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Ghetto Litzmannstadt
Das sogenannte Ghetto Litzmannstadt, auch Ghetto Lodsch, in Polen während der deutschen Besetzung (1939–1945) war im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1944 ein …
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Bedeutung und Einrichtung
Das sogenannte Ghetto Litzmannstadt, auch Ghetto Lodsch, war von 1939 bis 1944 ein jüdisches Sammellager beziehungsweise ein abgetrennter jüdischer Wohnbezirk des nationalsozialistischen Besatzungsstaates in Polen. Es war das am längsten bestehende Ghetto unter dem Nationalsozialismus und nach dem Warschauer Ghetto das zweitgrößte Ghetto Polens. Die Stadt Łódź wurde im April 1940 in Litzmannstadt umbenannt. Das Ghetto diente vor allem als Zwischenstation vor Deportationen in die Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor.
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Łódź 223.000 Juden, etwa ein Drittel der Einwohner. Rund 62.000 wohnten bereits im armen Stadtteil Bałuty, dessen Wohnverhältnisse sehr schlecht waren: Etwa 95 % der Gebäude hatten keine Toiletten, keine Wasserversorgung und keinen Kanalanschluss. Durch die Zwangsumsiedlung weiterer Juden aus Łódź, dem Umland, dem Deutschen Reich und anderen besetzten Ländern verschärfte sich die Lage.
Im Februar 1940 erklärte Polizeipräsident SS-Brigadeführer Johannes Schäfer die Stadtteile Bałuty, Marysin und Stare Miasto zum Ghetto. Die nichtjüdischen Bewohner mussten das Gebiet bis zum 30. April verlassen. Zu den bereits etwa 60.000 jüdischen Bewohnern wurden weitere 100.000 Menschen zwangseinquartiert. Das ungefähr vier Quadratkilometer große Gebiet wurde mit Mauern und Stacheldraht abgeriegelt; teilweise wurden ganze Straßenzüge abgerissen.
Juden durften das Ghetto bei Todesstrafe nicht ohne Erlaubnis verlassen. Nach der Anweisung des Polizeikommandeurs Walter Rudolf Keuck vom 19. Mai 1940 sollte auf Fluchtversuche und Schmuggel sofort und ohne Vorwarnung geschossen werden. Bewaffnete SS- und Polizeieinheiten bewachten die Grenze. Die Errichtung und Bewachung erfolgte unter anderem durch das Hamburger Reserve-Polizei-Bataillon 101.
Lebensbedingungen und Ausbeutung
Die Lebensbedingungen waren von Beginn an unmenschlich. Unterernährung, Krankheiten und Kälte führten zu zahlreichen Todesfällen; Menschen starben teilweise auf offener Straße. Von 1940 bis 1944 starben innerhalb des Ghettos 43.441 Personen. Im Mai 1941 waren ungefähr 20.000 Menschen an Tuberkulose erkrankt.
1940 lebten im Ghetto 39.559 Kinder unter 14 Jahren, darunter 20.318 Jungen und 19.241 Mädchen. 1941 kamen 2.538 Kinder aus anderen Gegenden hinzu. Bis 1942 wurden noch 347 Kinder im Ghetto geboren. Im Jahr 1942 lebten dort jedoch insgesamt nur noch 11.329 Jungen und 10.598 Mädchen.
Die Nationalsozialisten betrachteten die Gefangenen als Arbeitskräfte. Für jeden der 70.000 Zwangsarbeiter entstand den Auftraggebern ein Gewinn von fünf Reichsmark, während nur 30 Reichspfennig an Arbeitskosten anfielen. Im Ghetto wurden vor allem Soldatenuniformen, Stiefel, Waffenteile und Munition hergestellt. Zu den Großkunden gehörten Josef Neckermann und Heinrich Leineweber.
Der Bahnhof Radegast war die wichtigste Verbindung nach außen. Über ihn wurden Rohstoffe und Lebensmittel angeliefert sowie fertige Waren abtransportiert. Später wurde der Bahnhof zum Ausgangspunkt für Deportationen in die Vernichtungslager. Viele Juden hofften, durch ihre kriegswichtige Arbeit der Deportation zu entgehen. Gleichzeitig beschlagnahmten verschiedene deutsche Behörden regelmäßig Eigentum. Die von Hans Biebow geleitete Wirtschafts- und Ernährungsstelle Ghetto beanspruchte die Güter ebenso wie andere deutsche Stellen; die Kriminalpolizei nahm insbesondere Gold und Schmuck wegen angeblichen Schmuggels an sich.
Erzwungene Verwaltung
Die deutschen Besatzer übertrugen einen großen Teil der organisatorischen Aufgaben an die Gefangenen selbst. Dazu gehörten die Verteilung der unzureichenden und minderwertigen Lebensmittelrationen, die Einteilung zur Zwangsarbeit, der Betrieb von Schulen und die Erstellung von Deportationslisten. Diese Organisation sollte der SS die Verwaltung erleichtern und zugleich den Eindruck einer funktionierenden jüdischen Selbstverwaltung erzeugen.
Am 13. beziehungsweise 14. Oktober 1940 wurde ein Judenrat eingesetzt. Chaim Rumkowski wurde als „Judenältester von Litzmannstadt“ dessen Leiter. Er hatte jedoch keine selbstständige Entscheidungsgewalt. Zu den Einrichtungen gehörten unter anderem die Zentrale, das Meldebüro zur Registrierung der Bewohner, die Statistik-Abteilung, der Ordnungsdienst mit 850 bis 1.200 Angehörigen, ein Schnellgericht, ein Zentralgefängnis, Versorgungs-, Wohnungs- und Gesundheitsabteilungen, ein zentrales Arbeitsamt sowie eine Schulabteilung.
Am 11. März 1941 wurde das Schnellgericht eingerichtet. Die Ghetto-Zeitung erschien auf Jiddisch vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944. Im Winter 1943 begannen 15 Mitarbeiter dieser Zeitung, eine „Enzyklopädie des Gettos“ zu erstellen. Ihr Hauptbestandteil war eine handschriftliche Liste mit 1292 erläuterten Begriffen.
Am 24. Juni 1940 gab Rumkowski bekannt, dass ab dem 28. Juni nur noch Ghettogeld verwendet werden durfte. Er bezeichnete diese Zahlungsmittel als „Mark-Quittungen“.
Deportationen, Kinderlager und Schulen
Der Judenrat musste auf deutschen Befehl Listen für die Transporte zusammenstellen. Die Besatzer legten meist wöchentliche Quoten fest. Wurden sie nicht erfüllt, wurden die ohnehin unzureichenden Lebensmittelrationen weiter gekürzt oder andere Strafen verhängt. Zeitweise verlangten die Deutschen die Auslieferung von 20.000 Juden pro Woche. Die jüdische Verwaltung und ihre Sicherheitspolizei behaupteten gegenüber den Bewohnern weiterhin, die Abtransportierten würden im Osten zur Arbeit eingesetzt, obwohl die Mitglieder des Judenrates die tatsächliche Gefahr kannten.
Vom 16. Januar bis Mai 1942 wurden 55.000 Juden und 5.000 Roma in das Vernichtungslager Kulmhof, polnisch Chełmno, deportiert. Die Deportationen vom 5. bis 12. September 1942 wurden als „Aktion Gehsperre“ bekannt. Dabei wurden sämtliche Patienten eines Ghetto-Krankenhauses sowie Kinder, alte und gebrechliche Menschen deportiert; insgesamt waren es 12.000 Juden.
Um den 30. September 1942 wurde auf Befehl Heinrich Himmlers ein Teil des Ghettos für das Jugendverwahrlager Litzmannstadt geräumt. Die Einrichtung wurde kurz vor dem ersten Kindertransport am 1. Dezember 1942 eröffnet. In der ulica Przemysłowa mussten polnische Kinder und Jugendliche Zwangsarbeit leisten. In einem ehemaligen Kloster in der ulica Sporna befand sich ein Germanisierungslager, in dem ausgewählte Kinder zu Deutschen umerzogen oder dafür ausgewählt werden sollten.
Bis 1942 gab es Schulen im Ghetto. In 23 Elementarschulen lernten etwa 13.000 Kinder, weitere 1278 besuchten zwei Mittelschulen. Insgesamt arbeiteten 414 Lehrer unentgeltlich. Mit der offiziellen Umwandlung des Ghettos in ein Arbeitslager wurden die Schulen 1942 geschlossen.
Sinti und Roma im Ghetto
Zwischen dem 5. und 9. November 1941 wurden 5.007 Sinti und Roma in das Ghetto deportiert und in einem getrennten Bereich, dem sogenannten „Zigeunerlager“, eingesperrt. Unter ihnen waren 2.689 Kinder. Rund 2.000 Menschen stammten aus dem Lager Lackenbach im damaligen Gau Niederdonau. Weitere 3.015 kamen aus dem Gau Steiermark: 2.011 aus dem Bezirk Oberwart, die über das Sammellager Pinkafeld abtransportiert wurden, und 1.004 aus den übrigen Gaubezirken, die über das Sammellager Fürstenfeld kamen. Für die Auswahl waren die jeweiligen Landräte verantwortlich.
Das Lager hatte weder sanitäre Einrichtungen noch Kochgelegenheiten. Innerhalb weniger Wochen starben mehrere hundert Menschen an Hunger und Typhus. Zwischen dem 5. und 12. Januar 1942 wurden die Gefangenen zur massenhaften Ermordung in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert. Menschen, die dort starben oder ermordet wurden, bestattete man in Massengräbern auf dem jüdischen Friedhof in den Grabfeldern PV und PVI.
Auflösung, Täter und Erinnerung
Angesichts des Vorrückens der Sowjetarmee begann die schrittweise Auflösung des Ghettos. Heinrich Himmler hatte zunächst geplant, es in ein Konzentrationslager umzuwandeln. Stattdessen wurden die Deportationsquoten erhöht, offiziell für Aufräumarbeiten im Deutschen Reich. Viele der Verschleppten wurden in Auschwitz vergast; junge und gesunde Menschen kamen außerdem in Konzentrationslager oder als „Durchgangsjuden“ zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie ins Deutsche Reich. 1944 gelangten mehrere hundert jüdische Frauen in die Außenlager des KZ Flossenbürg in Freiberg (500), Oederan (200) und Hainichen (150).
Am 28. August 1944 wurde Chaim Rumkowski mit seiner Familie im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Die genauen Todesumstände sind umstritten: Eine These besagt, dass er in einer Gaskammer vergast wurde; nach einer anderen wurde er von Juden aus Łódź getötet, die dem Sonderkommando angehörten. Am 19. Januar 1945 befreite die sowjetische Armee nur noch 870 Mitglieder eines Aufräumkommandos, 30 Kinder und 80 Erwachsene. Sie hatten sich vor den Deportationen verstecken können. Der Fotograf Henryk Ross konnte als Mitglied des Aufräumkommandos seine Aufnahmen retten und eine Auswahl 1961 beim Eichmann-Prozess vorlegen.
Hans Biebow leitete das Ghetto seit Mai 1940. Am 1. Mai 1940 ernannte ihn Reinhard Heydrich zum Leiter der „Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Ghetto“. Biebow waren 250 deutsche Verwaltungsmitglieder und der Judenrat unterstellt. Er wurde 1947 verhaftet, nach Polen ausgeliefert, am 30. April 1947 in Łódź zum Tode verurteilt und am 23. Juni 1947 hingerichtet. Ein Ermittlungsverfahren gegen Walter Zirpins, der von Mai 1940 bis Februar 1941 die Kriminalpolizei im „Roten Haus“ leitete, wurde 1960 kurz vor seiner Pensionierung eröffnet und wieder eingestellt.
Am ehemaligen Bahnhof Radegast wurde 2005 eine Holocaust-Gedenkstätte eröffnet. Von dort wurden zwischen dem 16. Januar 1942 und dem 29. August 1944 mehr als 150.000 Juden nach Kulmhof und Auschwitz transportiert. Zur Gedenkstätte gehören das frühere Bahnhofsgebäude mit Museum, ein originalgetreuer Reichsbahnzug, Grabsteine, Gedenktafeln und ein Tunnel zu einem an ein Krematorium erinnernden Turm mit der Inschrift „Du sollst nicht töten“.
Die überlieferten Fotografien bilden eine wichtige Quelle. Walter Genewein fertigte zwischen 1940 und 1944 rund 500 Farbdias an. Außerdem existieren tausende Fotografien jüdischer Fotografen und fast 12.000 erhaltene Kontaktabzüge im Staatsarchiv Łódź. Die Bilder sollten ursprünglich ein vermeintlich funktionierendes Gemeinwesen zeigen, dokumentieren jedoch zugleich die Unmenschlichkeit des NS-Regimes.