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Gleichgewicht des Schreckens
Mit dem Gleichgewicht des Schreckens ist kein statisches Gleichgewicht gemeint, in dem das Wettrüsten zu einem Stillstand gekommen wäre. Vielmehr bezeichnet der …
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Grundidee und Bedeutung
Das Gleichgewicht des Schreckens, auch MAD-Doktrin, MAD oder Atompatt genannt, bezeichnet eine Form der nuklearen Abschreckung. Eine Atommacht soll auf einen nuklearen Erstschlag verzichten, weil der angegriffene Gegner auch danach noch vernichtend zurückschlagen könnte. Ein Angriff würde somit nicht nur den Gegner, sondern letztlich auch das eigene Land zerstören. Umgangssprachlich wird das Prinzip mit dem Satz „Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter“ zusammengefasst.
Das Konzept prägte vor allem das Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion im Kalten Krieg. Es sollte einen „heißen“ Krieg, also eine direkte bewaffnete Auseinandersetzung der Supermächte, verhindern. Gemeint ist kein statisches Gleichgewicht, bei dem das Wettrüsten endet. Es handelt sich vielmehr um ein dynamisches Gleichgewicht: Beide Seiten bauen ihre militärischen Fähigkeiten weiter aus und halten dadurch die wechselseitige Bedrohung aufrecht.
Spieltheoretisch kann MAD als Nash-Gleichgewicht verstanden werden. Ein Nash-Gleichgewicht ist eine Situation, in der keine Seite durch eine einseitige Änderung ihrer Strategie einen Vorteil gewinnt. Sobald beide Gegner ausreichend bewaffnet sind, hat keiner einen Anreiz, sich einseitig zu entwaffnen oder den Konflikt durch einen Angriff zu entscheiden.
Voraussetzungen und Funktionsweise
Die wichtigste Annahme lautet, dass keine Seite so irrational handelt, dass sie für die Vernichtung des Gegners auch die sichere Vernichtung des eigenen Landes in Kauf nimmt. Abschreckung funktioniert daher nur, wenn der Gegner mit einem Gegenschlag rechnen muss und die Beteiligten grundsätzlich rational handeln.
Entscheidend ist nicht, welche Seite mehr strategische Atomwaffen besitzt. Ausschlaggebend ist die Zweitschlagsfähigkeit: Ein Staat muss einen gegnerischen Erstschlag überstehen und danach noch genügend Kernwaffen für einen vernichtenden Gegenschlag besitzen. Robert McNamara definierte 1965 die dafür erforderliche „guaranteed destruction“ als die Fähigkeit, ein Viertel bis ein Drittel der sowjetischen Bevölkerung und zwei Drittel der sowjetischen Industrie zu vernichten.
Dazu müssen die Gegner eine Overkill-Kapazität aufrechterhalten. Das bedeutet, dass selbst nach der Zerstörung eines großen Teils der eigenen Atomwaffen der verbleibende Bestand noch zur völligen Vernichtung des Angreifers ausreicht. Wichtig ist deshalb ein redundantes, also mehrfach abgesichertes und schwer vollständig auszuschaltendes System von Kernwaffenträgern.
Die sogenannte nukleare Triade besteht aus strategischen Bombern sowie land- und seegestützten Interkontinentalraketen. Besonders seegestützte Raketen sind schwer zu orten und zu zerstören und eignen sich deshalb als Zweitschlagswaffen. Nuklearwaffen gelten in diesem Zusammenhang als „politische Waffen“: Ihr Hauptzweck ist die Abschreckung und damit gerade ihr Nichteinsatz. Bei symmetrischen Machtverhältnissen, in denen beide Gegner über vergleichbare Mittel verfügen, ist jede Einsatzdrohung zugleich mit dem Risiko der eigenen Vernichtung verbunden.
Entwicklung und Anwendung
Bereits Anfang 1940 erkannten die nach Großbritannien ausgewanderten Physiker Rudolf Peierls und Otto Frisch, dass der Bau einer Atombombe möglich war. Im geheimen Frisch-Peierls-Memorandum argumentierten sie, der wirksamste Schutz vor einem möglicherweise nuklear bewaffneten Deutschland sei eine Gegendrohung mit einer eigenen Bombe. Deshalb sollte deren Produktion auch dann beginnen, wenn sie nicht als Angriffsmittel eingesetzt werden sollte.
Nach 1945 wurde den politisch Verantwortlichen die umfassende Zerstörungskraft von Kernwaffen zunehmend bewusst. Daraus entwickelte sich allmählich das Konzept, Frieden durch gegenseitige Abschreckung zu sichern. In der offiziellen Militärdoktrin der USA wurde der Begriff 1961 erstmals verwendet. In seiner Antrittsrede desselben Jahres sprach US-Präsident John F. Kennedy von einem fragilen „Gleichgewicht des Schreckens“, das die Menschheit vom letzten Krieg abhalte, obwohl beide Seiten unter den Kosten moderner Waffen litten und um eine Veränderung dieses Gleichgewichts wetteiferten.
Die MAD-Doktrin wurde während des Kalten Krieges als Schutz vor direkten Zusammenstößen zwischen den USA und der Sowjetunion betrachtet. Konflikte wurden jedoch nicht vollständig verhindert: Beide Supermächte trafen in Stellvertreterkriegen indirekt aufeinander. Gegen Ende des Kalten Krieges gewannen vertrauensbildende Maßnahmen an Bedeutung, und die Supermächte wandten sich zunehmend vom MAD-Konzept ab. Auch nach 1989 blieben sie allerdings geopolitische Gegner.
In begrenzter Form besteht auch zwischen Indien und Pakistan eine MAD-Situation. Wegen ihrer vergleichsweise kleinen Atomwaffenbestände würde ein Schlagabtausch jedoch nicht die für die klassische MAD-Doktrin typische weitreichende Vernichtung bewirken.
Abkehr und Fortwirken
Am 25. Juli 1980 verkündete US-Präsident Jimmy Carter in der Presidential Directive 59 eine „Ausgleichsstrategie“ beziehungsweise countervailing strategy. Die US-Planung sollte nun darauf ausgerichtet sein, einen Nuklearkrieg gewinnen zu können. Als vorrangige Ziele galten sowjetische Führungszentren und danach militärische Anlagen, nicht die Bevölkerung. Dahinter stand die Annahme, die Sowjetunion könne aufgeben, bevor beide Staaten vollständig zerstört würden.
Ronald Reagan führte diese Richtung mit der Strategic Defense Initiative (SDI) fort. Eine umfassende Raketenabwehr sollte die USA vor sowjetischen Angriffen und Gegenschlägen schützen, während ihre eigene Erstschlagsfähigkeit erhalten bliebe. Befürworter bezeichneten dies als mutual assured security. SDI scheiterte jedoch an technischen und finanziellen Hindernissen und konnte das Prinzip der gegenseitig gesicherten Zerstörung nicht ablösen.
Um einen versehentlich ausgelösten Atomkrieg zu verhindern, richteten die Supermächte Kommunikationswege ein, beispielsweise das „rote Telefon“ nach der Kuba-Krise. Seit den 1980er Jahren wurde MAD öffentlich stärker infrage gestellt. Beim NATO-Doppelbeschluss wurde in der Bundesrepublik befürchtet, die Aufstellung „eurostrategischer“ Mittelstreckenraketen könne das globale strategische Gleichgewicht destabilisieren und zu einem „atomaren Holocaust“ führen.
Nach der Auflösung der Sowjetunion sanken die Spannungen zwischen Russland und den USA sowie zwischen den USA und China deutlich. MAD wurde als ausdrückliches Stabilitätsmodell weitgehend abgelöst. Dennoch verfügen diese Staaten weiterhin über sofort einsetzbare Kernwaffenarsenale mit mehrfacher Overkill-Kapazität, sodass das Prinzip stillschweigend fortbesteht.
Die Regierung von George W. Bush trat aus dem ABM-Vertrag aus und erklärte, ihr Raketenabwehrsystem richte sich gegen nukleare Erpressung durch Staaten mit geringer Kernwaffenkapazität, etwa Nordkorea. Russland befürchtete dagegen eine amerikanische Überlegenheit und Eskalationsdominanz. Es kündigte deshalb die Modernisierung seiner Kernwaffen an, um eine Neutralisierung seiner Zweitschlagsfähigkeit zu verhindern.
Durch horizontale Proliferation – die Ausbreitung von Atomwaffen auf weitere Staaten bei gleichzeitiger Abrüstung großer Nuklearmächte – ist das Ziel eines einheitlichen Gleichgewichts des Schreckens in den Hintergrund geraten. Bei politischem oder religiösem Fanatismus ist laut Artikel nicht zuverlässig mit wirksamer Abschreckung zu rechnen.
Forschung und Kritik
Eine 2009 im Journal of Conflict Resolution veröffentlichte quantitative Studie fand Unterstützung für die Nukleare-Frieden-Hypothese und die Stabilitäts-Instabilitäts-Paradoxie. Danach fördern Kernwaffen strategische Stabilität und verhindern groß angelegte Kriege, ermöglichen aber zugleich mehr Konflikte niedriger Intensität. Besitzt nur einer von zwei Staaten Kernwaffen, ist die Kriegswahrscheinlichkeit höher. Verfügen beide über Kernwaffen, sinkt sie der Studie zufolge drastisch.
Kritiker halten MAD dennoch für abhängig von anfechtbaren Voraussetzungen. Diese betreffen vier Bereiche: Potenzial, also die tatsächliche Fähigkeit zum Gegenschlag; Glaubwürdigkeit, also die Überzeugung des Gegners, dass ein Gegenschlag erfolgen würde; Kommunikation, also die zuverlässige Vermittlung von Drohungen und Absichten; und Rationalität, also berechenbares Verhalten der Entscheidungsträger. Für die USA und die Sowjetunion hätten diese Bedingungen im Großen und Ganzen gegolten. Ob sie bei heutigen Atommächten wie Nordkorea erfüllt sind, wird bezweifelt.
Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR wandte sich 1982, 1983 und 1987 mit der Formulierung „Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung“ gegen die Doktrin. Auch philosophische und ethische Einwände richten sich gegen ein Friedenssystem, das vollständig auf der Drohung mit Krieg und Massenvernichtung beruht. Der amerikanische Philosoph Robert L. Holmes bezeichnet ein solches Vertrauen als von Natur aus irrational und nach grundlegenden deontologischen, also pflichtenethischen, Prinzipien als unmoralisch. Außerdem bezweifelt er, dass eindeutig nachgewiesen werden könne, dass Abschreckung in der Vergangenheit Kriege verhindert habe. Da das System von immer neuen Generationen technisch fortschrittlicher Atomwaffen abhänge, könne es möglicherweise sogar die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Kriege erhöhen. Der Artikel weist zugleich darauf hin, dass sein Kritikabschnitt nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet ist.