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Kult der Vernunft
Der Kult der Vernunft (französisch Culte de la Raison) gehörte wie andere Revolutionskulte zu einem Ensemble zivilreligiöser Feste und Glaubensformen …
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Einordnung und Ziel
Der Kult der Vernunft (französisch Culte de la Raison) war ein Revolutionskult der Französischen Revolution. Er gehörte zu zivilreligiösen Festen und Glaubensformen, die Christentum, besonders den Katholizismus, aus der gesellschaftlich-politischen Mitte verdrängen sollten. Er gewann zwischen Herbst 1793 und Frühjahr 1794, getragen von sozialrevolutionären Gruppen, einen halboffiziellen Charakter.
Er ist vom Kult des höchsten Wesens zu unterscheiden. Dieser beruhte ebenfalls auf deistischen Überzeugungen, also der Vorstellung eines Gottes als Schöpfer, der nicht in die Welt eingreift. Der Kult der Vernunft war besonders mit der Entchristianisierung verbunden: Kirchen, religiöse Zeichen und Gottesdienste sollten durch republikanische, an abstrakten Werten ausgerichtete Formen ersetzt werden.
Vorstellungen des Kults
Der Kult der Vernunft ging aus der Skepsis der Aufklärung gegenüber überlieferten Glaubensbekenntnissen hervor. Vernunftgeleitetes Denken und Handeln sollte Aberglauben und Unlogisches aus der Religion entfernen. Wissenschaftliche Prüfung sollte eine rationalistische Frömmigkeit ermöglichen.
Das zugrunde liegende Weltbild verstand Gott, sofern seine Existenz nicht ganz verneint wurde, als immanentes Prinzip einer allgegenwärtigen Ordnung, die nach Naturgesetzen eingerichtet ist und funktioniert. Voltaire vertrat deistische Ansichten: Gott habe die natürliche Ordnung wie ein Uhrmacher geschaffen, greife aber nicht mehr ein. Seine Formel lautete « écrasez l’infâme » („Zerschlagt die abscheuliche [Kirche]“).
Nach Beginn der Revolution betrieben die antiklerikalen Jakobiner Jacques-René Hébert und Pierre Gaspard Chaumette eine entschiedene Politik gegen die etablierte Kirche. Sie hielten diese für das organisatorische Rückgrat der inneren und äußeren Konterrevolution. Unter den Hébertisten waren atheistische Überzeugungen verbreitet; sie standen damit im Gegensatz zu Maximilien de Robespierre und dessen Kult des höchsten Wesens. Im Kult der Vernunft wurde die Raison kultisch verehrt. Sie hatte den numinosen Charakter einer Funktionsgottheit; Gott galt als Demiurg, also als Schöpfer oder Gestalter der Welt. Der Kult stand damit dem Theismus des Katholizismus eindeutig entgegen.
Ausbreitung, Widerstand und Unterdrückung
Bereits bei den „Septembermorden“ 1792 und im Sommer 1793 kam es zu militanten Auftritten gegen die Kirche. Ab Herbst 1793 wurde die Entchristianisierung zu einer vor allem kleinbürgerlich getragenen Massenbewegung. Sie begann besonders in Provinzstädten südlich von Paris und in Lyon. Typische Erscheinungen waren karnevalsähnliche Umzüge mit Kirchengeräten, Entweihungen von Kirchen, Bilderstürme und Zeremonien für Revolutionsmärtyrer, die Gesandte des Nationalkonvents organisierten.
Die Bewegung erreichte rasch Paris. Im Oktober untersagte die Pariser commune alle öffentlichen religiösen Zeremonien. Zugleich wurden Revolutionsmärtyrer, besonders Jean-Paul Marat, volkstümlich verehrt. Um dem Bedürfnis nach einer „Ersatzgläubigkeit“ zu entsprechen, schufen die Hébertisten den Kult der Vernunft. Auf Chaumettes Veranlassung fand am 10. November 1793 das erste Fest zu Ehren der Vernunft in Notre-Dame statt. Die Kathedrale wurde zum „Tempel der Vernunft und der Freiheit“ umgewidmet. Am 23. November 1793 beschloss der Nationalkonvent, alle Gotteshäuser in Paris dem Kult zu entziehen, sie in Tempel der Vernunft umzuwandeln und an jedem décadi, dem zehnten Tag des Revolutionskalenders, ein Vernunftfest zu feiern. Staatliche und halbstaatliche Stellen verbreiteten diese Maßnahmen über weite Teile Frankreichs.
Der Kult stieß jedoch von Anfang an auf breiten Widerstand. Danton nannte die Veranstaltungen „antireligiöse Maskeraden“. Robespierre trat am 21. November 1793 im Jakobinerclub für die Freiheit der Religionsausübung ein. Er sah die Abschaffung der Gottesdienste auch als politischen Fehler an, weil sie emotionale Bedürfnisse missachte und Republikfeinde im In- und Ausland vermehre. Der Konvent versprach am 6. Dezember 1793, die freie Religionsausübung aufrechtzuerhalten; die Kirchen blieben dennoch zivilreligiöse Tempel. Erst nach Verfolgung und Hinrichtung der Hébertisten Ende März 1794 wurde auch der Kult der Vernunft unterdrückt.
Nachwirkungen
Elemente des Kults blieben im kurzlebigen Kult des höchsten Wesens und in der Religionspolitik bis zum Konkordat Napoleons mit der katholischen Kirche von 1801 erhalten. Die décadis sollten weiterhin staatstragenden Feiern gewidmet sein, nun jedoch Werten wie Wahrheit oder Gerechtigkeit statt der Vernunft.
Die amtliche Wiedereinführung des culte décadaire Ende Oktober 1795 blieb wenig wirksam und bestand nur bis 1800. Die offiziellen Feste verloren ihre Volkstümlichkeit und wurden eher als republikanische Pflichtübung wahrgenommen. Andere vorgeschlagene zivilreligiöse Kulte setzten sich nicht durch. Nur die deistische Theophilanthropie verbreitete sich von 1796 bis zu ihrem Verbot 1801/1803 in gewissem Umfang.
Die Idee einer vernunftgeleiteten Religion vertrat später auch der Frühsozialist Henri de Saint-Simon. Er sprach 1802 von einer newtonschen Religion und gab seiner auf Vernunft beruhenden Gesellschaftsphilosophie mit Nouveau Christianisme (deutsch Neues Christentum) von 1825 einen Namen. Isaac Newton war für rationalistische Weltbilder dieser Zeit wegen seiner Erkenntnisse zu Gravitation, Licht und Strom eine wichtige Symbolfigur.