eingeschränkte Einkaufszeiten von 15:00 bis 17:00 Uhr und ab September ein vollständiges Studienverbot. Bei Razzien in Amsterdam wurden am 26. Mai 1943 etwa 3.000 und am 20. Juni mehr als 5.000 Menschen festgenommen. Bei der letzten großen Razzia am 29. September wurden auch die Vorsitzenden des Jüdischen Rats deportiert; außerhalb von Verstecken lebten danach in Amsterdam praktisch keine Juden mehr.
Deportation, Lager und Beteiligung der Gesellschaft
Am 19. Mai 1941 ordnete die Leitung des Reichskommissariats an, die Niederlande vollständig „judenfrei“ zu machen. Das jüdische Vermögen sollte die Deportationen mitfinanzieren, sodass die Opfer letztlich für ihre eigene Verschleppung aufkommen mussten. Zunächst erhielten viele Juden schriftliche Befehle, sich an Sammelstellen einzufinden; später wurden sie bei Razzien direkt verhaftet.
Am 1. Februar 1942 begannen Deportationen in jüdische Arbeitslager, die über das Land verteilt waren. Am 2. Oktober 1942 wurden diese Lager geräumt; 14.000 jüdische Insassen kamen zunächst nach Westerbork und anschließend in Vernichtungslager im Osten. Die wichtigsten Durchgangslager waren Westerbork in Drenthe und das kleinere Amersfoort in Utrecht. Hunger, Vernachlässigung und Krankheiten wie Typhus forderten dort viele Opfer. Im Konzentrationslager Herzogenbusch, das 1942 gebaut wurde, waren etwa 12.000 Juden interniert; bis Herbst 1944 starben dort ungefähr 750 Menschen.
Die massenhaften Deportationen aus den Niederlanden begannen am 14. Juli 1942. Aus Westerbork wurden etwa 101.000 von insgesamt 107.000 Juden aus den Niederlanden abtransportiert. Bis 1944 fuhr dafür einmal wöchentlich ein Zug nach Osten, vor allem nach Auschwitz, Sobibor, Bergen-Belsen und Theresienstadt. Der letzte Deportationszug verließ Westerbork am 13. September 1944 in Richtung Bergen-Belsen. Westerbork wurde am 12. April 1945 von kanadischen Truppen befreit; noch etwa 900 jüdische Häftlinge befanden sich dort. Zu den bekannten Opfern gehörten Anne Frank, Margot Frank und Etty Hillesum. Auch niederländische Sinti und Roma wurden von Westerbork aus deportiert, darunter Settela und Celestinus „Willy“ Steinbach.
Widerstand ging vor allem von Privatpersonen aus, da Juden und Helfer nicht auf staatliche Unterstützung zählen konnten. Niederländer versteckten im Verlauf des Krieges etwa 25.000 Juden; ungefähr 9.000 wurden bei Razzien oder durch Verrat entdeckt. Das Dutch-Paris-Netzwerk von Johan Hendrik Weidner verhalf etwa 1.000 Menschen, darunter 800 Juden, zur Flucht nach Spanien, Portugal oder in die Schweiz.
Andere Niederländer kollaborierten mit den Deutschen, viele von ihnen in der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB), die auf ihrem Höhepunkt etwa 100.000 Mitglieder hatte. Auch jüdische Menschen konnten unter Zwang oder aus Angst zur Verfolgung anderer beitragen. Ans van Dijk lieferte als angebliche Widerstandskämpferin 145 Menschen an den Sicherheitsdienst aus und erhielt dafür jeweils 7,50 Gulden; sie wurde im Januar 1948 hingerichtet. Im Durchgangslager Westerbork arbeitete Kurt Schlesinger als Leiter des jüdischen Ordnungsdienstes mit dem Lagerkommandanten Albert Konrad Gemmeker zusammen und beeinflusste Deportationslisten.
Opferzahlen und mögliche Erklärungen
Von etwa 140.000 Juden in den Niederlanden wurden während der Besatzung 107.000 deportiert. Nach einer Angabe kehrten 5.200 lebend zurück; an anderer Stelle nennt der Artikel etwa 5.000 Rückkehrer. Insgesamt überlebten demnach ungefähr 73 % der jüdischen Bevölkerung den Holocaust nicht. Die regionalen Unterschiede waren groß: In Amsterdam lag die Opferquote bei 75 %, in Zeist bei 33 % und in Winschoten bei 88 %.
Im Vergleich dazu wurden in Belgien etwa 40 % der registrierten Juden ermordet, in Frankreich etwa 25 % und in Luxemburg etwa 20 %. Höhere Opferanteile nennt der Artikel für das Deutsche Reich mit 84 % und für Tschechien mit 90 %.
Historiker erklären die hohe Opferzahl in den Niederlanden unter anderem mit dem vergleichsweise geringen öffentlichen Widerstand gegen die antijüdischen Maßnahmen, dem erst Mitte 1943 stärker werdenden Widerstand und der zivilen Besatzungsverwaltung unter Arthur Seyß-Inquart und Hanns Albin Rauter. Eine seit 1920 bestehende, effiziente Bevölkerungserfassung und die genaue Registrierung erleichterten die Identifizierung. Die dichte Besiedlung, die flache Landschaft, die Konzentration vieler Juden in großen Städten und die soziale Abschottung durch die „Versäulung“ erschwerten das Untertauchen. Nur einer von sieben Juden soll zu Beginn der Verfolgung ein Versteck gesucht haben. Außerdem war eine Ausreise kaum möglich; in den Jahren 1940 und 1941 gelang sie nur einigen tausend Menschen, meist durch erhebliche Bestechung.
Als weiteren Erklärungsansatz nennt die Historikerin Nanda van der Zee das Machtvakuum nach der Flucht von Königin Wilhelmina und der Regierung nach London. Wilhelmina erwähnte die Lage der Juden auch in ihren Radioansprachen nicht. Diese Erklärungen werden im Artikel als unterschiedliche Deutungen von Historikern dargestellt, nicht als vollständig geklärte Einzelerklärung.
Rückkehr und Aufarbeitung
In den letzten Kriegsmonaten befanden sich viele noch lebende niederländische Juden in Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt. Bei den Evakuierungen und Todesmärschen aus Auschwitz starb etwa ein Viertel der Gefangenen an Kälte, Hunger oder Gewalt. Bergen-Belsen wurde am 15. April 1945, Theresienstadt am 8. Mai 1945 befreit. In Bergen-Belsen starben von den 60.000 Überlebenden zum Zeitpunkt der Befreiung in den ersten Wochen danach noch 14.000. Der sogenannte „verlorene Zug“ aus Bergen-Belsen gelangte nach einer Irrfahrt durch Deutschland nach Tröbitz und wurde dort von alliierten Truppen befreit. In Theresienstadt überlebten etwa 850 Niederländer.
Die Rückkehr war schwierig. Die niederländische Regierung bot den Überlebenden zunächst keine Hilfe; viele mussten selbst reisen, einige sogar zu Fuß. Behörden begegneten ihnen misstrauisch, und manche mussten zunächst in Auffanglagern unterkommen. Viele fanden ihre Wohnungen verkauft oder vermietet und ihr Eigentum verschwunden vor.
Im Jahr 2000 entschuldigte sich die niederländische Regierung offiziell für ihre „kalte“ Haltung und versprach den noch lebenden Betroffenen jeweils 14.000 Gulden. Kommissionen untersuchten danach den Verbleib und Wert geraubter jüdischer Vermögenswerte. Die Stiftung Stichting Collectieve Maror-gelden prüft bis heute entsprechende Ansprüche und zahlt Entschädigungen aus.
Am 11. April 2005 räumte Ministerpräsident Jan Peter Balkenende die weitreichende Kollaboration niederländischer Beamter und eine Mitschuld am Holocaust in den Niederlanden ein. Kurz darauf entschuldigte sich auch die Leitung der Niederländischen Eisenbahngesellschaft offiziell. Die Verfolgung von Kriegsverbrechern war unterschiedlich erfolgreich: Arthur Seyß-Inquart wurde im Nürnberger Prozess zum Tod verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet; Hanns Albin Rauter wurde am 25. März 1949 in Scheveningen erschossen. Willi Lages erhielt zunächst die Todesstrafe, wurde aber zu lebenslanger Haft begnadigt und 1966 aus Krankheitsgründen entlassen. Gemmeker bekam zehn Jahre Haft. Hans Fischböck entzog sich der Strafverfolgung und floh vermutlich über eine sogenannte Rattenlinie nach Argentinien.
Gedenken und Rettung
Zum 1. Januar 2020 hatte Yad Vashem 5.778 Niederländer als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Bezogen auf etwa neun Millionen Einwohner der damaligen Niederlande entspricht dies ungefähr einer nachweislichen Hilfeleistung pro 1.550 Menschen. Zu den Geehrten gehörten unter anderem Miep und Jan Gies, Corrie ten Boom, Willem Kolff, Frits Philips, Geertruida Wijsmuller-Meijer, Jan Zwartendijk und die Einwohner des Dorfes Nieuwlande. Wijsmuller-Meijer ermöglichte durch Kindertransporte etwa 10.000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei die Ausreise nach England.
Die UN-Generalversammlung erklärte am 1. November 2005 mit Resolution 60/7 den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. In den Niederlanden findet dazu am letzten Sonntag im Januar eine Gedenkveranstaltung des Nederlands Auschwitz Comité im Wertheimpark in Amsterdam statt. Dort steht das Spiegelmonument „Nooit Meer Auschwitz“. Das NIOD Institut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies nutzt den Gedenktag auch, um über Genozide, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung aufzuklären.
Das am 19. September 2021 eröffnete Holocaust Namenmonument in Amsterdam nennt die Namen und Lebensdaten aller von den Nationalsozialisten ermordeten niederländischen Juden, Sinti und Roma. Das von Daniel Libeskind entworfene Denkmal ist 350 Meter lang, bis zu sieben Meter hoch und kostete etwa 14 Millionen Euro. Seit 2007 werden außerdem Stolpersteine verlegt; der erste niederländische Stein wurde am 29. November 2007 in Borne gesetzt.
Nach dem Krieg erinnerten Denkmäler zunächst meist allgemein an das Leiden der niederländischen Bevölkerung. Eine intensivere öffentliche Beschäftigung mit dem Holocaust setzte etwa seit den 1980er-Jahren ein, auch im Zusammenhang mit der Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im Jahr 1979. Der Streit über die politische Deutung des Februarstreiks führte in den 1950er-Jahren sogar zu getrennten Gedenkveranstaltungen und wurde erst 1991 beigelegt. Königin Wilhelmina verlieh Amsterdam am 29. März 1947 den Wahlspruch „Heldhaftig, Vastberaden, Barmhartig“ und stiftete die Verzetsvlag.