Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Hans-Dietrich Schultz

Hans-Dietrich Schultz (* 19. Februar 1947 in Gronau (Leine)) ist ein deutscher Geograph, Geographiehistoriker und emeritierter Professor für …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Person und akademische Einordnung
  2. 2. Forschung und zentrale Begriffe
  3. 3. Kritische Perspektiven auf Raum und Geographie
  4. 4. Wichtige Veröffentlichungen und Themenfelder

Person und akademische Einordnung

Hans-Dietrich Schultz (* 19. Februar 1947 in Gronau (Leine)) ist ein deutscher Geograph, Geographiehistoriker und emeritierter Professor für Geographiedidaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seine akademische Laufbahn begann zunächst mit einem Studium der Politologie an der Freien Universität Berlin. Ab dem Wintersemester 1967/68 studierte er Geographie, Geschichte, Pädagogik und Philosophie. 1971 bestand er die erste Staatsprüfung. Von 1974 bis 1978 war er Wissenschaftlicher Assistent am Geographischen Institut der Freien Universität Berlin; im Dezember 1978 wurde er bei Klaus-Achim Boesler zum Dr. rer. nat. promoviert. Nach dem Referendariat am Schadow-Gymnasium Berlin und der zweiten Staatsprüfung im Mai 1980 arbeitete er bis 1993 als Lehrer für Geographie, Geschichte und Politische Weltkunde. Zusätzlich war er von 1982 bis 1993 Fachseminarleiter in der Lehrkräfteausbildung. Im Mai 1986 habilitierte er sich an der Universität Osnabrück bei Gerhard Hard zum Dr. phil. habil.

1993 wurde Schultz zum Professor für Didaktik der Geographie an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Mit dem Ende des WS 2012 trat er in den Ruhestand.

Forschung und zentrale Begriffe

Schultz verbindet Geographiedidaktik mit Geographiegeschichte. Seine Forschung konzentriert sich auf die Geschichte der Geographie und der Schulgeographie des 19. und 20. Jahrhunderts sowie auf wissenschaftstheoretische Fragen. Dazu gehört insbesondere die Frage, welchen Nutzen die Disziplingeschichte für die Entwicklung der Geographie als Wissenschaft und Schulfach hat.

Im Mittelpunkt seiner Publikationen steht die Ideengeschichte der deutschsprachigen klassischen Geographie. Schultz untersucht deren Paradigmen, also grundlegende Denkmodelle, und Methodologien, also systematische Vorgehensweisen wissenschaftlicher Forschung. Dabei stützt er sich auf eine breite Quellenbasis, ordnet geographische Vorstellungen in ihren historischen Zusammenhang ein und hinterfragt sie kritisch.

Zu den von ihm behandelten Konzepten gehören Landschaft, Landschaftskunde und Länderkunde, Geodeterminismus, Lebensraum, Nation, Volk, Rasse und Geopolitik. Der Begriff Geodeterminismus bezeichnet dabei die Vorstellung, dass physisch-materielle Gegebenheiten menschliches Handeln maßgeblich bestimmen. Weitere Themen sind kulturelle oder politische gegenüber natürlichen Grenzen sowie Vorstellungen von Europa und seinen Teilräumen, insbesondere Mitteleuropa, Südeuropa und Osteuropa. Zahlreiche Beiträge zur Kartengeschichte untersuchen außerdem, wie Karten geographische Räume bilden und darstellen.

Schultz befasst sich auch mit den Raumvorstellungen historischer Akteure und deren Einbettung in das jeweilige intellektuelle Umfeld. Zu den behandelten Personen gehören unter anderem Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant, Carl Ritter, Alexander von Humboldt, Ferdinand von Richthofen, Friedrich Ratzel, Alfred Hettner, Albrecht Penck, Joseph Partsch und Alfred Rühl.

Kritische Perspektiven auf Raum und Geographie

Ein wichtiger Bestandteil von Schultz’ Arbeit ist die Untersuchung des politischen Charakters geographischer Begriffe und Darstellungen. Er zeigt, dass Räume wie Nationen, Mitteleuropa oder Europa nicht einfach als selbstverständlich gegebene Einheiten erscheinen, sondern in wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Debatten bestimmt und verändert werden. Dazu analysiert er unter anderem die Begriffe „Mittellage“ und „Mitteleuropa“, die „natürlichen Grenzen“ Deutschlands sowie die Rolle der Geographie bei der „Erfindung“ der Nation.

Auch die deutsche Geographie im Nationalsozialismus, das Großraumdenken und die propagandistische Wirkung von Karten gehören zu seinen Themen. Er untersucht, wie Schulgeographie und Kartenbilder in der Zwischenkriegszeit und in der Nachkriegszeit politische Vorstellungen vermitteln konnten. In diesem Zusammenhang behandelt er unter anderem Friedrich Ratzel und Albrecht Penck sowie die Frage, in welchem Verhältnis klassische Geographie und spätere Lebensraumpolitik standen.

Die Bedeutung dieser Forschung für aktuelle Debatten zeigt sich in Schultz’ Kritik an Autoren wie Jared Diamond und Tim Marshall. Ihnen wirft er einen unreflektierten Umgang mit der Bedeutung physisch-materieller Gegebenheiten für die Erklärung menschlichen Handelns vor. Nach Schultz erinnert ein solcher Umgang an ältere geographische Erklärungsmuster des Geodeterminismus. Auch in Gesprächen über Europa und seine Grenzen betont er, dass Europa durch anhaltende Debatten immer wieder neu definiert wurde und nicht als vollständig natürlicher oder unveränderlicher Raum gelten kann.

Heinz Peter Brogiato bezeichnete Schultz als den wichtigsten Vertreter der Fachgeschichte der vergangenen Jahrzehnte. Der französische Geographiehistoriker Nicolas Ginsburger nannte ihn le nouveau «pape» de l’histoire de la géographie allemande.

Wichtige Veröffentlichungen und Themenfelder

Zu Schultz’ ausgewählten Monographien gehören Die deutschsprachige Geographie von 1800 bis 1970. Ein Beitrag zur Geschichte ihrer Methodologie (Berlin 1980), Die Geographie als Bildungsfach im Kaiserreich (Osnabrück 1989), Europa als geographisches Konstrukt (Jena 1999), Friedrich Ratzel: (k)ein Rassist? (Flensburg 2006) und Der Realraum als Problem. Eine Lektion aus der Disziplingeschichte (Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-7344-0723-9).

Seine Zeitschriftenaufsätze behandeln unter anderem die Geographie des Dritten Reiches, Mitteleuropa, Nation und Staat, das Verhältnis von Natur und freiem Willen, die politische Bedeutung von Karten, Europa und den europäischen Osten sowie die Einordnung Friedrich Ratzels und Albrecht Pencks. Zu den jüngeren Themen zählen die Kritik an der „Macht des Raumes“ (2017), Albrecht Penck als möglicher Vorbereiter der NS-Lebensraumpolitik (2018) und die Frage „Europa, Asien, Eurasien! Wohin mit Russland?“ (2022).

Die im Artikel genannte Literatur umfasst unter anderem Darstellungen zur Geschichte der deutschen Geographie, zur Ideengeschichte geographischen Denkens und Handelns sowie einen Beitrag über Schultz’ 65. Geburtstag. Interviews und Zeitungsartikel greifen vor allem seine Einschätzungen zu deutschen Geographen im Ersten Weltkrieg, zu Europa, Kontinenten und Grenzen sowie zur historischen Entstehung Europas auf.

Weiterlesen

1947 Besonders deutlich wird dies in der Truman-Doktrin, in der der US-Präsident vor der „direkten oder indirekten Aggression“ durch „totalitäre Regime“ warnt – die … Geograph Durch die stark interdisziplinär geprägte Ausrichtung und fachliche Breite der modernen Geographie sind Geographen an der Schnittstelle zwischen Natur-, … Geographiedidaktik Die Geographiedidaktik ist eine Fachdidaktik, die sich speziell mit dem Lehren und Lernen, den fachlichen Inhalten und Methoden der Vermittlung … Staatsexamen Ein Staatsexamen (Plural Staatsexamina; von lateinisch examen ‚Verhör' oder ‚Untersuchung'; kurz Stex oder StEx; auch Staatsprüfung) ist eine von einer … Landschaft Das Wort Landschaft wird vor allem in zwei Bedeutungen verwendet. Zum einen bezeichnet es die kulturell geprägte, subjektive Wahrnehmung einer Gegend als … Länderkunde Die Länderkunde ist eine Fachrichtung der Geographie. Sie stellt die idiographische Richtung der Regionalen Geographie dar, in der jeweils ein bestimmter Erd- … Geodeterminismus Der Geodeterminismus war die dominierende theoretische Denkrichtung der Geographie, besonders der Humangeographie, des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts … Nation Nation (um 1400 ins Deutsche übernommen, von lateinisch natio, „Volk, Sippschaft, Herkunft“ oder „Geburt“, ursprünglich für eine „Geburtsgemeinschaft“, … Volk Seit dem 18. Jahrhundert ist er emotional hoch aufgeladen und wird zur Legitimation von Revolutionen, Kriegen und verschiedenen Herrschaftsformen verwendet. Geopolitik Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet. Immanuel Kant Hier wird der kategorische Imperativ als grundlegendes Prinzip der Ethik entwickelt und die Idee der Freiheit, die in der ersten Kritik für die theoretische … Alexander von Humboldt Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt (* 14. September 1769 in Berlin; † 6. Mai 1859 ebenda) war ein deutscher Forschungsreisender mit einem …