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Helmut Geist (Geograph)

Geist (* 1958 in Kastl) ist ein deutscher Geograph. Von 2006 bis 2012 war er Professor für Humangeographie an der Universität Aberdeen in Schottland.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und akademischer Werdegang
  2. 2. Politische Ökologie und Landnutzungswandel
  3. 3. Tabak, Umwelt und wissenschaftliche Politikberatung
  4. 4. Ausgewählte Veröffentlichungen

Gegenstand und akademischer Werdegang

Helmut J. Geist (* 1958 in Kastl) ist ein deutscher Geograph. Sein Schwerpunkt liegt auf Humangeographie, Wirtschaftsgeographie, Politischer Ökologie und globalen Mensch-Umwelt-Beziehungen, insbesondere auf Landnutzungswandel, Entwaldung, Desertifikation und landwirtschaftlichen Übergängen. Von 2006 bis 2012 war er Professor für Humangeographie an der Universität Aberdeen in Schottland.

Geist studierte Geographie in Würzburg und mit einem Stipendium des Verbands der Deutsch-Amerikanischen Clubs in den USA. Nach seiner Diplomarbeit an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg wurde er 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine und Angewandte Wirtschaftsgeographie. 1989 promovierte er mit einer preisgekrönten Arbeit über die agrare Tragfähigkeit in der Region Thiès im Senegal. Von 1994 bis 1998 arbeitete er als Postdoc am Lehrstuhl für Kulturgeographie und Entwicklungsforschung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

1999 war Geist Stipendiat des German Marshall Fund am Deutsch-Amerikanischen Zentrum für Gastwissenschaftler in Washington, DC. Von 2000 bis 2005 leitete er in Louvain-la-Neuve das LUCC-Projekt (Land Use and Cover Change), ein Gemeinschaftsvorhaben von IGBP und IHDP. Dabei erstellte er unter anderem meta-analytische Studien zu Entwaldung und Desertifikation aus der Perspektive der Erdsystemwissenschaft.

2005 wurde Geist an die Universität Aberdeen berufen. Als Inhaber des Sixth Century Chair in Human-Environment Interactions erweiterte er die dortige Forschung zum nordischen und ländlichen Raum um globale und politisierte Mensch-Umwelt-Beziehungen. Von 2004 bis 2008 sowie von 2012 bis 2016 gehörte er dem Steuerungskomitee der Kommission Land Use & Land Cover Changes der Internationalen Geographischen Union an. Seit 2013 lehrt er Wirtschaftsgeographie an Standorten der Internationalen Berufsakademie in den neuen Bundesländern sowie im Göttinger Masterstudiengang „Geographische Ressourcen- und Umweltkonfliktforschung“. Außerdem leitete und bearbeitete er Drittmittelprojekte unter anderem für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die British Ecological Society und die Umweltpolitik der Europäischen Union.

Politische Ökologie und Landnutzungswandel

Geists wissenschaftliche Bedeutung liegt vor allem darin, dass er Politische Ökologie in der deutschsprachigen Entwicklungs- und Geographieforschung verankerte. Dieser Ansatz untersucht Mensch-Umwelt-Beziehungen nicht nur anhand ökologischer Prozesse, sondern auch anhand politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Damit entstand in der Geographie eine „dritte Säule“ zwischen Human- und Physiogeographie.

Bereits seine 1986 in Teilen veröffentlichte Diplomarbeit über die Verknüpfung von Mais- und Tabakanbau leistete nach der Wende des Diskurses von der Dependenztheorie zur „Verflechtung von Produktionsweisen“ einen wichtigen Beitrag. Später wandte sich Geist von einer traditionellen Wirtschaftsgeographie und einer apolitischen Ökologie ab. 1992 stellte er ein von britischen Dritte-Welt-Forschern entwickeltes Konzept erstmals in der deutschen Entwicklungsdebatte vor und entwickelte daraus eine neue Sichtweise auf Mensch-Umwelt-Beziehungen in den Tropen.

Im LUCC-Projekt untersuchte Geist gemeinsam mit anderen Fachrichtungen globale Umweltveränderungen und Landnutzungswandel. Ein wichtiges Ergebnis war eine Klassifizierung von Veränderungen in Trockengebieten, die soziale und biophysikalische Indikatoren miteinander verbindet. Sie ordnet Ursachen und Folgen von Degradation, also der Verschlechterung von Landökosystemen, mithilfe eines Landsystem-Ansatzes. Die Arbeiten des Projekts wurden 2018 im Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES und 2019 im IPCC-Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme berücksichtigt.

Tabak, Umwelt und wissenschaftliche Politikberatung

Ab 1997 entwickelte Geist eine nichtmedizinische Tabakforschung, die ökologische Zusammenhänge mit Politischer Ökonomie verbindet. Im Mittelpunkt stehen die Abholzung trockentropischer Biomasse für den Tabakanbau und das sogenannte curing: die Auftrocknung grüner Tabakblätter auf bäuerlichen Betrieben. Besonders untersuchte Geist diese Prozesse in der afrikanischen Großlandschaft der Miombowälder. Lokale Fallstudien stellte er in den globalen Zusammenhang politischer Regulierungsmaßnahmen, etwa der Kontrolle des Tabakangebots.

Seine Forschung war empirisch ausgerichtet und zugleich gesellschaftlich engagiert („evidence based advocacy-driven research“). Zu den wichtigen Stationen gehören ein Plenumsvortrag 1999 bei einem Treffen der Umwelt- und Gesundheitsminister der Vereinten Nationen, die Beratung und Mitwirkung an der Dokumentation „Rauchopfer“ von Peter Heller sowie eine Buch-Koproduktion, aus der 2006 in einer Debatte des Deutschen Bundestages die globale Dimension der sozialökologischen Probleme afrikanischer Tabakproduzenten zitiert wurde.

Geist beriet 2008 in Mexiko-Stadt eine Studiengruppe der Weltgesundheitsorganisation zu Alternativen zum Tabakanbau auf Grundlage der Artikel 17 und 18 des WHO-Tabakkontrollübereinkommens von 2005. Außerdem arbeitete er zu TEEB, zur Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle und zum Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. 2009 leitete und verfasste er eine internationale Panel-Studie, deren Ergebnisse den Zusammenhang zwischen Tabakanbau und der Zerstörung tropischer Trockenwälder hervorhoben. Zusammen mit Stella Bialous und anderen war er an der ersten WHO-Studie von 2017 zu den Gesamtwirkungen des Tabakrauchens auf die natürliche Umwelt beteiligt. Diese Studie beschrieb Ökosystemzerstörungen und wirtschaftliche Fehlentwicklungen in Anbauländern des globalen Südens und kritisierte transnationale Tabakkonzerne wegen der Verbreitung von Zweifeln an wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Ausgewählte Veröffentlichungen

Zu Geists zentralen Veröffentlichungen gehören:

  • „Exploring the Entry Points for Political Ecology in the International Research Agenda on Global Environmental Change“ (1999), ein Beitrag zur internationalen Forschungsagenda der Politischen Ökologie.
  • „Causes and Pathways of Land Change in Southern Africa during the Past 300 Years – Moving from Simplifications to Complexity and Generality“ (2002).
  • „The Causes and Progression of Desertification“ (Ashgate 2005; Neuauflage Routledge 2017), eine umfassende Untersuchung der Ursachen und Entwicklung von Desertifikation.
  • „Land-Use and Land-Cover Change“ (2006), herausgegeben mit Eric F. Lambin, sowie „Our Earth’s Changing Land – An Encyclopedia of Land-Use and Land-Cover Change“ (2006).
  • „Wandel oder Kollaps?“ (2006), zu globaler Umweltveränderung und Landnutzung in Regenwald- und Trockenzonen.
  • „Deliberative Assessment in Complex Socioecological Systems – Recommendations for Environmental Assessment in Drylands“ (2011), mit Stephen Whitfield und Antonio Augusto Rossotto Ioris.
  • „Perspektivenwechsel der Politischen Ökologie – Back to the roots!“ (2022), erschienen in Geographica Helvetica.

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