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Großindustrie und Aufstieg der NSDAP
Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sogenannten Machtergreifung. In: Archiv …
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Fragestellung und zentrale Ergebnisse
Der Artikel behandelt die umstrittene Frage, welchen Anteil die Großindustrie am Aufstieg der NSDAP in der Endphase der Weimarer Republik hatte, besonders zwischen der Reichstagswahl von 1930 und dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933. Im Mittelpunkt steht, ob Großindustrielle die Partei systematisch förderten und ob diese Finanzierung für Hitlers Machtübernahme entscheidend war.
In der Forschung standen sich drei Grundrichtungen gegenüber: Die marxistisch-leninistische Agententheorie deutete die Nationalsozialisten als bezahlte Interessenvertreter der Industrie. Henry Ashby Turner bestritt seit den 1970er Jahren einen systematischen Zusammenhang zwischen großindustriellen Interessen und nationalsozialistischer Politik vor 1933. Eine mittlere Position erklärte den Aufstieg aus den sozialökonomischen Bedingungen, sah die NSDAP aber nicht vollständig von der Großindustrie abhängig. Die heute vorherrschende Einschätzung lautet: Großindustrie finanzierte den Aufstieg der NSDAP nicht entscheidend, trug aber durch ihre Ablehnung von Demokratie und Parlamentarismus erheblich zur Auflösung der Weimarer Republik und damit zur Ermöglichung der Diktatur bei.
Zeitgenössische Deutungen und Quellenprobleme
Schon in der Weimarer Republik hielten linksdemokratische Publizisten Hitler für eine „Kreatur der Industrie“ und den Nationalsozialismus für „im Solde der Industriellen“. John Heartfields Fotomontage „Der Sinn des Hitlergrußes“ von Oktober 1932 stellte Hitler als Empfänger von Geldscheinen eines Kapitalisten dar. Diese Vorstellung entsprach der späteren marxistisch-leninistischen Faschismustheorie: Das 13. Plenum des Exekutivkomitees der Komintern bezeichnete den Faschismus im Dezember 1933 als „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“.
Auch konservative Zeitgenossen vermuteten erhebliche Industriegelder. Heinrich Brüning schrieb 1937, Geldspenden, die zuvor anderen patriotischen Organisationen zugeflossen seien, hätten ab 1929 Hitler erreicht. Einzelne Unterstützer wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf waren tatsächlich bekannt. Eine Untersuchung der Reichskanzlei schätzte für April 1931 bis April 1932 40 bis 45 Millionen Reichsmark ausländischer Industrieller und fünf Millionen Reichsmark aus inländischen Unternehmerkreisen; Letzteres wären sieben bis acht Prozent der jährlichen Parteieinnahmen gewesen. Die Untersuchung beruhte jedoch auf Schätzungen und Pressespekulationen. Die preußische Polizei fand 1930 in internen Unterlagen von Industrieverbänden keine Belege für eine NSDAP-Unterstützung.
Eine sichere Gesamtbilanz ist schwierig. Finanzunterlagen der NSDAP wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf Hitlers Anweisung vernichtet. Firmenarchive sind zwar zahlreich, könnten aber nach 1945 von belastenden Dokumenten bereinigt worden sein und ergeben oft kein geschlossenes Bild. Auch blieb lange unklar, wer überhaupt zur „Großindustrie“ zählt. Turner schlug 1985 vor, darunter private Unternehmen aus Handel, Finanzen, Industrie und Versicherung mit mindestens zwanzig Millionen Reichsmark Nominalkapital zu verstehen.
Marxistische Erklärungen
Historiker der DDR wie Jürgen Kuczynski, Kurt Gossweiler, Eberhard Czichon und Wolfgang Ruge wollten nachweisen, dass die NSDAP im Interesse der Großindustrie handelte und von ihr an die Macht gebracht wurde. Ihre Monopolgruppentheorie unterschied innerhalb der Kapitalistenklasse eine konservativ-autoritäre schwerindustrielle Gruppe, eine modernere chemische und elektrotechnische Gruppe sowie das Finanzkapital. Hitler galt als „mühselig hochgespielter und teuer bezahlter politischer Kandidat“ einer NS-freundlichen Gruppe in der Industrie.
Als Belege dienten unter anderem die Memoiren Thyssens, das Treffen Papens und Hitlers am 4. Januar 1933 im Haus des Bankiers Kurt von Schröder sowie die Industrielleneingabe vom November 1932. In dieser forderten 20 Industrielle, Kaufleute und Vertreter der Landwirtschaft Hindenburg auf, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Die DDR-Forschung wertete das Verhalten der Beteiligten jeweils als repräsentativ für ihre ganze Monopolgruppe.
Reinhard Kühnl vertrat eine weniger direkte Erklärung. Die Wirtschaftskrise des kapitalistischen Systems habe besonders verunsicherte, proletarisierte oder von Proletarisierung bedrohte Mittelschichten zum Faschismus getrieben, der soziale Sicherheit und nationales Prestige versprach. Erst nachdem der Faschismus zur Massenbewegung geworden sei, habe stärkere Unterstützung des Großkapitals eingesetzt. Diese habe die Propagandamöglichkeiten erweitert und den Aufstieg beschleunigt, ihn aber nicht unmittelbar verursacht.
Finanzierung und Haltung der Industrie bis 1933
Die NSDAP warb von Beginn an auch bei Industriellen um Geld. Vor dem Putsch von 1923 erhielt sie Mittel vom Bayerischen Industriellenverband und einigen mittelständischen Unternehmern; Fritz Thyssen spendete 100.000 Goldmark an den Deutschen Kampfbund. Nach dem gescheiterten Putsch zogen sich fast alle externen Geldgeber zurück. Mitte der 1920er Jahre finanzierte sich die Partei daher fast vollständig durch Beiträge, Einnahmen aus Propagandamaterial und Eintrittsgelder. Förderer beim Wiederaufbau waren vor allem einzelne mittelständische Unternehmer wie Edwin Bechstein und Hugo Bruckmann.
Nach dem Wahlerfolg von 1930 wurden die Kontakte zur Industrie enger. Spenden an die NSDAP kamen unter anderem von Thyssen, Fritz Springorum, Paul Silverberg, Kurt Schmitt und Friedrich Flick sowie kollektiv von der Ruhrlade, Industrieverbänden und I.G. Farben. Thyssen gab von 1930 bis 1933 etwa 400.000 Reichsmark. Turner betonte jedoch, dass diese Unterstützer häufig zugleich und meist stärker andere Parteien förderten. Sie wollten sich für den Fall einer Machtübernahme absichern oder die NSDAP von ihrem als sozialistisch wahrgenommenen Kurs abbringen. Viele Großunternehmer unterstützten eher als die NSDAP die Regierung Papen und die DNVP.
Turner und Horst Matzerath wiesen für rheinische Gaue eine hohe Selbstfinanzierung nach. Im Gau Köln-Aachen kamen zwischen Juni und August 1931 von 62.310 RM Einnahmen 47.015 RM oder 75 % aus Mitgliedsbeiträgen, 8705 RM aus Spenden, 6400 RM aus Veranstaltungen und 190 RM aus sonstigen Einnahmen. Weitere Mittel stammten aus dem Verkauf von Propagandamaterial, Lizenzgewinnen der Reichszeugmeisterei, Sachspenden und freiwilliger Arbeit von Mitgliedern. Die NSDAP war damit ähnlich wie die SPD, anders als bürgerliche Parteien, wesentlich eine sich selbst finanzierende Partei.
Auch Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf am 26. Januar 1932 bedeutete nach Turner keinen Durchbruch: Prominente Industrielle wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Paul Reusch, Silverberg und Carl Duisberg fehlten, Zusagen blieben aus. Die Industrielleneingabe von November 1932 war ebenfalls kein Beleg für eine einheitliche Industriefront: Viele führende Schwerindustrielle unterschrieben nicht und unterstützten in einer anderen Eingabe Papen und die DNVP. Erst nach der Machtübernahme sagten mehr als zwei Dutzend Industrielle beim Geheimtreffen vom 20. Februar 1933 für den Wahlkampf drei Millionen Reichsmark zu. Im Juni 1933 wurde die Finanzierung als Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft institutionalisiert.
Kontroverse und heutiger Forschungsstand
Turners Ergebnisse lösten scharfe Kritik aus. George W. F. Hallgarten warf ihm vor, die deutsche Schwerindustrie von Verantwortung reinzuwaschen. Dirk Stegmann hielt die Unterstützung eines Hitler-Flügels der Großindustrie für entscheidend bei der Vorbereitung von Hitlers Kanzlerschaft. Die Kontroverse war auch deshalb begrenzt fruchtbar, weil Turner vor allem die These einer entscheidenden Finanzierung widerlegen wollte, Stegmann dagegen die gesamte Interessenpolitik der Großindustrie und ihren Anteil an der Zerstörung der Republik untersuchte.
Untersuchungen der 1980er Jahre bestätigten im Kern, dass nur ein kleinerer Teil der industriellen Spenden an die NSDAP ging; der größere Teil floss an etablierte rechte Parteien, besonders die DNVP. Reiner Neebe zeigte zugleich, dass die Industrie keine geschlossene Haltung hatte: Noch Anfang 1933 befürworteten ihre Spitzenverbände die Regierung Schleicher. Unternehmerverbände hatten jedoch aktiv auf den Bruch der Großen Koalition 1930, auf Sparpolitik, Steuersenkungen, Sozialkürzungen und eine autoritäre Regierungsform hingewirkt. Sie begrüßten Papens „Neuen Staat“ und waren bereit, Artikel 48 für Gesetzgebung per Notverordnung zu nutzen.
Hans-Ulrich Wehler fasste zusammen, das „Ammenmärchen“, Industrielle hätten Hitler gekauft, sei widerlegt; dennoch hätten sie viel zur Zerstörung der Republik beigetragen. Eberhard Kolb urteilt, die Großindustrie habe keinen letztlich entscheidenden materiellen Beitrag zu NSDAP-Aufstieg und Wahlerfolgen geleistet und sei nicht Urheber der Regierung Hitler gewesen. Weil das Unternehmerlager Demokratie und Parlamentarismus ablehnte und einem autoritären System zuneigte, trage es dennoch hohe Mitverantwortung.
Richard J. Evans, Thomas Mergel und Hans-Ulrich Thamer betonen ebenfalls die Selbstfinanzierung der NSDAP durch Mitgliederbeiträge, Eintrittsgelder, Merchandising und Unterstützer vor allem aus kleineren und mittleren Betrieben. Eine kontinuierliche Förderung durch die Großindustrie sei nicht belegt; ihr Verhalten 1932/33 sei uneinheitlich gewesen. Karsten Heinz Schönbach widerspricht teilweise und nimmt seit 1927/28 erhebliche Unterstützung durch Großindustrielle an, sieht eine überwiegend NS-freundliche Haltung aber erst nach dem 6. November 1932. Unbestritten bleibt nach der heutigen Diskussion vor allem: Finanzielle Industriegelder erklären die Dynamik der NS-Protest- und Massenbewegung nicht, während die antidemokratische Politik einflussreicher Unternehmer den Untergang der Weimarer Republik begünstigte.