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Holocaust (Begriff)

Der Begriff Holocaust stammt vom griechischen Adjektiv ὁλόκαυστος holókaustos, das „vollständig verbrannt“ bedeutet und seit etwa 2500 Jahren bekannt ist.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Gebrauch
  2. 2. Vom Brandopfer zur Bezeichnung des Judenmords
  3. 3. Schoa, Churban und sprachliche Kritik
  4. 4. Singularität und historische Vergleiche
  5. 5. Übertragungen, Inflation und Missbrauch

Bedeutung und Gebrauch

„Holocaust“ bezeichnet heute vor allem den staatlich organisierten und systematisch durchgeführten Mord an etwa sechs Millionen europäischen Juden während des Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten nannten ihr Ziel „Endlösung der Judenfrage“. Grundlage war ein zum Staatsprinzip erhobener Rassen-Antisemitismus. Die Verfolgung zielte auf die vollständige Ausrottung aller Juden Europas und wurde auch mit industriellen Methoden umgesetzt.

Seit etwa 1960 setzte sich „The Holocaust“ in den USA als feste Bezeichnung dafür durch; in der Bundesrepublik Deutschland und weiteren europäischen Staaten wurde sie besonders seit 1978/1979 gebräuchlich. Heute wird das Wort nur selten als Sammelbegriff für die gesamte nationalsozialistische Repressions- und Vernichtungspolitik gegenüber allen Opfergruppen verwendet. Manche Historiker ordnen den Völkermord an den Sinti und Roma als Teil des Holocaust oder als „Roma-Holocaust“ ein, um seine Gleichrangigkeit mit der Judenvernichtung auszudrücken. Andere verwenden dafür den Begriff Porajmos („Verschlingen“).

Ob „Holocaust“ ausschließlich die NS-Judenvernichtung bezeichnen soll, ist umstritten. Seine Übertragung auf andere Völkermorde oder Massentötungen kann als Vergleich gemeint sein, wird aber häufig als Verharmlosung oder Relativierung der Judenvernichtung kritisiert.

Vom Brandopfer zur Bezeichnung des Judenmords

Das griechische Adjektiv holókaustos bedeutet „vollständig verbrannt“. Das zugehörige Substantiv holocaútōma bezeichnete in der Antike ein Tieropfer, das vollständig auf einem Altar verbrannt wurde. Die um 250 v. Chr. begonnene griechische Bibelübersetzung Septuaginta verwendete entsprechende Wörter etwa 200-mal für hebräische Begriffe, die ein vollständig verbranntes Opfer bezeichnen. Über die lateinische Bibelübersetzung Vulgata gelangte holocaustum in das Französische und Englische und später in weitere europäische Sprachen.

Seit dem späten 12. Jahrhundert wurde der Ausdruck auch auf den Feuertod vieler Menschen übertragen. Der englische Chronist Richard of Devizes bezeichnete 1189 ein Judenpogrom in London als holocaustum und deutete den Mord mit antijudaistischen Vorstellungen als religiöses Opfer. Später konnte das Wort Großbrände, Massaker, Kriegsverluste und andere Katastrophen mit vielen Toten bezeichnen. Ab 1895 wurden Massaker an Armeniern als „Armenian Holocaust“ beschrieben; Winston Churchill nannte 1923 die im Ersten Weltkrieg verübten Massenmorde an Armeniern einen „administrativen Holocaust“. Damit hatte der Begriff bereits die Bedeutung eines Massenmords an einer ethnischen Gruppe angenommen.

Mit der NS-Judenverfolgung wurde das Wort erstmals 1938 verbunden, als Rabbiner einen Gedenktag für den „Synagogenholocaust“ der Novemberpogrome vorschlugen. Britische Zeitungen bezeichneten ab 1942 die nationalsozialistischen Massenmorde an Juden als Holocaust. Seit dem Eichmann-Prozess von 1960 verbreitete sich „der Holocaust“ als feste Bezeichnung. Die Library of Congress ordnete 1968 Literatur zur NS-Judenvernichtung unter „Holocaust-Jewish, 1939–1945“ ein. Seit 1972 bezog sich das großgeschriebene englische Wort meist ausschließlich auf diese Verbrechen. Im deutschen Sprachraum machte vor allem die US-Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ den Begriff 1978/1979 bekannt; er wurde zum Wort des Jahres 1979 gewählt. Die alternative Schreibweise „Holokaust“ setzte sich nicht durch.

Schoa, Churban und sprachliche Kritik

Jüdische Zeitzeugen bezeichneten die Vernichtung mit dem hebräischen Wort Schoa beziehungsweise Shoah. Es bedeutet etwa „Katastrophe“, „Untergang“ oder „Zerstörung“. 1940 erschien es erstmals im Titel eines Jerusalemer Zeitungsartikels über die NS-Massenmorde im besetzten Polen. Bis 1942 setzte es sich in jüdischen Gemeinden Palästinas durch. Seit der israelischen Unabhängigkeitserklärung von 1948 wird es in Israel ausschließlich auf die Vernichtung der europäischen Juden bezogen. Der Dokumentarfilm „Shoah“ von Claude Lanzmann machte das Wort 1985 auch in Westeuropa bekannt.

Churban bedeutet ebenfalls „Zerstörung“ oder „Katastrophe“ und bezeichnet traditionell die Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. und des zweiten Tempels 70 n. Chr. Osteuropäische jüdische Gemeinden verwendeten Churban seit 1940 auch für den Holocaust; im Jiddischen ist Churbn bis heute üblich. Die Bezeichnung „dritter Churban“ setzte sich im Hebräischen nicht durch, weil der Vergleich mit den Tempelzerstörungen die Besonderheit der NS-Judenvernichtung nicht ausreichend erfasse.

1951 führte Israel den Jom haScho’a als nationalen Gedenktag für die Judenverfolgung von 1933 bis 1945 ein. Er wird am 27. Nisan des jüdischen Kalenders begangen. Das zunächst vorgeschlagene Datum, der 14. Nisan, entspricht dem 19. April, an dem 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto begann; wegen der Nähe zum Pessachfest wurde der Gedenktag verlegt.

Auch „Holocaust“ und „Schoa“ werden kritisiert. Gegen „Holocaust“ wird eingewandt, die Herkunft aus dem Opferkult könne die Ermordeten als freiwilliges oder religiös sinnvolles Opfer erscheinen lassen und Krematorien mit Altären verbinden. Andere kritisieren den abstrakten Fremdwortcharakter, der Täter, Opfer und konkrete Verbrechen verdecken könne. „Schoa“ kann wiederum wie eine ohne menschliche Täter hereinbrechende Katastrophe wirken. Deshalb bevorzugen manche Ausdrücke wie „Judenmord“, „Judenvernichtung“, „Ausrottung der Juden“ oder „Judeozid“. Grundsätzlich lenkt jede Bezeichnung die Wahrnehmung, indem sie bestimmte Aspekte hervorhebt und andere ausblendet.

Singularität und historische Vergleiche

Die Singularitätsdebatte fragt, ob die NS-Judenvernichtung eine historisch einmalige Besonderheit besitzt oder als ein Völkermord unter mehreren einzuordnen ist. Historiker, die ihre Singularität betonen, führen vor allem an: Erstmals habe ein moderner Industriestaat die vollständige physische Vernichtung einer bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppe angestrebt, rassistisch begründet, auf allen staatlichen Ebenen organisiert und während eines Weltkriegs europaweit auch mit industriellen Methoden als vorrangiges politisches Ziel verfolgt.

Die Debatte begann in den USA 1978 unter anderem mit dem Streit darüber, ob das geplante United States Holocaust Memorial Museum nur die Judenvernichtung oder auch NS-Morde an anderen Gruppen gleichrangig darstellen sollte. Kritiker einer ausschließlichen Verwendung sehen darin eine Hierarchie der Opfer und eine Herabsetzung anderer Völkermorde. Sie verweisen darauf, dass totale Vernichtungsziele, rassistische oder pseudoreligiöse Ideologien und systematische Verfolgungsmethoden auch in anderen Fällen vorkamen.

In der Bundesrepublik wurde die Frage im Historikerstreit seit etwa 1986 besonders kontrovers behandelt. Ernst Nolte stellte den Holocaust als Kopie sowjetischer Massenverbrechen und als Reaktion auf sie dar. Jürgen Habermas kritisierte solche Vergleiche als „Aufrechnung“ und betonte die besondere historische Verantwortung Deutschlands. Vergleiche sind damit nicht grundsätzlich ausgeschlossen, müssen aber Unterschiede bei Zielen, Ideologien, Methoden und historischen Zusammenhängen beachten.

Übertragungen, Inflation und Missbrauch

Seit etwa 1980 und verstärkt seit 1989/1990 wurde „Holocaust“ auf zahlreiche andere Ereignisse und Gefahren übertragen. Ein möglicher Atomkrieg hieß seit den 1950er Jahren häufig „nuclear holocaust“ oder „atomarer Holocaust“. Die Friedensbewegung der 1980er Jahre verwendete das Wort für die befürchtete weitgehende Vernichtung des Lebens durch einen Dritten Weltkrieg. Vergleiche zwischen „Auschwitz und Hiroshima“ stellten Holocaust und Atombombenabwürfe in einen historischen oder moralischen Zusammenhang, konnten aber auch die unterschiedlichen Kontexte verdecken.

Als „amerikanischer Holocaust“ bezeichnen einige Autoren die über Jahrhunderte erfolgte Verdrängung und Dezimierung der indigenen Bevölkerung Amerikas. Andere Forscher widersprechen dieser Einordnung und betonen, dass bis zu 90 Prozent der indigenen Todesopfer an unabsichtlich verbreiteten Krankheiten gestorben seien. „Afrikanischer“ oder „Schwarzer Holocaust“ bezeichnet seit etwa 1970 die Massenvernichtung und Unterdrückung schwarzer Menschen durch Kolonialismus, transatlantischen Sklavenhandel und Sklaverei in den USA. Bei Vergleichen entstanden teilweise umstrittene oder unbelegte Opferzahlen und eine Konkurrenz zwischen Opfergruppen.

„Hungerholocaust“ wurde für den Holodomor, die Hungersnot von 1932 bis 1933 in der Ukraine, gebraucht. Ob der Holodomor ein gezielter Völkermord war, ist in der Forschung umstritten; auch Forschende, die dies bejahen, nennen ihn gewöhnlich nicht Holocaust. „Roter Holocaust“ bezeichnete die These, kommunistische „Klassengenozide“ seien dem nationalsozialistischen „Rassengenozid“ vergleichbar. Diese Gleichsetzung und die Behauptung, der Gulag sei das Modell der nationalsozialistischen Konzentrationslager gewesen, lösten heftige Kritik aus.

Rechtsextremisten verwenden Begriffe wie „Bombenholocaust“ für alliierte Luftangriffe oder „Vertreibungsholocaust“ für Flucht und Vertreibung von etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen zwischen 1944 und 1949, bei denen etwa zwei Millionen Menschen starben. Solche Wörter lösen die Ereignisse aus dem Zusammenhang des deutschen Angriffskriegs und nationalsozialistischer Verbrechen. Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung sowie der Verfassungsschutz bewerten sie als relativierende Gleichsetzung und Täter-Opfer-Umkehr mit Nähe zur Holocaustleugnung.

Abtreibungsgegner verwenden Ausdrücke wie „Abtreibungsholocaust“, „Babycaust“ oder „Embryocaust“, um Schwangerschaftsabbrüche als industrialisierten Massenmord darzustellen. Tierrechtsorganisationen verglichen Intensivtierhaltung, Schlachtung und Tierversuche mit nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Deutsche Gerichte verboten 2004 und 2005 die Peta-Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ wegen der Verletzung der Menschenwürde von Holocaustüberlebenden; das Bundesverfassungsgericht nahm 2009 eine Beschwerde nicht an. Der Oberste Gerichtshof Österreichs hielt die Kampagne 2006 dagegen für rechtlich zulässig.

Der Ausdruck „Frauen-Holocaust“ wurde für die frühneuzeitliche Hexenverfolgung verwendet. Dabei behauptete Opferzahlen von bis zu neun Millionen gelten als widerlegt; die Geschichtswissenschaft geht für Europa von etwa 40.000 bis 60.000 getöteten Personen aus. Insgesamt kann die Übertragung des Wortes Aufmerksamkeit auf andere Leiden lenken und eine universale Erinnerungskultur fördern. Eine inflationäre oder bewusst propagandistische Verwendung kann jedoch historische Unterschiede verwischen, die NS-Judenvernichtung relativieren und die Opfer verhöhnen.

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