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Verantwortungsethik vs. Gesinnungsethik (Max Weber: Politik als Beruf)

Ethik-Abi by BOE15:31 26.018 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. 1919 hielt der Soziologe und Nationalökonom Max Weber seinen Vortrag „Politik als Beruf“ und machte darin erstmals die begriffliche Unterscheidung zwischen Verantwortungsethik
  2. und Gesinnungsethik. Was man unter diesen beiden Positionen versteht, wie sie sich unterscheiden und woran sich die Politik laut Weber orientieren soll, erfährst
  3. du in diesem Clip. In der Gesinnungsethik werden Handlungen nach dem Handlungsmotiv bewertet. Es ist entscheidend, welche Werte und Prinzipien hinter einer Handlung
  4. stehen. Die Handlungsfolgen spielen für die moralische Beurteilung der Handlung keine Rolle. Die Gesinnung - das Motiv der Handlung - steht im Vordergrund.
  5. Ein Gesinnungsethiker handelt also nach bestimmten Grundüberzeugungen und Werten. Für ihn zählt allein die Gesinnung, das hinter der Handlung stehende Motiv. Da mögliche
  6. spätere Folgen für die Moralität seiner Handlung keine Rolle spielen, übernimmt er auch keine Verantwortung für diese Folgen. Weber hatte in seinem Vortrag vor allem die
  7. christliche Gesinnungsethik im Blick. Ein christlicher Gesinnungsethiker handelt aus bestimmten religiösen Prinzipien heraus, zum Beispiel aus Nächstenliebe, aus Barmherzigkeit
  8. oder aus Ehrlichkeit. Sein Gewissen schreibt ihm ein bestimmtes Handeln vor. Und zwar unabhängig davon, ob dieses Handeln erfolgreich sein wird und welche (unbeabsichtigten) Folgen
  9. es hat. Der religiöse Gesinnungsethiker überträgt die Verantwortung für die Folgen seines Handelns anderen oder Gott. Ein weiterer wichtiger Vertreter der Gesinnungsethik
  10. ist Immanuel Kant (1724-1804). Für Kant ist allein der gute Wille - das Motiv der Handlung - gut. Neigungen und tatsächliche oder beabsichtige Handlungsfolgen dürfen laut Kant bei moralischen
  11. Handlungen keine Rolle spielen. Der Wille ist dann gut, wenn er sich allein nach dem moralischen Gesetz - dem kategorischen Imperativ - richtet.
  12. Dieser lautet in seiner Universalisierungsformel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“
  13. Bei Kant meint Gesinnung also das Motiv des Handelnden, seinen Willen. Dieser darf nur von der reinen Achtung für das moralische Gesetz, also dem kategorischen Imperativ,
  14. bestimmt werden. Mit diesem prüft er seine Maximen, seine individuellen Handlungsgrundsätze, auf ihre Universalisierbarkeit. Die Beweggründe des Handelnden, seine Motive, sind bei Kant
  15. wesentlich für die Moralität einer Handlung. Im Gegensatz dazu geht es bei der Verantwortungsethik um die Verantwortbarkeit der Folgen einer Handlung. Der Handelnde ist verantwortlich
  16. für die Folgen seines Handelns und muss dementsprechend mögliche - auch unbeabsichtigte - Folgen bereits bei der Entscheidung für oder gegen eine Handlung berücksichtigen.
  17. Ein Verantwortungsethiker stellt also die - auch längerfristigen - Konsequenzen seiner Entscheidungen in den Mittelpunkt und agiert entsprechend. Die eigenen Grundüberzeugungen
  18. spielen nur eine untergeordnete Rolle. Ein wichtiger Vertreter dieser Ethik ist Hans Jonas (1903-1993). Jonas formulierte in seinem 1979 erschienenen Werk „Das Prinzip Verantwortung“
  19. einen neuen kategorischen Imperativ. Dieser lautet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
  20. Und negativ formuliert: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“
  21. Jonas plädiert bei Handlungsentscheidungen vor allem in Wissenschaft und Politik für eine Heuristik der Furcht. Man soll die denkbar schlimmsten Folgen annehmen und dementsprechend
  22. handeln. Während der Gesinnungsethiker also allein auf das Motiv der Handlung blickt und damit mögliche - vor allem unbeabsichtigte - Folgen
  23. völlig ausblendet, blickt der Verantwortungsethiker gerade auf die Folgen und deren Verantwortbarkeit. In den beiden Ethiktypen wird also der Verantwortungsbereich ganz unterschiedlich definiert. In der Verantwortungsethik
  24. sind es die (voraussehbaren) Folgen, in der Gesinnungsethik die Gesinnung - das hinter der Handlung stehende Motiv. Angela Merkel handelte mit ihrer Flüchtlingspolitik
  25. 2015 nach der Meinung einiger Kritiker gesinnungsethisch. Mit ihrer Politik der offenen Grenzen und einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen berücksichtigte sie weder die Folgen für
  26. das eigene Land noch für andere europäische Länder oder für das innereuropäische Verhältnis insgesamt. Sie folgte allein ihrer moralischen - ihrer christlichen - Pflicht, Menschen in
  27. Not zu helfen. Doch Merkel handelte in ihrer Politik auch verantwortungsethisch. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima verkündete sie 2011 den Atomausstieg
  28. Deutschlands, nachdem ihre Regierung erst kurz vorher eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke beschlossen hatte. Sie sagte: „Die Ereignisse in Japan lehrten
  29. uns, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich sind.“ Sie habe zur Kenntnis nehmen müssen, dass „selbst in einem Hochtechnologieland
  30. wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können“. Das ist eine klassisch verantwortungsethische Begründung - ein Handeln geleitet von Jonas‘
  31. Heuristik der Furcht. Sie handelte mit dieser politischen Kehrtwende entgegen dem moralischen und religiösen Prinzip, ein gegebenes Versprechen zu halten.
  32. Der Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864-1920) hielt seinen berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ 1919, also lange vor dem Erscheinen von Jonas‘ Werk „Das Prinzip
  33. Verantwortung“ und der Regierungszeit Merkels. Er prägte darin erstmals den Begriff „Verantwortungsethik“ und zwar in klarer Abgrenzung zur traditionellen Gesinnungsethik.
  34. Er schreibt: „Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen
  35. Maximen stehen kann: es kann ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert sein. Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit
  36. identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet –: ‚der
  37. Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“
  38. „Unaustragbar gegensätzliche Maximen“, „abgrundtiefer Gegensatz“: das klingt zunächst nach prinzipieller Unvereinbarkeit. Weber wird auf Grund dieses Satzes häufig
  39. missverstanden und falsch interpretiert. Später schreibt er nämlich: „Insofern sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen erst den
  40. echten Menschen ausmachen, den, der den ‚Beruf zur Politik‘ haben kann.“ Weber hält die Gesinnungsethik als alleinige Orientierung für die Politik für unbrauchbar.
  41. Sie ist seiner Ansicht nach eine „Ethik für Heilige“. Weber kritisiert zudem, dass eine Gesinnung manchmal von Politikern nur vorgeschoben wird, um sich der Verantwortung
  42. für die Folgen des eigenen Handels zu entziehen. Die Verantwortungsethik bietet laut Weber eine bessere, realitätsnähere Richtlinie für politisches Handeln. Ein verantwortungsvoller
  43. Politiker übernimmt nämlich selbst die Verantwortung für die Folgen seines Tuns und kalkuliert diese daher bereits bei politischen Entscheidungen mit ein.
  44. Doch ein Politiker ohne gewisse Prinzipien, ohne eine Gesinnung, die sein Handeln leiten, ist ebenfalls nicht wünschenswert, ja nicht einmal denkbar. Denn auch ein Verantwortungsethiker
  45. wird bei seinem Handeln von einer Haltung oder Überzeugung geleitet. Weber setzt Gesinnungsethik explizit nicht mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik
  46. nicht mit Gesinnungslosigkeit gleich. Er betont jedoch, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man ‚gesinnungsethisch‘ oder ‚verantwortungsethisch‘ orientiert ist.
  47. Weber ruft zu einer Balance zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik und zu einer gemäßigten Realpolitik auf. Verantwortungs- und Gesinnungsethik müssen zusammenwirken. Er selbst orientierte
  48. sich sowohl an der Verantwortungs- als auch an der Gesinnungsethik. Seine politischen Positionen waren von beiden ethischen Positionen geprägt.
  49. Weber spricht in seinem Vortrag aber noch ein weiteres Problem an. In der Politik muss nämlich zeitweise der Zweck die Mittel heiligen. Er schreibt: „Keine Ethik der Welt kommt
  50. um die Tatsache herum, daß die Erreichung ‚guter‘ Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die
  51. Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck
  52. die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge ‚heiligt‘.“ Dieses Problem betrifft Gesinnungsethiker und Verantwortungsethiker gleichermaßen.
  53. Ein christlicher Gesinnungsethiker oder Kantianer darf - für welchen Zweck auch immer - nicht zu moralisch fragwürdigen Mitteln greifen. Für andere Gesinnungsethiker, etwa für gewaltbereite
  54. Revolutionäre, kann der Zweck die Mittel heiligen. Und ein Verantwortungsethiker muss abwägen, welche Nebenerfolge, also welche unerwünschten Konsequenzen seines Tuns er
  55. für einen guten Zweck verantworten kann. Aber was versteht Weber nun konkret unter verantwortungsvoller Politik? Verantwortliche Politik bedeutet für Weber
  56. eine Abwägung der Handlungsfolgen und zwar mit erhöhter Aufmerksamkeit für mögliche negative Handlungsfolgen sowie eine Abwägung der (Macht-)Mittel.
  57. Ein verantwortungsbewusster Politiker muss also die vorhersehbaren Handlungsfolgen abschätzen, unbeabsichtigte Nebenfolgen miteinplanen und berücksichtigen, dass sich Positives in Negatives
  58. umkehren kann. Zudem muss er abschätzen, ob die Handlungsabsichten auch wirklich umgesetzt werden können, abwägen, welche (eventuell auch moralisch bedenklichen)
  59. Mittel den Zweck heiligen, also durch einen guten Zweck legitimiert werden können. Und er muss realitätsbewusst und offen für Kompromisse sein und nicht auf einer Position
  60. beharren, weil er sie für die einzig richtige hält. Weber hält eine reine Gesinnungsethik in der Politik für nicht praktikabel. Ein guter
  61. Politiker muss die Verantwortung für mögliche Folgen seiner Entscheidungen und Handlungen im Vorfeld spüren und im Nachhinein übernehmen. Und das auch dann, wenn er - möglicherweise
  62. auf Grund einer gewissen inneren Haltung oder Gesinnung - in gewissen Situationen nicht anders handeln kann oder konnte als unter Inkaufnahme unbeabsichtigter negativer Nebenfolgen.
  63. Er trägt immer Verantwortung und muss sich dieser Tatsache bewusst sein. Diese Verantwortung reicht bei manchen politischen Entscheidungen bis weit in die Zukunft hinein.
  64. Dieses bereits 1919 von Weber angedeutete Problem hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft. Sowohl die Gesinnungsethik als auch die Verantwortungsethik
  65. kann man kritisieren. Durch neue Entdeckungen und Entwicklungen in Wissenschaft und Technik hat sich der Verantwortungsbereich menschlichen und damit auch politischen Handelns
  66. in den letzten Jahrzehnten immer weiter vergrößert. Dies liegt unter anderem daran, dass - durch den Einsatz wissenschaftlicher Technik sich die menschliche Macht immer mehr vergrößert
  67. - sich der Bereich technischer Beeinflussbarkeit auf immer weitere Teile auch der menschlichen Natur ausdehnt - die Folgen technischer Innovationen räumlich und zeitlich nicht
  68. mehr überschaubar sind - Folgen- und Nebenwirkungszusammenhänge zunehmend komplexer werden (z.B. durch Eingreifen in genetische oder ökologische Zusammenhänge). Personen - also Verantwortungssubjekte
  69. - handeln zudem immer mehr arbeitsteilig handeln und dies in unübersichtlichen Handlungsnetzen. Außerdem gibt es es neues Wissen über die Belastbarkeitsgrenzen der Biosphäre.
  70. Die konkreten (voraussehbaren) Handlungsfolgen erlangen dadurch eine immer größere Bedeutung. Es gibt immer weniger eine Garantie dafür, dass aus einer guten Gesinnung auch gute Folgen
  71. erwachsen. Die Gesinnungsethik stößt an ihre Grenzen. Kausalbedingungen zwischen der Handlung und ihren Folgen müssen daher möglichst vollständig berücksichtigt werden.
  72. Der österreichische Philosoph Günther Anders (1902-1992) forderte: „So wie der Naturwissenschaftler, der die Ursachen verfolgt, ad infinitum nach rückwärts weiterzugehen hat, so hat der
  73. Verantwortliche ad infinitum nach vorwärts [zu den Folgen] weiterzugehen.“ Das größte Problem der Verantwortungsethik ist jedoch die schon damals von Kant angesprochene
  74. Unvorhersehbarkeit der Folgen. Man hat nämlich stets nur beschränkte Informationen über die möglichen Ergebnisse einer konkreten Handlung. Eine Handlung, die auf den ersten
  75. Blick gerechtfertigt erscheint, kann auf Grund einer Verkettung von Umständen schädliche Folgen haben. Je nach der Bewertung der Folgen einer Handlung
  76. und ihrer Wahrscheinlichkeit kann sie als moralisch geboten erscheinen oder nicht. Politiker können demnach je nach Bewertung zu ganz unterschiedlichen Schlüssen gelangen.
  77. Auch der Zeitraum der Betrachtung ist hierbei entscheidend: Eine Handlung kann verantwortungsethisch kurzfristig geboten sein, aber längerfristig negative Auswirkungen haben.
  78. Wie ist deine Meinung? Sollte Politik sich eher an der Gesinnungsethik oder an der Verantwortungsethik orientieren? Welche politischen Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte waren deiner
  79. Ansicht nach eher gesinnungsethisch, welche eher verantwortungsethisch motiviert? Schreibe deine Gedanken und Ideen sehr gerne unten in die Kommentare.
  80. Mit dem Quizlet-Lernset „Max Weber: Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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