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Esra (Person)
Esra (hebräisch עֶזְרָא 'æzrāʾ) war nach der Erzählung des Alten Testaments ein levitischer Beamter, Priester und Nachkomme des ersten Hohepriesters …
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Esra: Priester, Schreiber und Reformer
Esra ist nach der alttestamentlichen Erzählung ein levitischer persischer Beamter, Priester und Nachkomme Aarons, des ersten Hohepriesters. Er wirkte nach dem Babylonischen Exil im persischen Weltreich. Seine zentrale Aufgabe war, die Kultusgemeinde in Jerusalem und Juda neu zu ordnen und die Tora, die Weisung des Mose, als verbindliche schriftliche Ordnung durchzusetzen.
Er wird erstmals in Esr 7,6 EU als sōp̄ēr, also „Schreiber“, bezeichnet. Damit ist zunächst ein Schreiber oder Sekretär gemeint, nicht ohne Weiteres der spätere neutestamentliche Berufsstand des Schriftgelehrten. Neu ist die Verbindung dieses Berufs mit der besonderen Kenntnis der Weisung des Mose. Esr 7,1–5 EU führt seinen Stammbaum auf Aaron zurück. Zwischen Seraja, der 586 v. Chr. hingerichtet wurde, und Esras frühestem Auftreten ab 458 v. Chr. besteht allerdings eine Lücke; die Genealogie soll offenbar die Kontinuität zum Priestertum des ersten Tempels und eine Parallele zu Mose hervorheben.
Nach Esr 7,12–26 EU beauftragte König Artaxerxes Esra, das „Gesetz des Himmelsgottes“ in Jerusalem und Juda in Kraft zu setzen. Sein Titel „Schreiber des Gesetzes des Himmelsgottes“ ist dabei ein persischer Beamtentitel. Die Historizität des Kyros-Edikts gilt als unbezweifelt; sein Inhalt entsprach aber wohl nicht vollständig den Esra zugeschriebenen Taten.
Rückkehr, Tora und Konflikte
Esra organisierte einen Zug von ungefähr 5000 erwachsenen Rückkehrern aus Babylonien nach Israel. Er beschaffte beim persischen Großkönig Mittel für die Ausstattung des Tempels und Steuerfreiheit für das Kultpersonal. Dass die aus Babylonien stammenden Judäer einen Priester mit persischer Vollmacht entsandten, wird als Zeichen ihres Misstrauens gegenüber der bisherigen Jerusalemer Tempelverwaltung und der problematischen religiösen und gesellschaftlichen Lage gedeutet. Reformen durch Esra und Nehemia im Auftrag der persischen Oberhoheit gelten als historisch sehr plausibel.
Esr 9–10 EU berichtet im Zusammenhang mit einer großen Bußzeremonie von einem radikalen Vorgehen gegen Mischehen zwischen Judäern und Nicht-Judäern, bis hin zu Ehescheidungen. Neh 8 EU schildert die feierliche Verlesung der Tora. Zwischen beiden Ereignissen entsteht eine zeitliche Differenz: 13 Jahre, wenn die Lesung erst nach Nehemias Ankunft stattfand, oder ein Dreivierteljahr, wenn sie unmittelbar an Esr 9–10 anschließt.
Der Wechsel zwischen Ich-Bericht in Esr 7,27–9,15 und Er-Bericht in Esr 7,1–11; 10; Neh 8f wird teils als Hinweis auf eine von Esra verfasste Denkschrift verstanden, die später bearbeitet wurde; andere Forschende sehen eine literarische Gestaltung. Neben diesem Esra nennt das Alte Testament noch einen Priester und Heimkehrer unter Serubbabel sowie einen Sänger in einem Dankchor, der möglicherweise mit diesem Priester identisch ist.
Historische Bedeutung und das Gesetz
Ein historischer Hintergrund der Esra-Erzählung ist wahrscheinlich, weil wunderhafte Züge fehlen und die geschilderten Verhältnisse zur Zeit passen. Die Erzählung beschreibt eine entscheidende Phase bei der Neukonstituierung eines nachexilischen Israel. Esras Wirken dauerte vermutlich zwei Jahre. Sein Auftrag wurde offenbar nur teilweise umgesetzt; als mögliche Gründe gelten begrenzter Erfolg und Widerstand einflussreicher Jerusalemer Kreise. In der lückenhaften Hohepriesterliste Neh 12,10 f EU fehlt er, obwohl ihn die Denkschrift als Hohepriester darstellt.
Klassisch wird Esras Tätigkeit auf 458 v. Chr. unter Artaxerxes I. und vor Nehemias Eintreffen datiert. Eine Datierung auf 398 v. Chr., in das 7. Jahr Artaxerxes’ II. und nach Nehemia, wird zwar von einigen Fachleuten vertreten, erscheint dem Artikel aber wenig logisch. Der von Esra organisierte Zug war wahrscheinlich die einzige systematische Rückführung von Judäern aus Babylonien; die früheren Züge unter Scheschbazar und Serubbabel waren vermutlich nur kleine Gefolge. Seine Ordnung als zweiter Exodus umfasste Priester, Leviten und zwölf Laienverbände.
Umstritten ist, welches Gesetz Esra in Neh 8 EU las. Die überraschte Reaktion der Zuhörer kann darauf hindeuten, dass ein in Babylonien zusammengestelltes schriftliches Dokument erstmals als gültiges Gesetz in Juda eingeführt wurde und eine Grundlage des nachexilischen AT-Kanons bildete. Häufig wird darin ein Grundbestand von Priesterschrift und Heiligkeitsgesetz gesehen; seltener wird eine Vorform des Deuteronomiums vermutet. Gegen eine einfache Gleichsetzung mit den bekannten Toragesetzen sprechen abweichende Regelungen, Riten und möglicherweise ein anderer Monatsbeginn. Offen bleibt daher, ob Esra seine Schriftrolle charismatisch auslegte oder eine andere Textfassung benutzte. Die Lesung in Neh 8 EU ist keine Ätiologie, also keine Ursprungserzählung, des Synagogengottesdienstes: Sie fand im Freien statt, der Priester hatte die entscheidende Rolle, und Frauen sowie Kinder waren beteiligt.
Esra als Idealfigur im Judentum
Das Esra-Nehemia-Buch zeichnet Esra als Idealgestalt: mit makelloser, auf Aaron zurückgeführter Abstammung, als Erforscher und Lehrer der Tora, als gottvertrauenden Mann ohne militärische Eskorte und als Förderer der Tempelausstattung. Apokryphe Esrabücher verstärken dieses Bild. 3. Esra nennt ihn Vorleser, griechisch anagnōstēs, und Hohepriester, griechisch archiereús. Besonders das 4. Esrabuch stellt ihn als „zweiten Mose“ und beispielhaften Beter dar. Dort schreibt er 94 heilige jüdische Bücher und heißt „der Schreiber der Wissenschaft des Höchsten in Ewigkeit“.
Diese Aussagen erinnern an Henoch, der nach Gen 5,24 EU entrückt wurde. Eine ausdrückliche Gleichsetzung Esras mit Henoch ist jedoch in keinem apokryphen Text belegt. Die Vermutung, bestimmte jüdische Gruppen hätten Esra als Sohn Gottes verehrt, ist historisch und archäologisch nicht belegt.
Auch der Babylonische Talmud bezeichnet Esra als „zweiten Mose“. Rabbi Jose erklärt, Esra sei würdig gewesen, die Tora zu empfangen, wenn Mose ihm nicht zuvorgekommen wäre. Für die rabbinische Literatur steht Esras Heimkehr für den Übergang von biblischer zu rabbinischer Zeit. Neben Mose wird nur Esra mit schriftlicher und mündlicher Tora verbunden. Ihm wird zugeschrieben, die Tora in der vorliegenden Form in aramäischer Quadratschrift verständlich gemacht zu haben. Er verbindet zudem die drei zentralen Themen Tora, Tempel und Land. Die Rabbinen sahen sich als Fortsetzer seiner Arbeit des Abschreibens, Erklärens, Überlieferns und Anpassens der Tora.
Christliche, islamische und künstlerische Überlieferung
In der frühen Kirche spielte Esra zunächst keine besondere Rolle: Weder das Neue Testament noch die Apostolischen Väter nennen ihn. Irenäus berichtet in Adversus haereses 3,21,2, Gott habe den Priester Esra nach der babylonischen Gefangenschaft inspiriert, die Worte der Propheten erneut aufzuschreiben und das mosaische Gesetz wiederherzustellen. In der christlichen Literatur erscheint er dadurch vor allem als Erneuerer des Gesetzes. Origenes nutzt ihn zur Zeitbestimmung der Wiederherstellung des Tempels; Hieronymus nennt Mose als Autor und Esra als „instaurator“ des Pentateuch.
Im Koran könnte sich der spät-medinische Vers Sure 9, Vers 30 auf Esra beziehen: „Die Juden sagen: ‚'Uzair ist Allahs Sohn‘“. Viele Korangelehrte identifizieren 'Uzair mit dem biblischen Esra; andere vorgeschlagene Identifikationen, etwa mit Osiris oder dem Engelswesen Uzail-Azael, wurden zurückgewiesen. Der Vers und ein Hadith in Sahīh al-Buchārī werden unterschiedlich ausgelegt. Sie können alle Juden oder nur bestimmte Gruppen meinen; die koranische Formulierung klärt dies nicht ausdrücklich. Für Rabbiner der talmudischen Zeit, mittelalterliche jüdische Philosophen und praktisch das gesamte Judentum seit dem 19. Jahrhundert lässt sich ein solcher binitarischer Monotheismus zurückweisen. Ob es örtlich und zeitlich begrenzte abweichende Strömungen gab, bleibt möglich, aber die behauptete Gruppe al-Mu'tamaniyyah ist historisch stark zweifelhaft.
Ein Fresko aus der Synagoge von Dura Europos aus dem 3. Jh. zeigt möglicherweise Esra mit geöffneter Schriftrolle; die Identifizierung bleibt unsicher. Christliche Darstellungen finden sich besonders in der Buchmalerei, etwa im Codex Amiatinus und in Gunda Gunde 151. Dort erscheint Esra meist als Gelehrter in einer Bibliothek oder als Redner vor Zuhörern.