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Schwarze Romantik
Typische Motive der Schwarzen Romantik sind unter anderem das Unheimliche, Dämonische, Abgründige in der menschlichen Psyche bis hin zum Wahnsinn, Erotik und …
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Begriff und Bedeutung
Die Schwarze Romantik, auch Schauerromantik, Negative Romantik oder Dunkle Romantik genannt, ist eine gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Unterströmung der Romantik. Sie umfasst vor allem Literatur und bildende Kunst, wirkte aber auch auf Musik und Film. Im Mittelpunkt stehen die dunklen, irrationalen und beängstigenden Seiten der Welt und des Menschen: das Unheimliche und Dämonische, seelische Abgründe bis zum Wahnsinn, Erotik, Gewalt, Verfall und Tod.
Eine eindeutige Abgrenzung ist nicht möglich. Das Sachwörterbuch der Literatur von 2001 definiert sie als „irrationale Tendenz der Romantik zum Unheimlich-Gespenstischen, Phantastisch-Abseitigen und Dämonisch-Grotesken“. Häufig lässt sie sich jedoch nicht klar von der übrigen Romantik trennen. In einem weiteren Verständnis bezeichnet der Ausdruck auch spätere Werke, die diese Themen und Gestaltungsweisen fortführen, etwa im Symbolismus und im Horrorfilm.
Der Begriff stammt aus der Literaturwissenschaft und wurde besonders durch den italienischen Literaturwissenschaftler Mario Praz (1896–1982) bekannt. Seine motivgeschichtliche Studie untersuchte die „Nachtseite“ der Romantik mit Themen wie Tod, Laster, Grausamkeit und Dekadenz. Obwohl der Ausdruck Schwarze Romantik in seiner Studie selbst nicht vorkam, erschien er auffällig im Untertitel der deutschen Übersetzung und etablierte sich dadurch in der Forschung. In Kunstgeschichte und Musikwissenschaft wird er seltener verwendet.
Entstehung und Grundmerkmale
Eine wichtige Grundlage war die englische Schauerliteratur, die Gothic Novel, die sich Ende des 18. Jahrhunderts als eigene Stilrichtung entwickelte. Sie beeinflusste beispielsweise den Roman Nachtwachen, den Ernst August Friedrich Klingemann 1804 unter dem Pseudonym „Bonaventura“ veröffentlichte. Aus Schauerliteratur und Schwarzer Romantik ging im 19. Jahrhundert die moderne Horrorliteratur hervor.
Die Strömung betont das Irrationale und Melancholische und zeigt eine besondere Faszination für Wahnsinn, das Böse und extreme Verhaltensweisen. Damit reagierte sie auf das vernunftbestimmte Welt- und Menschenbild der Aufklärung sowie auf die Schrecken der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Statt eines ausschließlich vernünftigen Menschen rückten Triebe, Gewaltbereitschaft und seelische Abgründe in den Vordergrund.
Die Werke wirken häufig düster-resignativ, makaber, schaurig-dämonisch oder satanisch. Phantastische und groteske Erscheinungen sowie abseitige oder exzessive Verhaltensweisen werden teilweise in einer verfeinerten, dekadenten Ästhetik gestaltet. Dabei verbinden sich sinnliche Erotik, Übersteigerung, Krankheit, Verfall und Todesnähe. Gerade diese ästhetische Darstellung des Schrecklichen unterscheidet die Schwarze Romantik von einer bloßen sachlichen Behandlung von Leid oder Gewalt.
Unheimliche Räume, Leid und Tod
Typische Schauplätze sind Spukschlösser, Klöster, Verliese, Kellergewölbe, Gruften, verlassene Häuser, Ruinen und Friedhöfe. Ein frühes Beispiel ist Das Schloss von Otranto von Horace Walpole. Auch Naturdarstellungen erzeugen Unbehagen: Gewitter, Nebel, Mondlicht, einsame Lichtungen und dunkle Wälder treten an die Stelle einer hellen, überschaubaren Welt. Caspar David Friedrich setzte solche Motive etwa in Abtei im Eichwald und Der Mönch am Meer um. Dem „Licht“ der Aufklärung stellt die Schwarze Romantik die Nacht gegenüber und deutet sie zum möglichen Ort höherer Wahrheit und besserer Erkenntnis um, wie in Novalis’ Hymnen an die Nacht.
Leid, Gewalt, Verfall und Tod bilden einen zweiten Schwerpunkt. Besonders die französische und spanische Romantik verarbeitete Erfahrungen der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Francisco de Goyas Desastres de la Guerra zeigen die Gewalt der napoleonischen Truppen von 1808 und des anschließenden spanischen Unabhängigkeitskrieges. Seine Pinturas Negras enthalten verstörende Darstellungen einer geheimnisvollen Prozession, von Hexen und des seine Kinder fressenden Saturn; sie machen zugleich die Dunkelheit der menschlichen Seele sichtbar.
Der Tod erscheint außerdem in Landschaften mit Ruinen und Friedhöfen sowie in Porträts. Paul Delaroche malte seine verstorbene Ehefrau Louise Vernet auf dem Totenbett und verwandelte so die unmittelbare Begegnung mit dem Tod in eine ästhetische Erfahrung. Solche Werke sollen das Schreckliche nicht nur dokumentieren, sondern machen seine Wirkung durch eine bewusst kunstvolle Gestaltung erfahrbar.
Psyche, Doppelgänger und Übersinnliches
Die Schwarze Romantik erkundet das Unbewusste, seelische Extremzustände und die triebhafte Seite des Menschen. Der Albtraum wurde deshalb zu einem wichtigen, sonst eher ungewöhnlichen Motiv, besonders in Johann Heinrich Füsslis Gemälde Der Nachtmahr. Träume, Vorahnungen, Telepathie und Somnambulismus – schlafähnliche Zustände mit Handlungen – interessierten Kunst, Öffentlichkeit und romantische Wissenschaft. Hinzu kam der Magnetismus, ein Vorläufer späterer Hypnoseverfahren. Auch Wahnsinn wurde literarisch und bildlich gestaltet: In E. T. A. Hoffmanns Die Serapionsbrüder ist Serapion ein Wahnsinniger; Carl Blechen porträtierte in Pater Medardus die wahnsinnige Hauptfigur aus Hoffmanns Die Elixiere des Teufels.
Das Böse konnte zugleich anziehend erscheinen. Mario Praz verwies auf John Miltons Paradise Lost, in dem das Satanische als gefallene Schönheit erscheint. In der Literatur treten daher Figuren auf, die verbrecherisch wirken, aber auch Größe, Leidenschaft oder Großzügigkeit zeigen, etwa Montoni in Ann Radcliffes The Mysteries of Udolpho.
Das Doppelgängermotiv ermöglicht die Begegnung mit einem Alter Ego, also einem zweiten Selbst oder Spiegelbild, und damit mit dem eigenen Unbewussten. Jean Paul setzte es in Siebenkäs als Verwechslungs- und Doppelgängergeschichte ein. In Caspar David Friedrichs Landschaften übernehmen häufig zwei einsame Rückenfiguren eine ähnliche Funktion, etwa in Zwei Männer bei Mondaufgang am Meer.
Zur Phantastik gehören Elfen, Feen, Gespenster, Wiedergänger, Dämonen und Formwandler. Okkult bedeutet dabei die Beschäftigung mit angeblich verborgenen oder übersinnlichen Kräften. Parawissenschaft, Parapsychologie, Alchemie, Magie, Nekromantie, Satanismus und Hexerei widersprachen dem Anspruch der Aufklärung, alten Aberglauben durch Vernunft und wissenschaftlichen Fortschritt überwunden zu haben. Das Gespensterbuch bereitete Spuk- und Wundergeschichten aus dem Volksglauben literarisch auf. E. T. A. Hoffmann griff entsprechende Überlieferungen in der Sage von den Bergwerken von Falun auf; Samuel Taylor Coleridges The Rime of the Ancient Mariner verwendet den Glauben, der Albatros sei ein heiliger Vogel, dessen Tötung Unheil bringt.
Schaurigschönes und Wirkung bis zur Gegenwart
Die Schwarze Romantik untersucht auch die Anziehungskraft des „Schaurigschönen“: Hässliches, Missgestaltetes, Grausiges und Schreckliches kann zugleich faszinierend und schön erscheinen. In Percy Bysshe Shelleys On the Medusa of Leonardo da Vinci steht daher weniger der Schrecken des tödlichen Medusenblicks als seine abgründige Schönheit im Vordergrund.
Liebe und Erotik erscheinen von ihrer dunklen Seite. Behandelt werden Paraphilie, Sadomasochismus, Perversion sowie die Femme fatale, eine verführerische und gefährliche Frauengestalt. Ein Beispiel ist Mathilda in Matthew Gregory Lewis’ The Monk von 1796, die sich als teuflische Verführerin entpuppt. Das 1850 entstandene Gemälde Dante und Vergil in der Hölle von William Bouguereau wird seit Ende der 2010er Jahre auch als (homo-)erotische Darstellung männlicher Körper, animalischer Angriffslust und ungezügelter Sexualität gedeutet.
Zu den wichtigen literarischen Beispielen zählen Mary Shelleys Frankenstein, E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann und Die Elixiere des Teufels, Edgar Allan Poes Der Untergang des Hauses Usher, Charles Baudelaires Die Blumen des Bösen und Bram Stokers Dracula. Außerhalb Europas entstand im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die nordamerikanische Richtung American Gothic. Werke von Nathaniel Hawthorne, Edgar Allan Poe und Herman Melville behandeln unter anderem die strenge Sozial- und Sexualmoral des Puritanismus sowie furchterregende Vorstellungen von Sünde, Hölle und Fegefeuer. Als Southern Gothic setzte sich diese Tradition im Süden der USA fort. Elemente der Schwarzen Romantik wurden außerdem in Mittel- und Südamerika, Neuseeland und Australien aufgegriffen. Dazu gehören Frida Kahlos Malerei, Gabriel García Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit und die australische Tasmanian Gothic.
Im Film leben die Motive in Gothic Horror, Psychothriller und Okkultfilm weiter. Wiederkehrend sind Wahnsinn, Tod, Verfall, Schuld, Doppelgänger, wissenschaftliche Hybris, verbotene Begierden sowie unheimliche und übernatürliche Vorgänge. Frühe Beispiele sind Nosferatu von F. W. Murnau und Vampyr von Carl Theodor Dreyer. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts griffen Produktionen der britischen Hammer Film Productions auch die Bildsprache dunkler Schlösser, gotischer Architektur und starken Schattenlichts auf. The Others von 2001 und Black Swan von 2010 verbinden psychische Zerrüttung, den Verlust sicherer Realität und eine unheimliche Atmosphäre. Solche Filme sind oft keine Adaptionen romantischer Literatur, sondern eigenständige Weiterentwicklungen ihrer Themen und Ästhetik.