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Penthesilea (Kleist)

Penthesilea ist ein Drama von Heinrich von Kleist aus dem Jahre 1808. In ihm thematisiert er den Konflikt zwischen einem stark fühlenden Individuum und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Aufbau
  2. 2. Handlung und tragischer Konflikt
  3. 3. Figuren und Bedeutungsebenen
  4. 4. Quellen und Rezeption
  5. 5. Hörspiel, Musik und Textgrundlage

Gegenstand und Aufbau

Penthesilea ist ein deutschsprachiges Trauerspiel von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1808. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung, deren starre Regeln dem natürlichen Empfinden widersprechen. Die Handlung spielt um Troja in mythologischer Zeit. Die Uraufführung fand erst am 25. April 1876 im Schauspielhaus Berlin statt.

Das Drama ist in Blankversen geschrieben und umfasst 24 Auftritte. Die Zahl kann an die 24 Gesänge der Ilias erinnern oder mit dem klassischen aristotelischen Dramenspiel zusammenhängen, das nach Aristoteles einen Tag dauern soll. Zu den wichtigsten Figuren gehören Penthesilea, die Königin der Amazonen, ihre Vertraute Prothoe sowie Achilles, der griechische Held. Daneben treten weitere Amazonenfürstinnen, die Oberpriesterinnen der Diana, Odysseus, Diomedes, Antilochus, Griechen und Amazonen auf.

Handlung und tragischer Konflikt

Die Amazonen dulden wegen ihrer grausamen Vorgeschichte keine Männer in ihrem Volk. Nach ihrem religiösen Brauch wählt der Gott Mars ein Volk aus, aus dem die Amazonen sich im Kampf Männer erobern. Diese Männer werden zur Zeugung neuer Kriegerinnen mitgenommen und anschließend wieder freigelassen. Männliche Kinder werden getötet; nur die Mädchen bleiben am Leben und werden zu Kriegerinnen ausgebildet.

Eine individuelle Partnerwahl ist nach dem Amazonengesetz verboten. Mars bestimmt für jede Amazone den Mann, den sie im Kampf besiegen muss. Das Gesetz stammt der Überlieferung nach aus der Urne des Heiligen und geht auf das „Wort der ersten Mütter“ zurück. Sein eigentlicher Entstehungsgrund ist den Amazonen jedoch kaum noch bekannt und bleibt geheimnisvoll.

Penthesilea hat sich entgegen diesem Gesetz in Achilles verliebt. Ihre Mutter Otrere hatte ihr auf dem Totenbett vorausgesagt: „Du wirst den Peleiden dir bekränzen“. Achilles, der Peleide, ist ihr auf dem Schlachtfeld begegnet. Weil Penthesilea ihre Liebe nur dem Mann schenken darf, den sie besiegt, zieht sie immer wieder gegen ihn in den Kampf. Damit versucht sie zugleich, ihrer Liebe und dem Gesetz der Mütter treu zu bleiben.

Nachdem Penthesilea durch einen Pfeil schwer verletzt worden und ohnmächtig geworden ist, bittet Prothoe Achilles, sich als Verlierer auszugeben, damit Penthesilea nicht die Schande einer Niederlage erleidet. Achilles stimmt zu und will sich in einem weiteren Zweikampf von ihr besiegen lassen. Penthesilea durchschaut dieses Spiel jedoch nicht. Sie verwundet Achilles tödlich und zerreißt ihn schließlich in tierischer Raserei gemeinsam mit ihren Hunden.

Nach der Tat erwacht sie wie aus einem Traum und weigert sich zunächst zu glauben, dass sie selbst Achilles getötet hat. Als Prothoe ihr die Wahrheit erklärt, lässt sie den Leichnam vor die Oberpriesterin der Diana bringen, die sie für die moralische Verantwortung an der Entwicklung des Geschehens hält. Penthesilea sagt sich vom Gesetz der Amazonen los: „Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los“. Die Asche der Uramazone Tanais, die in die Luft gestreut werden soll, steht dabei als Sinnbild für das eherne Gesetz des Amazonenstaates.

Penthesilea erkennt zu spät, dass das Gesetz seinen ursprünglichen Sinn verloren hat. Der Schmerz über Achilles’ Tod wird zur Waffe, die sie gegen sich selbst richtet: Sie folgt dem Geliebten in den Tod. Die Oberpriesterin erklärt ihren Tod mit der Gebrechlichkeit des Menschen. Prothoe widerspricht: Penthesilea sei gefallen, „weil sie zu stolz und kräftig blühte“. Das Bild von der Eiche verdeutlicht, dass gerade das Lebendige und Gesunde dem Sturm besonders ausgesetzt ist. Penthesileas Stärke liegt demnach in ihrer Fähigkeit zu lieben und dem natürlichen Gefühl zu folgen; genau diese Lebendigkeit steht jedoch unvereinbar gegen den starren Gesetzesbuchstaben.

Figuren und Bedeutungsebenen

Penthesilea und Achilles sind als Parallelfiguren gestaltet. Beide wechseln in der Jagdmetaphorik zwischen Jäger und Gejagtem, werden mit Wölfen verglichen und erscheinen einander als begehrtes Wild. Beide müssen von ihren Angehörigen mit Gewalt zurückgehalten werden, weil sie in Raserei und Wahnsinn die Kontrolle verlieren. Auch Vergleiche mit Sonne, Sternen und Göttern sowie wiederkehrende Gesten, etwa das Ablegen und Wiederaufsetzen des Helms, stellen eine strukturelle Gleichheit her. Beide Figuren gewinnen ihre szenische Präsenz zunächst durch Berichte und Mauerschauen; beide werden von den Ihren als Sieger beziehungsweise Siegerin begrüßt, bevor sie selbst zu Wort kommen. Die Formel „Achill ist eine Penthesilea als Mann, Penthesilea ein Achill als Weib“ fasst diese Spiegelung zusammen.

Die Figuren sind in der zugrunde liegenden Deutung keine vollständig autonomen, psychologisch abgeschlossenen Persönlichkeiten. Sie erscheinen vielmehr als Träger und Ausdruck elementarer Affekte. Das Unbewusste erhält durch sie szenische Präsenz; die Figuren wirken wie Masken für etwas, das kein eigenes Gesicht hat. Ihr Begehren entsteht nicht allein aus individueller Entscheidung, sondern auch aus dem Fortpflanzungswunsch des Amazonenstammes, aus dem Gehorsam gegenüber Otreres Prophezeiung und aus den Heldenliedern über Achilles. Dadurch wird die Vorstellung eines unabhängigen, sinnstiftenden Subjekts aufgelöst.

Das zentrale Spannungsverhältnis von Kampf und Lust beziehungsweise von Eros und Thanatos lässt sich auf drei Ebenen verstehen. Auf der Ebene der Fabel organisiert es die Beziehungen zwischen Penthesilea und Achilles sowie zwischen Griechen und Amazonen. Zugleich zeigt sich der Widerspruch des Amazonenstaates: Penthesilea ist einerseits Vollstreckerin des Tanais-Gesetzes, andererseits müsste sie dessen eigentlichen Sinn – Autonomie, Mündigkeit und Freiheit – gerade gegen den Wortlaut des Gesetzes verwirklichen. Ihre Befreiung vom Gesetz führt jedoch zugleich zur Auflösung der Amazonengesellschaft und zu ihrer eigenen Selbstauflösung. Hier erscheinen klassische Gegensätze des Trauerspiels wie Pflicht und Neigung, Staatsraison und individuelles Glück sowie Kalkül und Gefühl.

Auf der Ebene des Sujets, also der konkreten Gestaltung des Stoffes, wird auch das autonome Individuum problematisiert. Das Individuum erscheint als Schnittpunkt gesellschaftlicher und affektiver Kräfte, nicht als festes, unabhängiges Sein. Damit wird auch das bürgerliche Konzept der Liebe als rein individueller Selbstverwirklichung kritisch sichtbar: Fühlen und Unbewusstes werden als sozial hervorgebrachte Formen des Begehrens verstanden.

Auf der autoreflexiven, also auf die eigene literarische Gestaltung bezogenen Ebene, spiegelt der Gegensatz von Kampf und Lust das Verhältnis von Handlung und Sujet. Das metaphorische Sprechen macht die Gegensätze sichtbar und spielt sie zugleich durch. Das Trauerspiel gliedert sich dabei in die Stationen Kampf, Rosenszene, Mord an Achilles und Penthesileas Selbstmord. Penthesileas Scheitern beruht auf einem fundamentalen Missverständnis ihrer selbst und des anderen. Zugleich rekonstruiert das Stück eine problematische Antikenrezeption und setzt sich mit dem Verhältnis homerischer Poesie und späterer dramatischer Bearbeitung auseinander. Die Inszenierung wörtlich genommener Sprachbilder zeigt Literatur als Spiel mit sprachlichen Möglichkeiten und nicht bloß als Abbildung von Wirklichkeit.

Quellen und Rezeption

Kleist orientierte sich an der griechischen Tragödie, besonders an Benjamin Hederichs Gründlichem Lexicon Mythologicum von 1724. Parallelen bestehen vor allem zu Euripides: In Medea begegnen sich zwei unvereinbare Welten durch die Liebe Medeas und Jasons; Hippolytos ist durch die Jagd geprägt und verehrt die Göttin Artemis, die Diana entspricht; in den Bacchen zerfleischt Agaue ihren Sohn Pentheus im dionysischen Rausch. Der Amazonenmythos ist in vielen Formen aus der griechischen Antike überliefert, die tatsächliche Existenz der Amazonen ist jedoch bis heute nicht erwiesen.

Ein Vorabdruck des Stücks erschien als „Organisches Fragment“ in Kleists Zeitschrift Phöbus. Die Bühnentauglichkeit wurde häufig bezweifelt. Goethe wies das Werk schroff zurück. Viele Botenberichte und Mauerschauen ließen das Drama als schwer aufführbar erscheinen; außerdem schreckte das grausame Zerreißen Achilles’ zeitgenössische Leser ab, die sich am klassizistischen Ideal der „edlen Einfalt und stillen Größe“ orientierten. Die Uraufführung erfolgte 65 Jahre nach Kleists Tod am 25. April 1876 in einer dreiaktigen Fassung am Königlichen Schauspielhaus Berlin. Noch später galt das Stück vielfach als „unaufführbar“, wurde aber 1911 zum hundertsten Todestag Kleists zweimal in Berlin inszeniert, unter anderem in einer Regiearbeit von Max Reinhardt.

Hörspiel, Musik und Textgrundlage

Das Drama wurde mehrfach als Hörspiel bearbeitet. Nach zwei nicht aufgezeichneten Live-Sendungen von 1926 folgten unter anderem die Produktionen von Wilhelm Semmelroth für den WDR (1956, 119'44 Minuten), Walter Knaus für den HR (1961, 135'00 Minuten) und Günter Bommert für RB (1981, 67'40 Minuten). 1986 entstanden Carlo Quartuccis „Penthesilea Aubade. Organische Fragmente“ für den WDR (111'33 Minuten) und die Live-Performance „Canzone Penthesilea“ (59'16 Minuten). 2014 folgte „Radio Penthesilea“, frei nach Motiven des Dramas, produziert, bearbeitet und inszeniert von Julia Wissert, Katrin Herm, Peter Blum, David Schnaegelberger und Klaus Buhlert für SWR/Mozarteum Salzburg (41'34 Minuten).

Zu den musikalischen Bearbeitungen gehören Karl Goldmarks Ouvertüre op. 31 (1884), Hugo Wolfs sinfonische Dichtung für Orchester (1883–1885), Felix Draesekes sinfonisches Vorspiel op. 50 (1888), Vincenc Maixners Oper (1913), Othmar Schoecks einaktige Oper op. 39 mit Uraufführung 1927 in Dresden, Pascal Dusapins Oper mit Uraufführung 2015 und Hauke Berheides Oper Mauerschau mit Uraufführung 2016 bei den Münchner Opernfestspielen.

Als Textgrundlagen nennt der Artikel Heinrich von Kleists Sämtliche Werke und Briefe, herausgegeben von Helmut Sembdner, siebte ergänzte und revidierte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, sowie Penthesilea in der Sämtliche-Werke-Brandenburger-Ausgabe, herausgegeben von Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Peter Staengle, Band I/5, Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt am Main 1992.

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