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Desertifikation
Diese Bodendegradation bewirkt die Entstehung von Wüsten, Halbwüsten oder wüstenähnlichen Verhältnissen. Ausgetrockneter Aralsee. Inhaltsverzeichnis. 1 …
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Begriff und Bedeutung
Desertifikation bezeichnet in der Bodenökologie die Verschlechterung des Bodens in relativ trockenen – ariden, semiariden und trocken subhumiden – Regionen. Sie wird vor allem durch menschliche, also anthropogene Aktivitäten verursacht und durch Faktoren wie Klimaveränderungen verstärkt. Diese Bodendegradation kann Wüsten, Halbwüsten oder wüstenähnliche Verhältnisse entstehen lassen.
Einige Autoren unterscheiden zwischen Desertation als natürlicher Wüstenbildung und Desertifikation als menschengemachtem Prozess. Die verbreitete Definition der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 schließt jedoch auch Landdegradation durch klimatische Veränderungen ein. Gegenwärtig verliert die Erde dadurch jährlich etwa 12 Millionen Hektar fruchtbaren Boden, was ungefähr der Ackerfläche Deutschlands entspricht; die Tendenz ist steigend.
Ursachen und Prozesse
Desertifikation kann durch verschiedene Prozesse fortschreiten: Deflation ist der Abtrag lockeren Bodens durch Wind, Denudation dessen Abtragung durch Wasser. Hinzu kommen Versalzung, also die Anreicherung von Salzen im Boden, und Skelettierung, bei der Feinboden verloren geht und grobes Gesteinsmaterial zurückbleibt. Dürreperioden können solche Entwicklungen auslösen oder verstärken.
Als wichtigste menschliche Eingriffe wurden 1977 in Nairobi Überweidung, Übernutzung, Abholzung und falsche Bewässerungsmethoden genannt. Diese Faktoren wirken häufig zusammen. Fehlerhafte Bewässerung kann beispielsweise zur Versalzung oder Versumpfung führen. Wird Boden durch Viehtritt oder Maschinen verdichtet, kann Regen schlechter einsickern und fließt verstärkt an der Oberfläche ab. Der Verlust der Vegetationsdecke ist zugleich Ursache und Folge weiterer Landdegradation.
Landwirtschaft, Beweidung und Entwaldung
Eine unangepasste ackerbauliche Nutzung erhöht das Desertifikationsrisiko. Dazu gehören verkürzte Brachezeiten, ungeeignete Pflanzen, fehlerhafte Bewässerung und das Pflügen geneigter Flächen in Hangrichtung, wodurch Erosion begünstigt wird. Dünger, Pestizide und maschinelle Verdichtung können das Bodenleben beeinträchtigen und zahlreiche Bodentiere, etwa Regenwürmer, verdrängen. Mögliche Folgen sind der Verlust von Terrassen, Pflanzendecke und Nährstoffen sowie die Versalzung. So entsteht ein Teufelskreis aus Übernutzung und weiterer Desertifikation. Illegale Grundwassernutzung und das Einpflügen zurückgelassener Plastikplanen schädigen den Boden zusätzlich.
Die Bedeutung der Überweidung ist wissenschaftlich umstritten. Nach der „Gleichgewichts“-Theorie begrenzt die ökologische Tragfähigkeit des Weidelands die mögliche Viehzahl; zu viele Tiere zerstören demnach die Pflanzendecke und fördern Wasser- und Winderosion. Die „Ungleichgewichts“-Hypothese betont dagegen, dass unvorhersehbare Regen- und Dürrejahre den Viehbestand in Trockengebieten meist begrenzen, bevor eine dauerhaft schädliche Dichte erreicht wird. Wetter- und Nutzungseinflüsse lassen sich vor Ort nur schwer trennen. Eindeutige Überweidungseffekte waren häufig räumlich und zeitlich begrenzt. Flexible, an lokale Bedingungen angepasste Weideführung gilt deshalb oft als wichtiger als eine bloße Begrenzung der Viehdichte.
Langjährige Untersuchungen in der Sahelzone zeigen allerdings, dass erhöhte Viehbestände die Pflanzenbestände verschlechtern können, wenn Herden nicht mehr traditionell wandern, sondern durch Brunnen oder Pumpen ganzjährig an einem Ort bleiben. Traditionelle mobile Weidesysteme müssen selbst bei höheren Viehdichten dagegen nicht zwangsläufig Desertifikation verursachen. Auch die Annahme, neolithische Rinderhirten hätten die Wüstenbildung in der Sahara nach der letzten humiden Periode vor etwa 5500 Jahren beschleunigt, ist unsicher; möglicherweise verzögerte die Beweidung sie sogar.
Entwaldung ist eine weitere wichtige Ursache. Die Gewinnung von Ackerflächen und der Bedarf an Brenn- und Bauholz haben den Baumbestand vieler Trockengebiete stark reduziert, besonders in dicht besiedelten Teilen Afrikas. Ohne Baumkronen und Wurzeln fehlt dem Boden der Schutz vor Erosion. Tropische Trockenwälder regenerieren sich häufig nicht von selbst. Zugleich können bei hoher Beweidungsdichte nutzbare Graslandschaften durch für das Vieh ungeeignete Strauchsavannen ersetzt werden.
Zusammenwirken und Folgen
Die Ursachen sind eng miteinander verflochten. Übernutzung und Klimaschwankungen können dieselben sichtbaren Folgen haben und sich gegenseitig verstärken. Deshalb ist oft schwer festzustellen, ob eine Veränderung hauptsächlich natürlich oder menschengemacht ist. Historische Forschung soll bei dieser Unterscheidung helfen. Untersuchungen aus Jordanien lassen daran zweifeln, ob heutige Schutzmaßnahmen bei fortschreitendem Klimawandel immer erfolgreich sein können.
Auch der tatsächliche Einfluss des Klimawandels ist umstritten. Manche Forschungsergebnisse betonen regionale, lokale und politische Faktoren stärker als globale Klimatrends. Die im Sahel während der 1970er- und 1980er-Jahre beobachtete Entwicklung hing beispielsweise mit veränderten Meeresoberflächentemperaturen im Indischen Ozean und Atlantik zusammen, die Niederschlagsmuster verschoben und lange Dürren auslösten. Diese wurden teilweise irrtümlich als dauerhafte Ausbreitung der Wüste gedeutet. Nach der Rückkehr regelmäßiger Regenfälle begrünten sich viele vermeintlich verlorene Flächen wieder. Die Geographen David S. G. Thomas und Nick Middleton bezeichnen Desertifikation im globalen Maßstab sogar als Mythos.
Nach Schätzungen des Millennium Ecosystem Assessment der Vereinten Nationen sind weit über eine Milliarde Menschen und etwa ein Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Erdoberfläche von Bodendegradation und damit potenziell von Desertifikation betroffen. Besonders gefährdet sind die Sahelzone und weitere Teile Nordafrikas, Südafrika, Zentral- und Südasien, Australien, Teile Nord- und Südamerikas sowie Südeuropa. In der EU gelten 13 Staaten als betroffen: Bulgarien, Griechenland, Spanien, Kroatien, Italien, Zypern, Lettland, Ungarn, Malta, Portugal, Rumänien, Slowenien und die Slowakei.
Desertifikation senkt die land- und forstwirtschaftliche Produktivität, die Artenvielfalt und die Zahl der Lebewesen. Wind und Wasser tragen Oberboden und Pflanzennährstoffe ab; Erosionsrinnen und -risse können entstehen. Versalzung, Versumpfung und Verdichtung verhindern Pflanzenwachstum und Wasseraufnahme. Sandstürme treten häufiger und stärker auf, beschädigen Maschinen und verursachen unter anderem Augeninfektionen, Atemwegserkrankungen, Allergien und psychische Belastungen. Auch entfernte Gebiete können durch Überschwemmungen, schlechtere Wasserqualität, Sedimentablagerungen und verschlammte Reservoirs oder Fahrrinnen betroffen sein.
Sinkende Ernten erhöhen das Risiko von Unterernährung, Hunger und Hungersnöten. Eine unveröffentlichte Weltbankstudie setzte den Verlust natürlicher Ressourcen in einem Sahelstaat mit 20 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes gleich. Die direkt betroffenen Gebiete verlieren Schätzungen zufolge weltweit jährlich etwa 42 Milliarden US-Dollar an Einnahmen. Dürre und Landdegradation können außerdem Krisen, Vertreibung und Migration fördern. Dadurch werden die Ressourcen in aufnehmenden Städten und Lagern zusätzlich belastet; schwierige Lebensbedingungen und der Verlust kultureller Identität können soziale Strukturen destabilisieren.
Bekämpfung und nachhaltige Nutzung
Die UN-Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation wird durch Nationale Aktionsprogramme (NAPs) umgesetzt. Bis März 2008 waren 102 solcher Programme ausgearbeitet und verabschiedet. Sie sollen langfristige, integrierte und beteiligungsorientierte Strategien für Trockengebiete festlegen, konkrete Projekte beschreiben, externe Finanzmittel mobilisieren und die Regierungen zu günstigen politischen Rahmenbedingungen verpflichten. Dabei sollen Landbewirtschaftung, Armutsminderung, Ernährungssicherung, Bildung, lokale Fähigkeiten und die Arbeit nichtstaatlicher Organisationen miteinander verbunden werden. Die Beteiligung der örtlichen Bevölkerung ist wichtig, damit Maßnahmen akzeptiert, angepasst und dauerhaft gepflegt werden.
Eine wirksame Strategie umfasst meist zugleich klimatische, land- und forstwirtschaftliche, soziale und politische Maßnahmen. Beispiele größerer Vorhaben sind Afrikas Grüne Mauer im Sahel und Chinas Grüne Mauer. Wiederaufforstung und Waldschutzstreifen können nur langfristig wirken, wenn die Bevölkerung das Problem kennt und Alternativen zum Brennholz besitzt. Bevölkerungswachstum, Armut und Verstädterung können solche Alternativen erschweren. Als vergleichsweise erfolgversprechend gilt die Farmer Managed Natural Regeneration, die etwa in Maradi und Zinder im Niger unerwartet erfolgreich war.
Vor Ort können 30 bis 40 cm hohe Stein- oder Lehmwälle geringe Niederschläge aufstauen. Sie müssen jährlich vor der Regenzeit ausgebessert werden; auf den so geschützten Feldern lassen sich beispielsweise Futterpflanzen wie Hirse anbauen. Hecken und Rainbepflanzungen schützen ebenfalls den Boden. Sparsame Öfen, Solarkocher und eine bessere Wärmedämmung von Häusern senken den Brennholzbedarf und damit den Druck auf Baumbestände.
Bei agrarforstlichen Maßnahmen werden Bäume auf Ackerflächen gepflanzt. Sie bremsen den Wind und verringern durch Schatten die Verdunstung, wodurch der Boden weniger austrocknet. Technische und ökologische Maßnahmen allein reichen jedoch nicht aus: Für eine langfristige Bekämpfung müssen auch wirtschaftliche und politische Probleme der betroffenen Länder vermindert werden.
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