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Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution

Die Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution hat in mehr als zwei Jahrhunderten ein breites Spektrum an Interpretationen, Deutungsmustern, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Streitfragen
  2. 2. Aufklärung sowie konservative und liberale Deutungen
  3. 3. Sozialistische und marxistisch-leninistische Interpretationen
  4. 4. Revisionismus und atlantische Revolutionen
  5. 5. Deutschsprachige Forschung und Entwicklungen nach 1989

Gegenstand und zentrale Streitfragen

Die Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution umfasst mehr als zwei Jahrhunderte verschiedener Interpretationen, Deutungsmuster, Denkschulen und Forschungsansätze. Keine andere Revolution der Neuzeit löste nach Eberhard Schmitt unter Zeitgenossen und später in der Wissenschaft einen ähnlich starken Meinungsstreit und eine vergleichbare Parteilichkeit aus. Die Revolution wurde entweder entschieden abgelehnt oder verherrlicht. Sie stand dadurch im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen zwischen Reaktion und Fortschrittsoptimismus, Klerikalen und Antiklerikalen sowie politischen Rechten und Linken.

In der Forschung werden vor allem konservative, bürgerlich-liberale, sozialistische, marxistisch-leninistische und revisionistische Betrachtungsweisen unterschieden. Im 20. Jahrhundert waren diese Richtungen teilweise auch institutionell geprägt: Die Sorbonne galt als Zentrum der sozialistischen Forschung, die Académie française als Ort konservativer Deutungen und die École des hautes études en sciences sociales als Zentrum der strukturanalytisch-revisionistischen Interpretation. Zum 200. Revolutionsjubiläum 1989 erschienen schätzungsweise rund 800 Publikationen. Danach verstärkten sich Bemühungen, die politische Ideologisierung abzubauen und international zu Erkenntnissen zu gelangen, die weniger von politischen und gesellschaftlichen Einstellungen abhängen.

Zu den dauerhaft umstrittenen Fragen gehören Beginn und Ende der Revolution. Obwohl 1789 als Ausgangsjahr gilt, reicht ihre Vorgeschichte mindestens bis 1787 zurück; als mögliche Endpunkte werden 1794 bis 1815 genannt. Außerdem wird diskutiert, wofür die Revolution symbolisch steht: für die Emanzipation des Bürgertums, die universalen Menschenrechte, Demokratie, das Ende des Feudalismus, Kapitalismus, Säkularisierung oder Nationsbildung. Ihrer positiven Bedeutung stehen Terrorherrschaft, Diktatur, Bürgerkrieg und die europäischen Kriege von 1792 bis 1815 gegenüber.

Weitere Fragen betreffen das Verhältnis zur Aufklärung, zur Atlantischen und Industriellen Revolution sowie zum „kolonialistischen Weltsystem“. Verglichen wird sie auch mit der Amerikanischen Revolution, Entwicklungen in den Niederlanden, Polen, Großbritannien und Lateinamerika sowie den Preußischen Reformen. Umstritten bleibt zudem, was eine Revolution ausmacht: Beschleunigung, grundlegende Umwälzung, Gewalt oder Fortschritt. Die Forschung fragt ferner nach ihrer Bedeutung für Frauen, das Geschlechterverhältnis, Juden und andere religiöse oder ethnische Minderheiten sowie nach dem Verhältnis von führenden Individuen und Eliten zu Volksmassen und Unterschichten.

Aufklärung sowie konservative und liberale Deutungen

Schon 1789 führten Befürworter und Gegner die Revolution auf Ideen der Aufklärung zurück. Öffentliche Ehrungen für Voltaire und Rousseau, ihre Überführung ins Pantheon und der Kult der Vernunft boten dafür sichtbare Anlässe. Die erste Verfassung verwirklichte die Gewaltenteilung nach Montesquieu. Robespierre bezog sich auf Rousseaus Tugendbegriff und dessen Vorstellung eines vernünftigen Gemeinwillens. Jacques Mallet-du-Pan zeigte zunächst Verständnis für die Revolution, wandte sich aber nach Beginn der Gewaltherrschaft entschieden gegen sie. Historiker betonten zugleich starke Gegensätze zwischen der Revolution und den Schriften der Aufklärer. Nach Roger Chartier übernahmen die Revolutionäre eher ein manipuliertes Bild der Aufklärung.

Die gegenrevolutionär-konservative Richtung entstand bereits 1789 in Kreisen französischer Emigranten. Dort verbreitete sich die aus Quellen nicht belegte Komplotthese, die Revolution sei in den Jahren zuvor in Geheimzirkeln minutiös geplant worden. Besonders einflussreich waren Edmund Burkes 1790 erschienene Reflections on the Revolution in France. Burke und andere konservative Autoren zeichneten ein positives Bild der Zeit vor 1789. Die Revolutionäre hätten die Würde des Monarchen missachtet und die ausgewogene Verfassung des Ancien Régime zerstört, um Gleichmacherei an die Stelle menschlicher Natur und historischer Erfahrung zu setzen.

Hippolyte Taine verfasste unter dem Eindruck der Niederlage Napoleons III. im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Pariser Kommune sein sechsbändiges Werk Les origines de la France contemporaine, das 1875–1893 erschien. Er erklärte die Revolution vor allem aus geistes-, kultur- und psychologischen Bedingungen. Die bestimmenden Kräfte sah er in „Rasse, Milieu und Moment“ beziehungsweise im Zeitpunkt. Massenzeitalter und Massenaktionen bewertete Taine negativ, weil sich Massen anders verhielten als Individuen. Regierungsfähig waren für ihn nur Notabeln, Honoratioren und herausgehobene Personen von Stand. Seine Aufwertung der Konterrevolution und sein Bild der Revolution als „Anarchie und kriminelle Unterwanderung“ wirkten im politischen Establishment der Dritten Französischen Republik wie ein Tabubruch.

Die bürgerlich-liberale Deutung beurteilte die frühen Revolutionsphasen grundsätzlich positiver. Germaine de Staël erklärte 1818 den Ausbruch mit der Unzufriedenheit in allen Ständen, würdigte Reformansätze und die ersten Revolutionsjahre, stellte ihnen aber die Entartung durch die Terreur gegenüber. Adolphe Thiers und François-Auguste Mignet sahen das Besitzbürgertum als Träger der Revolution und Bewahrer bürgerlicher Freiheit. Thiers fasste 1789 bis 1799 als organisches Ganzes und als „Block“ auf. Mignet schilderte die einzelnen Phasen nüchterner und sah sie beinahe zwangsläufig aus der Macht der Ereignisse hervorgehen. Jules Michelet betrachtete dagegen das nach Freiheit strebende Volk als Hauptmotor der Geschichte und die Nation als Trägerin humanitären Fortschritts.

Sozialistische und marxistisch-leninistische Interpretationen

Louis Blanc, ein Frühsozialist des 19. Jahrhunderts, sah in Revolution und Terror mit Blick auf die Wirtschaftsgesetzgebung eine wichtige Station auf dem Weg zu Demokratie und Brüderlichkeit. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich ausgehend von Jean Jaurès eine eigenständige französische Version des Historischen Materialismus. Sie verband das Bewusstsein von der weltgeschichtlichen Einzigartigkeit der Revolution mit ihrer Einordnung in das französische nationale Erbe. Zu dieser Richtung zählen neben Jaurès Albert Mathiez, Georges Lefèbvre und Albert Soboul. Nach Eberhard Schmitt trug diese Denkschule mehr zur Erforschung sowohl einzelner Phänomene als auch des Gesamtverlaufs bei als jede andere Gruppierung. Sie verfügte mit der Société des études robespierristes über eine eigene wissenschaftliche Vereinigung und mit den Annales historiques de la Révolution française über ein wichtiges Publikationsorgan.

Mathiez, Lefèbvre und Soboul deuteten die Revolution als Klassenkampf der Bourgeoisie gegen den Feudaladel, der im Sieg des modernen Kapitalismus mündete. Die Französische Revolution erschien damit als „Prototyp des revolutionären Weges dahin“. Den entscheidenden dynamischen Part schrieb diese Richtung jedoch nicht der Handelsbourgeoisie, sondern den Kleinproduzenten zu. Klerus und Adel hätten ihnen zuvor den Mehrgewinn abgenommen. Weil Mathiez und Lefèbvre den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen Vorrang gaben, bewirkten sie laut Pelzer in den 1920er und 1930er Jahren einen Paradigmenwechsel.

Die marxistisch-leninistische Interpretation beruhte auf nicht zusammenhängend entwickelten Aussagen von Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin und Stalin. Bis in die 1960er Jahre war sie fast ausschließlich in der Sowjetunion und im Ostblock verbreitet. Dort galt die Revolution als „französische bürgerliche Revolution des 18. Jahrhunderts“ und als Beispiel einer vollendeten bürgerlichen, demokratischen Revolution durch Klassenkampf.

Engels bewertete sie im Vergleich mit der Reformation und der Glorious Revolution als größte und erfolgreichste Erhebung des europäischen Bürgertums gegen den Feudalismus. Lenin schätzte besonders die Jakobinerherrschaft, weil sie die Volksmassen mobilisiert habe. Stalin konzentrierte sich auf die Volksrevolution und die revolutionären Kampfmethoden von 1792–1794. Überschneidungen mit der französischen sozialistischen Forschung gab es vor allem bei der jakobinischen zweiten Phase und der Rolle der Pariser Sansculotten. In der Geringschätzung oder Verurteilung von Rolle und Zielen des Bürgertums unterschied sich die marxistisch-leninistische Lesart jedoch deutlich von der französischen sozialistischen Interpretation.

Revisionismus und atlantische Revolutionen

Die strukturanalytisch-revisionistische Forschung strebte eine weltanschaulich unabhängige Interpretation an. Sie wollte quellengemäße Aussagen verbinden, Forschungslücken schließen und neue Methoden einsetzen. Untersucht wurden unter anderem soziale, wirtschaftliche, rechtliche, institutionelle und mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge sowie die Bedeutung politischer Begriffe.

Als Vorläufer gilt Alexis de Tocqueville mit L’Ancien Régime et la Révolution von 1856. Nach seiner Auffassung waren viele Entwicklungen, die gewöhnlich der Revolution zugeschrieben werden, bereits im Ancien Régime angelegt oder teilweise verwirklicht, besonders in der Verwaltung. Die Revolution brach für ihn nicht im wirtschaftlich schwächsten, sondern im ökonomisch fortgeschrittensten und politisch sensibelsten Land Europas aus. Nicht die Ideen der Revolution seien grundsätzlich falsch gewesen, sondern ihre Umsetzung.

Seit den 1950er Jahren wandte sich Alfred Cobban gegen die marxistisch-leninistische Deutung. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Manufaktur- und Handelsbourgeoisie, die eigentliche kapitalistische Klasse des Ancien Régime, in der Revolution kaum eine Rolle spielte und in den Nationalversammlungen nur schwach vertreten war. Auch den antifeudalen Charakter der Revolution stellte er infrage. Cobban untersuchte die soziale Herkunft der revolutionären Eliten sowie ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Detailforschungen von Lefèbvre und Soboul schätzte er, sah aber Widersprüche zwischen deren konkreter Quellenarbeit und ihren umfassenden marxistischen Schlussfolgerungen.

François Furet und Denis Richet legten 1965 mit La Révolution eine zusammenhängende revisionistische Neuinterpretation vor; die deutsche Ausgabe erschien 1981 als Die Französische Revolution. Sie bestritten besonders, dass die jakobinische Schreckensherrschaft überzeugend als notwendige Reaktion auf äußere und innere Bedrohungen gerechtfertigt werden könne. Ihrer Ansicht nach schoben sich drei Revolutionsbewegungen „teleskopartig“ ineinander: die bürgerlich-politische Bewegung der Nationalversammlung, die Bewegung der unteren städtischen Schichten und die der Bauern. Nur die erste habe bewusst fortschrittlich gehandelt. Die beiden anderen verbanden Vorstellungen von einer guten alten Zeit mit unklaren Zukunftserwartungen. Ihr Gegeneinander habe während der Jakobinerherrschaft das zeitweilige Entgleisen der Revolution begünstigt.

Robert R. Palmer und Jacques Godechot ordneten die Französische Revolution seit Mitte der 1950er Jahre in eine Epoche „atlantischer“ Revolutionen ein. Sie verglichen politische Konflikte beiderseits des Atlantiks zwischen 1763 und 1801: von Genf und den dreizehn amerikanischen Kolonien über Irland, die Niederlande, die Österreichischen Niederlande und Ungarn bis zu Polen, Italien, der Schweiz und dem linksrheinischen Deutschland. Gemeinsame Elemente waren Forderungen nach persönlicher Autonomie, Erhebungen des Adels und später des Bürgertums sowie begleitende Kriege. Im Kalten Krieg wurde diese Konzeption von marxistisch-leninistischen Historikern als ideologische Rechtfertigung des westlichen Verteidigungsbündnisses NATO kritisiert. Eberhard Schmitt hält die politischen Einwände für überholt, sieht aber weiterhin Forschungslücken. Als Arbeitshypothese habe die vergleichende Perspektive besonders viele Forschungen zur „demokratischen Internationalen“ angeregt.

Deutschsprachige Forschung und Entwicklungen nach 1989

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkten die marxistischen, revisionistischen und transatlantischen Deutungen auch in der deutschsprachigen Forschung. In der DDR war die marxistisch-leninistische Interpretation offiziell vorgegeben. Eine eigenständige und langfristige Forschung betrieb Walter Markov. Mit Unterstützung von Albert Soboul und Georges Lefèbvre erhielt er Zugang zu Pariser Archiven und veröffentlichte 1957 mit Soboul einen Dokumentenband über die Pariser Sansculotten. Sein vierteiliges Werk über Jacques Roux und die Enragés erschien 1966–1970. 1973 folgte eine gemeinsame Gesamtdarstellung mit Soboul, 1982 die zweibändige Darstellung und Quellensammlung Revolution im Zeugenstand 1789–1799. Die mehr als 200 Originalquellen enthalten neben Stimmen von Revolutionsakteuren auch solche von Royalisten, Adligen, Klerikern und Menschen aus dem Volk und ermöglichen ein eigenes Urteil.

In Westdeutschland wurde Eberhard Schmitt in den 1970er Jahren zu einem wichtigen Revolutionshistoriker. Für ihn war die Verfassungsrevolution im Sommer 1789 die Geburtsstunde der modernen parlamentarischen Demokratie. Er teilte im Wesentlichen den revisionistischen Ansatz von Furet und Richet, setzte sich aber zugleich für eine objektivere und internationale Forschung ein. Auf Kongressen 1975 in Göttingen und 1979 in Bamberg diskutierten Historiker aus mehreren Ländern über Ursachen, Forschungstendenzen und die Frage, ob die Revolution zufällig oder notwendig gewesen sei. Eine Annäherung der Standpunkte gelang nicht, doch wurde die Lagermentalität des Kalten Krieges durch wissenschaftliche Kommunikation teilweise aufgebrochen. Die ab 1979 in mehr als 50 Bänden erschienene Reihe Ancien Regime, Aufklärung und Revolution bot der bundesdeutschen Forschung ein bedeutendes Forum.

Ernst Schulin verband die Geschichte der Geschichtswissenschaft mit einer internationalen Perspektive. In seiner Geschichte der Französischen Revolution von 1988 hob er die Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789 und die Verfassung von 1791 als Meilensteine der Abkehr von Absolutismus und Feudalismus hervor. Die Revolutionskriege ab 1792 verbanden für ihn das Schicksal Frankreichs mit dem Europas. Seine Deutung vermittelt zwischen materialistischer und revisionistischer Forschung und betont den kosmopolitischen Charakter der Revolution.

Nach 1989 verlor die sozialistisch-marxistische Interpretation an Bedeutung. Zugleich gewannen revisionistische, konservative und gegenrevolutionäre Positionen erneut Aufmerksamkeit. François Furets Streitschrift Penser la Révolution française von 1978 hatte diese Entwicklung vorbereitet. Zum Jubiläum wurden die Gegensätze in zwei Nachschlagewerken sichtbar: 1989 erschien der von Albert Soboul, Jean-René Suratteau und François Gendron herausgegebene Dictionnaire historique de la Révolution française; 1988 veröffentlichten François Furet und Mona Ozouf den Dictionnaire critique de la Révolution française, der 1996 auf Deutsch als Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution erschien.

Danach trat der grundsätzliche Schulstreit zunehmend zurück. Michel Vovelle erforschte Mentalitätsgeschichte, Entchristianisierung und Mentalitätsbrüche. Neue Arbeiten widmeten sich Sprache, Kultur, Kunst, Wissenschaft, Justiz, Frauen sowie Biographien von Revolutions- und Gegenrevolutionsakteuren. Robert Darnton untersuchte anhand der Lesekultur die Verbreitung und Themen der Aufklärung und veränderte dadurch die Sicht auf die Ursachen. Auch die Sklavenrevolution in Sainte-Domingue fand stärkere Beachtung. Die Französische Revolution bleibt in Frankreich ein lebendiges Forschungsthema, hat aber seit der Zweihundertjahrfeier an Faszinationskraft verloren und im Lehrplan einen geringeren, als angemessen betrachteten Stellenwert.

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