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Geschichte griffbereit
Geschichte griffbereit ist ein mehrteiliges, universalgeschichtliches Nachschlagewerk des Historikers Imanuel Geiss, das seit 1979 in bisher drei Ausgaben …
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Überblick
Geschichte griffbereit ist ein mehrteiliges universalgeschichtliches Nachschlagewerk des Historikers Imanuel Geiss. Es erschien seit 1979 in bisher drei Ausgaben. Das Werk will weltgeschichtliches Wissen knapp, verständlich und systematisch zugänglich machen. Es richtet sich besonders an Laien, Einsteigerinnen und Einsteiger der Geschichtswissenschaft sowie an Leserinnen und Leser, die historische Fakten, Zusammenhänge und Begriffe nachschlagen oder vergleichend verstehen wollen.
Seine besondere Bedeutung liegt darin, dass es eine Lücke zwischen Schulgeschichtsbüchern und wissenschaftlichen Spezialwerken schließen sollte. Es ist weder nur ein Lexikon noch nur ein Handbuch, sondern nach Rolf-Ulrich Kunze eine Mischform aus beidem. Die Darstellung ist populärwissenschaftlich angelegt: Sie soll also wissenschaftlich fundiert sein, aber ohne vorausgesetztes Fachwissen verständlich bleiben.
Entstehung
Nach einer Anekdote von Imanuel Geiss entstand die Idee in den frühen 1970er Jahren an der Universität Bremen. Während einer Vorlesung betonte Geiss die Bedeutung historischen Faktenwissens. Daraufhin bat ihn ein Student spontan, die 100 wichtigsten Datumsangaben der Weltgeschichte aus dem Gedächtnis an die Tafel zu schreiben. Geiss kam nach eigener Aussage bis 99.
Diese Situation machte ihm bewusst, dass es im deutschsprachigen Raum damals kein geeignetes Nachschlagewerk für Laien und Anfängerinnen und Anfänger der Geschichtswissenschaft gab, das solche Angaben zufriedenstellend zusammenfasste. Deshalb entwickelte er die Idee, ein eigenes Werk zu erstellen. Es sollte nicht nur Daten enthalten, sondern auch die historische Bedeutung von Personen, Orten, Begriffen, Nationen und Epochen knapp, verständlich und umfassend darstellen.
Aufbau und Methode
Die Originalausgabe erschien um 1980 mit Unterstützung der Volkswagenstiftung im Rowohlt Verlag. Sie umfasst sechs Bände mit insgesamt rund 2.800 Seiten. Jeder Band kann für sich gelesen werden, ist aber zugleich mit den anderen Bänden verbunden. Dasselbe historische Ereignis kann in mehreren Dimensionen vorkommen: als Datum, als Einschnitt im Leben einer Person, als geografischer Ort, als Begriff, als Teil einer Nationalgeschichte oder als Epochenwende.
Band 1, Daten, behandelt die chronologische Dimension der Weltgeschichte und fasst Inhalte der folgenden Bände zeitlich zusammen. Band 2, Personen, enthält rund 1.500 biografische Skizzen der in Band 1 genannten Frauen und Männer. Band 3, Schauplätze, beschreibt die geschichtliche Bedeutung natürlicher Barrieren, Verkehrsachsen, Siedlungsräume und Städte. Band 4, Begriffe, erklärt geschichtswissenschaftliche Sachstichworte anhand historischer Beispiele. Band 5, Staaten, stellt weltgeschichtlich wichtige Nationalstaaten im Längsschnitt dar, also in ihrer Entwicklung über längere Zeit. Band 6, Epochen, ordnet die Inhalte der vorherigen Bände in größere Zusammenhänge, Strukturen und Prozesse von der Urgeschichte bis zur Gegenwart ein.
Die Bände sind nicht streng voneinander getrennt. Viele Sachverhalte erscheinen mehrfach, aber aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Stichworte sind weitgehend chronologisch geordnet, etwa bei Daten, Epochen und Personen. Auch in Bänden mit weniger offensichtlicher Chronologie wurde eine zeitliche Ordnung angestrebt. Im Band Staaten beginnt Geiss zum Beispiel mit frühen modernen Nationalstaaten in Europa, darunter Frankreich und Großbritannien, und verfolgt dann ihre globale und koloniale Verbreitung. Im Band Schauplätze werden Orte nach Schlüsseldaten eingeordnet, durch die sie weltgeschichtlich wichtig wurden, etwa Westindische Inseln (1492), Hambach (1832) oder Pearl Harbor (1941).
Die Auswahl der Stichworte folgte ihrer Funktion als Verbindung zwischen den Bänden. Ein Beispiel ist Rudi Dutschke, der in der zweiten Auflage des Personenbandes aufgenommen wurde, mit Bezug auf die westdeutschen Osterunruhen nach dem Attentat von 1968. Sein Lehrer und späterer väterlicher Freund Ernst Bloch wurde dagegen nicht aufgenommen. Auch Jesus von Nazaret fehlt, während Mohammed mit Bezug auf das islamische Berufungserlebnis von 610 enthalten ist.
Ziele und Grundsätze
Das Gesamtwerk folgt vier methodischen Prinzipien: nichts als bekannt voraussetzen, alles erklären, sich auf das Wesentliche konzentrieren und Wiederholung unter immer neuen Gesichtspunkten. Diese Prinzipien erklären, warum das Werk dieselben historischen Gegenstände mehrfach aufgreift: Wiederholung soll nicht bloß verdoppeln, sondern unterschiedliche Zugänge ermöglichen.
Mit seiner mehrdimensionalen Struktur wollte Geiss einseitige Geschichtsdeutungen vermeiden. Dazu gehörte für ihn zum Beispiel die Vernachlässigung einzelner Personen als historisch wirksame Akteure zugunsten rein kollektiver Faktoren. Eine weitere Einseitigkeit sah er in der Ablehnung des Nationalstaates aus der Perspektive der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Außerdem wollte er Germanozentrismus und Eurozentrismus überwinden, also eine zu starke Ausrichtung auf Deutschland beziehungsweise Europa. Das zeigt sich in der universalistischen Ausrichtung der Bände Daten und Epochen sowie in der globalen Anlage der Bände Schauplätze und Staaten.
Trotzdem bleibt das Werk nach der Darstellung des Artikels in einem westlichen Weltbild verhaftet. Der Grund ist, dass der „enzyklopädisch fassbare geschichtliche Gesamtdurchgang“ letztlich in die 500 Jahre dauernde europäische und nordamerikanische Vorherrschaft mündet. Außerdem wollte Geiss die starke Betonung neuerer Epochen gegenüber älteren Epochen ausgleichen.
Die letzte von Geiss selbst besorgte Neuausgabe erschien 2002 im Wissen Media Verlag, einer Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann. Geiss widmete sie seinem Lehrer Franz Schnabel. An der gleichnamigen Arbeitsstelle am Karlsruher Institut für Technologie wird eine postume Aktualisierung und Neuauflage bearbeitet.
Bewertung
Die Reaktionen auf Geschichte griffbereit waren insgesamt sehr anerkennend, enthielten aber auch Kritik. Rüdiger Bredthauer urteilte 1984 in einem Vergleich geschichtswissenschaftlicher Nachschlagewerke, dass die „universalen Zusammenhänge der Weltgeschichte konkurrenzlos souverän erhellt werden“. Besonders in der Würdigung außereuropäischer Geschichte sei das Werk vergleichbaren Nachschlagewerken weit überlegen.
Bredthauer teilte jedoch nicht Geiss’ Einschätzung, dass die Bände in beliebiger Reihenfolge gelesen werden könnten. Vor allem der Begriffsband sei wegen vieler Stichworte und Verweise zu komplex. Anders als bei alphabetisch aufgebauten Nachschlagewerken müsse das Wissen hier erst aufwändig zusammengeführt werden. Außerdem kritisierte er, dass die globale Perspektive so weit getrieben werde, dass die Geschichte der beiden deutschen Staaten zu knapp ausfalle. Auch seien viele Aspekte des Judentums sehr gut dokumentiert, aber eine zusammenhängende Darstellung der Judenverfolgung im Nationalsozialismus fehle abgesehen von verstreuten Hinweisen.
Obwohl das Werk anfangs in deutschsprachigen Fachorganen kaum besprochen wurde, entwickelte es sich innerhalb von rund 20 Jahren seit der Ersterscheinung zu einem Klassiker deutschsprachiger geschichtswissenschaftlicher Nachschlagewerke. Theodore H. von Laue nannte die zweite Auflage 1995 „a brilliant encyclopedia“, also eine hervorragende Enzyklopädie. Rolf-Ulrich Kunze sah in Geiss’ „Mut zur Synthese“ die Grundlage für ein Universalkompendium, „das auf dem Markt nicht seinesgleichen hat“. Nach Geiss’ Tod im Jahr 2012 wurde Geschichte griffbereit in kurzen Meldungen als besonders bekanntes und erinnerungswürdiges Werk hervorgehoben.
Ausgaben
Geschichte griffbereit erschien in drei wichtigen Ausgaben. Die erste Ausgabe wurde von Imanuel Geiss in sechs Softcover-Bänden beim Rowohlt-Taschenbuch-Verlag in Reinbek bei Hamburg veröffentlicht und erschien 1979–1983.
1994 erschien eine Ausgabe mit sechs Bänden plus Registerband, ebenfalls als Softcover im Schuber, beim Harenberg-Lexikon-Verlag in Dortmund. 2002 folgte eine erweiterte und überarbeitete Neuausgabe in sechs Hardcover-Bänden im Schuber beim Wissen-Media-Verlag in Gütersloh und München.