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Geschichte des Judentums im Irak
Die Geschichte der Juden im Irak ist seit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft ca. 586 v. Chr. dokumentiert. Als babylonisches Judentum war das irakische …
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Bedeutung und frühe Entwicklung
Irakische Juden sind im Irak geborene Juden oder Juden, die dem irakischen Kulturerbe entstammen. Ihre Geschichte ist seit der babylonischen Gefangenschaft um 586 v. Chr. dokumentiert. Das babylonische Judentum war die älteste und religionsgeschichtlich besonders bedeutsame Gemeinschaft der jüdischen Diaspora. In Babylonien, das weitgehend dem heutigen Irak entspricht, entstand der Babylonische Talmud.
Die Bibel bezeichnet Babylon und Babylonien nicht immer eindeutig; auch „Sinear“ und in nachexilischer Literatur „Chaldäa“ kommen vor. Sie verbindet die Region unter anderem mit Babel, Erech, Akkad und Kalne sowie mit dem Turmbau zu Babel. In den Geschichtsbüchern stehen vor allem Kontakte zu babylonischen Herrschern wie Merodach-Baladan und Nebukadnezar im Mittelpunkt. Das Buch Jeremia ist wichtig für die Rekonstruktion babylonischer Geschichte, weil die Inschriften Nebukadnezars fast nur Bauwerke behandeln.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. ließ Nebukadnezar II. Juden aus Juda dreimal nach Babylon deportieren. Die erste Verbannung erfolgte 597 v. Chr. unter Jojachin nach einer Tributverweigerung; dabei wurde der Tempel teilweise geplündert und ein Teil der Oberschicht deportiert. Nach einem Aufstand unter Zedekia wurde Jerusalem elf Jahre später zerstört und erneut deportiert. Jeremia erwähnt eine dritte Gefangenschaft 537 v. Chr. Nach dem Sturz Babylons durch die Perser erlaubte Cyrus angeblich vierzigtausend Juden die Rückkehr. Esra gehörte zur babylonischen Gemeinde; seine Rückkehr nach Judäa leitete bedeutende Veränderungen im Gottesdienst ein.
Die Quellen zum jüdischen Exilleben sind spärlich. Angaben der „Kleinen Chronik“ über eine ununterbrochene Reihe von Exilarchen – weltlichen Oberhäuptern der Gemeinde – bis zu König Jojachin gelten teilweise als legendär. Sicher ist laut Artikel, dass Nachkommen des davidischen Hauses in Babylonien eine hohe Stellung hatten.
Griechische und parthische Herrschaft
Durch Alexanders Feldzug gelangten genauere Nachrichten über orientalische Juden in den Westen. Für die Herrschaft Seleukos Nikators ab 312 v. Chr. entstand für Juden und Syrer die Minjan sheṭarot, die „Ära der Verträge“, eine Zeitrechnung, die später auch die Parther übernahmen. Antiochos III. siedelte viele babylonische Juden als Kolonisten in westliche Gebiete um. Mithridates (174–136) unterwarf 160 v. Chr. Babylonien; damit gerieten die Juden für vier Jahrhunderte unter parthische Herrschaft.
Jüdische Quellen nennen kaum parthischen Einfluss. Religiös blieb die Diaspora von Palästina abhängig und richtete Wallfahrten weiter nach Jerusalem aus. Zugleich deuten der jüdische Räuberstaat in Nehardea und die Konversion des Königs von Adiabene zum Judentum auf Toleranz, aber auch Schwäche der parthischen Herrscher hin.
Nach der Zerstörung Jerusalems stieg die Zahl der Juden in Babylonien durch Einwanderung stark an; nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands kamen weitere Flüchtlinge. Babylonien wurde dadurch zu einem maßgeblichen Bollwerk des Judentums. Die parthischen Könige verliehen den Exilfürsten, den Resch Galuta, offenbar eine reguläre Prinzenwürde. Damit erhielt die jüdische Gemeinschaft eine zentrale Behörde, die ihre inneren Angelegenheiten sichern sollte.
Akademien, Talmud und Sassaniden
Nach der Zerstörung Jerusalems war Babylon über mehr als tausend Jahre ein intellektuelles Zentrum der jüdischen Welt. Abba Arikha, Rab genannt, kehrte 219 n. Chr. aus Judäa nach Babylonien zurück und gründete neben der Akademie seines Freundes Samuel in Nehardea die Akademie von Sura. Später wurde die Schule von Nehardea nach Pumbedita, dem heutigen Falludscha, verlegt. Beide Akademien wurden dauerhafte Institutionen; ihre Lehrentscheidungen galten in der Diaspora als maßgeblich.
Ihr Schlüsselwerk war der Babylonische Talmud. Mischna und babylonische Gemara bilden zusammen den Talmud Bavli. Die Gemara ist der Auslegungsteil zur Mischna. Die Bearbeitung begann laut Artikel um 550 durch Rav Aschi und Rabina. Die Savoraim oder Rabbanan Savoraei, nach-talmudische Rabbiner, führten die Redaktion etwa 250 Jahre fort; der Text erhielt größtenteils um 700 seine endgültige Form. Die Akademien bestanden bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts: Pumbedita schloss nach der Ermordung seines Oberrabbiners 1038, Sura bald darauf.
Unter den Sassaniden, deren Dynastie Ardaschir I. 226 begründete, war der Zoroastrismus Staatsreligion und abweichende Gruppen wurden vielfach unterdrückt. Dennoch gab es unterschiedliche Phasen: Schapur I. war den Juden gewogen; seine Freundschaft mit Shmuel brachte Vergünstigungen. Schapur II. soll wegen seiner angeblich jüdischen Mutter religiöse Freiheiten gewährt haben und war mit dem Talmudgelehrten Raba befreundet. Auf zeitweilige Verfolgungen folgten längere Zeiten, in denen jüdisches Leben gedieh. Im 7. Jahrhundert nahm der Druck zu, weshalb viele Juden die arabische Eroberung 632–634 begrüßten.
Islamische, mongolische und osmanische Zeit
Nach den arabischen Eroberungen der 630er Jahre mussten Juden wie Christen und Zoroastrier die Kopfsteuer Dschizya und die Immobiliensteuer Kharaj zahlen. Zugleich blieben Babylonien und seine Institutionen, das Exilarchat sowie das Gaonat der Akademieleiter, für die gesamte Diaspora ein wichtiges Zentrum. Unter den Abbasiden profitierten Juden von der arabischen Kultur und wirkten unter anderem bei Übersetzungen griechischer und lateinischer Autoren mit, besonders am Haus der Weisheit in Bagdad. Sie beschäftigten sich auch mit Kalam, religiös-philosophischen Studien.
Die Lage schwankte stark. Umar II. (717–720) untersagte Neubauten von Kirchen, Synagogen und Feuertempeln. Al-Mutawakkil zwang Juden und andere Nichtmuslime zu Kennzeichen auf der Kleidung, beschlagnahmte Kultstätten, schloss sie aus öffentlichen Ämtern aus und verlangte den Zehnten des Hauswertes. Unter der Mongolenherrschaft nach der Eroberung Bagdads 1258 waren Priester aller Religionen von der Kopfsteuer befreit; einzelne Herrscher begünstigten Juden, andere verschlechterten ihre Lage. Nach der Islamisierung durch Ghazan wurden Juden Bürger zweiter Klasse. Timurs Eroberungen und Verwüstungen ab 1393 zerstörten jüdische Orte, die Widerstand leisteten. Viele Gemeinden wurden vernichtet oder vertrieben; die spätere Gemeinde bestand überwiegend aus Neueinwanderern, besonders aus Aleppo. Daher bestand laut Artikel keine kontinuierliche Verbindung zur babylonisch-talmudischen und geonischen Tradition.
Die osmanische Eroberung Bagdads 1534 verbesserte die Lebensbedingungen. Nach der türkischen Wiedereroberung 1638 wurde „Jom Nes“, der Tag des Wunders, ein Feiertag. Die Pest von 1743 tötete in Bagdad zahlreiche Juden und alle Rabbiner. Die Berufung von Rabbi Sadka Bekhor Hussein aus Aleppo verstärkte die Angleichung an die sephardische Observanz. Im 19. Jahrhundert verschlechterte sich die Lage bei schwächerer Zentralherrschaft, doch die Bevölkerung wuchs: 1884 lebten 30.000 Juden in Bagdad, 1900 50.000 – mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung.
Jüdisches Leben und Verfolgung im modernen Irak
Während der britischen Besatzung ab 1918, der Mandatszeit 1920–1932 und nach der Unabhängigkeit spielten gut ausgebildete Juden eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Sassoon Eskell war erster irakischer Finanzminister. Juden wirkten im Justiz- und Postwesen, im Parlament, in der Verwaltung und im Handel; 1947 waren 10 von 19 Mitgliedern der Bagdader Handelskammer Juden. In den 1940er Jahren lebten etwa 135.000 Juden im Irak, rund 3 Prozent der Bevölkerung: etwa 90.000 in Bagdad, 10.000 in Basra und die übrigen in kleineren Orten.
Seit den 1930er Jahren nahmen antizionistische Demonstrationen sowie diskriminierende Maßnahmen gegen Juden zu. Nach dem Putsch Raschid Ali al-Gailanis und der Kapitulation Bagdads am 31. Mai 1941 kam es zum Farhud, einem Pogrom am folgenden Tag und dem Tag danach. Dabei wurden 180 Juden getötet; manche Quellen nennen bis zu 600. Viele wurden verletzt oder vergewaltigt, Eigentum wurde geplündert. Auch viele Nichtjuden wurden getötet oder verletzt.
1948 verschärfte der Staat unter Kriegsrecht die Strafen für Zionismus, entließ Juden erneut aus dem öffentlichen Dienst, führte Quoten an Hochschulen ein und boykottierte jüdische Geschäfte. Shafiq Ades, ein bedeutender nichtzionistischer jüdischer Händler, wurde wegen angeblichen Handels mit Israel hingerichtet. Diese Maßnahmen sowie öffentliche antisemitische Äußerungen verstärkten Angst und Unsicherheit.
Auswanderung und kleine Restgemeinde
Ab 1949 wurden monatlich etwa 1000 Juden über unkontrollierbare Grenzen aus dem Irak geschmuggelt. Im März 1950 erlaubte ein Gesetz die Emigration für ein Jahr, wenn Juden ihre irakische Staatsbürgerschaft aufgaben. Bis Ende 1950 verließen 60.000 Juden das Land. Nach einer Verlängerung des Gesetzes fror die Regierung das Vermögen ausreisender Juden ein, auch das bereits Ausgereister. Bombenanschläge ab April, darunter ein Anschlag auf die Masuda-Schemtob-Synagoge, beschleunigten die Abwanderung. In der Luftbrücke „Operation Esra und Nehemia“ wurden rund 107.603 Juden über Iran und Zypern nach Israel geflogen.
Die Urheberschaft der Anschläge ist umstritten. Das irakische Regime beschuldigte zionistische Agenten; drei Mitglieder des zionistischen Untergrunds wurden angeklagt, zwei zum Tod verurteilt. Eine israelische Geheimuntersuchung von 1960 fand laut Artikel keine Hinweise auf israelische Urheberschaft. Der Historiker Moshe Gat sieht nur eine schwache direkte Verbindung zwischen Anschlägen und Exodus und hält die Urheberschaft offen; als wahrscheinliche Täter nennt er Mitglieder der antijüdischen Istiqlal-Partei. Yehuda Tager erklärte später, Yosef Beit-Halahmi habe kleinere Anschläge auf eigene Faust inszeniert.
Nach der Operation blieben zunächst etwa 10.000 Juden; unter Abd al-Karim Qasim verbesserten sich die Bedingungen. Unter den Brüdern Aref und der Baʿth-Partei stieg der Antisemitismus wieder. 1969 wurden vierzehn Iraker öffentlich gehängt, darunter neun wegen angeblicher Spionage für Israel beschuldigte Juden. Bis 2004 lebten weniger als 100 Juden im Irak. Für 2008 wurden für Bagdad sieben oder acht Personen geschätzt; 2006 zählte die Gemeinde laut Rabbi Emad Levy etwa zwölf Mitglieder.