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Entwaldung

Entwaldung ist die Umwandlung von Waldflächen hin zu anderen Landnutzungsformen. Das bestehende Wald-Ökosystem wird dabei durch ein anderes, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Ursachen und Formen
  3. 3. Historische Entwicklung und heutige Schwerpunkte
  4. 4. Ökologische und klimatische Folgen
  5. 5. Gesellschaftliche Folgen und Gegenmaßnahmen

Begriff und Bedeutung

Entwaldung ist die Umwandlung von Waldflächen in andere Landnutzungsformen. Das ursprüngliche Wald-Ökosystem wird durch ein anderes, nicht standorttypisches Ökosystem ersetzt. Dadurch gehen Lebensräume der dort lebenden Arten sowie sozio-ökonomische Funktionen des Waldes für Menschen verloren. Besonders destabilisiert werden lokale Gemeinschaften, die Wälder traditionell nutzen oder vollständig von ihnen abhängig sind.

Entwaldung zählt zusammen mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe zu den maßgeblichen Ursachen der menschengemachten globalen Erwärmung. 2017 verringerte sich die weltweite Waldfläche um 29,4 Millionen Hektar beziehungsweise 294.000 km²; von 2000 bis 2012 gingen insgesamt 2,3 Millionen km² Wald verloren.

Ursachen und Formen

Entwaldung hat Systemcharakter: Sie entsteht aus einem Geflecht von Ursachen und Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und natürlichen Lebensgrundlagen. Bevölkerungswachstum erhöht im Allgemeinen den Druck auf Wälder; für 2050 werden neun bis zehn Milliarden Menschen erwartet, überwiegend in tropischen Ländern. Auch politische und soziale Rahmenbedingungen, Wirtschaftssystem, Technik sowie gesellschaftliche Normen und Werte wirken mit.

Bei gezielter Umwandlung werden Wälder durch Brandrodung oder Kahlhieb gerodet. In Europa geschieht dies heute meist für Bauprojekte, in Nordamerika und Nordasien auch für Bergbau sowie Erdöl-, Erdgas- oder Teersandförderung. In Lateinamerika, Afrika und Südostasien folgen häufig Landwirtschaft, Weiden, Soja-Anbau für Tierfutter oder Palmölplantagen. Plantagen mit Eukalyptus, Kiefern oder besonders Monterey-Kiefer liefern vor allem Papierholz. Auch Wanderfeldbau in Lateinamerika und Madagaskar trägt bei. Die Umwandlung ist wirtschaftlich attraktiv, weil Leistungen des Waldes wie CO_{2}-Speicherung und -sequestrierung, Tourismus oder genetisches Material oft keinen Marktpreis haben.

Illegaler Holzeinschlag ist eine Haupttriebkraft und wird von G8, EU, Interpol und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen als Umweltkriminalität eingeordnet. Nicht nachhaltige Nutzung kann Wälder degradieren: Sie verlieren ihre Regenerationsfähigkeit und werden anfälliger für Brände. Weitere unbeabsichtigte Ursachen sind ausufernde Feuer, Schadstoffimmissionen, Beweidung, intensive Brennholzgewinnung und Nährstoffentzug. Geklärte, gesicherte und übertragbare Eigentumsrechte sind laut Artikel eine Voraussetzung für effiziente nachhaltige Bewirtschaftung.

Auch Naturereignisse können Wald vernichten, etwa Brände, Stürme, Dürren, Tropenstürme, Insektenkahlfraß und Vulkanausbrüche. Der Klimawandel macht Waldbrände, Dürren und Tropenstürme tendenziell wahrscheinlicher und heftiger. Beim Ausbruch des Mount St. Helens 1980 wurden etwa 600 km² Wald zerstört.

Historische Entwicklung und heutige Schwerpunkte

Vor Sesshaftigkeit und Ackerbau waren schätzungsweise 6,2 Milliarden Hektar der Erdoberfläche bewaldet; heute gelten je nach Walddefinition 3,5 bis 3,9 Milliarden Hektar als Wald. Größere frühe Entwaldungen fanden im Altertum in Südeuropa, Nordafrika und Ostasien statt, in Mitteleuropa seit dem Mittelalter. Mit der europäischen Kolonialisierung wurden Wälder außerhalb dieser Regionen verstärkt in Plantagen umgewandelt.

In Deutschland wären die Landflächen unter natürlichen Bedingungen annähernd vollständig bewaldet, heute ist etwa ein Drittel bewaldet. Rodung für Siedlungen, Landwirtschaft, Waldweide und Brennholz führte bis Ende des 18. Jahrhunderts zu großer Holznot. Im 19. Jahrhundert förderten Forstwissenschaft, nachhaltigere Nutzung, fossile Brennstoffe, Nutzungsverbote und Aufforstungen vor allem mit Kiefern und Fichten die Wiederbewaldung. Heideflächen Norddeutschlands erinnern an frühere Übernutzung. Im Mittelmeerraum führte jahrhundertelange Rodung, Holzgewinnung und Bodendegradation zur Macchie, einem Buschwald aus immergrünen hartlaubigen Sträuchern; Aufforstungen erfolgen dort verstärkt erst seit den 1970er Jahren.

Heute betrifft Entwaldung besonders tropische Wälder. Die größten Nettoverluste liegen in Lateinamerika bei etwa 4,3 Millionen Hektar jährlich; von 2000 bis 2005 beschleunigte sich der Verlust gegenüber den 1990er Jahren um 500.000 Hektar pro Jahr. Brasilien hat die höchste Entwaldungsrate, wobei natürliche Wiederbewaldung in der genannten Statistik nicht einfloss. In Afrika beträgt der jährliche Verlust etwa 4 Millionen Hektar; betroffen sind unter anderem Sudan und Länder des Kongo-Beckens. Laut Interpol und UN-Umweltprogramm von 2012 entfallen in tropischen Kerngebieten der Holzproduktion 50 bis 90 % der Entwaldung auf illegale Rodung, weltweit 15 bis 30 % der Abholzung.

Europa ist die einzige Weltregion mit langfristigem Waldflächenzuwachs: Seit 1990 wurden ohne Russland 13 Millionen Hektar mehr Wald berechnet. Gleichzeitig wurden in der EU 2016 bis 2018 durchschnittlich 49 % mehr Flächen abgeholzt als 2011 bis 2015; die Holzentnahme stieg um 69 %. Für Russland widersprechen sich Schätzungen: WWF nennt 2 Millionen Hektar Nettoverlust pro Jahr, die FAO bis zu 500.000 Hektar Nettozuwachs, staatliche Angaben einen jährlichen Rückgang von 160.000 Hektar seit 1990.

In Äthiopien sollen etwa 12 % der Landfläche beziehungsweise rund 13.000.000 Hektar bewaldet sein; von 1990 bis 2005 gingen 2,1 Millionen Hektar oder 14 % der damaligen Waldfläche verloren. Auf Madagaskar werden Desertifikation, Wasserkrisen und Bodendegradation mit massiver Entwaldung verbunden. In Indonesien werden jährlich etwa 1,5 bis 1,8 Millionen Hektar Wald vernichtet, vor allem auch durch illegalen Holzeinschlag und die Ausweitung von Palmöl.

Brasiliens Amazonasgebiet wird vor allem für Soja, Rinderweiden, Straßen, Großprojekte, Staudämme, Rohstoffabbau und Siedlungen mit Brandrodung umgewandelt. Die Werte schwanken stark: 2012 wurden 4.500 km² als niedrigster Wert genannt, 2020 bis 2021 dagegen 13.235 km². Angaben über Rückgänge um 2010 wurden kritisch gesehen, weil das verwendete INPE-System nur Brandrodungen über 25 Hektar erfasse und kleinflächigere Rodungen übersehen könne. Global Forest Watch stellt seit 2014 weltweite, regelmäßig aktualisierte Karten zur Waldveränderung seit 2000 bereit; Ursachen lassen sich daraus jedoch nicht immer erkennen, etwa bei natürlichen Waldbränden in Saskatchewan.

Ökologische und klimatische Folgen

Wälder sind die größten CO_{2}-Speicher auf der Landoberfläche, weil Bäume durch oxygene Photosynthese CO_{2} zum Wachstum aufnehmen. Entwaldung setzt Kohlenstoff frei: unmittelbar bei Brandrodung oder Drainage, verzögert bei späterer Verbrennung von Holz, Altholz oder Altpapier. Nach Kahlhieben fördert stärkere Sonneneinstrahlung die Tätigkeit von Bodenmikroorganismen, die organischen Kohlenstoff umsetzen und CO_{2} freisetzen.

Die Anteile der Entwaldung an den menschengemachten CO_{2}-Emissionen werden unterschiedlich berechnet. Der vierte Bericht des Weltklimarates nannte für 2004 17,3 %. Das Max-Planck-Institut für Meteorologie ordnet der Entwaldung ein Drittel der menschengemachten CO_{2}-Emissionen von 1850 bis 2000 zu; andere Quellen nennen 20 bis 25 % aller weltweiten anthropogenen CO_{2}-Emissionen, mehr als 7 Milliarden Tonnen. Von 2000 bis 2005 verringerte sich der in Wäldern gebundene Kohlenstoff netto um jährlich 1,1 Gigatonnen, entsprechend 4 Gigatonnen CO_{2}.

Eine CO_{2}-Senke ist ein Wald nur bei Nettoproduktion, also wenn er insgesamt mehr Kohlenstoff aufnimmt als abgibt. In sehr alten Wäldern gleichen sich Zerfall und CO_{2}-Fixierung ungefähr aus. Aufforstung kann CO_{2} sequestrieren, also langfristig binden. Durchschnittlich sind 68 % des Kohlenstoffs in der Pflanzenbiomasse, 17 % als Humus im Waldboden sowie außerdem in Totholz gespeichert.

Welche ökologischen Folgen auftreten, hängt von der späteren Nutzung ab. Moderne intensive Landwirtschaft und Plantagen verringern die Artenvielfalt meist deutlich; traditionelle Nutzungsformen können sie fördern. Kahlflächen können durch Erosion wüstenbildenden Prozessen ausgesetzt sein. Ohne Wald bleiben weniger Niederschläge in Baumkronen zurück und verdunsten dort; fehlende Interzeption und geringere Evapotranspiration begünstigen Überschwemmungen und verändern das lokale Klima. Entwaldete Hänge sind wegen fehlender Wurzeln eher von Erdrutschen betroffen. Außerdem können Trinkwasserversorgung und Luftreinigung schlechter werden. Die Zerstörung unberührter Wälder kann den Kontakt von Menschen zu Wildtieren und damit das Risiko von Zoonosen erhöhen.

Gesellschaftliche Folgen und Gegenmaßnahmen

Die Umwandlung von Wald in Plantagen oder Tagebau kann zunächst Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Einkommen, Infrastruktur und ländliche Entwicklung schaffen. Ob dies dauerhaft wirkt, hängt von Boden, Gestein und nachhaltiger Bewirtschaftung ab; Plantagen benötigen langfristig Nährstoffzufuhr. Gleichzeitig verändern sich soziale Strukturen, und Wälder besitzen insbesondere für indigene Gruppen wie die Fayu auf West-Papua hohen kulturellen und existenziellen Wert. Ökologische Schäden verursachen langfristig volkswirtschaftliche Verluste, deren Kosten die Verursacher häufig auf die Allgemeinheit abwälzen.

Seit Agenda 21 der UN-Konferenz von Rio de Janeiro 1992 ist die Bekämpfung der Entwaldung ein Ziel von 179 Staaten. Die zwei Grundansätze sind, Entwaldung zu verhindern oder aufzuforsten. Für nachhaltigere Forst- und Landnutzung nennt der Artikel technische und informationelle Maßnahmen, Bildung, Fortbildung und stärkere Verwaltung. Agroforstsysteme verbinden auf nährstoffarmen tropischen Böden Nahrungsmittelproduktion mit der Baumschicht und können Wanderfeldbau sowie weitere Brandrodung vermeiden.

Wichtig sind zudem Gesetzesvollzug gegen illegalen Holzhandel, Alternativen zu Feuerholz wie Solarkocher, Zertifizierung, Verbraucherinformation und die Steuerung der Nachfrage nach Palmöl, Holz, Papier, Kakao, Kaffee, Soja und Rindern. Die europäische Entwaldungsverordnung verbietet ab 2025 Ein-, Ausfuhr und Handel mit Produkten, die zu Waldschädigung oder Entwaldung beigetragen haben; möglich sind Verwaltungsstrafen bis zu 4 % des weltweiten Umsatzes. Finanzielle Anreize können den Walderhalt gegenüber kurzfristig rentabler Umwandlung fördern. Die auf Bali vom 3. bis 15. Dezember 2007 gegründete Forest-Carbon-Partnership-Facility der Weltbank unterstützt bestimmte Länder beim Walderhalt.

Auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow 2021 wurde eine vollständige Beendigung der Entwaldung bis 2030 beschlossen; obwohl mehr als 140 Staaten das Ziel annahmen, schreitet die Waldzerstörung weltweit fort. Das Kyotoprotokoll erlaubt Industriestaaten, ihre CO_{2}-Bilanz durch Aufforstung in Entwicklungsländern zu verbessern; in den Tropen können bis zu 15 t Kohlenstoff pro Hektar und Jahr gebunden werden. Aufforstungen konkurrieren jedoch teils mit Landwirtschaft um Wasser und Flächen, und Plantagenwälder haben einen vergleichsweise geringen ökologischen Wert. Seit 2000 pflanzte China im Projekt der Grünen Mauer über 4 Millionen Hektar Wald. Dennoch werden der Schutz bestehender Wald-Ökosysteme und ein ganzheitlicher Ansatz gegen Armut, strukturelle Defizite und Bevölkerungsdruck priorisiert.

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