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Hasentabu
Hasentabus kommen bei vorderasiatischen, dem Islam nahestehenden Glaubensgemeinschaften wie den Aleviten vor, in Form eines Speisegesetzes auch im Judentum, an …
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Begriff und Verbreitung
Ein Hasentabu ist ein religiös oder symbolisch begründetes Tabu. Es kann den Verzehr von Hasenfleisch als besondere Form eines Nahrungstabus oder den Kontakt mit Hasen betreffen. Solche Tabus kommen bei vorderasiatischen, dem Islam nahestehenden Glaubensgemeinschaften wie den Aleviten vor, außerdem als Speisegesetz im Judentum, daran angelehnt bei den Alawiten sowie im Volksglauben von Bauern und Nomaden Kleinasiens.
Keltische Britannier
Gaius Iulius Caesar berichtet in De bello Gallico, Buch V, Kapitel 12, bei keltischen Britanniern seien Hase, Huhn und Gans unerlaubte Speisen gewesen. Zugleich habe man diese Tiere „zu Lust und Vergnügen“ gehalten. Die Überlieferung soll jedoch cum grano salis, also mit Vorsicht, beurteilt werden: Caesar sei gelegentlich humorvollen keltischen Gesprächspartnern auf den Leim gegangen.
Jüdische Speisegesetze
Im Judentum gehört das Verbot von Hasenfleisch zu den verbindlichen Speisegesetzen. Nach 3. Buch Mose 11,5–8 sind Hase und Kaninchen unrein, weil sie zwar wiederkäuen, aber keine gespaltenen Klauen haben. Allgemein ist der Verzehr von Tieren untersagt, die keine gespaltenen Klauen haben oder nicht wiederkäuen. Auch ihr Aas darf nicht berührt werden.
Die Ethnologin Mary Douglas deutet die Speisevorschriften als Metapher für Heiligkeit. Heiligkeit bedeute Einheit, Integrität und Vollendung des Einzelnen und seiner Art. Nutztiere des klassischen Viehbestands der Israeliten galten zusammen mit dem Land als von Gott gesegnet; Wildtiere standen dagegen in keinem gottgegebenen Bund mit Menschen. Wildtiere konnten dennoch gegessen werden, wenn sie Klauen hatten und wiederkäuten.
Das Fressen von Kot durch Hasen und Kaninchen wird dabei zwar als Wiederkäuen gedeutet, doch fehlen ihnen die Klauen. Schweine besitzen umgekehrt Klauen, käuen aber nicht wieder. Nicht koscher sind nach dieser Erklärung Tierarten, die mangelhafte Mitglieder ihrer Klasse sind oder deren Klasse die damalige Ordnungsvorstellung der Welt stört. Hasen fallen deshalb aus dieser religiösen Welterklärung und vom Speiseplan heraus.
Islamische Glaubensrichtungen
Ein Hasentabu besteht nur in einigen Zweigen des Islam. Alawiten kennen ein vom jüdischen Gesetz abgeleitetes Speisetabu. Bei den Aleviten der Bektaschi-Tarīqa und bei den alevitischen Tahtacı ist Hasenfleisch rituell verboten. Die Bektaschi-Tarīqa entstand mit der Einwanderung turkmenischer Stämme nach Anatolien im 13./14. Jahrhundert.
Für Aleviten gelten Hasen und Kaninchen als „unheilvolle Tiere“; das Verbot soll die rituelle Gemeindereinheit vor dem Einfluss der Außenwelt bewahren. Ein weiterer Deutungsansatz beschreibt sie als Wesen mit Merkmalen von sieben verschiedenen Tieren. Dadurch stünden sie außerhalb der biblischen Tierkategorien des Buchs Genesis; diese Begründung knüpft an jüdische Tabuvorstellungen an. Möglicherweise bewahrt das Speisegebot auch ältere Traditionen des turkmenischen Kizilbasch-Ordens, von dem das Alevitentum seine Herkunft ableitet.
Für die Mehrheit der Muslime gilt kein Verbot. Sure 6,145 nennt als untersagt nur von selbst Verendetes, ausgeflossenes Blut, Schwein als Befleckung sowie Frevel. Auch eine Hadith-Überlieferung berichtet, der Prophet Muhammad habe Hase zwar abgelehnt, ihn aber nicht für verboten erklärt. In der islamischen Kunst, auch im Osmanischen Reich, hatte die Hasendarstellung zudem eine wichtige symbolische und mythologisch begründete Rolle.
Christliche Vorstellungen
Bei Nestorianern gilt der Hase als unrein. Chaldäer betrachten eine Begegnung mit ihm als ungünstiges Vorzeichen. Schwangere Frauen sollten Hasen möglichst nicht begegnen, damit ihre Kinder später beim Schlafen nicht die Augen offen stehen lassen.
Im Christentum insgesamt bestehen unter Berufung auf Markus 7,18–19, 1 Korinther 10,25 und 1 Timotheus 4,4 keine Speisegesetze. In Deutschland kommen Kaninchen besonders in der Osterzeit auf den Speisetisch.
Medizinische Gesichtspunkte
Als mögliche medizinische Erklärung einer Tabuisierung wird das Risiko bakterieller Infektionen oder von Parasitosen genannt. Nicht ausreichend gegartes Fleisch wild lebender Hasen oder Kaninchen kann Tularämie, die „Hasenpest“, übertragen. Die bei alttestamentlichen Speisegesetzen oft genannte Trichinellose ist dagegen eher beim Verzehr fleischfressender Tiere oder von Allesfressern wie dem Schwein relevant.
Menschen könnten Zusammenhänge zwischen bestimmten Fleischsorten und Krankheitssymptomen bereits als Jäger und Sammler beobachtet haben. In gemäßigten und kalten Regionen drohten besonders im Spätwinter und Frühjahr Nahrungsmangel und eine einseitige Ernährung mit fettarmem Fleisch. Zu wenig Fett bei gleichzeitig zu viel Eiweiß kann etwa beim ausschließlichen Verzehr von Bison- oder Hasenfleisch zu Mangelernährung führen. Der Polarforscher Vilhjálmur Stefánsson beschrieb den überwiegenden Verzehr von Kaninchenfleisch in moderner Zeit als Ursache des sogenannten Kaninchenhungers.