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Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (kurz GMS) ist ein Werk von Immanuel Kant, das im Jahr 1785 im Verlag J. F. Hartknoch erschien. Es ist die erste …
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Werk und Ziel
Die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (GMS) ist eine ethische Schrift Immanuel Kants, die 1785 im Verlag J. F. Hartknoch erschien. Sie ist Kants erste grundlegende Schrift zur Ethik. Kant will darin eine Moralphilosophie begründen, die allein auf reiner Vernunft beruht. Das bedeutet: Moral soll nicht aus Erfahrung, Gefühlen, Religion, Psychologie, menschlichen Begierden oder einem bestimmten Weltbild abgeleitet werden, sondern aus allgemein gültigen Vernunftgründen.
Die GMS ist eine „Grundlegung“, weil sie die obersten Prinzipien der Moral bestimmt. Einzelne moralische Regeln arbeitet Kant später ausführlicher in der „Metaphysik der Sitten“ von 1797 aus. Drei Jahre nach der GMS erschien außerdem die „Kritik der praktischen Vernunft“, in der Kant die Gedanken der GMS vertieft.
Kants zentrale Ausgangspunkte sind der gute Wille, Pflicht, Achtung vor dem Sittengesetz, Autonomie und der Kategorische Imperativ. Die reine praktische Vernunft ist bei Kant das Vermögen, aus Gründen zu handeln, die nicht von eigenen Interessen oder zufälliger Erfahrung abhängen. Moralität beruht daher nicht auf einem höchsten Gut wie Glückseligkeit, sondern auf einem Verfahren, mit dem geprüft wird, ob Handlungsgründe gut oder richtig sind.
Aufbau und Methode
Das Werk ist mit gut 100 Seiten relativ kurz und besteht aus einer Vorrede und drei Hauptabschnitten: erstens dem „Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntnis zur philosophischen“, zweitens dem „Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten“ und drittens dem „Übergang von der Metaphysik der Sitten zur Kritik der reinen praktischen Vernunft“.
Kant beginnt bei der gewöhnlichen moralischen Vernunft des Menschen. Er will keine neue Moral erfinden, sondern das bereits vorhandene moralische Bewusstsein klären. Dabei trennt er alles ab, was nicht zur reinen Vernunft gehört, etwa Volksweisheiten, psychologische Erklärungen oder religiöse Motive. Seine Methode ist zuerst analytisch: Er untersucht Begriffe wie guter Wille, Pflicht und Maxime. Danach versucht er im dritten Abschnitt synthetisch zu begründen, warum das moralische Gesetz allgemein gilt.
In der Vorrede ordnet Kant die Ethik in sein System der Philosophie ein. Logik ist für ihn rein nicht-empirisch. Naturlehre und Sittenlehre können empirisch oder rein rational sein. Eine „Metaphysik der Sitten“ behandelt Moral, soweit sie a priori, also unabhängig von Erfahrung, untersucht wird. Moralische Gesetze müssen nach Kant notwendig und allgemein gelten; deshalb können sie nicht aus wechselnden Erfahrungen oder Neigungen stammen.
Guter Wille, Pflicht und Maximen
Kants berühmter Ausgangssatz lautet: „Es ist nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könnte, als allein ein guter Wille.“ Talente, Charaktereigenschaften, Macht, Reichtum, Gesundheit oder Glück können gut sein, aber nur unter der Bedingung, dass sie mit einem guten Willen verbunden sind. Ohne guten Willen können sie auch schädlich oder moralisch falsch eingesetzt werden.
Ein guter Wille ist nicht bloß ein Wunsch. Zu ihm gehört, dass jemand die notwendigen Mittel einsetzen will, soweit sie in seiner Macht stehen. Ob eine Handlung moralisch gut ist, hängt für Kant nicht davon ab, ob ihr Ergebnis tatsächlich gelingt. Entscheidend ist, ob sie aus gutem Willen geschieht. Die Folgen sind nicht unwichtig, aber sie reichen allein nicht aus, um den moralischen Wert einer Handlung zu bestimmen.
Der Begriff der Pflicht klärt den guten Willen weiter. Pflicht gibt es, weil der Mensch nicht nur vernünftig ist, sondern auch Begierden und Neigungen hat. Moralisch gut handelt man nicht schon dann, wenn man äußerlich das Richtige tut. Kant unterscheidet pflichtwidriges Handeln, pflichtgemäßes Handeln und Handeln aus Pflicht. Pflichtgemäß handelt zum Beispiel ein Kaufmann, der ehrlich ist, weil es seinem Geschäft nützt. Aus Pflicht handelt er erst, wenn sein entscheidendes Motiv die Einsicht ist, dass er ehrlich sein soll.
Eine Maxime ist bei Kant das „subjektive Prinzip des Wollens“. Gemeint ist ein persönlicher Handlungsgrundsatz, nach dem jemand handelt. Maximen sind noch keine allgemeinen Gesetze. Sie werden erst moralisch relevant, wenn geprüft wird, ob sie als allgemeines Gesetz gelten könnten.
Kategorischer Imperativ
Der Kategorische Imperativ ist das oberste Prinzip der Moral. Ein hypothetischer Imperativ gilt nur unter einer Bedingung, etwa: Wenn du ein Ziel erreichen willst, musst du ein bestimmtes Mittel wählen. Ein kategorischer Imperativ gilt dagegen unbedingt. Er sagt nicht, was nützlich ist, sondern was moralisch geboten ist.
Die Grundformel lautet: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Diese Formel prüft nicht einzelne Handlungen isoliert, sondern die Maxime hinter der Handlung. Eine Maxime ist moralisch zulässig, wenn man vernünftigerweise wollen kann, dass sie allgemein gilt.
Kant formuliert den Kategorischen Imperativ in mehreren Fassungen. Die Naturgesetzformel lautet: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden solle.“ Die Selbstzweckformel lautet: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Die Autonomieformel fordert, dass der Wille sich selbst als allgemein gesetzgebend betrachten kann. Die Formel des Reichs der Zwecke denkt alle vernünftigen Wesen als Mitglieder einer gemeinsamen Ordnung, in der sie einander als Zwecke an sich anerkennen.
Beim Prüfverfahren fragt man zunächst, welche Maxime einer Handlung zugrunde liegt. Dann prüft man, ob diese Maxime widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz gedacht und gewollt werden kann. Kant unterscheidet vollkommene Pflichten, die uneingeschränkt gelten, und unvollkommene Pflichten, die Spielraum lassen. Seine Beispiele sind unter anderem das Verbot des Selbstmords aus Lebensüberdruss, das Verbot lügenhafter Versprechen, die Pflicht zur Entwicklung eigener Fähigkeiten und die Pflicht zur Hilfeleistung.
Autonomie, Würde und Freiheit
Autonomie bedeutet bei Kant Selbstgesetzgebung der Vernunft. Der Mensch ist moralisch autonom, wenn er sich nicht von fremden Vorgaben, Interessen oder Neigungen bestimmen lässt, sondern sich aus Vernunft an ein Gesetz bindet, das er als allgemein gültig erkennen kann. Autonomie ist daher nicht Willkür, sondern vernünftige Selbstbindung.
Aus der Selbstzweckformel und der Autonomieformel entwickelt Kant den Begriff der Würde. Im „Reich der Zwecke“ hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, kann durch etwas Gleichwertiges ersetzt werden. Was Würde hat, steht über jedem Preis und hat keinen Ersatz. Kant schreibt: „Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur.“
Im dritten Abschnitt versucht Kant zu erklären, warum der Kategorische Imperativ möglich ist. Der Schlüssel ist die Freiheit. Ohne Freiheit kann man sich kein Handeln aus Gründen vorstellen. Freiheit muss als Eigenschaft des Willens aller vernünftigen Wesen vorausgesetzt werden. Kant behauptet damit nicht einfach, Freiheit sei als Gegenstand der Erfahrung beweisbar. Vielmehr ist sie für ein vernünftiges Wesen, das moralisch handelt, denknotwendig.
Der Mensch gehört nach Kant zugleich zur Sinnenwelt und zur Verstandeswelt. Als Sinnenwesen ist er Naturkausalität, Begierden und Neigungen unterworfen. Als Vernunftwesen kann er sich als frei denken und sich selbst moralische Gesetze geben. Die Grenze der praktischen Philosophie liegt darin, dass die letzte Motivation zur Moral nicht vollständig erklärt werden kann. Kant formuliert am Ende, man begreife nicht die praktische unbedingte Notwendigkeit des moralischen Imperativs, wohl aber „seine Unbegreiflichkeit“.
Kritik und Wirkung
Die GMS wurde stark rezipiert und kritisiert. Bereits bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden wichtige Einwände: Schiller kritisierte den Gegensatz von Pflicht und Neigung und den möglichen Rigorismus. Hegel warf Kant leeren Formalismus und zu wenig inhaltliche Bestimmung der Moral vor. Schopenhauer kritisierte die Pflichtethik und setzte ihr eine Mitleidsethik entgegen. Feuerbach bemängelte die Abstraktheit der reinen Vernunftethik. Marx und Engels sahen Kants Ethik als Ausdruck bürgerlicher Verhältnisse und warfen ihr vor, gesellschaftliche Bedingungen zu vernachlässigen.
Im 20. Jahrhundert wurde Kant zugleich weiterentwickelt. Die Diskursethik von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas sowie John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ verstehen sich teilweise als Fortführungen kantischer Gedanken. Hans Jonas kritisierte, Kants Ethik sei zu sehr auf gleichzeitige zwischenmenschliche Beziehungen bezogen und berücksichtige künftige Generationen und die Natur zu wenig. Er formulierte deshalb einen eigenen Imperativ: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
Neuere Ansätze wie Alltagsmoral, Intuitionismus, Medizinethik und empirische Ethik versuchen, moralische Orientierung stärker aus verbreiteten moralischen Überzeugungen, praktischen Regeln oder empirischer Forschung zu gewinnen. Kant würde dagegen einwenden, dass solche Ansätze zwar praktische Hinweise geben können, aber keine allgemein notwendige Begründung moralischer Gesetze liefern.