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Gothic (Kultur)

Die Gothic-Kultur ist eine Subkultur, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging und sich aus mehreren Splitterkulturen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Begriffe
  2. 2. Merkmale, Lebenswelt und Teilkulturen
  3. 3. Musik, Tanz und kulturelle Ausdrucksformen
  4. 4. Entwicklung von den Vorläufern bis zum Revival
  5. 5. Gesellschaft, Medien und DDR

Kern und Begriffe

Die Gothic-Kultur ist eine Subkultur, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging. In den 1980er und 1990er Jahren war sie Teil der Dark-Wave-Bewegung und bildete bis zur Jahrtausendwende einen wichtigen Knotenpunkt der sogenannten Schwarzen Szene. Ihre Grundlage war das Zusammenwirken von Musik, besonders Gothic Rock, der Faszination für Tod und Vergänglichkeit sowie einer daraus entstehenden Selbstinszenierung. Literatur und Film, vor allem Gothic Fiction, beeinflussten die Themen und das Erscheinungsbild.

Die Anhänger werden international als Goths bezeichnet. Im deutschen Sprachraum ist auch Grufti beziehungsweise Gruftie gebräuchlich. Der Begriff Gothic wurde Ende der 1970er Jahre zunächst für einen dunklen Rockmusikstil aus dem Post-Punk-Umfeld verwendet und ab 1982/1983 auf die entstehende Jugendkultur übertragen. Er geht nicht direkt auf die Goten, die Epoche der Gotik oder die Gothic Novels zurück, sondern auf die als düster und „schaurig“ empfundene Musik. In Großbritannien setzte sich die Bezeichnung 1983/1984 durch; im mitteleuropäischen Raum zu Beginn der 1990er Jahre, obwohl sie seit 1986 in Westdeutschland und seit 1988 in Ost-Berlin als Selbstbezeichnung belegt ist. Weitere Bezeichnungen waren Waver, Schwarze, Darks, Ghouls und regional Krähen. „Positive Punk“ war in der ersten Hälfte der 1980er Jahre eine alternative Bezeichnung für Gothic Rock.

Die Bezeichnung Gothic wurde im 21. Jahrhundert von Musikindustrie und Medien als Vermarktungsetikett ausgeweitet. Dadurch wurden auch Bands aus Metal, Mittelalter-Rock, Neuer Deutscher Härte oder Visual Kei als Gothic bezeichnet, obwohl sie häufig keine kulturelle oder musikalische Verbindung zur ursprünglichen Gothic-Bewegung haben. Dies verstärkte die Ablehnung des Begriffs innerhalb der Szene.

Merkmale, Lebenswelt und Teilkulturen

Die Gothic-Szene ist eine ästhetisch orientierte, heterogene und stark individualistische Subkultur. Eine einheitliche politische, religiöse oder philosophische Weltanschauung gibt es nicht. Die Szene gilt als überwiegend friedlich, zugleich aber als unnahbar, elitär oder wirklichkeitsfremd. Teile der Kultur distanzieren sich demonstrativ von einer als konservativ, konsumorientiert und intolerant wahrgenommenen Mehrheitsgesellschaft. Gothic ist keine politisierte Bewegung und verfolgt weder gemeinsame Ziele noch eine einheitliche Ideologie.

Häufige Themen sind Tod, Vergänglichkeit, Melancholie, Mystik, Okkultismus, Existenzphilosophie und eine romantisierte Vorstellung vergangener Epochen. Besonderes Interesse gilt dem 18. und 19. Jahrhundert, dem Viktorianischen Zeitalter, der Gründerzeit, dem Fin de siècle, der Schwarzen Romantik und den Gothic Novels. Das Mittelalter wird teilweise idealisiert; seine negativen Seiten werden dabei meist ausgeklammert. Die Beschäftigung mit dem Tod kann ernsthaft oder ironisch erfolgen. Gothic ist jedoch keine Trauerkultur. Gründe für den Szenebeitritt sind unter anderem musikalische Vorlieben, Identitätssuche, alternative Lebensentwürfe, Protest, Abgrenzung, ein Gefühl von Sinnleere oder Unverstandensein. Viele behalten ihren Lebensstil bis ins Erwachsenenalter bei.

Das Erscheinungsbild dient der Abgrenzung, Zugehörigkeit und Selbstdarstellung. Schwarz steht häufig für Ernsthaftigkeit, Melancholie, Trauer, Tod oder mystisch-okkulte Interessen, kann aber auch einfach modisch eingesetzt werden. Typisch sind blass geschminkte Gesichter, dunkle Augen- und Nagelschminke, ungewöhnliche oder stark toupierten Frisuren, schwarze oder dunkel gefärbte Haare, Silber- und religiöse Symbole, Rosenkränze, Kreuze, Ankh, Piercings, Nieten, Netzkleidung, zerrissene Textilien, Leder, Samt, Spitze, Brokat, Korsetts, historische Gewänder sowie Pikes, Boots oder Dr. Martens. Die Stile verbinden häufig Elemente von Punk, New Wave, Renaissance, Viktorianismus, Jugendstil und Schwarzer Romantik.

Seit den 1980er Jahren entwickelten sich mehrere Splitterkulturen. Batcaver beziehungsweise Goth Punk blieb stark mit Punk, Gothic Rock und Death-Rock verbunden. Gruftis waren im mitteleuropäischen Raum stärker vom Electro Wave, Weltschmerz und der Realitätsflucht geprägt. Endzeitromantiker verbanden aufwendige, todesbezogene Kleidung mit Interessen an Philosophie, Poesie, Malerei, Friedhöfen und verfallenen Bauten. Schwarzromantiker bevorzugten romantische, neoklassische und ethereale Formen; ihre Grenzen zu den Endzeitromantikern sind fließend. Daneben gab es unter anderem Gothic-Rock-Anhänger mit langen Haaren und Elementen der Hard-Rock-Mode. Das Verhältnis von Musik, Kleidung, Frisur, Wohnraum, Tanz und Treffpunkten innerhalb einer Teilkultur heißt in der Sozialwissenschaft Homologie. Nicht alle Goths gehören einer Splitterkultur an.

Musik ist für die Szene zentral: 95 % der Befragten einer internationalen Studie beschäftigten sich in ihrer Freizeit mit Musik. Etwa 75 %–80 % lasen, nutzten den PC oder trafen Freunde; rund 60 % gingen aus, 48 % beschäftigten sich mit Lyrik und Poesie, rund 40 % fotografierten, malten oder reisten. Nur 20 %–30 % bezeichneten sich als naturverbunden. Das Alter der Szenemitglieder wurde mit 14 bis 40 Jahren angegeben, der Schwerpunkt lag bei 16 bis 24 Jahren; die Geschlechterverteilung war ausgewogen.

Musik, Tanz und kulturelle Ausdrucksformen

Die Gothic-Kultur entstand auf Grundlage des Gothic Punk, einer frühen Form des Gothic Rock, die umgangssprachlich auch Batcave genannt wird. Weitere bevorzugte Richtungen waren Gothic Rock, Cold Wave, Ethereal, Neoklassik, Neue Deutsche Todeskunst, Death-Rock, Depro-Punk, Horrorpunk, Gothabilly, Electro Wave und Minimal Electro. Hinzu kamen postindustrielle und experimentelle Musik, Shoegazing beziehungsweise Dream Pop sowie mittelalterlich inspirierte Musik. Viele dieser Stile entwickelten sich im Post-Punk- und Dark-Wave-Umfeld und waren durch Punk-Rock-Nuancen geprägt.

Zwischen Anfang und Mitte der 1990er Jahre verschwanden zahlreiche eigenständige Musikformen. Sie wurden teilweise durch szenefremde Stile ersetzt, sodass die Gothic-Bewegung danach nur noch wenige eigenständige Bands besaß. Das Internet ermöglichte seit dem neuen Jahrtausend erneut eine Untergrundszene. Retrospektive Goths orientieren sich weiterhin an der Musik der 1980er und frühen 1990er Jahre.

Tänze werden grundsätzlich allein ausgeführt. In der frühen Szene war der aus dem Punk übernommene Pogo verbreitet. Der „Totengräber“, auch „Nord-Süd-Kurs“ oder „Staubsaugertanz“ genannt, bestand aus drei Schritten vorwärts, einer gebeugten Bewegung nach unten und drei Schritten zurück. Beide Tänze mussten nicht dem Takt folgen. Bei besonders schwermütiger Musik gab es auch einen „Anti-Tanz“, bei dem die Beteiligten regungslos mitunter mit geschlossenen Augen auf der Tanzfläche standen. In den 1990er Jahren kamen rhythmischere, theatralische Bewegungen hinzu.

Der Wohnraum wurde besonders in den 1980er Jahren als Rückzugsort gestaltet: Schwarze Stoffe, Rosenkränze, Kreuze, Plastikrosen, Grabschärpen, schwarze Möbel, Kerzenleuchter, Grableuchten und Totenschädel waren verbreitet. In den 1990er Jahren wurden diese als klischeehaft geltenden Formen durch viktorianische, historistische oder schlichte zeitgemäße Einrichtungen ersetzt. Pseudonyme, oft aus Film, Musik, Literatur oder Mythologie entlehnt, verbreiteten sich seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und erreichten mit dem Internet ihren Höhepunkt.

Friedhöfe dienten in den 1980er Jahren vor allem Abenteuer und Nervenkitzel, seit Beginn der 1990er Jahre eher der Betrachtung alter Gräber sowie der Ruhe und Besinnung. Diese Nutzung war und ist umstritten. Festivals wie das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, M’era Luna, Castle Party, Zillo Festival und Whitby Gothic Weekend wurden von Goths besucht, waren aber meist nicht ausschließlich auf diese Kultur ausgerichtet. Das Wave-Gotik-Treffen hat heute ein heterogenes Publikum aus Gothic, Punk, Metal, Visual Kei, Elektro, Cyber, Neofolk und Mittelalterszene; seine Besucherzahl liegt bei etwa 18.000, erlaubt aber keine genaue Schätzung des deutschen Gothic-Anteils.

Entwicklung von den Vorläufern bis zum Revival

Wichtige Vorläufer waren Punk, New Romantic und die Schwarze Romantik. Aus dem Punk übernahm Gothic unter anderem zerrissene Kleidung, Netzstoffe, Piercings, dunkle Schminke und eine pessimistische Grundhaltung. Der Übergang war fließend; viele frühe Gothic-Bands verstanden sich weiterhin als Teil der Punk-Bewegung. New Romantic beeinflusste vor allem historische, glamouröse und theatralische Kleidungsformen. Die Schwarze Romantik des 19. Jahrhunderts und die Gothic Novels lieferten Themen wie Wahnsinn, Tod, Gespenster, Ruinen und Weltflucht.

Die Gothic-Kultur entstand ab den frühen 1980er Jahren europaweit. England war ein wichtiger Orientierungspunkt, gleichzeitig bildeten sich in anderen Ländern regionale Szenen. In Deutschland entwickelten sich ab etwa 1982 zunächst kleine Cliquen, besonders in West-Berlin. Der Batcave-Club in London und Treffpunkte wie das Linientreu in Berlin oder das U4 in Wien waren bedeutend. Die erste Welle der Gothic-Musik galt etwa 1984 als beendet; in England zeigten sich bereits Mitte der 1980er Jahre Verfallserscheinungen. In Deutschland setzte ab etwa 1987 ein Zerfall ein, dem Bands wie The Sisters of Mercy, The Cure und Fields of the Nephilim entgegenwirkten.

Von 1990 bis 1995 erlebte die Szene im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Austausch zwischen Ost und West einen Aufschwung. Treffen wie das Waver-Treffen am 16. Juni 1990 in Köln, das Wave-Gotik-Treffen am 29. und 30. Mai 1992 in Leipzig und das Gothic-Treffen am 6. August 1992 in Berlin sowie Zeitschriften und Kleinanzeigen schufen erstmals eine landesweite Infrastruktur. Deutschland wurde zum internationalen Leitbild, während die frühere britische Vormachtstellung zurückging.

Zwischen 1996 und 1999 verlor die Szene durch das Verschwinden von Gothic Rock und das Ende der Dark-Wave-Ära ihre zentrale musikalische Grundlage. Bands, Labels und Zeitschriften stellten Tätigkeiten ein oder änderten ihre Ausrichtung. In vielen Regionen wurde Gothic zu einer Randbewegung. Gleichzeitig gewannen Metal-, Techno-, Future-Pop- und Mittelalterrock-Angebote an Bedeutung. Seit der Jahrtausendwende entstand in wenigen Ballungsräumen ein 1980er-Jahre-Revival, unter anderem mit Cinema Strange, Diva Destruction, Bloody Dead and Sexy und Scarlet’s Remains. Das Internet hält die Szene über Foren, Webzines, soziale Plattformen und die Ankündigung kleiner Veranstaltungen länder- und regionsübergreifend zusammen. Eine Marktstudie der späten 1990er Jahre nannte etwa 60.000 Anhänger in Deutschland; diese Zahl gilt als unrealistisch, weil sie Teile der gesamten Schwarzen Szene und Sympathisanten einbezog. Festivalbesucher und CD-Käufer sind ebenfalls keine verlässliche Grundlage für eine genaue Größe.

Gesellschaft, Medien und DDR

Goths beschäftigen sich individuell mit Religion. In Teilen der Szene finden sich Atheismus, Kirchen- und Religionskritik, Heidentum, Wicca und synkretistische „Patchwork-Religion“. Satanismus ist kein elementarer Bestandteil der Gothic-Kultur. Die häufige Gleichsetzung mit Satanismus beruht vor allem auf äußerer Erscheinung, Symbolen und medialen Vorurteilen. In der DDR gab es zwar einzelne Gruppen mit oberflächlichem oder provokativem „Fantasiesatanismus“, dies war jedoch nicht szenetypisch. Politik spielt insgesamt eine Nebenrolle. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit werden weitgehend abgelehnt, zugleich nimmt ein großer Teil der Szene eine unpolitische Haltung ein.

Zu Punk, Psychobilly und Teilen der Post-Industrial-Szene bestanden freundschaftliche Beziehungen. Konflikte gab es häufiger mit EBM- und Metal-Anhängern. Seit den 1990er Jahren entstanden Überschneidungen mit Gothic Metal, BDSM-, Visual-Kei- und Cyber-Kultur; diese wurden innerhalb der Gothic-Szene unterschiedlich bewertet. Kommerzielle Medien stellten die Szene oft übertrieben mit Satanismus, Grabschändungen und schwarzen Messen dar. Vereinzelter Friedhofsvandalismus in Teilen der Grufti-Szene der 1980er Jahre wurde dadurch auf die gesamte Bewegung übertragen. Seriöse Medien berichteten teilweise differenzierter. Die Szene nutzte außerdem Fanzines, Musikmagazine und später Webzines; eigene Fernsehsendungen oder dauerhafte exklusive Radiosendungen gab es kaum.

In der DDR verbreitete sich die Grufti-Bewegung ab etwa 1985 über Berlin und Westdeutschland. Das MfS zählte von der Mitte der 1980er Jahre bis kurz vor der Wende mehr als 600 Gruftis, davon 150 in Ost-Berlin, und setzte 36 Inoffizielle Mitarbeiter zur Überwachung ein. Eine Blütezeit wird für 1988/1989 angegeben. Wegen ihres „unsozialistischen Aussehens“ wurden Jugendliche verfolgt, Treffen aufgelöst, Platz- und Innenstadtverbote verhängt und teilweise höhere Schulabschlüsse oder berufliche Wege verhindert.

Musik wurde meist von schlecht aufgenommenen ORWO-Kassetten gehört. Die Radiosendung Parocktikum auf DT64 machte zahlreiche westliche Bands bekannt. Schallplatten waren selten und teuer; einzelne Amiga-Veröffentlichungen waren schnell vergriffen. Kleidung wurde wegen fehlender Kaufmöglichkeiten selbst hergestellt, etwa aus Fahnenstoff oder mit zweckentfremdeten Metallketten. Der Alexanderplatz in Ost-Berlin war ein zentraler Treffpunkt. Die Walpurgisnacht 1988 in Potsdam versammelte zunächst 20, später etwa 150 Schwarze, wurde aber von Ordnungskräften beendet. Nach der Wiedervereinigung verlor die ostdeutsche Szene durch Abwanderung und politische sowie soziale Veränderungen rasch an Bedeutung; zugleich entstand eine neue gesamtdeutsche Generation.

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