Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Grönländische Musik
Die Grönländische Musik war ursprünglich die Musik der grönländischen Inuit. Bekannt ist vor allem der Trommelgesang, der seit dem 18. Jahrhundert durch den …
Inhalt4 Abschnitte
Traditioneller Trommelgesang und seine Funktionen
Die ursprüngliche Musik der grönländischen Inuit war der Trommelgesang (inngerut, Plural inngerutit). Dabei sangen und trommelten ein oder zwei Solisten und tanzten häufig zugleich. Diese Tradition ist mit der Musik verwandter Völker in Kanada verbunden, unterscheidet sich aber von derjenigen der Inuit in Alaska. Sie geht auf den zeremoniellen Trommelgesang der Schamanen zirkumpolarer Völker zurück.
Die Rahmentrommel qilaat (Plural qilaatit) bestand aus einem ovalen Rahmen aus Treibholz oder Walrossrippen. Dieser war mit einer Eisbärenblase oder mit einem Eisbären- beziehungsweise Walrossmagen bespannt. Mit einem etwa 40 cm langen Schlägel wurde nicht die Haut, sondern der Holzrahmen angeschlagen. Die Trommel war ursprünglich das einzige Musikinstrument der Inuit. Sie diente der Unterhaltung und dem Vertreiben der Angst im dunklen Winter, aber auch dem Beschwören von Geistern und dem Zaubern. Masken konnten die suggestive Wirkung verstärken. Über die ursprüngliche Aufführungspraxis sind jedoch nur wenige Dokumente erhalten.
Der angakkoq (Plural angakkut) war ein Sänger und Schamane, dessen Stellung vererbt wurde. Ihm wurden weitreichende Kräfte zugeschrieben, besonders die Fähigkeit zu heilen und in wirtschaftlichen Krisen den jeweiligen „Herrn der Tiere“ anzurufen. Die letzte Bastion des Schamanismus lag in Ostgrönland. Beim Tanz bewegten sich die Tänzer, häufig Frauen, mit kleinen, komplizierten Schritten am Platz, teilweise mit geschlossenen Augen und ohne die Füße vom Boden zu lösen. Gegen Ende wurde der Rhythmus oft schneller. Heute trommeln ebenfalls Frauen; in Ostgrönland verwenden sie andere Trommeln als Männer. Seit den 1970er Jahren finden nur noch nichtreligiöse Aufführungen statt, etwa bei den traditionellen Sommerfesten aasiviit (Singular aasivik).
Eine wichtige gesellschaftliche Form war der Sängerstreit (ivertut pisiat, Plural ivertut pisii). Gegner versuchten, Konflikte ohne Blutvergießen zu lösen, indem sie einander verspotteten und vor dem Publikum lächerlich machten. So konnten Familienfehden beigelegt und sogar Mörder vor der Blutrache bewahrt werden. Manchmal verließ der Unterlegene anschließend die Siedlung.
Bei Kajak- und Schlittenfahrten, der Jagd, dem Beerenpflücken oder Eiersammeln sang man aliikkutat (Singular aliikkutaq), also Lieder zum Zeitvertreib. Inuit-Lieder sind strophisch und verwenden gewöhnlich sechs verschiedene Töne. Ein piseq war ein persönliches Spottlied über den Alltag. Es „gehörte“ seinem Urheber, wurde unter Nennung seines Namens weitergegeben und konnte verkauft oder übertragen werden; der frühere Besitzer durfte es dann häufig nicht mehr singen. Frauen praktizierten außerdem den Kehlkopfgesang torlorsorneq, auf Inuktitut katajjaq. Dabei bildet schnelles Ein- und Ausatmen den Grundrhythmus. Er ist nicht mit dem Obertongesang mongolischer Völker zu verwechseln.
Seit den 1970er Jahren wurden Trommelgesang und Trommeltanz schrittweise wiederbelebt. 2021 nahm die UNESCO Trommeltanz und -gesang (Quilaatersorneq) in das Weltkulturerbe auf. Das Grönländische Nationalmuseum lädt zu jährlichen Festivals auch Künstler aus Kanada, Alaska und Russland ein.
Europäische Tanz- und Instrumentalmusik
Die ersten südlichen Einflüsse auf die grönländische Musikkultur kamen Ende des 16. Jahrhunderts durch europäische Walfänger, die an der Westküste Handel trieben. Seeleute brachten Tanz- und Spielmannsmusik aus Schottland und den Niederlanden mit. Ihre stark regelmäßigen Rhythmen wurden zur Grundlage der grönländischen Tanztradition kalattuut, die auch als Grönländische Polka bezeichnet wird.
Für diese Musik führte man Violinen und Harmonikas ein. Auch Einflüsse amerikanischer Countrymusik traten vergleichsweise früh auf. An der Ostküste blieb die traditionelle Musik länger erhalten als im Westen.
Missionierung und mehrstimmiger Chorgesang
Dänische und deutsche Missionare versuchten im 18. Jahrhundert, den Trommelgesang zu unterdrücken. In Westgrönland waren sie damit erfolgreich. In Ostgrönland und Thule, die erst ab etwa 1900 missioniert wurden, überlebte er teilweise. Der Sängerwettstreit wurde wegen seiner Funktion als gesellschaftliches Ventil eher geduldet.
Gleichzeitig führten pietistische Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine den mehrstimmigen Psalmengesang in grönländischer Sprache ein. Viele Grönländer nahmen diese neue Form begeistert auf; zahlreiche Lieder stammten ursprünglich aus Deutschland. Die emotionale Vortragsweise der ersten Missionare könnte die Akzeptanz unterstützt haben, weil Inuit Männer wie Johann Beck möglicherweise für angakkut hielten.
Chor- und Psalmengesang entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil der nationalen Kultur. Heute besitzen viele Orte Chöre, die Psalmen und andere Chorwerke einstudieren und öffentlich aufführen. Der mehrstimmige Choralgesang erhielt eine besondere grönländische Klangfarbe und nahm Einzelheiten auf, die in Europa nicht vorkommen. Dazu gehört die aus dem Trommeltanz bekannte Silbe „aja“.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schrieben Grönländer eigene Chorwerke in europäischer Tradition. Zu den genannten Komponisten und Textdichtern gehören Rasmus Berthelsen (1827–1901), Henrik Lund (1875–1948) und Jonathan Petersen (1881–1961), der Komponist beider grönländischen Nationalhymnen. Seit 1761 erschienen mehr als 60 Psalmen- oder Melodiebücher. Das seit 1907 bestehende Werk Tugsiutit erinait, heute Tussiaqattaarutit, enthält vierstimmige Psalmen von Christian Rasmussen und Johan Henrik Nebelong und ist weiterhin verbreitet.
Auch weltliche dänische Melodien und Lieder wurden übernommen und meist ins Grönländische übersetzt. Typisch waren Mehrstimmigkeit, langsame Tempi und das gemeinsame Singen von Chor und Zuhörern. Das Liederbuch Erinarsuutit wurde seit 1908 mit Texten und seit 1911 mit Texten und Noten wiederholt neu herausgegeben. Fast die gesamte neuere grönländische Lyrik war von Anfang an zum Mitsingen bestimmt.
Rock, Pop und kulturelle Identität
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich unter dem Einfluss amerikanischer und europäischer Rock- und Popmusik eine moderne grönländische Instrumentalmusik. Radio und Langspielplatte machten diese Musik allgemein zugänglich und regten Grönländer zur Gründung eigener Bands an. Die in den 1950er und 1960er Jahren beliebte amerikanische Folkmusik wurde ab Mitte der 1960er Jahre von internationaler Rockmusik verdrängt.
1953 endete der Kolonialstatus offiziell, und Grönland wurde Teil des dänischen Mutterlandes. Gleichzeitig nahm der Assimilationsdruck zu, unter anderem durch den vorgeschriebenen Gebrauch des Dänischen in offiziellen Angelegenheiten. Die seit den 1970er Jahren wachsende Autonomiebewegung trat deshalb auch kulturell für die grönländische Sprache und Identität ein. Musik wurde zu einem wichtigen Mittel dieser Bewegung.
Eine Schlüsselrolle spielte die 1973 gegründete Rockband Sumé („wo?“) mit Per Berthelsen und Malik Høegh. Høegh schrieb deutliche politische Texte, und die Band unterstützte die Mobilisierung für die Selbstverwaltung (Hjemmestyre). Ihr erstes Album Sumut („wohin?“) wurde von 20 Prozent der grönländischen Bevölkerung gekauft. Das Musiklabel und Plattenstudio ULO in Sisimiut verbreitete seit den 1970er Jahren moderne und traditionelle grönländische Musik. Weitere grönländische Labels waren Sermit Records, Melos Records und Atlantic Music.
Die Musikszene erweiterte sich um zahlreiche Stilrichtungen. Nuuk Posse wurde 1992 zur ersten und bekanntesten grönländischen Hip-Hop-Gruppe. Hinzu kamen unter anderem Poprock, Metal und experimentelle Musik. Zu den erfolgreichsten jüngeren Bands gehört Nanook („Eisbär“), die 2005 von Frederik Elsner und seinem Bruder gegründet wurde.
Die meisten Liedtexte werden auf Grönländisch geschrieben. Zunehmend verwenden Musiker jedoch Englisch oder Dänisch, treten international auf und gehen besonders in Skandinavien auf Tournee. Angu Motzfeldt markierte mit englischsprachigen Texten den Beginn dieser Entwicklung. Im April findet jährlich in Sisimiut das Arctic Sound Festival statt, an dem Inuit-Künstler aus Grönland, Kanada und Alaska sowie Musiker aus den nordischen und baltischen Staaten teilnehmen.
In Grönland mit knapp 60.000 Einwohnern erscheinen jährlich bis zu 15 CDs, die jeweils höchstens 3000 bis 5000 Mal verkauft werden. Die Musik ist heute eine hybride Kultur: Europäische Melodien wurden mit grönländischen Textgattungen verbunden, während neu entstandene Mischformen über Jahrzehnte weitgehend unverändert blieben. Rund 300 Jahre nach der Kolonialisierung trugen sowohl moderne als zeitweise auch traditionelle Musik zur Wiedergewinnung oder Neukonstruktion einer grönländischen Identität bei. Da die Identitätsfrage inzwischen an Brisanz verloren hat, könnte die traditionelle Musik allerdings weiter an Bedeutung verlieren.