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Die Marquise von O....
Die Marquise von O.... ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die zuerst im Februar 1808 in der Literaturzeitschrift Phöbus erschien.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Einordnung
Die Marquise von O.... ist eine Erzählung von Heinrich von Kleist, die meist der Gattung der Novelle zugeordnet wird. Sie erschien erstmals im Februar 1808 in der Literaturzeitschrift Phöbus; spätestens Ende 1807 war sie abgeschlossen. Kleist selbst bezeichnete das Werk jedoch nie als „Novelle“. Die Handlung spielt in Italien während des Zweiten Koalitionskrieges (1799–1802).
Im Mittelpunkt steht eine skandalöse und für die Betroffene zunächst unerklärliche Schwangerschaft. Die verwitwete Marquise wird schwanger, ohne zu wissen, wie es dazu gekommen ist. Kleist erzeugt durch den Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz von Norden nach dem Süden verlegt worden ist“ sowie durch abgekürzte Orts- und Personennamen den Eindruck eines authentischen Berichts. Ob die Geschichte tatsächlich auf einer wahren Begebenheit beruht, bleibt jedoch fraglich.
Als mögliche Quellen gelten unter anderem Michel de Montaignes Essai über die Trunksucht von 1588, die Erzählung Gerettete Unschuld von 1798, eine Passage aus Jean-Jacques Rousseaus Julie oder Die neue Heloise (1761) sowie Cervantes’ La fuerza de la sangre. Besonders wichtig ist die Vater-Tochter-Beziehung, die in Kleists Erzählung ausführlich gestaltet wird.
Figuren und Handlung
Die Hauptfigur ist die verwitwete Marquise von O...., Julietta. Ihr Vater, der Herr von G..., Lorenzo, ist Kommandant einer Zitadelle; ihre Mutter wird als Frau von G... oder „Obristin“ bezeichnet. Weitere wichtige Figuren sind der Forstmeister von G..., der Bruder der Marquise, und der russische Graf F..., ein Obristlieutenant.
Die Erzählung beginnt mit einer ungewöhnlichen Zeitungsannonce. Die Marquise lässt bekannt machen, dass sie „ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei“, und fordert den Vater des Kindes auf, sich zu melden. Sie erklärt sich aus „Familienrücksichten“ bereit, ihn zu heiraten.
Rückblickend wird die Vorgeschichte erzählt: Russische Truppen stürmen die Zitadelle bei M.... Die Marquise, die nach dem Tod ihres Mannes bei ihrer Familie lebt, wird von Soldaten misshandelt. Ein russischer Offizier, der Graf F..., scheint sie zu retten. Später wird jedoch deutlich, dass er selbst ihr Vergewaltiger war. Die Marquise fällt in Ohnmacht und erinnert sich danach nicht an den Vorgang. In ihrer Erinnerung bleibt der Graf zunächst nur als „edler Retter“ bestehen. Mit dem Satz „Ich will nichts wissen.“ wird angedeutet, dass sie die Wahrheit verdrängt.
Nach der Besetzung der Zitadelle zieht die Familie in ein Haus in der Stadt. Die Marquise leidet unter einem unerklärlichen Unwohlsein. Die Familie erfährt, dass der Graf angeblich im Kampf erschossen worden ist, doch er überlebt schwer verletzt. Nach seiner Genesung kehrt er zurück und macht der Marquise eine leidenschaftliche Liebeserklärung. Ihre Familie steht ihm grundsätzlich wohlwollend gegenüber, möchte aber eine Bedenkzeit. Der Graf muss jedoch bald wieder abreisen.
Ein Arzt und eine Hebamme stellen fest, dass die Marquise schwanger ist. Sie hält dies zunächst für unmöglich und fürchtet, den Verstand zu verlieren. Ihr Vater deutet die Schwangerschaft als Folge „unsittlichen Verhaltens“, verstößt sie und veranlasst ihren Bruder, ihr die Kinder wegzunehmen. Die Marquise zieht in ihr altes Haus zurück und veröffentlicht die erwähnte Annonce.
Graf F... kehrt aus Neapel zurück und will die Marquise erneut heiraten. Sie weist ihn schroff zurück, weil er sich ihr gegenüber zunehmend übergriffig verhält. Die Obristin vermutet inzwischen, dass ihre Tochter im Schlaf vergewaltigt worden sein könnte. Durch eine List nennt sie der Marquise den Jäger Leopardo als angeblichen Vater des Kindes. Die Reaktion der Marquise überzeugt sie von deren Unschuld. Die Obristin und später auch der Kommandant entschuldigen sich unter Tränen und nehmen die Marquise wieder auf.
Im Haus der Familie erscheint schließlich Graf F... als Vater des ungeborenen Kindes. Die Marquise ist entsetzt, weil sie ihn bisher für ihren Retter gehalten hat, und will ihm seine Tat nicht vergeben. Ihre Eltern halten ihre Reaktion für eine vorübergehende nervliche Überreizung und arrangieren die Eheschließung. Im Ehevertrag verzichtet der Graf als Ehemann auf alle Rechte, verpflichtet sich aber, alle Pflichten eines Ehemanns zu erfüllen.
Nach der Trauung lebt der Graf zunächst in einer eigenen Wohnung und betritt das Haus des Obristen nicht. Sein höfliches Verhalten überzeugt die Familie allmählich. Er darf an der Taufe seines Sohnes teilnehmen, schenkt ihm eine hohe Geldsumme und setzt die Marquise in seinem Testament als alleinige Erbin ein. Danach darf er wieder beim Obristen vorsprechen. Mit der Zeit beginnt er erneut um die Marquise zu werben; nun weist sie ihn nicht mehr zurück, weil sie ihn inzwischen lieb gewonnen hat. Jahre später erklärt sie, er wäre ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen, wenn er ihr bei seinem ersten Erscheinen nicht wie ein Engel vorgekommen wäre.
Titel und erzählerische Unbestimmtheit
Der Name der Marquise ist im Titel wie viele Orts- und Personennamen abgekürzt. Damit knüpft Kleist an eine Erzähltradition des 18. Jahrhunderts sowie an Kriminalgeschichten und Prozessberichte an. Die Abkürzung lässt die Geschichte wie einen Schlüsselbericht über eine wahre Begebenheit erscheinen. Zugleich kann der Buchstabe „O“ frivole Assoziationen auslösen. Der Titel macht damit das zentrale Problem der Erzählung sichtbar: Wie kann etwas erzählt werden, das die Figuren aus Taktgefühl oder wegen fehlender Sprache einander nicht sagen können?
In den unter Kleists Aufsicht entstandenen Originalausgaben von 1808 und 1810 lautet der Titel Die Marquise von O.... und enthält vier Auslassungspunkte. Viele Leseausgaben und auch wissenschaftliche Texte verwenden dagegen drei Punkte. Diese verbreitete Form geht unter anderem auf die Annahme zurück, Auslassungen würden grundsätzlich mit drei Punkten gekennzeichnet, sowie auf die einflussreiche, aber vorlagenabweichende Edition von Helmut Sembdner. Die meisten philologischen Editionen bewahren die vier Punkte. Auch im Erzähltext schwankt die Zahl der Punkte: Neben drei Punkten, etwa in „Graf F...“, kommen vier Punkte und andere Schreibweisen wie „Frau von G..../G...“ vor.
Besonders berühmt ist ein Gedankenstrich an der entscheidenden Stelle der Erzählung: „Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, daß sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.“ Erst am Ende wird deutlich, dass dieser Gedankenstrich den Zeitpunkt der Schwängerung der Marquise bezeichnet. Er nennt jedoch weder die genauen Umstände noch beantwortet er eindeutig, ob der Vorgang als Vergewaltigung zu verstehen ist. Kleist ersetzt die konkrete Darstellung durch ein einziges Satzzeichen und bewahrt so die zentrale Ungewissheit.
Zeitgenössische Reaktionen und spätere Bearbeitungen
Die Reaktionen auf die Veröffentlichung im Phöbus waren überwiegend negativ und von Entrüstung geprägt. Die Erzählung wurde als abscheulich und langweilig bezeichnet; kein „Frauenzimmer“ könne sie ohne Erröten lesen. Auch Karl August Varnhagen, der Kleist grundsätzlich wohlwollend gegenüberstand, hielt sie nicht für eines Dichters würdig. Anerkennung erhielt Kleist vor allem aus seinem Freundeskreis, unter anderem von seinem Mitherausgeber Adam Heinrich Müller, der Kunst, Art und Stil der Erzählung lobte.
Das Werk wurde mehrfach für Film, Theater und Musik bearbeitet. Heimo Erbses Oper Julietta, eine opera semiseria in vier Akten, op. 15, entstand 1957; die Uraufführung unter der Leitung von Antal Doráti fand am 17. August 1959 bei den Salzburger Festspielen statt. Zu den Verfilmungen gehören Éric Rohmers Die Marquise von O. von 1975, Hans-Jürgen Syberbergs Film von 1989 und Christoph Starks Julietta – Es ist nicht wie du denkst von 2001, der die Handlung in das Deutschland der Gegenwart verlegt. Weitere Verfilmungen entstanden 1920, 1959, 1973 und 2008.
Auch auf der Bühne wurde der Stoff bearbeitet, unter anderem 1933 von Ferdinand Bruckner, 2011 vom Performancekollektiv She She Pop, 2012 an der Volksbühne Berlin unter der Regie von Frank Castorf und 2021 am Theater Bremen in einer Bearbeitung von Enis Maci. Eine weitere Bühnenfassung entstand 2025 am Deutschen Theater.
Ausgaben und Textgestalt
Die Erstausgabe erschien 1808 im zweiten Stück des ersten Jahrgangs von Phöbus auf den Seiten 3–32. Eine weitere maßgebliche frühe Fassung wurde 1810 in Kleists Erzählungen veröffentlicht. Spätere Ausgaben erschienen unter anderem in den Werke und Briefe in vier Bänden, in einer Reclam-Ausgabe von 1991 sowie in einer schulbezogenen Ausgabe von 2021 mit Zeichnungen von Jan Müller, neuer deutscher Rechtschreibung und Zeichensetzung und einem Glossar. Die unterschiedliche Wiedergabe des Titels mit drei oder vier Auslassungspunkten zeigt, dass die genaue Textgestalt und die editorische Treue bei diesem Werk eine besondere Rolle spielen.
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