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Geschichte des Islams in Deutschland
Die Geschichte des Islams in Deutschland beginnt im 18. Jahrhundert mit der dauerhaften Etablierung erster islamischer Gemeinden.
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Gegenwart
Die Geschichte des Islams in Deutschland beginnt mit der dauerhaften Etablierung erster islamischer Gemeinden im 18. Jahrhundert. Kontakte zwischen der islamischen Welt und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gab es jedoch bereits seit dem Jahr 788, als muslimische Gesandte den Frankenherrscher Karl in Aachen besuchten. Engere diplomatische Beziehungen entwickelte Deutschland zunächst vor allem zum Osmanischen Reich. Die erste Moschee auf deutschem Boden wurde 1914 beziehungsweise 1914/15 errichtet.
Seit den 1960er Jahren nahm die muslimische Bevölkerung deutlich zu. Ursache waren vor allem die Abkommen der Bundesrepublik Deutschland zur Anwerbung von Gastarbeitern aus muslimisch geprägten Staaten, darunter die Türkei, Jugoslawien, Tunesien und Marokko. Inzwischen leben schätzungsweise zwischen 5,3 und 5,6 Millionen Muslime in Deutschland. Das entspricht bei einer Gesamtbevölkerung von 83,1 Millionen Menschen einem Anteil von 6,4 bis 7,4 Prozent. Die Angaben werden als Schätzungen wiedergegeben.
Frühe Kontakte und osmanischer Einfluss
Zu den frühen Kontakten gehörten die Beziehungen zwischen Kalif Hārūn ar-Raschīd und Karl dem Großen in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Kalif Harun schenkte Kaiser Karl im Jahr 801 einen weißen Elefanten namens Abul Abbas. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts herrschten Araber kurzzeitig über einige südwestliche Gebiete, die damals zum Reich gehörten beziehungsweise zum Herzogtum Burgund zählten. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stand Kaiser Friedrich II. kulturell unter islamischem Einfluss.
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit kam es auch zu militärischen Begegnungen. In der Schlacht bei Tannenberg 1410 wurde der Deutsche Orden von Polen und Litauern sowie von polnischen Lipka-Tataren geschlagen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begannen türkische Einfälle in Österreich. Die osmanischen Belagerungen Wiens 1529 und 1683 verstärkten in Europa die Angst vor der „Türkengefahr“, die als „Türkennot“ bezeichnet wurde. Die Reichsstände beteiligten sich im Rahmen der Reichstürkenhilfe an der Verteidigung der Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches.
Muslimische Kriegsgefangene befanden sich an verschiedenen Höfen möglicherweise zu mehreren Hundert. Die meisten wurden getauft oder kehrten in ihre Heimat zurück. Von den sogenannten Beutetürken blieben in Deutschland im besten Fall Grabstätten. Zu den ältesten bekannten erhaltenen Gräbern gehören das Grab des sechsjährigen Mustaf in Brake von 1689 sowie die Gräber von Hammet und Hasan auf dem Neustädter Friedhof in Hannover von 1691.
Gemeinden, Diplomatie und Militär im 18. und 19. Jahrhundert
1701 kam mit Mektupçu Azmi Said Efendi der erste offizielle osmanische Diplomat in das damalige Heilige Römische Reich. Anlass war die Krönung Friedrichs I. am 18. Januar 1701 im Königsberger Schloss zum König in Preußen. Friedrich Wilhelm I. erhielt später zwanzig türkische Kriegsgefangene für sein Garderegiment der Langen Kerls.
Nach Muhammad Salim Abdullah ließ Friedrich Wilhelm I. durch das Dekret zu Potsdam von 1731 beziehungsweise 1732 im Militärwaisenhaus am Langen Stall in Potsdam einen Raum als „erste Moschee“ einrichten. Außerdem sei spätestens 1739 die erste islamische Gemeinde auf deutschem Boden gegründet worden. Der katholische Theologe Thomas Lemmen widerspricht: Eine zeitgenössische Quelle berichte, die Muslime hätten sich nur vorübergehend in Potsdam aufgehalten, seien freigelassen und mit Geschenken in ihre Heimat zurückgeschickt worden. Die Frage nach der ersten dauerhaften Gemeinde ist daher nicht eindeutig geklärt.
Friedrich der Große bekannte sich 1740 in einer Antwort an Frankfurt am Main zur Religionsfreiheit. Er erklärte, alle Religionen seien gleich und gut, sofern ihre Anhänger ehrliche Menschen seien, und stellte sogar den Bau von Moscheen und Kirchen für zuwandernde „Türken und Heiden“ in Aussicht. Nach einem preußisch-osmanischen Bündnisabkommen von 1761 liefen muslimische Soldaten aus der russischen Armee zu den Preußen über. Aus ihnen entstand 1762 ein selbstständiges Bosniakenkorps mit ungefähr 1000 Mann. 1775 führte dies zur Ansiedlung von „Tataren“ in Westpreußen.
Seit 1763 gab es in Berlin eine ständige osmanische Gesandtschaft; die Deutsche Botschaft in Konstantinopel wurde erst 1877 eröffnet. In der Bismarck-Ära verstärkte sich auch die Tätigkeit der Deutschen Militärmission im Osmanischen Reich. Der türkische Einfluss zeigte sich zudem in der Architektur. Die 1799 errichtete sogenannte Moschee im Schwetzinger Schlosspark war nach Lange/1994 keine Gebetsstätte, sondern ein Ausdruck der Aufklärung und des Orientalismus. Muhammad Salim Abdullah zufolge wurde sie jedoch ab 1870/71 von kriegsgefangenen Zuaven und Turkos für Gebete genutzt.
Nach dem Tod des osmanischen Gesandten Ali Aziz Efendi am 29. Oktober 1798 stellte der preußische König ein Gelände für seine Bestattung bereit. Nach einem Grundstückstausch entstand daraus der Grundstein des bis heute genutzten türkischen Friedhofs am Columbiadamm. Preußisch-deutsche Muslime kämpften außerdem in den Feldzügen Friedrichs des Großen und am 7. und 8. Februar 1807 in der Schlacht bei Preußisch Eylau gegen Napoleons Armee.
Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und NS-Zeit
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde auf Betreiben der Nachrichtenstelle für den Orient das Halbmondlager in Wünsdorf bei Zossen nahe Berlin eingerichtet. Dort waren bis zu 30.000, meist muslimische, Kriegsgefangene interniert. Deutschland versuchte, sie zum Überlaufen zu bewegen. Dazu wurden unter anderem die Einhaltung des Ramadan ermöglicht und 1914/15 eine funktionierende Holzmoschee errichtet. Wegen Einsturzgefahr wurde sie 1924 geschlossen und 1925/26 abgerissen. An sie erinnern heute nur noch die „Moscheestraße“ und einige Soldatengräber.
Nach dem Krieg blieb eine größere zivile muslimische Bevölkerung aus Diplomaten, Flüchtlingen und Exilierten vor allem in Berlin. Für Berlin wird ihre Zahl auf bis zu 3000 Deutsche und Ausländer geschätzt. Die Gruppe war religiös und sozial heterogen; besonders sichtbar waren die Ahmadiyya und die Sunniten. 1918 entstanden der „Verein zur Unterstützung russisch-mohammedanischer Studenten e. V.“ und der „Hilfsverein in Deutschland lebender Mohammedaner e. V.“, die später an Bedeutung verloren.
1922 kam der Ahmadiyya-Missionar Maulana Sadr ud-Din nach Deutschland und gründete mit Anhängern der Lahore-Ahmadiyya die „Islamische Gemeinde Berlin e. V.“. Im selben Jahr gründeten Sunniten die „Islamische Gemeinde zu Berlin“. Die Ahmadiyya war zunächst die in der deutschen Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommene muslimische Strömung. Um 1924 entstand mit Spenden der Ahmadiyya die Wilmersdorfer Moschee, damals „Berliner Moschee“ genannt. Sie gilt als älteste heute noch erhaltene Moschee Deutschlands. Sadr ud-Din veröffentlichte 1939 die erste deutsche Koranübersetzung aus muslimischer Hand. Von 1924 bis 1940 erschien die muslimische Zeitschrift „Moslemische Revue“; Redakteur war der jüdische Konvertit Hugo Marcus. Die Zahl deutscher Konvertiten in der Ahmadiyya stieg von ungefähr 25 im Jahr 1925 auf ungefähr 100 im Jahr 1930.
Weitere Organisationen waren die 1924 gegründete „Gesellschaft für islamische Gottesverehrung e. V.“, das 1927 als religiöse Stiftung konzipierte Islam-Institut zu Berlin und die 1930 gegründete Deutsche Moslemgemeinde, die später als Deutsch-Muslimische Gesellschaft e. V. firmierte. 1932 entstand der Verein Islamischer Weltkongress/Zweigstelle Berlin. Mit seinem „Islam-Kolloquium“ schuf er die erste muslimische Bildungseinrichtung auf deutschem Boden. 1939 wurde das Islam Institut (Ma’ahad-ul-Islam) zu Berlin e. V. gegründet; 1941 entstand das spätere Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland e. V.
Während der Weimarer Republik trat die Berliner Ahmadiyya mehrfach gegen Antisemitismus und Rassismus auf. Nach 1933 erschienen in ihrer Zeitschrift jedoch zunehmend antisemitische Artikel, und Anhänger des Nationalsozialismus besetzten Funktionen in mehreren muslimischen Organisationen. Im NS-Staat waren Muslime im Vergleich zu Juden keiner religiös begründeten Verfolgung ausgesetzt. Dennoch gab es arabische und muslimische Häftlinge in allen Konzentrationslagern; ihre genaue Zahl ist wegen der geringen Forschung nicht bekannt.
Außenpolitisch suchte das NS-Regime Bündnisse mit einigen fundamentalistischen Muslimen, besonders wegen der gemeinsamen Gegnerschaft zum englischen Kolonialreich. Der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, kam am 6. November 1941 nach Berlin, verbreitete antisemitische Propaganda und unterstützte die Rekrutierung muslimischer SS-Einheiten, darunter die bosniakische Waffen-Gebirgs-Division-SS „Handschar“. 1943 meuterten mehr als 800 bosnische SS-Angehörige und wurden festgenommen. Insgesamt ist die Geschichte der Muslime in der NS-Zeit wenig erforscht. Nach den bisherigen Erkenntnissen gab es sowohl muslimische Opfer als auch Kollaborateure.
Aufbau nach 1945 und Entwicklung zur Gegenwart
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Ahmadiyya Muslim Jamaat ihre Missionstätigkeit in Deutschland wieder aufnehmen. Zwischen 1946 und 1961 gründete Sheikh Nasir Ahmad, ein Ahmadiyya-Missionar aus der Schweiz, die ersten Missionsstellen. 1954 erschien eine überarbeitete deutsche Koranübersetzung, die Sadr ud-Dins Übersetzung vollständig verdrängte und von der Universität al-Azhar in Kairo gelobt wurde. 1956 baute die Ahmadiyya in Hamburg mit der Fazle-Omar-Moschee die erste Nachkriegsmoschee Deutschlands; 1957 folgte in Frankfurt die älteste Moschee Hessens. Den Grundstein beider Moscheen legte Sir Muhammad Zafrullah Khan, ehemaliger Präsident der UN-Generalversammlung und des Internationalen Gerichtshofs.
Bis zur Einwanderung von Gastarbeitern wurde der Islam in Deutschland bis in die 1970er Jahre vor allem durch die Ahmadiyya vertreten, da sie der einzige Verband war, der seit den 1920er Jahren ununterbrochen aktiv blieb. Seit 1950 kamen außerdem einzelne Anhänger der Muslimbrüder als arabische Studenten nach Deutschland und bauten erste institutionelle Strukturen auf. In den 1970er Jahren wurden islamistische Gruppen durch die Migration sichtbarer. Dazu gehörten unter anderem Anhänger der türkischen Bewegung Millî Görüş sowie Muslimbrüder im 1973 gegründeten Islamischen Zentrum in München. Die Zahl dieser Gruppen wuchs auch durch syrische und palästinensische Muslimbrüder, die infolge politischer Konflikte und Kriege nach Deutschland kamen.
In den 1970er und 1980er Jahren gründeten Gastarbeiter und Zuwanderer aus islamischen Ländern zahlreiche eigenständige Vereine und Dachverbände. Es entstanden Moscheen mit Minaretten und Kuppeln, aber auch viele Hinterhofmoscheen. Wegen der stärkeren Organisation neuer Verbände und ihrer Ablehnung der Ahmadiyya verlor diese im politischen und medialen Bereich an Einfluss. 1978 wurde in Frankfurt am Main CIBEDO, die Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle, gegründet. Sie fördert den interreligiösen Dialog und das Zusammenleben von Christen und Muslimen.
Die muslimische Landschaft ist in viele Gruppierungen und selbstständige Lokalvereine aufgeteilt. Die 1984 als eingetragener Verein angemeldete DİTİB, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, beansprucht, den größten Teil der türkischen Muslime zu vertreten. Sie wird vom türkischen Staat finanziert und gesteuert. Tatsächlich ist nur eine Minderheit der türkischen Muslime in Vereinen organisiert; Schätzungen nennen 15 bis 20 Prozent.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rückten radikale islamische Ansichten stark ins Medieninteresse. Teile der nichtmuslimischen Bevölkerung nahmen den Islam verstärkt als Gefahr wahr, und Proteste gegen Moscheeneubauten nahmen zu. Einige wahhabitisch-salafistische Vereine wurden vom Verfassungsschutz beobachtet; erste Vereine wurden ab 1993 vom Bundesinnenministerium verboten.
Christian Wulff erklärte am 3. Oktober 2010, der Islam gehöre zu Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte dies 2015 mit den Worten, der Islam gehöre „unzweifelhaft zu Deutschland“. 2013 wurde die Ahmadiyya Muslim Jamaat als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Ebenfalls 2013 begann in Hessen der erste islamische Religionsunterricht an Schulen. In der Flüchtlingskrise 2015/16 kamen weitere Hunderttausende Muslime, vorwiegend aus arabischsprachigen Gebieten des Nahen Ostens und Nordafrikas, nach Deutschland. In dieser Zeit und während des Aufstiegs der Terrororganisation Islamischer Staat wurden im deutschsprachigen Raum vermehrt islamistische Terroranschläge verübt.