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Grapholatrie
Von orthodoxen Gläubigen werden kleine Rollen in Kapseln (Tefillin) auf der Stirn getragen und als Berührungsreliquien (Mesusa) an Türpfosten angebracht.
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Begriff und Bedeutung
Grapholatrie bezeichnet in der Religionswissenschaft die kultische Verehrung von Schrift. Gemeint ist der Umgang mit Schrift als materiellem und heiligem Objekt, unabhängig davon, was der jeweilige Text inhaltlich aussagt. Der Begriff ist rein beschreibend und richtet den Blick auf rituelle Handlungen wie das feierliche Rezitieren, Tragen, Berühren, Schmücken oder Aufbewahren heiliger Texte.
Grapholatrie kann damit erklären, weshalb religiöse Schriften nicht nur gelesen und ausgelegt werden. Ihre konkrete Gestalt – etwa als Schriftrolle, Buch, Inschrift oder beschrifteter Gegenstand – wird selbst Teil religiöser Praxis. Der Religionswissenschaftler Eckhard Nordhofen führte den Begriff in seinem Aufsatz „Idolatrie und Grapholatrie“ ein und beschrieb ihn ausführlich in seinem Werk „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“.
Judentum
Im Judentum nimmt die Heiligung der Schrift eine zentrale Stellung ein. Sie entstand durch einen Medienwechsel vom Kultbild zur Kultschrift, mit dem der biblische Monotheismus während des babylonischen Exils Israels zum Durchbruch kam. Als heilig gilt besonders die Tora. Darüber hinaus werden der gesamte Tanach, also die hebräische Bibel, und später auch die Texte des Talmud als heilige Schriften behandelt.
Die Tora wird nach strengen Regeln von einem ordinierten Schreiber, einem Sofer, angefertigt. Die Schriftrollen müssen fehlerlos auf die Haut reiner Tiere geschrieben werden. In der Synagoge bewahrt man sie in einem Schrein auf und verhüllt sie mit einem kostbar bestickten Vorhang, dem Parochet. Im Gottesdienst wird feierlich aus ihnen rezitiert.
Schrift wird außerdem körperlich getragen oder an Gebäuden angebracht. Orthodoxe Gläubige tragen kleine Rollen in Kapseln, den Tefillin, auf der Stirn. Als Berührungsreliquien werden Mesusot an Türpfosten befestigt. Diese Praktiken zeigen, dass die Schrift nicht nur wegen ihres Inhalts bedeutsam ist, sondern auch als materieller heiliger Gegenstand.
Christentum
Für die frühen Christen blieb der jüdische Tanach, besonders die Tora, eine Heilige Schrift. Aus ihr war die Erwartung eines Messias, auf Griechisch „Christos“, hervorgegangen, die Christen in Jesus von Nazareth erfüllt sahen. Nach dem Vorbild der Tora entstand durch eine Kanonbildung das Neue Testament. Dabei wurden die sogenannten apokryphen Schriften ausgesondert. Dieser Prozess war um ca. 350 n. Chr. abgeschlossen.
Die Autoren der neutestamentlichen Schriften sind namentlich bekannt. Obwohl diese Texte anders als die Tora keinen göttlichen Ursprung beanspruchen, wird ihre Wirkungsgeschichte von der Vorstellung göttlicher Inspiration bestimmt. Altes und Neues Testament bilden gemeinsam die Bibel und gelten in allen christlichen Konfessionen als maßstäblicher Referenztext.
In der Reformation wurde die Stellung der Schrift unter dem Motto „Sola scriptura“ besonders verstärkt: Sie wurde zum alleinigen Maßstab der Verkündigung und rückte in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Bei der Konfirmation und anderen Kasualien, also kirchlichen Handlungen zu besonderen Lebensanlässen, werden ausgewählte Bibelsprüche gewidmet. Die Losungen der Herrnhuter „Brüdergemeine“ bilden die Grundlage einer eigenen Frömmigkeitspraxis.
Auch in der katholischen und der orthodoxen Kirche wird die Schrift kultisch verehrt, obwohl dort die kirchliche Überlieferung und die Sakramente stärker im Zentrum von Theologie und Gottesdienst stehen. Das Evangelienbuch wird beispielsweise mit Weihrauch verehrt und geküsst. Von Kerzen begleitet trägt man es in einer Prozession zum Ambo, dem Lesepult; außerdem wird mit ihm gesegnet.
Sakralsprachen markieren in allen christlichen Gemeinschaften einen Abstand zur Alltagssprache, besonders in den orientalischen Kirchen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das Latein in der katholischen Kirche zunehmend durch die jeweilige Volkssprache ersetzt. Im Protestantismus förderte Martin Luthers Impuls, dem „Volk aufs Maul zu schauen“, verständliche Übersetzungen. Diese Entwicklung setzt sich in der „Bibel in einfacher Sprache“ und in Dialektübersetzungen fort. Im Gottesdienst bleibt jedoch häufig der Luthertext in Gebrauch, dessen altertümliches Deutsch ebenfalls Abstand zur Alltagssprache schafft.
Islam
Im Islam zeigt sich Grapholatrie sowohl in der Gestaltung als auch in der Rezitation des Korans. Korantexte werden durch kunstvolle Kalligraphie an Gebäuden und in Inschriften hervorgehoben und ästhetisch gesteigert. Auch die Codices, also die gebundenen Handschriften des Korans, sind aufwendig gestaltet und geschmückt.
Der Koran wird feierlich und häufig von Gesang begleitet rezitiert. In einigen Ländern lernen Gläubige Suren auswendig und tragen sie im Chor vor, ohne dass dabei der Sinn jedes einzelnen Wortes im Vordergrund steht. Dieses Auseinandertreten von Textverständnis und kultischer Praxis gilt als deutliches Kennzeichen der Grapholatrie.
Nach dem im Artikel wiedergegebenen Entstehungsnarrativ empfängt der Prophet Muhammed den heiligen Text direkt von Allah, der ihm in das Schreibrohr diktiert. Diese Erklärung der Entstehung verleiht dem Text dauerhaft göttliche Qualität: Er gilt als präexistent und ewig. Für die meisten islamischen Gelehrten erschwert diese Auffassung eine Modernisierung des Korans durch Historisierung und Relativierung.
Entwicklung und weiteres Beispiel
Grapholatrie war für die Entstehung des biblischen Monotheismus wichtig. Die Kritik an der Idolatrie, also der Verehrung von Idolen und Kultbildern, und die Hinwendung zur Schrift als Medium göttlicher Offenbarung bildeten einen grundlegenden Medienwechsel. Im Judentum setzte er sich während des Babylonischen Exils durch. Das Buch Exodus stellt die Schrift als göttlich legitimiertes Medium dar: Sie wurde durch den „Finger Gottes“ beziehungsweise durch Mose im „Offenbarungszelt“ geschrieben.
Im Christentum entwickelte die Bibelexegese, also die wissenschaftliche Auslegung der Bibel, daneben einen historisierenden Zugang. Die Textkritik untersucht die Überlieferung, während die Redaktionsgeschichte die Entstehung der biblischen Bücher rekonstruiert und sie auf ihre historischen Bedingungen bezieht. Dieser philologische und wissenschaftliche Umgang eröffnet einen anderen Weg zur Interpretation. Zugleich werden die biblischen Schriften in ihrer Gesamtheit weiterhin als Heilsgeschichte überliefert.
Ein weiteres Beispiel sind tibetische Gebetsmühlen. In ihnen wird der schriftliche Gebetsakt mechanisch vervielfältigt. Dadurch wird das Gebet objektiviert: Nicht allein das gesprochene oder verstandene Gebet, sondern auch die Bewegung des beschrifteten Gegenstands erhält religiöse Bedeutung.