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Französische Philosophie
Die französische Philosophie bildet einen wichtigen Teil der Philosophie des Westens. Von Petrus Abaelardus im Mittelalter über die Philosophie der Neuzeit …
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Überblick und frühe Entwicklung
Die französische Philosophie ist ein wichtiger Teil der westlichen Philosophie. Sie reicht von Petrus Abaelardus im Mittelalter über die Philosophie der Neuzeit bis zu Existentialismus, Phänomenologie, Strukturalismus und Poststrukturalismus im 20. Jahrhundert. Der Artikel betont, dass sie immer wieder wichtige Anstöße für die Philosophie insgesamt gegeben hat.
Von einer eigenen nationalen Identität der französischen Philosophie kann man laut Artikel erst ungefähr seit der Renaissance sprechen, weil sich Philosophie damals stärker an einen Nationalstaat und an eine eigene Sprache band. Frühe wichtige Vertreter waren Jean Bodin und Michel de Montaigne. Bodin war ein früher Denker des Staatsrechts, also der philosophischen und rechtlichen Grundlagen des Staates. Montaigne brachte mit seinen Essais einen neuen literarischen Stil in die Philosophie ein, der besonders in Frankreich bis in die Gegenwart wirksam blieb. Seine Themen waren der Mensch und die Moral.
Rationalismus, Glaube und Aufklärung
Im Barock wurden René Descartes und Blaise Pascal besonders wichtig. Descartes gilt oft als wichtigster französischer Philosoph überhaupt. Er wird als Begründer der Bewusstseinsphilosophie und des Rationalismus bezeichnet. Bewusstseinsphilosophie fragt nach dem Denken, dem Ich und dem Bewusstsein; Rationalismus bezeichnet eine philosophische Richtung, die der Vernunft eine zentrale Rolle für Erkenntnis gibt. Descartes war ursprünglich Mathematiker und begründete die analytische Geometrie. Aus seiner mathematischen Praxis und aus seinen Überlegungen zur mathematischen Methode entwickelte er eine neue Methode, die er im Discours de la méthode in vier Regeln zusammenfasste.
Blaise Pascal war ebenfalls ein bedeutender Mathematiker. Er entwickelte Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. In den Pensées kritisierte er den Rationalismus: Dieser könne nach Pascal weder die Stellung des Menschen in der Welt erklären noch zum Seelenfrieden beitragen. Das sei für ihn nur durch eine kontemplative Ausrichtung auf den Glauben möglich.
In der Aufklärung traten viele französische Denker hervor. Pierre Bayle schuf mit dem Dictionnaire historique et critique ein weit verbreitetes Wörterbuch. Voltaire schrieb gegen Feudalismus und Absolutismus, etwa in Candide oder der Optimismus, und gegen religiösen Fanatismus, etwa in Mahomet der Prophet. Montesquieu gilt als Begründer der Gewaltenteilung, also der Aufteilung staatlicher Macht auf verschiedene Institutionen. La Mettrie war ein Vordenker des Materialismus, der geistige und menschliche Vorgänge aus materiellen Bedingungen heraus erklärt. Diderot war Enzyklopädist, Condillac vertrat in Frankreich den Lockeschen Sensualismus, und Rousseau wurde besonders durch Émile sowie Le Contrat social bekannt, eine staatstheoretische und religionskritische Schrift.
Philosophie im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert hatte Auguste Comte großen Einfluss. Er gilt als Begründer des Positivismus und gab wichtige Impulse für die Soziologie. Positivismus ist eine Richtung, die sich an beobachtbaren Tatsachen und wissenschaftlicher Erkenntnis orientiert. Als eigentlicher Urvater der empirischen Sozialwissenschaften wird im Artikel jedoch Émile Durkheim bezeichnet. Empirische Sozialwissenschaften untersuchen gesellschaftliche Wirklichkeit mit beobachtenden und erfahrungsbezogenen Methoden.
Eine frühe sozialistische Denkrichtung, die für die französische Philosophie traditionell wurde, vertraten Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Pierre-Joseph Proudhon. Im Bereich der Logik und Erkenntnistheorie, also der Theorie des Wissens und der Erkenntnis, werden Henri Poincaré und Pierre Duhem hervorgehoben. Poincaré war Mathematiker, Duhem Physiker; beide gelten als Begründer des Konventionalismus. Damit ist im Artikel eine erkenntnistheoretische Richtung gemeint, die wissenschaftliche Begriffe und Grundsätze auch als Konventionen versteht.
Eine große Wirkung entfaltete außerdem Henri Bergsons Lebensphilosophie. Sie lieferte bis in die Gegenwart Motive für Positionen, die sich kritisch mit der Rationalität der modernen Gesellschaft auseinandersetzen. Besonders wichtig ist bei Bergson der Zeitbegriff der Dauer. Dieser steht im Gegensatz zu einer empiristisch-analytischen Auffassung von Zeit als bloßer Abfolge.
Phänomenologie und Existentialismus
Im 20. Jahrhundert wurde die französische Philosophie stark durch Edmund Husserl und Martin Heidegger geprägt, außerdem durch eine neue Rezeption Friedrich Nietzsches. Eine zentrale Rolle spielte die Phänomenologie. Sie untersucht, wie Dinge im Bewusstsein erscheinen und erfahren werden. Emmanuel Levinas entwickelte eine Philosophie des Anderen: Das Selbstverhältnis wird dabei durch den Anderen bestimmt. Paul Ricœur erarbeitete eine umfassende Analyse des Willens und machte neben Einflüssen auf die Existenzphilosophie besonders die Hermeneutik in Frankreich anerkannt. Hermeneutik ist die Theorie des Verstehens und Auslegens.
Maurice Merleau-Ponty untersuchte Wahrnehmung, Leiblichkeit, Sprache und Geschichte. Alexandre Koyré verband Phänomenologie mit Hegels Dialektik und mit einer existentialistischen Sichtweise. Damit wurde er prägend für seinen Schüler Jean-Paul Sartre. Sartre entwickelte ausgehend von der Phänomenologie ein Konzept des atheistischen Existentialismus. Existentialismus stellt die menschliche Existenz, Freiheit und Verantwortung in den Mittelpunkt; in Sartres Form ist er ausdrücklich nicht religiös begründet. Albert Camus war wie Sartre Schriftsteller und hatte eine existentialistische Grundhaltung.
Daneben nennt der Artikel eine spezifisch französische Tradition der historischen Epistemologie. Epistemologie bedeutet Erkenntnistheorie; historische Epistemologie untersucht Erkenntnis und Wissenschaft in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Neben Koyré und Duhem stehen dafür besonders Gaston Bachelard und Georges Canguilhem. Später knüpften Louis Althusser und Michel Foucault an diese Arbeiten an.
Strukturalismus und Poststrukturalismus
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen wichtige Anstöße aus dem Strukturalismus. Dieser entwickelte sich aus der Linguistik Ferdinand de Saussures und war ein wissenschaftsorientiertes Gegenkonzept zur Hermeneutik und zur sprachanalytischen Philosophie. Strukturalismus sucht nach zugrunde liegenden Strukturen, zum Beispiel in Sprache, Kultur oder Denken. Besonders wirksam wurde er in der ethnologischen Anthropologie von Claude Lévi-Strauss.
Jacques Lacan übernahm Begriffe von Saussure und Roman Jakobson, deutete sie aber um. Er radikalisierte Freud und sah auch im Unbewussten eine symbolische Struktur. Louis Althusser, der auch als Lehrer Foucaults Bedeutung hatte, war ein wichtiger Vertreter der marxistischen Theorie. Er las Marx strukturalistisch und trug zur Theorie der Ideologie bei.
Der Poststrukturalismus bezieht sich vor allem auf den Strukturalismus, wendet sich aber von einer abstrakten und ahistorischen Sprachuntersuchung ab. Als einer seiner Begründer gilt Jacques Derrida, beeinflusst von Georges Bataille und Maurice Blanchot. Derridas Strategie der Dekonstruktion beruht auf einem erweiterten Verständnis von Text als allgemeinem Verweisungszusammenhang. Sie untersucht und verschiebt Gegensätze, die die Metaphysik strukturieren. Bei der Lektüre interessiert sie sich nicht nur für die Hauptargumentation, sondern auch für scheinbar Nebensächliches, das der offiziellen These eines Textes widersprechen kann. Wie in der Hermeneutik ist das Ergebnis nie abgeschlossen; anders als in der Hermeneutik geht es aber nicht darum, einen Text auf das zu reduzieren, was er sagen will.
Roland Barthes, Mitbegründer der Semiologie, setzte Dekonstruktion in Film und Mode ein. Semiologie ist die Lehre von Zeichen und Zeichensystemen. Jean Baudrillard befasste sich vor allem mit modernen Medien, Cyberspace, Fundamentalismus und Globalisierung.
Foucault, Institutionen und Psychoanalyse
Michel Foucault war neben Derrida eine der prägenden Figuren der modernen französischen Philosophie. Er wird dem Poststrukturalismus, aber auch der Postmoderne zugerechnet. Ein Schlüsselbegriff bei Foucault ist der Diskurs. Darunter verstand er die gesellschaftliche Sprachregelung zu bestimmten Sachverhalten. Von einem Diskurs geht normierende Macht aus, die zur Ausgrenzung und Benachteiligung von Minderheiten führen kann, zum Beispiel von Asylanten, psychisch Kranken oder Strafgefangenen. Auch in der Philosophie der Vernunft und Rationalität sah Foucault einen solchen ausgrenzenden Diskurs: Nicht rationales Verhalten konnte etwa aus dem Narren des Mittelalters einen psychisch Kranken machen, der nicht mehr in der Mitte der Gesellschaft steht, sondern in einer besonderen Einrichtung von der Gesellschaft ferngehalten wird.
Gilles Deleuze war mit Foucault befreundet, hatte aber keinen phänomenologischen oder strukturalistischen Hintergrund. Er kritisierte den Rationalismus, setzte sich intensiv mit Nietzsche auseinander und veröffentlichte mit Félix Guattari Arbeiten über Kapitalismus und Schizophrenie. Der Begriff der Postmoderne wurde laut Artikel eigentlich von Jean-Francois Lyotard geprägt, der sich für die Anerkennung eines radikalen gesellschaftlichen Pluralismus einsetzte. Weitere Vertreter der Postmoderne sind André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy, Luce Irigaray, Julia Kristeva und Jean-Luc Nancy.
Die französische Philosophie ist institutionell stark verankert. In Frankreich muss jeder Schüler in der terminale, dem letzten Jahr vor dem Abitur, ein Jahr Philosophieunterricht absolvieren. Auf höherem Niveau wird Philosophie nicht nur an Universitäten gelehrt, sondern auch an Einrichtungen wie der École normale supérieure, der École des Hautes Études en Sciences Sociales und dem Collège international de philosophie. Auch Wissenschaftler anderer Disziplinen wie Claude Lévi-Strauss und Pierre Bourdieu hatten eine philosophische Ausbildung, was die fachübergreifende Kommunikation erleichterte.
Ein weiteres wichtiges Merkmal der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist die intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Das gilt für sehr unterschiedliche Denkerinnen und Denker, darunter Althusser, Cornelius Castoriadis, Derrida, Foucault, Deleuze, Paul Ricœur und Luce Irigaray.