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Nikomachische Ethik

Die Nikomachische Ethik (altgriechisch ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthikà Nikomácheia) ist die bedeutendste der drei unter dem Namen des Aristoteles überlieferten …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Ziel
  2. 2. Glückseligkeit und menschliche Leistung
  3. 3. Seele und Tugenden
  4. 4. Lebensweisen, Lust und Schmerz
  5. 5. Gerechtigkeit und Staatsformen

Gegenstand und Ziel

Die Nikomachische Ethik ist die bedeutendste der drei unter Aristoteles’ Namen überlieferten ethischen Schriften. Da sie mit der Eudemischen Ethik einige Bücher teilt, ist möglicherweise nicht Aristoteles selbst für ihre erhaltene Zusammenstellung verantwortlich.

Das Werk soll zeigen, wie man ein guter Mensch wird und ein Leben im Sinne der Eudaimonia, also der Glückseligkeit, führt. Aristoteles beginnt mit dem Gedanken, dass jedes praktische Können, jede wissenschaftliche Untersuchung sowie jedes Handeln und Wählen nach einem Gut strebt. Manche Handlungen dienen nur dazu, ein weiteres Gut hervorzubringen; andere werden sowohl als Mittel als auch um ihrer selbst willen verfolgt. Das höchste Gut ist dagegen das Endziel allen Handelns und wird um seiner selbst willen angestrebt.

Die zentrale Frage lautet daher, wie das höchste Gut beschaffen ist und wie es erreicht werden kann.

Glückseligkeit und menschliche Leistung

Aristoteles bestimmt die Glückseligkeit (eudaimonía) als höchstes Gut. Sie ist ein seelisches Glück und steht für sich selbst, weil sie nicht bloß Mittel zu einem anderen Zweck ist. Aristoteles nennt sie „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns“ (1097b20).

Zur genaueren Bestimmung verwendet er das Ergon-Argument. „Ergon“ bezeichnet die eigentümliche Leistung oder Funktion eines Wesens. Der Mensch unterscheidet sich von anderen Lebewesen durch das Tätigsein der Seele gemäß dem rationalen Element, also durch Nachdenken und Vernunft, oder jedenfalls nicht ohne dieses. Glückseligkeit besteht deshalb darin, die Vernunft vollkommen zu gebrauchen, und zwar nicht nur vorübergehend, sondern in einem vollen Menschenleben. Diese drei Gesichtspunkte gelten als Aristoteles’ erste Glücksdefinition: vernunftgemäße Tätigkeit, vollendete Ausführung und ein ganzes Leben.

Für die Glückseligkeit sind jedoch nicht nur seelische, sondern auch äußere und körperliche Güter bedeutsam. Zu den äußeren Gütern zählen etwa Reichtum, Freundschaft, Herkunft, Nachkommen, Ehre und ein günstig gestimmtes persönliches Schicksal. Körperliche Güter sind Gesundheit, Schönheit, physische Stärke und Sportlichkeit. Die seelischen Güter sind die Tugenden.

Äußere Güter hängen nach Aristoteles vom zufälligen Glück (eutychía) ab. Körperliche Güter sind teilweise zufällig, teilweise durch eigenes Handeln beeinflussbar, etwa durch Sport oder Ernährung. Seelische Güter können nur von wirklich guten Menschen erlangt werden. Aristoteles erwähnt außerdem den „vollkommen glücklichen Menschen vor und nach seinem Leben“; dieser ist wahrhaft glücklich (makários).

Seele und Tugenden

Aristoteles unterscheidet einen vernunftbegabten und einen vernunftlosen Teil der Seele. Der vernunftlose Teil umfasst zunächst Wachstum und Ernährung; außerdem beherbergt er das Strebevermögen (órexis). In diesen Bereichen steht der Mensch auf einer Stufe mit Pflanzen und Tieren. Als vernunft- und sprachbegabtes Wesen kann der Mensch seine Gemütsbewegungen wie Furcht, Zorn und Mitleid zwar nicht in ihrem ersten Aufkommen kontrollieren, aber ihre weitere Verarbeitung beeinflussen.

Der vernunftbegabte Teil enthält die menschliche Vernunft (lógos). Er gliedert sich in die sich selbst genügende Vernunft (epistēmonikón) und die angewandte Vernunft, zu der Überlegung und Beratung gehören. Die selbstgenügende Vernunft bezieht sich auf Wissenschaft (epistḗmē), philosophische Weisheit (sophía) und reines Denken (noũs). Ihr Gegenstand sind unveränderliche Dinge, Mathematik, Kosmos und Metaphysik. Die angewandte Vernunft umfasst praktische und herstellende Kunstfertigkeit (téchnē, poíēsis) sowie Klugheit (phrónēsis), die sich auf das praktische Leben richtet.

Tugenden sind seelische Güter. Dianoetische Tugenden entstehen durch Belehrung, ethische Tugenden durch Gewohnheit. Wie man ein Musikinstrument durch Übung beherrscht, erwirbt man auch Tugenden, indem man sie ausübt.

Die dianoetischen Tugenden beziehen sich entweder auf kontingente oder auf notwendige Tatsachen. Kunstfertigkeit ist ein Herstellungswissen, etwa die Fertigkeit des Tischlerns. Wichtiger für das sittliche Leben ist die Klugheit, denn sie steuert die ethischen Tugenden und hilft, sie richtig anzuwenden. Auf notwendige Tatsachen beziehen sich Wissenschaft als Fähigkeit des richtigen Schließens, Vernunft als Wissen von den „obersten Sätzen“ (1141a15 ff.) und Weisheit als Verbindung von Vernunft und Wissenschaft. Die Vernunft kann laut Aristoteles als einzige Tugend nicht erworben werden, sondern ist den Menschen in unterschiedlich starker Ausprägung gegeben.

Ethische Tugenden betreffen Leidenschaften und die aus ihnen hervorgehenden Handlungen. Sie zähmen und steuern den irrationalen, triebhaften Seelenteil. Ihr Grundprinzip ist die richtige Mitte (mesótēs) zwischen Übermaß und Mangel. Tapferkeit liegt beispielsweise zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Ebenso sollen andere Tugenden, etwa Großgesinntheit und Besonnenheit, das angemessene Maß treffen. Tugendhaft zu sein bedeutet dabei nicht, frei von Affekten zu sein, sondern die eigenen Affekte zu beherrschen. Durch Entschluss (proaíresis) und Gewöhnung (ethízein) werden tugendhafte Verhaltensweisen zu einer festen Grundhaltung (héxis).

Lebensweisen, Lust und Schmerz

Aristoteles unterscheidet zwei grundlegende Weisen eines glücklichen Lebens. Die vollkommene Glückseligkeit liegt im bíos theoretikós, dem kontemplativen Leben. Es umfasst wissenschaftliche Betätigung, den Gebrauch der Vernunft (noũs) zur Erkenntnis grundlegender Wahrheiten und die Erlangung von Weisheit. Auch die übrigen Tugenden sind vorhanden, stehen aber nicht im Mittelpunkt.

Da sich laut Aristoteles manche Menschen von Natur aus nicht für diese Lebensweise eignen und die Vernunft als einzige Tugend nicht vollständig ausgebildet werden kann, gibt es auch den bíos praktikós, das praktische Leben. Es beruht auf dem vollkommenen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit kontingenten Tatsachen sowie auf Klugheit und Kunstfertigkeit in Verbindung mit den ethischen Tugenden.

Lust und Schmerz beeinflussen das sittliche Verhalten. Aristoteles erklärt die Hinwendung zum Schlechten damit, dass Menschen Lust suchen und Schmerz fürchten. Erziehung soll diese natürliche Reaktion auf das Gute ausrichten. Deshalb rechtfertigt Aristoteles auch Züchtigungen, die er als eine Art Heilung versteht, bei der durch das Entgegengesetzte geheilt wird.

Er unterscheidet körperliche und geistige Lüste. Körperliche Lust verweist auf Grundbedürfnisse, darf aber nicht maßlos befriedigt werden. Geistige Lust kann mit Tugend verbunden sein, etwa als Freude an wissenschaftlicher Tätigkeit oder am guten Handeln. Ein tugendhafter Mensch kann daher ein lustvolles Leben führen.

Gerechtigkeit und Staatsformen

Das fünfte Buch behandelt die Gerechtigkeit, befindet sich laut Artikel jedoch „in keinem guten Zustandt“, weil sowohl die Textüberlieferung als auch die Einordnung in das ethische System problematisch sind. Aristoteles versucht hier, eine Systematik der Gerechtigkeit zu entwickeln.

Gerechtigkeit ist für ihn eine Tugend und eine Charakterdisposition. Auch sie verlangt eine Mitte. Sie ist kein abstrakter Begriff und keine selbstständige Idee des Guten, sondern entsteht durch Erziehung, Tadel und Lob. Der Handelnde soll aufgrund seiner dauerhaften Grundhaltung in einer konkreten Situation das Gerechte tun und sein ganzes Leben darauf ausrichten.

Aristoteles ordnet außerdem Staatsformen nach ihrer Tugendhaftigkeit. Als beste Staatsform gilt ihm die Monarchie, die er mit der fürsorglichen Herrschaft eines Vaters über seine Söhne vergleicht. Es folgt die Aristokratie als Herrschaft der Tugendhaftesten und Tüchtigsten. Danach nennt er eine auf Zensus beruhende Verfassung, die er Timokratie nennt und mit der Freundschaft zwischen älterem und jüngerem Bruder vergleicht.

Jeder tugendhaften Staatsform steht eine Entartung gegenüber: Die Monarchie wird zur Tyrannis, wenn der Alleinherrscher nur seinen eigenen Vorteil verfolgt. Die Aristokratie wird zur Oligarchie, wenn wenige habgierige Machthaber die Herrschaft und die Staatsgüter unter sich aufteilen. Die Demokratie gilt als „am wenigsten schlechte“ ausgeartete Staatsform, weil sie sich nach Aristoteles nur graduell durch niedrigere Zulassungsbeschränkungen zur Bürgerschaft von der Timokratie unterscheidet. In der Familienanalogie ist sie ein Haus, „wo der Herr fehlt“, sodass alle gleichberechtigt sind und jeder tut, was ihm gefällt.

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