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Textsorte
Nominalstil vs. Verbalstil). Dabei wird eine Textsorte bzw. Textklasse als eine grammatische Struktur angesehen (textgrammatische Modelle). Da sich diese …
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Begriff und Bedeutung
Textsorte ist ein zentraler Begriff der Textlinguistik. Gemeint ist grundsätzlich eine Gruppe schriftlicher oder mündlicher Texte, die sich durch ein bestimmtes Bündel regelhafter Merkmale auszeichnen. Diese Regelhaftigkeit ermöglicht es, einzelne Texte zu klassifizieren und einer Textsorte zuzuordnen. Der Begriff ist in der Sprachwissenschaft allerdings nicht einheitlich definiert. Verwandte Bezeichnungen sind Textklasse, Textart, Texttyp, Textform und Textmuster.
In den letzten Jahren hat sich weitgehend der Konsens herausgebildet, Textsorte beziehungsweise Textklasse vor allem für empirisch vorfindliche Formen wie eine Kontaktanzeige zu verwenden. Texttyp bezeichnet dagegen eher theoriebezogene Kategorien oder wissenschaftliche Klassifikationen, zum Beispiel den Kontakttext. Wie viele Textsorten es in einer Einzelsprache gibt, hängt daher vom jeweils verwendeten Klassifikationsschema ab.
Textsorte beeinflusst, wie Informationen gestaltet, verstanden und vermittelt werden. Eine passende Textsorte kann die Verständlichkeit und unter Umständen auch den Erfolg eines Informationstransfers erhöhen; dies wird als Medienadäquatheit bezeichnet.
Textsortenforschung und Kriterien
Die Textsortenforschung ordnet Texte anhand charakteristischer Merkmale Textsorten zu und beschreibt diese. Sie untersucht sowohl die innere Form als auch den äußeren Gebrauch eines Textes. Dadurch können beispielsweise Unterschiede zwischen schriftlichen und mündlichen Texten, Literatur- und Gebrauchstexten sowie wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Texten erfasst werden. Eine grundsätzliche Frage lautet, ob Textsorten einer allgemeinen Typologie folgen oder ob sie jeweils erst durch konkrete Kommunikationssituationen entstehen.
Die Forschung liefert Erkenntnisse über die Entstehung, historische Form und Entwicklung von Texten unter veränderten sprachlichen, sozialen und anderen Einflüssen. Außerdem untersucht sie die Verbindung von Textsorten mit Medien und Kommunikationsmitteln, ihre Verwendung und ihre Verbreitung.
Bei der Bestimmung von Textsorten werden textinterne und textexterne Kriterien unterschieden. Textinterne Kriterien beziehen sich auf die Textoberfläche und die Texttiefenstruktur. Zur Oberfläche gehören lautlich-paraverbale und graphische Merkmale, etwa Handschrift, Maschinenschrift oder Druck, außerdem Wortschatz und Satzbaumuster. So sind geballte Nominalkonstruktionen und gehäufte Partizipialgefüge in Liebesbriefen eher unwahrscheinlich. Zur Tiefenstruktur gehören das Thema, die Themenbindung und der Themenverlauf. Ein Vortrag hält meist ein einziges Thema durch, während ein Privatbrief häufig zwischen Themen wechselt.
Textexterne Kriterien liegen im Kommunikationszusammenhang. Dazu gehören vor allem die Textfunktion, das Trägermedium und die Kommunikationssituation. Diese wird unter anderem durch Zeit, Ort, Umstände und soziales Umfeld bestimmt.
Alltägliches Textsortenwissen
Verbreitete Textsorten können Sprecher einer Sprachgemeinschaft meist intuitiv erkennen. Diese Fähigkeit heißt Textsortenkompetenz oder Textsortenwissen. Sie wird im Sozialisationsprozess und in der alltäglichen sprachlichen Tätigkeit erworben. Sprecher wissen dadurch, welche Themen und Handlungsziele typischerweise mit einer Textsorte verbunden sind: Persönliche Erlebnisse und Emotionen erwartet man eher in einem persönlichen Brief als in einer Patentschrift. Eine Textsorte muss dabei kein einzelnes Wort als Präsignal enthalten.
Dasselbe inhaltliche Material kann in unterschiedlichen Kommunikationsbereichen mit anderer Syntax und anderem Wortschatz erscheinen. Ein schriftlicher Nachrichtentext kann als persönliches Gespräch oder Erzählung wiedergegeben werden; ein Interview kann als zusammengefasster Zeitungsbeitrag erscheinen. Sprecher können außerdem klassifikatorische Fehler erkennen und einen Textsortenwechsel feststellen oder signalisieren.
Manche Textsorten besitzen charakteristische Signale. Dazu gehören Einleitungen und Schlussformeln wie „Es war einmal …“ im Märchen, „Sehr geehrte/r Herr/Frau …“ und „Mit freundlichen Grüßen …“ in Briefen sowie „Im Namen des Volkes …“ in Gerichtsurteilen. Auch Organisationsprinzipien können kennzeichnend sein, etwa Versstrukturen in Dichtungen oder offene Ausfüllstellen in Formularen.
Globale Textstrukturen und Textschemata sind zugleich Ergebnis und Voraussetzung sprachlicher Tätigkeit. Sie verändern sich mit Interaktionsbedingungen, Kommunikationsbedürfnissen und Kommunikationsaufgaben. Das Beispiel der Kochrezepte zeigt eine historische Entwicklung: Im Frühneuhochdeutschen dominierte der Imperativmodus, etwa in der Form „Man nehme …“. In späteren Rezepten treten zunehmend Passivkonstruktionen und modale Infinitive auf. Zugleich nimmt die Informationsgenauigkeit und -dichte zu. Ein modernes Rezept nennt beispielsweise Zutaten wie 400 g Fleisch und 250 g Reis, beschreibt die Zubereitung in einzelnen Schritten und gibt am Ende sogar „2.938 kJ (= 701 kcal)“ pro Portion an. Intuitiv bekannte und empirisch verbreitete Formen werden traditionelle Textsorten genannt.
Wege und Modelle der Klassifikation
Die Linguistik entwickelte vier methodische Wege zur Textsortenklassifikation: Erstens kann sie von traditionellen Textsorten ausgehen und deren charakteristische Merkmale bestimmen. Zweitens kann sie zunächst eine Texttheorie entwickeln und prüfen, ob daraus eine Texttypologie entsteht. Drittens kann sie bei der Entwicklung einer Texttheorie deren Anwendung so anlegen, dass traditionelle Textsorten definierbar werden. Viertens kann sie innerhalb einer Texttheorie eine von traditionellen Textsorten unabhängige Texttypologie entwickeln.
Ein induktiver Weg untersucht immer mehr empirisch vorfindliche Formen wie Erzähltexte, Witze, Briefsorten, Interviews, Appelle und Aufrufe, Wegeauskünfte, Verkaufsgespräche oder Problemdarstellungen in Therapiesituationen. Daraus sollen eine Taxonomie der Textsorten und eine Theorie der Textkomposition entstehen. Die starke Heterogenität der Texte erschwert jedoch eine widerspruchsfreie Klassifikation; eine umfassende Theorie globaler Textstrukturen konnte aus diesem Ansatz bis heute nicht entwickelt werden. Die Annahme, eine Texttypologie ergebe sich automatisch aus einer vollständigen Texttheorie, erwies sich als methodologische Fehleinschätzung. Seit Ende der 1960er Jahre entstanden deshalb verschiedene Textsortenklassifikationen.
Grammatisch-strukturalistische Modelle der 1970er Jahre ordnen Texte nach Merkmalen der Oberfläche und textinternen Strukturen, etwa Typographie, Wortschatz und Satzbaumuster wie Nominalstil oder Verbalstil. Eine Textsorte gilt hier als grammatische Struktur. Vertreter sind Roland Harweg und Harald Weinrich. Die Modelle wurden kritisiert, weil sie sprachinterne Eigenschaften und ihre Relationen weitgehend allein betrachten. Thema-Modelle konzentrieren sich ebenfalls auf textinterne Strukturen, insbesondere auf Bedeutungszusammenhänge, Textthema, Themenbindung und Themenverlauf.
Die Komponentialitätsthese versteht eine Textsorte als Kombinatorik beziehungsweise Komposition elementarer, diskreter Merkmale. Barbara Sandig versuchte 1972, Textsorten durch zwanzig distinktive Merkmale zu unterscheiden. Problematisch blieb, wie eine endliche Merkmalsmenge gewonnen wird, welchen Status die Merkmale besitzen und welche linguistischen Eigenschaften sie abbilden. Umstritten sind außerdem das häufig angenommene Hierarchisierungsprinzip und die heterogene Klassifizierungsbasis.
Situations-Modelle beziehen seit der pragmatischen Wende in den 1970er Jahren auch die Kommunikationssituation ein. Sie berücksichtigen den Handlungsbereich und die Umgebungssituation im engeren Sinn sowie den Verwendungs- oder Kommunikationsbereich im weiteren Sinn, der gesellschaftliche Strukturen einschließt. Eine Textsorte gilt als Realisierung eines Kommunikationstyps; eine Texttaxonomie entspricht damit weitgehend einer Situationstypologie.
Dominante Kriterien, Funktionen und neue Ansätze
Von der Mitte der 1970er bis in die Mitte der 1980er Jahre wurden Klassifikationen nach einem dominanten Kriterium entwickelt, um eine möglichst homogene Typologisierungsbasis und einen plausibel begrenzten Geltungsbereich zu erreichen. Rolf Eigenwald ordnete Texte fünf globalen Tätigkeitsbereichen zu: Zeitungstexte mit Nachricht, Bericht, Leitartikel und Kommentar; ökonomische Texte, etwa der Wirtschaftsteil einer Zeitung; politische Texte wie politische Rede, Resolution, Flugblatt, Pamphlet und Wandspruch; juristische Texte wie Anwaltsbrief, Gesetzestext, Gerichtsurteil und Vertragstext; sowie wissenschaftliche Texte aus verschiedenen Fachgebieten. Bärbel Techtmeier beschränkte sich auf Gespräche und unterschied institutionell Gespräche im ökonomischen Bereich, Bildungswesen, Justizwesen, in der Wissenschaft, in den Medien, in gesellschaftlichen Organisationen und in der Familie. Kritisiert wurden die willkürliche Zuordnung einzelner Textexemplare und die teilweise nur scheinbare Homogenität der Kriterien.
Funktionsmodelle machen die kommunikative Funktion zum dominanten Kriterium. Texte werden nach Kommunikationsabsicht, Verwendung und Zweck klassifiziert; zusätzlich können Kommunikationskanal und Kommunikationssituation berücksichtigt werden. Texte mit vorwiegend informierender Funktion können als informative Textsorte, Anweisungen als direktive Textsorte gelten. Die Definition von Textfunktion ist jedoch schwierig. Sie kann als senderintentional bestimmte Instruktion an den Empfänger verstanden werden und informiert über den vom Sender gewünschten Verstehensmodus. Auch eine ästhetische Funktion wurde berücksichtigt, etwa durch Kriterien wie schön, spannend, fesselnd, unterhaltsam oder banal.
Funktionale Einteilungen unterscheiden belehrende beziehungsweise kognitive Texte, regelnde beziehungsweise normative Texte, mitteilende beziehungsweise informative Texte, auffordernde beziehungsweise appellative Texte, beschreibende beziehungsweise deskriptive Texte, unterhaltende beziehungsweise trivial-narrative Texte sowie poetisch-deutende beziehungsweise ästhetisch-kreative Texte. Beispiele sind wissenschaftliche Texte, Gesetzestexte, Meldungen, Werbetexte, Produktbeschreibungen, Romane und Gedichte. Einige Formen sind Mischformen: Ein Kommentar berichtet und äußert eine Meinung; eine Erörterung argumentiert und kommentiert.
Ernst Ulrich Große entwickelte für alle schriftlichen Texte der deutschen und französischen Sprache eine funktionale Klassifikation mit normativen Texten, Kontakttexten, gruppenindizierenden Texten, poetischen Texten, selbstdarstellenden Texten, auffordernden Texten und sachinformierenden Texten. Beispiele reichen von Gesetzen, Glückwunschschreiben und Gruppenliedern über Gedichte, Tagebücher, Warenwerbung bis zu Nachrichten und wissenschaftlichen Texten. Eine Übergangsklasse erfasst Texte, bei denen zwei Funktionen gleichermaßen dominieren.
Neuere Ansätze akzeptieren, dass ein Text mehreren Klassen zugeordnet werden kann. Die Fabel vom klugen Wolf und den neun dummen Wölfen kann zugleich als mathematischer Lehrtext, erzählerischer, Ereignis-, fiktionaler, humoristischer, historischer und Fabeltext gelten. Texttypologien werden deshalb nicht als starre, zeitlose Systeme verstanden. Mehrebenen-Modelle verbinden verschiedene Kriterien und sollen mit dem alltäglichen Textsortenwissen kompatibel, multidimensional und flexibel sein. Ihre prototypischen Repräsentationen entstehen durch Zuordnungen auf mehreren Ebenen; die Gewichtung dieser Ebenen bleibt offen. Beispielhaft werden Funktionstypen, Situationstypen, Verfahrenstypen, Textstrukturierungen, prototypische Formulierungsmuster und analytische Kohärenztypen unterschieden.