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Heimsuchung (Roman)
Der Roman ist in mehreren Bundesländern Pflichtlektüre für die gymnasiale Oberstufe in Vorbereitung auf das Abitur.
Inhalt4 Abschnitte
Grundidee und historischer Rahmen
Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung erschien 2007. Im Mittelpunkt steht ein Haus an einem märkischen See, dessen Geschichte sich über fast ein ganzes Jahrhundert erstreckt. An seinem Beispiel erzählt der Roman fünfzehn Lebensläufe von den 1920er Jahren bis zum Abriss des Hauses. Die Bewohnerinnen und Bewohner erleben die Weimarer Republik, den NS-Staat, den Zweiten Weltkrieg, das Kriegsende, die DDR, die Friedliche Revolution 1989/90 und die folgenden Jahre.
Wichtige Themen sind Flucht und Vertreibung, Exil, Identität, Zeit und Raum. Das Haus verbindet unterschiedliche Menschen und historische Erfahrungen, bleibt aber selbst nicht dauerhaft bestehen. Dadurch wird Geschichte als Abfolge verschiedener Lebensgeschichten an einem Ort dargestellt. Der Roman verarbeitet außerdem Erpenbecks Kindheitserinnerungen bei ihren Großeltern in einem Haus am Scharmützelsee. In mehreren Bundesländern ist Heimsuchung Pflichtlektüre für die gymnasiale Oberstufe zur Vorbereitung auf das Abitur.
Die Lebensgeschichten am See
Der Roman besteht aus miteinander verbundenen Kapiteln über die Menschen, die das Grundstück besitzen, bewohnen oder mit ihm verbunden sind:
- Der Gärtner ist eine der wenigen wiederkehrenden Personen. Er pflegt den Garten und scheint im Einklang mit der Natur zu leben.
- Der Großbauer hält an überkommenen Regeln des Dorfes fest und stürzt dadurch seine vier Töchter ins Unglück. Seiner jüngsten Tochter Klara gehört das Grundstück am See. Nach ihrem Tod verkauft der Großbauer es an den Architekten, den Tuchfabrikanten und einen Tee-Importeur.
- Der jüdische Tuchfabrikant flieht mit seiner Frau nach Südafrika. Die übrigen Mitglieder seiner Familie werden im Holocaust ermordet.
- Der Architekt baut für seine zweite Ehefrau ein Haus am See. 1951 muss er in den Westen fliehen.
- Die Frau des Architekten führt zunächst ein unbeschwertes Leben in dem Haus. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird sie vergewaltigt; der Rotarmist bohrte, so die Formulierung des Romans, „ein Loch in ihre Ewigkeit“.
- Doris Kaplan, das Mädchen, ist die Nichte des Tuchfabrikanten. Ihr Vater stirbt während der Zwangsarbeit an Fleckfieber. Doris wird über das Warschauer Ghetto nach Auschwitz gebracht und dort bei der Ankunft ermordet.
- Der Rotarmist schließt sich der Roten Armee an, nachdem deutsche Soldaten seine Eltern und seine Schwester ermordet haben. Mit der Roten Armee gelangt er nach Deutschland. Die Darstellung der Vergewaltigung im Haus des Architekten wurde vielfach kritisiert.
- Die überzeugte Kommunistin, die als Schriftstellerin bezeichnet wird, kehrt nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurück. In der DDR stellt sie fest, dass die politischen Verhältnisse nicht ihren Erwartungen entsprechen.
- Die Besucherin von heute hat mit drei Enkelkindern die Flucht aus Ostpreußen beziehungsweise Polen erlebt. Ihre Tochter starb bei einem Arbeitseinsatz. Weil ihre jüngste Enkeltochter den Sohn der Hausbesitzerin geheiratet hat, besucht sie gelegentlich das Haus. Sie bleibt dabei „fremd in der Fremde“.
- Der Unterpächter steht für Erfahrungen mit Republikflucht, Mauerfall und der Restitution von Besitz nach dem Ende der DDR. Auch emotionale Bindungen werden behandelt.
- Der Kinderfreund blickt auf sein Leben zurück und ist unverheiratet geblieben.
- Die unberechtigte Eigenbesitzerin versteckt sich in einem Schrank, während Makler das Haus bereits verkaufen wollen.
Natur, Widmung und Schluss
Der Prolog erweitert die menschliche Geschichte um eine geologische Zeitebene. Ein Erzähler beschreibt, wie die letzte Eiszeit die Landschaft prägte und das Märkische Meer bildete. Auch der See wird jedoch verschwinden: Er wird eines Tages verlanden. Der Text vergleicht diesen Vorgang mit der Sahara, wo es früher Wasser gab, und bezeichnet die spätere Verwüstung als „Desertifikation“.
Der Roman ist Doris Kaplan gewidmet. Das jüdische Mädchen wurde 1942 gemeinsam mit seiner Mutter aus Berlin in das Warschauer Ghetto deportiert; danach verliert sich ihre Spur. Die Großeltern Hermine und Arthur wurden im Vernichtungslager Kulmhof bei Litzmannstadt in einem Gaswagen ermordet. Doris’ Vater starb als Zwangsarbeiter im Autobahnbau an Fleckfieber. Erpenbeck rekonstruiert Doris’ Schicksal im Kapitel über das Mädchen mithilfe von Recherchen.
Drei Zitate stehen dem Roman voran: ein Ausschnitt aus Georg Büchners Woyzeck, ein Gedichtzitat von Friedrich Hölderlin und das arabische Sprichwort „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Das letzte Zitat verweist auf Thomas Manns Buddenbrooks: Verfall einer Familie.
Im Epilog wird zuerst allgemein beschrieben, wie ein Abriss vor sich geht. Danach wird der Abriss des Hauses erzählt: Zwei Wochen lang sind zunächst fünf, danach drei Männer damit beschäftigt. Am Ende heißt es: „Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.“ Damit schließt sich der Kreis zum Prolog: Gebäude und menschliche Ordnungen vergehen, während die Landschaft für kurze Zeit in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehrt.
Auszeichnung, Film und Einordnung
2008 erhielt Jenny Erpenbeck den Heimito von Doderer-Literaturpreis für Heimsuchung und Wörterbuch.
Der Regisseur Volker Schlöndorff verfilmte den Roman unter dem Titel Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte. Er verfasste auch das Drehbuch und arbeitete eng mit Erpenbeck zusammen. Gedreht wurde unter anderem am Scharmützelsee, am Templiner See und im Studio Babelsberg; produziert wurde der Film von Ziegler Film und Studiocanal. Die Premiere fand im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2026 statt.
In einer Besprechung von 2008 betonte Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen den stark konstruierten Aufbau des Romans und seine poetisch kontrollierte Sprache. Er beschrieb Heimsuchung als kühnes Experiment und eindrucksvollen Roman, merkte jedoch an, dass man in dem radikal entkernten Haus am See nicht wohnen möchte.