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Hessisches Hinterland

Das Hessische Hinterland (lokal meist nur das Hinterland; mundartlich Hennerloand oder Hennerlaand) ist eine Region in Oberhessen zwischen den Städten …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Raum, Bedeutung und heutige Abgrenzung
  2. 2. Geschichtliche Entwicklung und heutige Einordnung
  3. 3. Wirtschaft und historische Erwerbsformen
  4. 4. Verkehr und Infrastruktur
  5. 5. Kultur, Sprache und Freizeit
  6. 6. Politik, Bildung und regionale Einrichtungen

Raum, Bedeutung und heutige Abgrenzung

Das Hessische Hinterland ist eine Region in Oberhessen zwischen Marburg und Siegen, östlich von Dillenburg und nördlich von Wetzlar. Sein heutiger Kern entspricht dem westlichen Teil des Landkreises Marburg-Biedenkopf, dem früheren Landkreis Biedenkopf. Historisch reichte das Gebiet schlauchartig von Bromskirchen im Norden bis kurz vor Wetzlar und nach Rodheim bei Gießen. Heute wird der Begriff vor allem für die sieben Hinterland-Kommunen Biedenkopf, Breidenbach, Dautphetal, Steffenberg, Angelburg, Bad Endbach und Gladenbach ohne den Ortsteil Weitershausen verwendet. Das Gebiet umfasst nach dem Stand vom 30. Juni 2023 genau 59.967 Einwohner und etwa 356,28 km².

Die Region liegt vollständig im Einzugsgebiet der oberen Lahn. Die wichtigsten Gewässer sind Lahn, Salzböde, Perf, Dautphe, Ohe, Allna und Engelbach. Die höchste Erhebung ist die Sackpfeife mit 674 m ü. NHN. Der äußerste Nordwesten gehört zum Lützlergebirge und damit zum Rothaargebirge; der übrige Teil liegt überwiegend im Gladenbacher Bergland. Geologisch gehört das Gebiet zum östlichen Rheinischen Schiefergebirge, dem Hessischen Synklinorium, mit Dillmulde, Hörre-Zone und Lahnmulde.

Das Klima liegt im Übergangsbereich zwischen Nordwest- und Südwestdeutschland und weist maritime wie festländische Einflüsse auf. Die Sommer sind vergleichsweise kühl, die Winter nicht alpin. Die mittlere Lufttemperatur beträgt 6 bis 7 °C, der Jahresniederschlag durchschnittlich 850 bis 1000 mm. Der Name „Hinterland“ bezog sich auf die Lage aus Sicht Darmstadts und Gießens: Die Region lag weit entfernt und war mit Oberhessen nur über einen etwa 500 m breiten Gebietskorridor verbunden.

Geschichtliche Entwicklung und heutige Einordnung

Das Hinterland entstand nach der Teilung Hessens im Jahr 1567. Die Gebiete um Battenberg, Biedenkopf und Gladenbach kamen zunächst zu Hessen-Marburg. Nach dem Aussterben der Marburger Linie im Jahr 1604 gelangten sie zunächst an Hessen-Kassel und 1627 an Hessen-Darmstadt. Nach den Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges blieb das Gebiet 1648 bei Hessen-Darmstadt, ab 1806 beim Großherzogtum Hessen.

Von 1815 bis 1866 lag das Hinterland zwischen Preußen, Nassau und Hessen-Kassel. Der hessische Korridor bei Heuchelheim war teilweise nur etwa 500 m breit. Über ihn führte der Westfalenweg, bis 1854 die einzige zollfreie direkte Verbindung nach Gießen und zu den übrigen hessen-darmstädtischen Gebieten. 1821 wurden in Hessen-Darmstadt neue Verwaltungseinheiten geschaffen. Gladenbach war zunächst ein eigener Landratsbezirk; 1832 ging er im neu gegründeten Landkreis Biedenkopf auf, der auch „Hinterlandkreis“ genannt wurde. 1848 wurden Kreise und Landratsbezirke vorübergehend durch Regierungsbezirke ersetzt, 1852 kehrte man zur Kreiseinteilung zurück.

Nach dem Deutschen Krieg von 1866 musste Hessen-Darmstadt die Kreise Biedenkopf und Vöhl an Preußen abtreten. Am 2. Februar 1867 wurde das Hinterland preußisch; seine Bewohner bezeichneten sich auch als „Muss-Preußen“. 1868 kamen neun südliche Gemeinden hinzu, die wegen ihrer Flächenform „Pannkucheviertel“ genannt wurden, sich selbst aber nicht als Hinterländer verstanden. 1932 wurde der Landkreis Biedenkopf mit dem Dillkreis vereinigt, am 1. Oktober 1933 wegen großer Proteste verkleinert wiederhergestellt. Dabei gingen das Gebiet um Battenberg und das Pannkucheviertel verloren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Gebiet zur Amerikanischen Besatzungszone und ab dem 19. September 1945 zu Groß-Hessen, seit Dezember 1946 zum Land Hessen. Am 1. Juli 1974 wurde der Landkreis Biedenkopf mit dem Landkreis Marburg zum Landkreis Marburg-Biedenkopf vereinigt. Die anfänglichen Gegensätze zwischen der industriell geprägten Region und dem stärker landwirtschaftlich geprägten Marburger Raum haben sich später abgeschwächt.

Wirtschaft und historische Erwerbsformen

Die Böden des Hinterlandes waren wenig ertragreich; um 1800 wurde von einem „ärmlichen Leben“ berichtet. Der landwirtschaftliche Ertrag lag etwa um die Hälfte niedriger als in der Wetterau. Das raue Klima, kleine Flächen und die verbreitete Realteilung erschwerten die Selbstversorgung. Im Westen galt bei Haus und Grundstücken die Freiteilbarkeit, also Alleinerbe oder Realteilung. Östlich davon war überwiegend das Anerbenrecht üblich, bei dem der Besitz an einen Erben überging. Das frühere Kirchspiel Hartenrod war ein Mischgebiet: Bei Grundbesitz über 5 ha galt das Anerbenrecht, darunter meist die Realteilung.

Deshalb entstand die Nebenerwerbs- oder „Feierabend-Landwirtschaft“. Der typische „Arbeiter-Bauer“ arbeitete in Handwerk, Bergbau oder Industrie und versorgte danach seine kleine Landwirtschaft. Bis in die 1950er und 1960er Jahre prägten solche „Kuh-Bauern“ viele Dörfer. Frauen, Kinder und Großeltern übernahmen häufig die Feldarbeit; Kinder halfen spätestens ab dem 10. Lebensjahr besonders bei Heu-, Getreide- und Kartoffelernte. Die Schulferien wurden früher als Heu-, Getreide- und Kartoffelferien an die Ernte angepasst.

Wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten wanderten viele Hinterländer zeitweise aus. Junge Männer arbeiteten als Maurer, Zimmerleute, Drescher oder Erntehelfer im Siegerland, Ruhrgebiet, in der Wetterau, der Pfalz und an Main und Rhein. Mädchen gingen als Mägde oder Dienstmädchen in ländliche Gebiete und Städte. Im oberen Perftal handelten Wanderhändler mit Butter, Eiern und Geflügel. Bis zum Eisenbahnbau mussten Reisende zu Bahnhöfen in Marburg, Fronhausen oder Dillenburg 18 bis 22 km zu Fuß zurücklegen.

Weitere Nebengewerbe waren das Strümpfestricken und der Hausierhandel. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Strümpfe, Handschuhe und Kamisole hergestellt und bis nach Mainz, Worms, Mannheim, Speyer und Heidelberg verkauft. Eine Aufstellung von 1850 bis 1865 nennt 15 Strumpfhändler und 117 Hausierer. Im Erzbergbau gab es insgesamt 556 Gruben, darunter 297 Eisenerzgruben. Hochöfen und Hüttenwerke wie Ludwigshütte, Wilhelmshütte, Justushütte, Carlshütte und Aurorahütte verbesserten im 19. Jahrhundert die Erwerbsmöglichkeiten. Heute prägen mittelständische Unternehmen die Region, darunter Christmann & Pfeifer, Roth Industries, Weber Food Technology, Breyden, Schäfers Backstuben und Schneider Optical Machines.

Verkehr und Infrastruktur

Die Mittelgebirge, Wasserscheiden und voneinander getrennten Täler erschwerten lange eine durchgängige Verbindung. Zu den wichtigen historischen Wegen gehörte die Brabanter Straße, auch Leipzig-Kölner Messe-Straße oder Siegener Landstraße genannt. Sie verband Antwerpen über Aachen, Köln, Siegen, Angelburg, Marburg und Erfurt mit Leipzig und diente besonders dem Handel mit Eisenwaren, Tüchern und Pelzen.

Von ihr zweigten die Heerstraße und die Herborner Hohe Straße ab. Die Heerstraße führte über die Bottenhorner Hochflächen zur Sackpfeife und weiter nach Paderborn und Bremen. Die Herborner Hohe Straße blieb bis 1875 in Gebrauch und wurde danach zur Forststraße. Der Salzweg, auch Diebspfad genannt, verlief als Querweg über das Lützlergebirge. Der Westfalenweg verband den Raum Gießen über die Zollbuche mit dem Knotenpunkt an der Angelburg. Bis 1854 diente er als einzige zollfreie Verbindung nach Gießen und wurde von Händlern, Erntehelfern, Dienstboten und Soldaten genutzt.

Die erste Kunststraße des Hinterlandes entstand 1817 bis 1825 zwischen Biedenkopf, Dautphe, Gladenbach, Erdhausen, Weidenhausen und der Zollbuche. Heute verlaufen die Bundesstraßen 253, 62, 255 und 453 durch die Region. Eine Autobahn gibt es nicht; die nächstgelegene ist die A 45 bei Dillenburg. Pläne für einen Lückenschluss der A 4 durch das Hinterland wurden verworfen.

In der Blütezeit gab es drei Eisenbahnstrecken: die Obere Lahntalbahn, die Scheldetalbahn und die Aar-Salzböde-Bahn. Heute ist nur die Obere Lahntalbahn regulär in Betrieb; ein Abschnitt der Scheldetalbahn zwischen Wallau und Wiesenbach dient noch dem Güterverkehr. Auf der Oberen Lahntalbahn fährt die Regionalbahn RB 94 zwischen Erndtebrück und Marburg. Der Busverkehr ist in den RMV eingebunden und wird durch den Regionalen Nahverkehrsverband Marburg-Biedenkopf organisiert. Das dreigliedrige Netz unterscheidet Express-, Regional- und Lokalbusse.

Kultur, Sprache und Freizeit

Das Hinterland bewahrte wegen seiner abgeschlossenen Täler bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts besondere Trachten, Sitten und Sprachformen. Das Hinterländer Platt ist ein westmitteldeutscher Dialekt; seine Sprecherzahl nimmt zugunsten des Standarddeutschen ab. Die traditionelle Hinterländer Frauentracht gab es in fünf verschiedenen Ausprägungen, die sich zusätzlich von Dorf zu Dorf unterschieden. Sie ist inzwischen ausgestorben, wird aber im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf gezeigt. Die Männer trugen unter anderem den Hessenkittel; bei Kirmessen gehörten weiße Hosen und bestickte Hosenträger zur Kleidung.

Eine regionale Handwerkstechnik ist der Hessische Kratzputz, mit dem Fachwerkhäuser und Scheunen verziert wurden. 2016 wurde diese Technik in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das Hinterland ist außerdem für seine volkstümlichen Lieder bekannt. Bis 1926 wurden dort Volkslieder gesammelt; eine Ausgabe von 1964 enthielt 76 Lieder. Die Lieder sind häufig zwei- oder dreistimmig, darunter Liebes-, Soldaten- und Jägerlieder.

Hausnamen bezeichnen einzelne Anwesen und werden im örtlichen Dialekt mündlich weitergegeben. Sie stehen bei Personen vor dem Rufnamen, etwa „Gehanns Günter“. Flurnamen bezeichnen Landschaftsteile und Einzellagen. Durch den Rückgang der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geraten sie zunehmend in Vergessenheit.

Zur Freizeit gehören die Hinterland-Rallye, die seit 2012 jährlich im September stattfindet, die Rotary-Hinterland-Tour mit einem 35 km langen Fahrrad-Rundkurs, die Hinterland-Radtourenfahrt und verschiedene Volksfeste. Der Gladenbacher Kirschenmarkt ist das größte Volksfest der Region. Weitere Angebote sind Mountainbike-Strecken, kleinere Wintersportgebiete bei Hartenrod, Kleingladenbach und Holzhausen, Langlaufloipen, geführte Wanderungen und der Bad Endbacher Wandermarathon. Bedeutende Museen sind das Hinterlandmuseum auf Schloss Biedenkopf und das Regionalmuseum in Weidenhausen.

Politik, Bildung und regionale Einrichtungen

Politisch war das Hinterland lange konservativ geprägt. Im Kaiserreich wechselten im Kreis Biedenkopf freikonservative, nationalliberale und deutschkonservative Kräfte als stärkste politische Richtung. In der Weimarer Republik war zunächst die Deutschnationale Volkspartei stark, 1928 wurde die SPD stärkste Kraft. Danach gewann die NSDAP rasch an Einfluss: Bei der Reichstagswahl 1933 erreichte sie in Biedenkopf 66,9 %, reichsweit 43,9 %. Heute dominieren traditionell SPD und CDU, die bis Anfang der 2000er Jahre zusammen regelmäßig knapp 90 % der Stimmen erhielten. Seit dem Aufstieg der AfD ist diese Partei im Hinterland stärker als im Landes- und Bundesdurchschnitt. Das Gebiet gehört zum Landtagswahlkreis 12 Marburg-Biedenkopf I und zum Bundestagswahlkreis 171 Marburg.

Das heutige Hinterland gehört vollständig zum Bezirk des Amtsgerichts Biedenkopf, das dem Landgericht Marburg untergeordnet ist. Das Amtsgericht Gladenbach war bis 1968 eigenständig und wurde danach Zweigstelle des Amtsgerichts Biedenkopf.

Für die Bildung gibt es unter anderem eine Außenstelle der Technischen Hochschule Mittelhessen mit dem dualen Studium Plus in Biedenkopf, weiterführende Schulen in Gladenbach, Dautphe, Hartenrod, Biedenkopf, Breidenbach und Eisenhausen sowie das Gymnasium Lahntalschule in Biedenkopf. Außerdem bestehen Förderschulen und zahlreiche Grundschulen.

Die wichtigste Lokalzeitung ist der Hinterländer Anzeiger. Weitere regionale Informationen bieten die Oberhessische Presse, mittelhessen.de und Backland.News. Die regionale Identität zeigt sich auch in Geschichts-, Dialekt-, Musik-, Sport-, Natur- und Tierschutzvereinen sowie im 2006 gegründeten Zweckverband Interkommunale Zusammenarbeit Hinterland.

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