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Heiliges Tier
Heilige Tiere dienen im Zuge der Verehrung (Zoolatrie) als lebende Manifestationen von theriomorph (tiergestaltig) oder therianthrop (tiermenschlich) …
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Grundidee heiliger Tiere
Heilige Tiere sind Tiere, die im Rahmen der Verehrung, also der Zoolatrie, als lebende Erscheinungsformen von Göttern gelten. Diese Götter können theriomorph, also tiergestaltig, oder therianthrop, also tiermenschlich, gedacht und dargestellt werden. Das Tier ist dabei nicht nur ein Symbol, sondern kann als Verkörperung einer heiligen Kraft, Seele oder Gottheit verstanden werden.
Das Phänomen ist weltweit verbreitet. Tiere wurden und werden verehrt, weil sie Menschen in bestimmten Eigenschaften überlegen erscheinen, zum Beispiel an Kraft, Mut oder Schlauheit. Als mögliches ursprüngliches Motiv nennt der Artikel die Furcht vor solchen Tieren. Später konnte die Vorstellung hinzukommen, dass im Tier eine Seele oder Gottheit wohnt, die es heiligt. Diese Sicht steht in Verbindung mit Animismus, also dem Glauben, dass Wesen oder Dinge beseelt sein können.
Bedeutung in Jagd- und Wildbeuterkulturen
In Wildbeuterkulturen, also Kulturen, die wesentlich von Jagd, Sammeln oder Fischfang leben, sind bestimmte Tiere seit jeher heilig, weil sie eine wichtige Grundlage der Subsistenz bilden. Subsistenz bedeutet hier die Sicherung des Lebensunterhalts. Wenn ein Tier für Nahrung, Kleidung oder andere lebenswichtige Bedürfnisse zentral ist, kann es religiös besonders bedeutsam werden.
Dazu gehört auch der Glaube an einen Herrn oder eine Herrin der Tiere. Dieses höchste Wesen gilt als „Besitzer“ der Jagdtiere. Sein Wohlwollen ist für die Menschen wichtig, weil es mit dem Jagderfolg verbunden sein kann. Auch dieses Wesen erscheint in mehreren Kulturen in Tiergestalt.
Typische Zuordnungen von Tieren
Bestimmte Tierarten werden weltweit ähnlichen Funktionsbereichen zugeordnet. Hundeartige stehen einerseits mit Tod und Jenseits in Verbindung, andererseits auch mit Schöpfung und Kultur. Sie können deshalb als Stammvater des Menschen oder als Kulturheros gelten, also als Gestalt, die den Menschen wichtige kulturelle Fähigkeiten bringt.
Katzenartige stehen für Macht und Herrschertum sowie für den Sonnengott, können aber auch mit der Nacht und dem Totenreich verbunden sein. Drachen und sich häutende Schlangen werden mit Fruchtbarkeit, Regeneration, Tod und Unsterblichkeit in Verbindung gebracht. Nachtaktive Tiere wie Eule oder Fledermaus verkörpern Nacht und Totenreich. Vögel werden dem Himmel zugeordnet und gelten als Boten. Der Stier steht für Zeugungskraft, Fruchtbarkeit und Macht. Das Pferd erscheint als Begleiter von Seelen und Toten, als Zugtier des Sonnenwagens oder als Reittier bestimmter Gottheiten.
Hund, Pferd und Rind spielten außerdem eine besondere Rolle als Opfertiere. Sie wurden rituell geschlachtet, verspeist oder bestattet. Nach Ulrike Peters werden im Tierkult Eigenschaften wie Stärke, Gefährlichkeit, Regeneration oder die besondere Nähe von Hund und Pferd zum Menschen hervorgehoben, verstärkt oder auch abgewehrt. Manchmal verschmilzt Tierverehrung mit Ahnenverehrung, wenn ein Tier als Inkarnation einer zur Gottheit gewordenen Seele gilt, etwa im religiösen Totemismus.
Verbreitung in verschiedenen Regionen
Im Alten Ägypten wurden viele Tiere als heilig verehrt. Dazu gehörten Rinder wie Mnevis und Apis, außerdem Widder, Katzen, Mantelpaviane, Heilige Ibisse, Falken, Krokodile, Heilige Pillendreher, also Skarabäen, und weitere Tiere.
Im zirkumpolaren Norden, also in Gebieten rund um die Polarregionen, wird der Bär in zahlreichen meist schamanischen Bärenkulten verehrt. In Jägerkulturen Nordamerikas waren der Bison und das Pferd wichtige heilige Tiere. Das Pferd war auch in Reiterkulturen der Alten Welt und Südamerikas bedeutsam.
Die Schlange wurde während der gesamten eurasischen Vorgeschichte bis nach Südasien sowie im Inkareich verehrt. In Zentralamerika und im Norden Perus spielte der Jaguar eine wichtige religiöse Rolle. In Indien gibt es bis heute heilige Tiere und tiergestaltige religiöse Vorstellungen, etwa die heilige Kuh, den heiligen Affen Hanuman, den elefantenköpfigen Ganesha und heilige Ratten. Tiere erscheinen dort auch als Avatara von Gottheiten, zum Beispiel Vishnu als Fisch Matsya, Schildkröte Kurma, Eber Varaha und Löwenmensch Narasimha. Außerdem erscheinen Tiere als Vahana, also als Reittiere zahlreicher Götter.
Tierkult im Alten Ägypten
Im Alten Ägypten wurden nicht nur Menschen mumifiziert, sondern auch heilige Tiere. Ihre Körper sollten die Zeit überdauern. Nach altägyptischem Glauben konnte die unsterbliche Seele ihren Weg zum Reich des Osiris nur fortsetzen, solange Geist und Körper existierten. Deshalb war die Erhaltung des leblosen Körpers von großer Bedeutung.
Manchmal legte man einem Verstorbenen die Tiermumie eines geliebten Haustieres in die Grabkammer. Das Tier sollte seinem Herrn auf der langen Reise zum Totenreich beistehen. Daneben gab es Tiermumien als Opfergaben an Götter, etwa von Krokodilen, Stieren, Katzen, Mäusen oder Fischen. Mit solchen Opfergaben bat man um die Gunst eines Gottes oder um Gnade, falls man ihn erzürnt hatte. Viele gläubige Ägypter kauften Tiermumien, um sie zu opfern. Der Artikel erwähnt dabei auch Betrug: Manche Käufer erhielten statt echter Mumien nur Bündel aus Lumpen, Scherben und Knochen.
Der Tierkult hatte vermutlich zur Zeit der Pharaonen seinen Höhepunkt. Viele ägyptische Götter wurden mit Tieren verbunden. Thot hatte einen Ibiskopf, Anubis den Kopf eines Schakals und Hathor das Gehörn einer Kuh. Manche Tiere durften im Tempel leben. Nach ihrem Tod wurden sie mumifiziert und auf eigenen Tierfriedhöfen bestattet. Besonders heilig war der Apis-Stier. Er hatte den Rang einer Gottheit und wurde von Priestern wie ein Gott behandelt. Zu seinen Lebzeiten erhielt er einen Palast und einen Harem von Kühen; nach seinem Tod bekam er eine aufwendige Bestattung.