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Guillaume Apollinaire

Vor allem mit seiner Lyrik gehört er zu den bedeutendsten französischen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. Er prägte die Begriffe Orphismus und Surrealismus.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Profil und künstlerische Bedeutung
  2. 2. Herkunft, Kindheit und Jugend
  3. 3. Lehrjahre, Paris und literarischer Aufstieg
  4. 4. Alcools und die Avantgarde
  5. 5. Krieg, Verwundung und letzte Jahre
  6. 6. Werke, Nachwirkung und Rezeption

Profil und künstlerische Bedeutung

Guillaume Apollinaire, eigentlich Wilhelm Albert Włodzimierz Apolinary de Wąż-Kostrowicki, wurde am 26. August 1880 in Rom geboren und starb am 9. November 1918 in Paris. Er war ein französischer Dichter und Schriftsteller italienisch-polnischer Abstammung. Vor allem seine Lyrik zählt zu den bedeutendsten Leistungen der französischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts.

Apollinaire prägte die Begriffe „Orphismus“ und „Surrealismus“. „Orphismus“ bezeichnete bei ihm die Tendenz zur vollkommenen Abstraktion in der Malerei, besonders bei Robert Delaunay und anderen Künstlern. Das Wort „Surrealismus“ verwendete er erstmals mehrere Jahre vor André Bretons Manifesten: zunächst auf einem Programmzettel zum im Mai 1917 aufgeführten Ballett Parade, später als Untertitel seines 1917 veröffentlichten Dramas Les mamelles de Tirésias.

Seine Kunst beruhte laut dem Artikel nicht auf einer festen Theorie, sondern auf der Forderung, dass schöpferisches Arbeiten aus Fantasie und Intuition hervorgehen und sich dadurch dem Leben und der Natur annähern solle. Die Natur sollte jedoch nicht einfach nachgeahmt werden, sondern aus der persönlichen Perspektive des Künstlers erscheinen. Apollinaire verlangte den möglichst weitgehenden Ausschluss von Philosophie und Logik aus dem künstlerischen Prozess. Grundlage sollten wahrhaftes Gefühl und spontaner Ausdruck sein. Ein Kunstwerk besitzt deshalb eine eigene Wirklichkeit, statt lediglich ein Abbild der Natur zu sein.

Er wandte sich gegen eine bloße Orientierung an Vergangenheit oder Zukunft und forderte eine ständige formale Erneuerung. Zu den von ihm befürworteten Mitteln gehören der freie Vers (vers libre), Neologismen und ein mythologischer Synkretismus, also die Verbindung verschiedener mythologischer Vorstellungen.

Herkunft, Kindheit und Jugend

Apollinaire wurde laut Taufurkunde als Guglielmus Apollinaris Albertus Kostrowitzky in Rom getauft. Sein Großvater Kostrowitzky war ein emigrierter polnischer Kleinadliger mit russischer Staatsangehörigkeit und arbeitete in Rom im Dienst des Vatikans. Seine Mutter Angelica Kostrowicka war längere Zeit die Geliebte des ehemaligen neapolitanischen Offiziers Francesco Flugi d’Aspermont, der als Vater Apollinaires und seines jüngeren Bruders Roberto gilt.

Apollinaire verbrachte seine frühe Kindheit italienischsprachig in Rom. Nachdem Flugi d’Aspermont die Beziehung 1885 auf Druck seiner Familie beendet hatte, zog die Mutter 1887 nach Monaco. Dort besuchte Apollinaire zunächst ein Gymnasium und wurde französischsprachig. 1895 wechselte er nach Cannes, 1897 nach Nizza. Er lernte Latein, Griechisch und Deutsch, legte das baccalauréat, also das französische Abitur, jedoch nicht ab. Ein Onkel väterlicherseits, Nicola beziehungsweise Romarico Flugi, der in Monaco Geistlicher war, kümmerte sich um ihn und seinen Bruder.

1898 lebte Apollinaire in Monaco vor allem lesend und schreibend und verwendete verschiedene Pseudonyme, darunter bereits „Guillaume Apollinaire“. Anfang 1899 zog die Mutter mit einem Liebhaber und den beiden Söhnen nach Paris. Den Sommer verbrachte die Familie in Stavelot in Belgien. Dort schrieb Apollinaire Gedichte mit wallonischem Einschlag und verfasste erste erzählerische Texte.

Lehrjahre, Paris und literarischer Aufstieg

In Paris lebte Apollinaire zunächst von kleinen Tätigkeiten, unter anderem als nègre, also als Ghostwriter für einen bekannten Literaten. Daneben schrieb er Gedichte, Erzählungen und ein Theaterstück. Im Sommer 1901 reiste er mit Annie Playden ins Rheinland. Er arbeitete dort ein Jahr lang als Französischlehrer für die Tochter der Mme de Milhau. Die Erfahrungen im Rheinland inspirierten meist melancholische Gedichte, von denen später einige in Alcools aufgenommen wurden. Reisen führten ihn außerdem über Berlin und Dresden nach Prag und Wien; ihre Eindrücke erschienen in Gedichten, Erzählungen und Zeitungsartikeln.

Nachdem er erste Gedichte 1901 noch als „Wilhelm Kostrowitzky“ unterschrieben hatte, verwendete er ab Anfang 1902 für seine Erzählung L’Hérésiarque das Pseudonym „Guillaume Apollinaire“. Nach seiner Rückkehr nach Paris arbeitete er als kleiner Bankangestellter. Zwei Reisen nach London, mit denen er Annie Playden gewinnen wollte, blieben erfolglos. Neben seiner Büroarbeit schrieb er Gedichte, Erzählungen, Literaturkritiken und journalistische Texte und knüpfte Kontakte zu Pariser Literaturzeitschriften, unter anderem zu Alfred Jarry.

1904 war Apollinaire kurz Chefredakteur der Zeitschrift Le Guide des Rentiers. Im selben Jahr veröffentlichte er die märchenhaft-surrealistische Erzählung L’Enchanteur pourrissant, die 1909 als Buch mit zusätzlichen Teilen und Holzschnitten von André Derain erschien. 1905 lernte er Pablo Picasso und Max Jacob kennen und gelangte dadurch in die Pariser Avantgarde. Er besuchte das Künstlerlokal Le Lapin Agile und entwickelte sich zu einem Kunstkritiker. 1907 lernte er über Picasso die Malerin Marie Laurencin kennen. Die Beziehung war stürmisch und endete 1912, beide blieben aber bis zu Apollinaires Tod in Verbindung.

1910 erschien L’Hérésiarque & Cie., ein Sammelband mit 23 meist kurzen, düster-fantastischen Erzählungen. Das Buch wurde erfolglos für den Prix Goncourt nominiert. Ab 1911 nahm Apollinaire an den Treffen der Puteaux-Gruppe teil, die sich bis 1914 über Kunst austauschte. Im selben Jahr geriet er zusammen mit Picasso in den Verdacht, mit dem Diebstahl der Mona Lisa zu tun zu haben. Apollinaire wurde am 8. September 1911 wegen der Beherbergung eines Kriminellen und der Verwahrung von Diebesgut verhaftet, am 12. September entlassen; der Prozess wurde im Januar 1912 aus Mangel an Beweisen eingestellt. Die Mona Lisa wurde am 13. Dezember 1913 in Florenz gefunden und kehrte am 1. Januar 1914 in den Louvre zurück. Der Dieb war Vincenzo Peruggia.

Alcools und die Avantgarde

1912 stellte Apollinaire aus seinen besten bisherigen Gedichten einen Sammelband zusammen. Das geplante Titelwort Eau-de-vie änderte er auf den Druckfahnen in Alcools. Gleichzeitig entfernte er die gesamte Interpunktion. Dieses Verfahren war damals nicht völlig neu, wurde aber erst in den 1920er Jahren stärker verbreitet. Alcools erschien im April 1913. Die offiziöse Kritik bewertete den Band zunächst negativ, worauf Apollinaire mit scharf formulierten literatur- und kunsttheoretischen Artikeln reagierte. Der spätere große Erfolg des Buches und die Vertonung einzelner Gedichte durch mehrere Komponisten erlebte er nicht mehr.

Kurz vor Alcools erschien im März 1913 eine Sammlung kunstkritischer Texte. Der Verlag gab ihr statt des geplanten Titels Méditations esthétiques den Titel Les peintres cubistes. Das Buch trug dazu bei, den Begriff „Kubismus“ zu verbreiten. In den Méditations esthétiques prägte Apollinaire außerdem den Begriff „Orphismus“.

Zu seinen weiteren wichtigen Arbeiten gehören die Langnovelle Le Poète assassiné, die 1916 zusammen mit kürzeren Novellen als Buch erschien, und Les trois Don Juan. Im Mai 1914 sprach Apollinaire drei Gedichte aus Alcools für eine Schallplatte mit symbolistischer Lyrik. Um diese Zeit begann er mit „Ideogrammen“, also Bildgedichten, die er später „Calligrammes“ nannte. Bei einem Calligramm bilden Anordnung und Schriftbild eine Figur.

Apollinaire schrieb außerdem pornografische Texte wie Les onze mille verges und Les exploits d’un jeune Don Juan. Zu seinen zentralen späteren Werken zählen Calligrammes, Les mamelles de Tirésias, L’esprit nouveau et les poètes und La femme assise. Les mamelles de Tirésias wurde im Juni 1917 aufgeführt und später von Francis Poulenc als Oper vertont; die Premiere fand 1947 statt.

Krieg, Verwundung und letzte Jahre

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 meldete sich Apollinaire freiwillig. Zunächst wurde er wegen seiner aus dem damaligen Russischen Reich stammenden polnischen Herkunft als Ausländer nicht angenommen. Im Dezember beantragte er die französische Einbürgerung und eine Namensänderung, durch die sein Pseudonym zum offiziellen Namen werden sollte. Danach wurde er zu einem Offizierslehrgang zugelassen. Die Einbürgerung und Namensänderung wurden im März 1916 vollzogen.

Im Frühsommer 1915 kam Apollinaire an die Front, zunächst zur Artillerie. Im November gelangte er in die vorderste Linie und wurde dort vom Schmutz und Elend der Schützengräben desillusioniert. Im März 1916 verletzte ihn ein Granatsplitter an der Schläfe. Mehrere Operationen waren notwendig; außerdem erhielt er eine Tapferkeitsmedaille.

Während eines gut einjährigen Genesungsurlaubs nahm er trotz geschwächter Gesundheit und der Kriegsverhältnisse wieder am Pariser Kulturleben teil. Er arbeitete an Calligrammes und Le Poète assassiné weiter, schrieb das Stück Les mamelles de Tirésias und hielt Vorträge über zeitgenössische Lyrik. Ende 1916 löste er seine Verlobung auf, weil er sich durch die Fronterlebnisse stark verändert habe.

Im Frühjahr 1917 verfasste er den Roman La Femme assise. Nach seiner Reaktivierung im Juni blieb er in Paris und arbeitete in der Zensurabteilung des Kriegsministeriums. Aus dieser Zeit stammt das Manifest L’esprit nouveau et les poètes. Zusammen mit Max Jacob und Pierre Reverdy gründete er die Avantgarde-Zeitschrift Nord-Sud, die 1918 wieder eingestellt wurde. Im Januar 1918 erkrankte Apollinaire an einer Lungenentzündung. Im Mai heiratete er Jacqueline Kolb, die ihn zuvor gepflegt hatte. Wenige Monate später starb er an der Spanischen Grippe. Er wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Gedichte und Prosafragmente aus seinem Nachlass wurden später veröffentlicht.

Werke, Nachwirkung und Rezeption

Zu Apollinaires Auswahlwerk gehören neben Alcools und Calligrammes unter anderem L’Hérésiarque et Cie., L’Enchanteur pourrissant, Le bestiaire ou le cortège d’Orphée, Le Poète assassiné, Les mamelles de Tirésias, L’esprit nouveau et les poètes und La femme assise. Seine Texte verbinden Gedichte, Erzählungen, Romane, Dramen, Manifeste und Kunstkritik. Mehrere Werke erschienen später in französischen und deutschen Übersetzungen sowie in wissenschaftlichen Werkausgaben.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Roman Les onze mille verges, auf Deutsch Die 11000 Ruten. Das Werk wurde 1971 in Deutschland durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert; Ausgaben wurden 1971 und 1987 von der Staatsanwaltschaft München beschlagnahmt. In Frankreich war das Buch bis 1970 verboten. 2010 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem Verfahren um eine türkischsprachige Ausgabe, das Werk gehöre zum europäischen Literaturerbe und falle deshalb nicht unter den Obszönitätsparagrafen des türkischen Strafrechts. Eine Beschlagnahme verletze in diesem Zusammenhang die durch die Europäische Menschenrechtskonvention geschützte freie Meinungsäußerung.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Apollinaire begann ungewöhnlich früh. Der deutsche Literaturwissenschaftler Ernst Wolf verfasste bereits Anfang der 1930er Jahre an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn eine Dissertation über ihn. Wolf stellte die Gedichte aus dem Rheinland und andere Werke in einen biografischen Zusammenhang mit Apollinaires Aufenthalt im Rheinland. Zugleich deutete er die Landschaften nicht als bloße touristische Abbilder, sondern als „Seelenlandschaften“, in denen persönliche Erfahrungen und Erinnerungen verarbeitet werden. Seine Recherchen halfen, Annie Playden zu identifizieren, Entstehungsdaten von Gedichten zu erschließen und die Bedeutung der Rheinlandschaft für das gesamte Werk zu erkennen. Wolf musste als Jude die Universität verlassen, emigrierte 1937 nach Schweden und später in die USA. Eine zusammenhängende wissenschaftliche Apollinaire-Forschung entwickelte sich in Frankreich erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seit 1947 wird jährlich der Prix Guillaume Apollinaire verliehen. Er zeichnet ein eigenständiges und modernes Gesamtwerk in französischer Sprache aus. Die Jury der Académie Goncourt wählt die Preisträger; der Preis ist mit 1.500 bis 3.500 € dotiert und gilt als einer der wichtigsten französischen Literaturpreise. 2016 zeigte das Musée de l’Orangerie in Paris die Ausstellung Apollinaire, le regard du poète.

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