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Ghetto Izbica

Das Ghetto Izbica war im Zweiten Weltkrieg ab 1942 für deportierte Juden eine Durchgangsstation, auch Transit-Ghetto oder Durchgangsghetto genannt, in die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Funktion und Aufbau
  2. 2. Entstehung und Deportationen
  3. 3. Organisation der Deportationen
  4. 4. Letzte Morde und erneutes Sammellager
  5. 5. Spuren und Gedenken

Funktion und Aufbau

Das Ghetto Izbica war während des Zweiten Weltkriegs ab 1942 eine Durchgangsstation für deportierte Juden auf dem Weg in die Vernichtungslager des Holocaust, vor allem nach Belzec und Sobibór. Es wird deshalb auch als Transit- oder Durchgangsghetto bezeichnet. Izbica liegt in Polen südöstlich von Lublin und befand sich an einer Eisenbahnverbindung zu den Vernichtungslagern. Kommandant war SS-Hauptsturmführer Kurt Engels, sein Stellvertreter Ludwig Klemm.

Anders als ein geschlossenes Lager besaß das Durchgangsghetto keine bewachte Umzäunung. Die Gefangenen wurden in vorhandenen Wohnungen und überwiegend aus Holz gebauten Häusern untergebracht. Bei Todesstrafe war es verboten, den abgelegenen und weiträumig überwachten Ort zu verlassen. Vergleichbare Transit-Ghettos bestanden unter anderem in Piaski, Rejowiec, Krasnystaw, Opole Lubelskie, Deblin, Zamosc, Chelm, Wlodawa und Międzyrzec Podlaski.

Entstehung und Deportationen

Das Ghetto entstand im Zusammenhang mit der Aktion Reinhard, der von der SS organisierten Ermordung der Juden im besetzten Polen. Tausende Menschen wurden zunächst in kleinen Orten festgehalten, bis die Vernichtungslager fertiggestellt oder erweitert waren. Odilo Globocnik, der verantwortliche Leiter der Aktion, ließ in Izbica einen Judenrat einrichten. Dieser Rat aus jüdischen Einwohnern wurde gezwungen, im Sinne der SS an der Verwaltung des Ghettos mitzuwirken.

Am 3. Januar 1942 teilte Josef Bühler, der Chef des Amtes des Generalgouverneurs, dem Gouverneur des Distrikts Lublin, Ernst Zörner, mit, dass etwa 14.000 deutsche, tschechische und slowakische Juden in die Region Lublin gebracht und dort vorläufig gefangen gehalten werden sollten. Um in Izbica Platz zu schaffen, wurden zunächst etwa 1.500 polnische Juden nach Krasniczyn und Gorzkow deportiert.

Am 11. März 1942 traf ein Zug mit 1.000 Juden aus Theresienstadt ein. Von März bis Juni 1942 wurden insgesamt 17.000 ausländische Juden nach Izbica deportiert. Zeitweise lebten mehr als 19.000 Menschen in dem Ort, der zuvor nur 4.500 Einwohner gehabt hatte. Von Izbica fuhren Züge weiter nach Belzec und Sobibór. Bei verschiedenen als „Aussiedlungen“ bezeichneten Aktionen erschoss die SS außerdem 4.500 Juden auf dem örtlichen Friedhof. Nach dem letzten Deportationszug am 28. April 1943 wurde das Transit-Ghetto geschlossen.

Der Überlebende Thomas Blatt erlebte als Kind Razzien und Deportationen in der Region. Er wurde mit seiner Familie nach Sobibór gebracht, wo seine Angehörigen sofort ermordet wurden. Blatt überlebte als Arbeitsgefangener und als Beteiligter am Aufstand von Sobibór. Der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski berichtete der Londoner Exilregierung über den Massenmord. Nach dem Krieg wurde auch von ihm vermutet, dass er die beobachteten Vorgänge nicht in Belzec, sondern im Durchgangsghetto Izbica gesehen hatte.

Organisation der Deportationen

Der volksdeutsche Bürgermeister Jan Szulc, auch Jan Schultz genannt, gründete eine Abteilung jüdischer Polizisten tschechischer Herkunft. Dieser jüdische Ordnungsdienst war für die Besatzer wegen seiner deutschen Sprachkenntnisse und der militärischen Erfahrung vieler Mitglieder nützlich. Daneben bestand ein dem polnischen Judenrat unterstellter Ordnungsdienst. Die Besatzer konnten diese Einheiten gegen unterschiedliche nationale Gruppen der jüdischen Bevölkerung einsetzen.

An den Deportationen waren außerdem SS- und Gestapomänner aus Izbica, Lublin, Zamosc und Krasnystaw beteiligt. Vertreter der Zivilverwaltung aus Krasnystaw, darunter der Bürgermeister, wirkten ebenfalls aktiv mit. Hinzu kamen Wachmannschaften aus dem SS-Ausbildungslager Trawniki, hauptsächlich Ukrainer, sowie Mitglieder der polnischen Feuerwehr. Viele ausländische Juden hofften lange, eine Weiterfahrt aus Izbica führe zu einer Arbeitsstelle, da es im Ort selbst offensichtlich keine Arbeit gab.

Letzte Morde und erneutes Sammellager

Am 2. November 1942 fand die vorletzte Deportation dieses Jahres statt. Anschließend sollten Izbica und die Umgebung vollständig „judenrein“ gemacht werden. Nachdem der letzte Zug abgefahren war, blieben viele Menschen auf der Wiese am Bahnhof zurück. Kurt Engels ließ sie im örtlichen Kino einsperren. Nach mehreren Tagen führten SS-Männer sie gruppenweise zum jüdischen Friedhof und erschossen dort mehr als 1.000 Menschen. Einwohner des Ortes beobachteten die Morde. Obwohl Izbica danach offiziell als „judenrein“ galt, lebten in der Umgebung weiterhin geflohene oder versteckte Juden.

Im Dezember 1942 befahl der Höhere SS- und Polizeiführer Krüger die Errichtung von Ghettos in den einzelnen Distrikten. Auch in Izbica wurde erneut ein Ghetto als Sammellager eingerichtet. Es bestand bis zu seiner endgültigen Auflösung im April 1943. Einige hundert polnische Juden, die dort festgehalten worden waren, wurden in Sobibór ermordet.

Der Historiker Robert Kuwałek nennt zwei mögliche, einander nicht ausschließende Erklärungen für die Durchgangsghettos. Erstens konnten sie der Täuschung und Propaganda dienen: Den noch in Deutschland, Tschechien oder der Slowakei lebenden Juden sollte vermittelt werden, die Deportierten würden lediglich zur Arbeit in den Osten „umgesiedelt“. Anfangs durften Gefangene deshalb noch meist stark zensierte Nachrichten verschicken. Zweitens boten die Ghettos Reservekapazitäten, solange die Vernichtungslager noch nicht genügend Menschen aufnehmen und töten konnten. Erst der Ausbau der Lager mit vergrößerten Gaskammern im Mai und Juni 1942 schuf größere Tötungskapazitäten, die bei den Abtransporten im Oktober und November genutzt wurden. Es bleibt möglich, dass für die SS ausschließlich diese Reservefunktion ausschlaggebend war.

Spuren und Gedenken

Das Gestapo-Gefängnis in Izbica, heute ein Gebäude des Polizeipostens, war mit jüdischen Grabsteinen vom örtlichen Friedhof errichtet worden. Dieser 2006 bekannt gewordene Vorgang gilt in der Geschichte des Nationalsozialismus als bislang einmalig. Die Steine wurden später vorsichtig entfernt und zum jüdischen Friedhof zurückgebracht. Dort brachte man sie an den Außenmauern des Ohel an, der Begräbnisstätte von Rabbiner Mordechai Josef Leiner.

Am 16. November 2006 wurde auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenktafel eingeweiht, die über dessen Geschichte informiert. Am 10. Mai 2007 errichteten mainfränkische Kommunen in Izbica einen Gedenkstein aus Frickenhausener Muschelkalk für die aus den fränkischen Regierungsbezirken deportierten Juden. Weitere Erinnerungsorte sind eine Stele in Hetzerath für 36 aus Erkelenz deportierte Menschen, die Stuttgarter Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ zur Deportation vom 26. April 1942, ein Obelisk am Bahnhof Wuppertal-Steinbeck und das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah. Auch zahlreiche Stolpersteine nennen Izbica als Deportationsort.

Die TV-Dokumentation „Izbica – Drehkreuz des Todes“ von Wolfgang Schoen und Frank Gutermuth aus dem Jahr 2006 behandelt unter anderem die verbauten Grabsteine. Der Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Fritz Kann“ von Marcel Kolvenbach aus den Jahren 2020/2022 entstand in Deutschland, Polen und Argentinien und hat eine Länge von 100 Minuten.

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