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Geschichte des Korantextes
Der Koran ist der Ursprung der islamischen Schriftkultur, seine Offenbarung, zwischen 610 und 632 n. Chr., wurde zunächst mündlich überliefert und nur teilweise …
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Gegenstand, Aufbau und zentrale Merkmale
Die Geschichte des Korantextes untersucht, wie der Koran zwischen der Verkündigung, der mündlichen und schriftlichen Überlieferung sowie der späteren Vereinheitlichung seine kanonische Gestalt erhielt. Die Offenbarungen werden auf die Jahre 610 bis 632 n. Chr. datiert. Anfangs wurden sie vor allem mündlich weitergegeben und nur teilweise schriftlich festgehalten. Der Koran wurde zum Ursprung der islamischen Schriftkultur; sein Hauptthema ist der tauḥīd, also der Glaube an die Einheit Gottes.
In seiner späteren kanonischen Form besteht der Koran nach kufischer Zählung aus etwa 6.236 Versen, den āyāt, und 114 Suren. Ihre Reihenfolge entspricht nicht der zeitlichen Reihenfolge der Offenbarung, sondern richtet sich nach überwiegender Auffassung weitgehend nach der Länge. Eine Ausnahme ist die einleitende Sure al-Fātiḥa. Bis auf die neunte Sure at-Tauba beginnt jede Sure mit der Basmala: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“.
Kennzeichnend ist ein rhythmischer, reim- und assonanzreicher Prosastil, der als saǧʿ bezeichnet wird. Assonanzen sind wiederkehrende Vokalklänge innerhalb von Sätzen. In der islamischen Tradition gilt der Koran wegen seiner Sprache, inhaltlichen Tiefe, Komposition und stilistischen Gestaltung als „unnachahmlich“; dafür steht der Begriff iʿǧāz.
Sammlung und Kanonisierung
Nach einer verbreiteten islamischen Überlieferung ließ der Kalif Abū Bakr kurz nach Mohammeds Tod im Jahr 632 n. Chr. beziehungsweise 11 n. H. erstmals Offenbarungen zu einem muṣḥaf, einem gebundenen oder zusammengefassten Korantext, sammeln. Verwendet wurden unter anderem Palmblätter, flache Steine, Knochenstücke, Lederriemen, Pergament und auswendig überlieferte Texte. Diese Sammlung sollte den Wortlaut sichern und ihn von den Hadithen, den sonstigen Überlieferungen über den Propheten, abgrenzen; sie war aber noch keine endgültige Kodifizierung.
Um 650 n. Chr. veranlasste der Kalif Uthman ibn Affan eine maßgebliche Vereinheitlichung, die sogenannte ʿUthmānische Rezension. Sie sollte regionale Dialekte und unterschiedliche Lesarten zurückdrängen. Nach der Überlieferung musste ein Vers grundsätzlich von mindestens zwei vertrauenswürdigen Personen bestätigt werden, die ihn unmittelbar von Mohammed gehört hatten. Nur sechs Verse sollen allein durch Zaid ibn Thabit bezeugt worden sein. Der Text wurde im quraischitischen Dialekt festgelegt; autorisierte Exemplare gingen unter anderem nach Medina, Mekka, Kufa, Basra und Damaskus. Abweichende und private Fassungen sollten eingesammelt und vernichtet werden, was bei manchen Huffaz, den Auswendigkennern des Korans, auf Widerstand stieß.
Standardisiert wurde zunächst nur das rasm, das Konsonantengerüst der arabischen Schrift. Es enthielt weder kurze Vokale noch eindeutige Punkte zur Unterscheidung ähnlich geschriebener Konsonanten. Diakritische Punkte und Vokalzeichen kamen erst später hinzu. Deshalb entwickelten sich mehrere qirāʾāt, also über Überlieferungsketten weitergegebene Lesarten. Sie unterscheiden sich in Aussprache, Grammatik und teilweise in der Bedeutung einzelner Wörter, beruhen aber auf demselben rasm. Die islamische Orthodoxie erkennt heute zehn kanonische Lesarten an; daneben gab es zahlreiche später verworfene Varianten.
Unter dem umayyadischen Kalifen ʿAbd al-Malik b. Marwān, der von 685 bis 705 beziehungsweise 65 bis 86 AH regierte, folgte eine weitere, politisch bedeutsame Phase der Vereinheitlichung. Die Quellen widersprechen sich allerdings darüber, ob bereits Abū Bakr, erst ʿUmar ibn al-Chattāb oder sogar Uthman die entscheidende erste Sammlung veranlasste.
Handschriften, Varianten und heutiger Standardtext
Die Berichte über die frühe Sammlung sind nicht eindeutig und gelten teilweise als tendenziös. Eine wichtige Rolle spielt ein Koranexemplar Ḥafṣas, einer Tochter ʿUmars. Neben Uthmans offizieller Fassung soll es mindestens vier abweichende Sammlungen gegeben haben. Das Exemplar ʿAbdallāh ibn Masʿūds habe nach muslimischer Überlieferung die Suren 1, 113 und 114 nicht enthalten und die Suren anders angeordnet. Ubayy ibn Kaʿbs Fassung soll zwei zusätzliche Suren enthalten haben, Surat al-Khalʿ und Surat al-Hafd, gemeinsam auch Sūratu l-qunūt genannt; ihre ersten erhaltenen Textzeugnisse stammen jedoch erst aus dem 16. Jahrhundert. Im 9. Jahrhundert wurde die Verwendung der auf Ubayys Sammlung beruhenden Lesungen verboten.
Die Handschriften im Topkapi-Museum in Istanbul und in Taschkent gelten in der historischen Forschung nicht als erhaltene Originalexemplare der Edition Uthmans. 1972 gefundene Pergamentfragmente aus Sanaa, die um 710 entstanden sein sollen, zeigen orthographische Abweichungen im rasm und eine andere Surenfolge. Sehr alte Fragmente in hidschazischer māʾil-Schrift befinden sich ebenfalls in Sanaa; ein Fragment mit 176 Blättern wird in der British Library unter der Nummer Or.2165 aufbewahrt.
Besonders wichtig ist das Sanaa-Palimpsest. Ein Palimpsest ist ein wiederverwendetes Schreibmaterial, dessen ältere Schrift abgeschabt oder überschrieben wurde. Bei Renovierungsarbeiten in der Großen Moschee von Sanaa fand man ein Manuskript mit einer älteren, überschriebenen Textschicht. Diese wurde durch Laser-Scanning-Mikroskopie sichtbar gemacht. Eine C14-Datierung datierte das Pergament auf etwa 670 n. Chr. Die ältere Schicht weist Textvarianten auf; zugleich scheint der Fund die Annahme einer sehr späten Koranniederschrift zu widerlegen. Insgesamt deuten solche Handschriften darauf hin, dass nach der ʿUthmānischen Redaktion noch kleinere redaktionelle Entwicklungen und eine längere Phase der Textkonsolidierung möglich waren.
Die meisten heutigen Koranausgaben beruhen auf einer Edition der al-Azhar-Universität von 1923/24. Sie machte einen bestimmten Konsonantentext und eine einzelne Lesart faktisch verbindlich, obwohl ältere muslimische Werke zahlreiche anerkannte Varianten dokumentieren. Die handschriftlichen Grundlagen dieser Ausgabe sind unbekannt.
Chronologie der Offenbarungen
Bereits muslimische Gelehrte des 8. Jahrhunderts verbanden Verse mit Ereignissen aus Mohammeds Leben und unterschieden frühe mekkanische von späteren medinischen Offenbarungen. Da die heutige Surenfolge nicht chronologisch ist, stehen viele frühe Suren am Ende und zahlreiche späte Suren am Anfang des Korans. Einzelne Suren bestehen zudem nicht notwendig aus Texten nur einer Zeit; frühere oder spätere Passagen können eingefügt worden sein. Als sicheres Kennzeichen medinischer Verse gilt die Anrede „O ihr, die ihr den Glauben angenommen habt“.
Mekkanische Texte aus der Zeit von etwa 610 bis 622 n. Chr., also vor der Hiǧra, enthalten meist kurze, poetische und eindringliche Verse. Sie behandeln Gottes Einheit und Allmacht, Dankbarkeit, das Jüngste Gericht, Prophetengeschichten und die Ablehnung des Polytheismus. Medinische Texte aus der Zeit von etwa 622 bis 632 sind häufig länger und prosaischer. Sie richten sich an die entstehende muslimische Gemeinschaft und behandeln religiöse Pflichten, soziale, wirtschaftliche und politische Regeln, militärische Auseinandersetzungen, die „Leute des Buches“, Heuchler sowie den Dschihad und seine Regeln. Die im Artikel genannte Verteilung von etwa 19 der 30 Korankapitel auf mekkanische und 11 auf medinische Suren bezieht sich offenbar auf eine Einteilung in dreißig Teile, während der Koran insgesamt 114 Suren besitzt.
Theodor Nöldeke entwickelte 1860 auf Grundlage muslimischer Vorarbeiten und Arbeiten Gustav Weils eine einflussreiche Chronologie. Er ordnete 24 Suren der medinischen Zeit zu und teilte die übrigen in drei mekkanische Perioden. Frühmekkanische Suren besitzen kühne Bilder, kurze rhythmische Reime und häufig Schwüre am Anfang. In der mittelmekkanischen Zeit werden die Verse länger und der Gottesname ar-Raḥmān gebräuchlich. Spätmekkanische Verse sind noch länger und zunehmend prosaisch. Diese Chronologie wird in der westlichen Islamwissenschaft weitgehend als zuverlässig angesehen. Angelika Neuwirth stellte für die mittelmekkanische Zeit zusätzlich Gleichnisreden und Parabeln als neue homiletische, also predigtartige Elemente heraus.
Im Projekt Corpus Coranicum verfeinerte Nicolai Sinai die frühmekkanische Periode nach „struktureller Komplexität“. Gruppe I umfasst Suren mit 4 bis 11 Versen und hoher innerer Geschlossenheit. Gruppe II enthält 15 bis 25 Verse und mehrere thematische Einheiten. Gruppe III erreicht bis zu 40 Verse und ist stärker gegliedert; in IIIa bleiben die Verse silbenarm, während IIIb deutlich längere Verse besitzt. Sinai versteht die Gruppen als chronologisch aufeinanderfolgende Stufen. Julius Wellhausen vermutete außerdem Parallelen zwischen mekkanischen Prophetengeschichten und der jüdischen Haggada, einer Sammlung ergänzender biblischer Erzählungen; er erklärte sie hypothetisch durch Mohammeds Kontakt mit jüdischen Gemeinden.
Historisch-kritische Forschung
Die historisch-kritische Forschung untersucht den Koran als geschichtlich entstandenen Text anhand früher Handschriften, Überlieferungsvarianten, sprachlicher Merkmale und zeitgenössischer religiöser Texte. Die Erstellung eines textus receptus aus frühen Handschriften mit einem textkritischen Apparat, der sämtliche Varianten verzeichnet, wird in der islamischen Welt laut Artikel strikt abgelehnt. Gotthelf Bergsträsser, Arthur Jeffery und Otto Pretzl begannen entsprechende Arbeiten in den 1920er und 1930er Jahren, vollendeten sie jedoch wegen des Todes Bergsträssers und Pretzls nicht. Abdelmajid Charfi veröffentlichte 2016 eine historisch-kritische Ausgabe, die als wissenschaftliches Novum in der muslimischen Welt bezeichnet wurde.
Seit 2007 erarbeitet die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften im Projekt Corpus Coranicum eine Textdokumentation und einen historisch-kritischen Kommentar. Der Koran wird dabei als Text der Spätantike mit Umwelttexten verglichen, um Spuren älterer Traditionen zu untersuchen.
Einzelne Forschungsansätze sind umstritten. Günter Lüling nahm einen christlichen Urkoran in Strophendichtung an. John Wansbrough vermutete einen längeren Entstehungsprozess, in dem frühe Zeugnisse zunächst nur „koranisches Material“ und noch keinen fertigen Koran erkennen ließen. Ibn Warraq, Karl-Heinz Ohlig und Yehuda Nevo vertreten ebenfalls Modelle einer längeren Zusammenstellung aus unterschiedlichen Quellen. Christoph Luxenberg argumentierte 2002 in Die syro-aramäische Leseart des Koran, dass Teile auf einer syro-aramäischen Vorlage beruhten und christliche Elemente enthielten; diese These ist in der Forschung umstritten. Unabhängig davon nennt der Artikel syro-aramäische Lehnwörter wie furqan, sirat, zakat und rahman als Zeichen sprachlicher Kontakte.
2019 veröffentlichte eine Gruppe von 30 Wissenschaftlern unter der Leitung von Guillaume Dye und Mohammad Ali Amir-Moezzi in Frankreich den dreibändigen Coran des historiens. Die Ausgabe versucht, den Koran historisch zu kontextualisieren und dadurch auch innere Widersprüche zu erklären. Die verschiedenen Positionen zeigen, dass zwar meist eine grundlegende ʿUthmānische Edition angenommen wird, Umfang, Zeitpunkt und Verlauf der vorherigen und nachfolgenden Textentwicklung aber weiterhin erforscht und teilweise kontrovers beurteilt werden.