Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte der Stadt Greifswald
Die Geschichte der Stadt Greifswald begann im Mittelalter mit der Ostsiedlung. In Pommern stand Greifswald im Schatten von Stralsund und Stettin.
Inhalt6 Abschnitte
Entstehung, Hanse und Universität
Greifswald entstand im Mittelalter im Zuge der Ostsiedlung und gehörte zunächst zum Gut des Klosters Eldena. Wahrscheinlich wurde die Siedlung im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts für Arbeiter der Greifswalder Saline gegründet; Salzpfannen auf der gegenüberliegenden Seite des Ryck sind spätestens seit 1193 belegt. Die Lage an zwei alten Handelswegen begünstigte ihre Entwicklung.
1241 erhielt die Siedlung das Marktrecht. Herzog Wartislaw III. nahm sie im Juni 1249 vom Kloster zu Lehen und verlieh ihr am 14. Mai 1250 das Lübische Stadtrecht. Dieses Stadtrecht gab Greifswald weitgehende Selbstständigkeit gegenüber den Herzögen. Weitere wichtige Privilegien waren die Ernennung der Ryckmündung zum Freihafen 1254 sowie 1264 das Recht, sich selbst zu verteidigen und eine Schutzmauer zu bauen.
Neben der Altstadt entstand westlich eine Neustadt mit dem heutigen Rubenow-Platz und der St.-Jacobi-Kirche. Sie blieb jedoch nicht eigenständig: Nach einer Verfügung von 1264 sollte es nur einen Markt, einen Vogt und ein Recht geben. 1278 wurde Greifswald erstmals als Mitglied der Hanse erwähnt und gehörte zum einflussreichen Wendischen Quartier. Der Hafen versandete allerdings schon im 14. und 15. Jahrhundert und war damit gegenüber Häfen wie Stralsund, Wismar und Rostock im Nachteil.
Die Stadt sicherte ihre Interessen auch durch Bündnisse mit Stralsund, Anklam und Demmin, etwa im Ersten Rügischen Erbfolgekrieg nach 1326 sowie gegen Seeräuber und Raubritter. 1452 verlieh Wartislaw IX. die Goldenen Privilegien mit weitreichenden Handelsrechten. 1456 gründete er auf Initiative des Bürgermeisters Heinrich Rubenow die Universität als pommersche Landesuniversität. Sie prägte Greifswald dauerhaft und erklärt die besondere Bedeutung der Stadt trotz ihrer schwächeren Stellung gegenüber Stralsund und Stettin.
Name der Stadt
Der ursprüngliche Name der Siedlung ist nicht überliefert. Die erste urkundliche Erwähnung des heutigen Namens steht in einer Bestätigungsurkunde Wartislaws III. von 1248: „oppidum Gripheswald cum omnibus pertinentiis suis“. Eine Urkunde vom Juni 1249 nennt die deutsche Form „Gripeswald“.
Das mittelniederdeutsche „grip“ bedeutet Greif, „wolt“ oder „wold“ Wald. Der Greif bezieht sich wahrscheinlich auf das Wappentier der pommerschen Herzöge; beide Bestandteile finden sich auch im Stadtwappen. Der lateinische Name lautet Gryphisvaldia. Seit 1990 führt die Stadt wieder den Zusatz Hansestadt und nennt sich Universitäts- und Hansestadt.
Reformation, Krieg und schwedische Herrschaft
1531 setzte sich in Greifswald die Reformation durch. Der lutherische Geistliche Johannes Knipstro führte Luthers Lehre auf Wunsch der Bürger ohne große Gegenwehr ein. 1561 entstand im ehemaligen Franziskanerkloster eine evangelische gelehrte Stadtschule.
Der Dreißigjährige Krieg brachte schwere Belastungen. Kaiserliche Truppen unter Wallenstein zogen am 20. November 1627 ein, plünderten die Bevölkerung und zwangen sie zum Ausbau der Befestigungen. Eine Pestepidemie verringerte die Bevölkerung so stark, dass bei Kriegsende nur noch die Hälfte der Häuser bewohnt war. Im Juni 1631 nahmen Truppen Gustav Adolfs II. die Stadt ein.
Danach gehörte Greifswald 184 Jahre lang zu Schwedisch-Pommern, bis zum Wiener Kongress 1815. Die Stadt blieb dabei relativ selbstständig und wurde Sitz oberster Gerichts- und Kirchenbehörden. Nach der Verlegung des Obertribunals 1803 gab es in Greifswald drei Gerichtsinstanzen. Kriege, Großbrände 1713 und 1736 sowie die Explosion eines preußischen Pulvermagazins 1758 zerstörten große Teile der Stadt. Die schwedische Herrschaft förderte jedoch die Universität: Nach ihrem Niedergang im Dreißigjährigen Krieg wurde der Lehrbetrieb erneuert; 1747 entstand das heutige Universitätshauptgebäude.
Preußische Zeit und wirtschaftlicher Wandel
1806 führte Schweden in Schwedisch-Pommern seine Verfassung ein und hob am 4. Juli die Leibeigenschaft auf. Während der Napoleonischen Kriege war Greifswald 1807 bis 1810 sowie 1812/13 von französischen Truppen und Verbündeten besetzt. Nach dem Frieden von Kiel 1814 und dem Wiener Kongress kam Greifswald zu Preußen; die Übergabe erfolgte am 23. Oktober 1815. Seit 1818 war es Verwaltungssitz des gleichnamigen Landkreises.
In der Revolution von 1848 beteiligte sich die Stadt an Diskussionen über eine preußische Verfassung; die Demokraten hatten in Greifswald die Mehrheit, und der Arzt Axel Bengelsdorff leitete die Bürgerwehr. Der Anschluss an die Fernstraße Berlin–Stralsund 1836 und an das Eisenbahnnetz 1863 förderte Industrie und Verkehr. Bedeutende Arbeitgeber wurden Maschinenbaubetriebe, Gießereien und besonders die 1863 errichtete Eisenbahn-Hauptwerkstatt. Die Universität blieb jedoch der wichtigste Faktor; ab 1856 entstand nordwestlich der Stadt das Klinikviertel.
Am 13. November 1872 erreichte ein Sturmhochwasser 2,64 m ü. NN, den höchsten Pegelstand seit Beginn der Aufzeichnungen. 1870 entstand eine eigenständige jüdische Gemeinde mit etwa 100 Mitgliedern.
Nationalsozialismus, DDR und Zeit nach 1990
1912 wurde Greifswald kreisfreie Stadt. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Universität räumlich weiter; 1929 eröffnete eine Hautklinik, 1935 eine Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen. Die Schließung der Eisenbahnwerkstatt 1926 und die Weltwirtschaftskrise führten zu hoher Arbeitslosigkeit.
1939 wurden Wieck und Eldena eingemeindet; die Einwohnerzahl stieg dadurch auf über 37.000. Im Nationalsozialismus war die Universität ein Zentrum des Antisemitismus. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert, ab 1938 „arisiert“ und am 9. November 1938 vielfach demoliert. Am 12. Februar 1940 deportierte man die verbliebenen jüdischen Einwohner in den Raum Lublin. Von 1940 bis 1945 bestand das Kriegsgefangenenlager Stammlager IIC, dessen Gefangene auch zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Die Stadt blieb im Zweiten Weltkrieg baulich weitgehend unzerstört und wurde am 30. April 1945 auf Veranlassung des Stadtkommandanten Rudolf Petershagen kampflos der Roten Armee übergeben.
In der SBZ und DDR wurden wichtige pommersche Funktionen von Stettin nach Greifswald verlegt. Zugleich ging durch Abriss, unterlassene Instandhaltung und Plattenneubauten zwischen 1945 und 1990 etwa die Hälfte der historischen Bausubstanz verloren. Von etwa 1956 bis 1990 entstanden große Wohnsiedlungen, darunter Schönwalde II mit 5.250 Wohnungen. Seit 1991 wurden erhaltene Teile der Altstadt mit Städtebauförderung saniert. Seit 1993 wurden Plattenbausiedlungen umgestaltet, ab 2000 auch zurückgebaut. Durch die Kreisgebietsreform verlor Greifswald am 4. September 2011 die Kreisfreiheit und gehört seitdem zum Landkreis Vorpommern-Greifswald. 2017 erhielt die Stadt den Titel „Reformationsstadt Europas“.
Bevölkerungsentwicklung
Die Einwohnerzahl schwankte stark mit Kriegen, Eingemeindungen und wirtschaftlichen Veränderungen. Sie sank von 6.100 im Jahr 1618 auf 2.700 im Jahr 1648, stieg dann langfristig wieder an und betrug 23.000 im Jahr 1900. 1939 lebten 37.104 Menschen in Greifswald, 1946 waren es 43.590.
Den historischen Höchststand erreichte die Stadt 1989 mit über 68.000 Einwohnern; für den 31. Dezember 1988 sind 68.597 angegeben. Nach der Wende verlor Greifswald durch Geburtenrückgang, Wegzug wegen hoher Arbeitslosigkeit und Umzüge in umliegende Gemeinden bis 2004 etwa 15.000 Einwohner. 2004 waren es 52.669 Einwohner.
Von 2005 bis 2020 wuchs die Stadt wieder moderat um etwa 6.500 Einwohner auf über 59.200; zum 31. Dezember 2020 wurden 59.282 Einwohner gezählt. Mit Zweitwohnsitzen liegt die Einwohnerzahl bei rund 62.000. Die Zahl der Studierenden stieg dagegen und erreichte 2012 mit etwa 12.500 ihren bisherigen Höchststand. Eine Studie von 2008 bezeichnete Greifswald wegen seines besonders hohen Anteils von Haushalten mit Menschen unter 30 Jahren als „jüngste“ Stadt Deutschlands.